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Petra Flieger, Volker Schönwiese (Hrsg.): Menschenrechte - Integration - Inklusion

Cover Petra Flieger, Volker Schönwiese (Hrsg.): Menschenrechte - Integration - Inklusion. Aktuelle Perspektiven aus der Forschung. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2011. 256 Seiten. ISBN 978-3-7815-1793-6. 19,90 EUR.
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Thema

Die Behindertenrechtskonvention von 2006, die jüngste der großen UN-Menschenrechtskonventionen, hat der Forderung nach einem inklusiven Bildungssystem Nachdruck verliehen. Das neue Leitbild ist aber durchaus umstritten: Dient diese Forderung dazu, ein Einheitsschulsystem durchzusetzen, für das bisher der notwendige politische Konsens fehlte? Werden am Ende von mehr Inklusion alle profitieren? Oder werden durch Inklusion „um jeden Preis“ sowohl leistungsfähige Schüler „ausgebremst“ als auch bisherige Erfolge in der Förderung behinderter Schüler verspielt? Ein Teil der Eltern droht damit, notfalls auf gerichtlichem Wege zu erzwingen, dass ihre Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf in das Regelschulsystem aufgenommen werden. Andererseits melden sich aber auch Stimmen aus der Sonderpädagogik und der Behindertenarbeit zu Wort, die darauf verweisen, dass keinesfalls auf leistungsfähige und differenzierte Förderschulen verzichtet werden dürfe, wenn eine optimale individuelle Förderung für jeden angestrebt werde. Überdies seien behinderte Kinder zur Entwicklung ihres Selbstbewusstseins durchaus auf eine Peergroup angewiesen, deren Mitglieder ähnliche Erfahrungen miteinander teilen; in der Regelschule bestehe leicht die Gefahr, sich beständig als Einzelgänger zu erfahren.

„Inklusive Pädagogik hat den Anspruch, Aussonderung möglichst umfassend zu überwinden bzw. Hindernisse beim Lernen und bei der Entwicklung für alle Kinder zu beseitigen“ (S. 29). Die Forderung nach sozialer Inklusion – nach vollständiger Einbeziehung und vollständiger sozialer Teilhabe – betrifft aber nicht allein Kinder und nicht allein das Bildungswesen, sondern alle Altersgruppen und alle gesellschaftlichen Teilbereiche. Ein Sammelband aus dem Verlag Julius Klinkhardt fragt, welche Konsequenzen das neue Inklusionsparadigma für die Integrations- und Inklusionsforschung mit sich bringt – auf Ebene der Gesellschaft, auf Ebene des Schulwesens und auf Ebene der Forschung. Das österreichische Herausgeberpaar beschäftigt sich bereits seit längerem mit Fragen der Gleichstellung Behinderter, inklusiver Pädagogik und gesellschaftlicher Teilhabe.

Herausgeber

Der Band wird herausgegeben von der freien Sozialwissenschaftlerin Petra Flieger, die sich in ihren Forschungen vor allem mit der gesellschaftlichen Gleichstellung von Behinderten beschäftigt hat, und dem Erziehungswissenschaftler Volker Schönwiese, tätig am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Innsbruck und dort beschäftigt mit dem Aufbau eines Lehr- und Forschungsbereiches zu den Themen Inklusive Pädagogik und „Disability Studies“.

Entstehungshintergrund

Zwei Bezugspunkte sind für den vorliegenden Band wichtig: zum einen die UN-Behindertenrechtskonvention, die das internationale Menschenrechtsregime deutlich auf das Ziel gesellschaftlicher Inklusion verpflichtet, zum anderen der „Index für Inklusion“, mit dem inklusionsorientierte Veränderungsprozesse in der Bildungslandschaft angestoßen und evaluiert werden sollen. Seit der Grundversion von 2002 ist der Index in verschiedenen Varianten weiterentwickelt worden; diese konkretisieren die verschiedenen Indikatoren jeweils für Schulen, Kindergärten oder Kommunen.

Aufbau

Die insgesamt kurz gehaltenen Beiträge werden zu einem Einführungs- und vier Themenblöcken gruppiert:

  • Einführung (1),
  • Aspekte inklusiver Gesellschaft (2),
  • Aspekte inklusiver Schule (3),
  • Aspekte inklusiver Forschung (4) und
  • Arbeiten mit dem Index für Inklusion (5).
  • Ein Autorenspiegel beschließt den Band.

Der Band will den Anspruch auf Inklusion auch selbst einlösen: Jedem Einzelbeitrag ist daher eine kurze Zusammenfassung in „Leichter Sprache“ vorangestellt.

Inhalt

Den Auftakt des Bandes bilden zwei Beiträge [1: Einführung], die präzise und gut verständlich in die neue UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (Marianne Schulze) und deren inklusionsorientierte Neuausrichtung (Petra Flieger und Volker Schönwiese) einführen.

Die Beiträge im ersten Themenblock [2] fragen danach, welche sozialpolitischen Folgerungen aus der Forderung nach mehr Inklusion zu ziehen sind. Im Mittelpunkt der Betrachtung steht dabei die Situation von Menschen mit Lernschwierigkeiten: Marion Sigot analysiert deren Situation im Licht der neuen UN-Behindertenrechtskonvention; Natalia Postek fragt, wie deren politische Teilhabe verbessert werden kann. Bettina Bretländer und Ulrike Schildmann beleuchten die Konsequenzen, die sich aus dem UN-Dokument für die Inklusionsforschung ergeben, aus einer genderorientierten Perspektive. Die Herausgeberin selbst, Petra Fliege, fragt, wie Artikel 19 der UN-Konvention, der explizit ein selbstbestimmtes Leben und die volle Einbeziehung in die Gesellschaft für Menschen mit Behinderungen fordert, inzwischen in Österreich umgesetzt worden ist. Im Anschluss daran folgen drei Beiträge, die sich Einzelthemen der Sozialen Arbeit widmen: der Analyse sozialräumlicher Behinderungen und Ressourcen (Alma Kirschniok), der Rolle des Subjekts in der Hilfeplanung (Imke Niediek) sowie dem sozialpolitischen Instrument eines „Persönlichen Budgets“ (Kirsten Puhr und Wolfgang Rathke).

Der folgende Themenblock [3] beleuchtet jenes Themenfeld, auf dem gegenwärtig am intensivsten über Inklusion debattiert und gestritten wird: die Schule. Natascha Korff und Katja Scheidt stellen zwei Pilotstudien vor, die – in „Leichter Sprache“ – fragen: „Was ist wichtig für inklusiven Unterricht? […] Wie ist Mathe in einer inklusiven Schule?“ (S. 91). Auch wo der Wille zu einem inklusiven Unterricht vorhanden ist, sind fachdidaktisch noch viele Fragen offen. Damit inklusiver Unterricht gelingt, sind noch viele Anstrengungen in der pädagogischen Forschung wie in der Lehreraus- und -fortbildung notwendig. Tanja Sturm beleuchtet anschließend, wie Differenz in unterrichtlichen Prozessen konstruiert wird; weitere Aufklärung hierüber verspricht sich die Autorin durch das methodologische Instrumentarium der dokumentarischen Methode. Bernadette Hörmann und Stefan T. Hopmann diskutieren die Folgen von „School-Accountability“-Maßnahmen auf Menschen mit Behinderungen – und kommen am Ende zu einer eher pessimistischen Einschätzung: Die bisherigen Formen und Parameter der Vermessung der Schullandschaft, die nicht zuletzt seit der ersten PISA-Studie immer mehr an Bedeutung gewonnnen haben, wirken nicht selten exkludierend und werden Schülern mit besonderen (Förder-)Interessen nicht gerecht. Helga Fasching schließlich fragt in ihrem Beitrag, wie Übergangsprozesse von der Schule in Ausbildung und Beruf inklusiv gestaltet werden können. Der Block zum Thema Schule wird durch drei Beiträge abgeschlossen, die sich mit der bildungspolitischen Umsetzung der UN-Konvention in Europa (Anette Hausotter), in Spanien (Lea Schäfer) und im afrikanischen Burkina Faso (Reinhard Markowitz) beschäftigen.

Ein kürzerer Themenblock [4] widmet sich auf einer Metaebene der Frage, wie das Inklusionsparadigma die Inklusionsforschung selbst verändert: Oliver Koenig und Tobias Buchner beschäftigen sich damit, welche Bedeutung in der Forschung den Lebensgeschichten von Menschen mit Behinderungen zugesprochen werden soll. Wiebke Curdt geht der Frage nach, wie die Betroffenen selbst in Forschungsprojekte eingebunden werden können – und zwar nicht allein als Forschungsobjekte, sondern auch als Subjekte „ihrer eigenen Forschung“. Markus Eichinger und Gertrude Kremsner schließlich berichten aus einem Seminar an der Universität Wien, das unter dem Paradigma inklusiver Forschung durchgeführt wurde. Beide kommen zum Fazit: „Inklusive Forschung kann viele festgefahrene Einstellungen im Wissenschaftsbetrieb ins Wanken bringen. Sie führt bei Institutionen, den ExpertInnen selbst, den beteiligten Studierenden, der Scientific Community sowie auf gesamtgesellschaftlicher Ebene zu Denk- und Diskussionsprozessen. Vor allem aber zielt dieser hochkomplexe Forschungszugang darauf ab, für Menschen mit Lernschwierigkeiten Veränderungen zu erreichen, was uns teilweise gelungen ist“ (S. 164).

Der abschließende Themenblock verfolgt ein anderes Ziel als die vorhergehenden: Hier soll aufgezeigt werden, wie in der Inklusionsforschung mit dem „Index für Inklusion“ gearbeitet werden kann. Nach einer Einführung in dieses Mess- und Analyseinstrument durch Ines Boban und Andreas Hinz werden diverse praxisnahe Beispiele aus unterschiedlichen Kontexten und die dabei gesammelten Erfahrungen beleuchtet: Vorgestellt werden ein Projekt, bei dem verschiedene Bildungseinrichtungen der Gemeinde Wiener Neudorf miteinander vernetzt wurden (Maria-Luise Braunsteiner und Stefan Germany), die auf Kindertageseinrichtungen bezogenen Projekte „IQUanet“ (Jo Jerg, Sabine Kaiser und Stephan Thalheim) und „Index für Inklusion“ (Edith Brugger-Paggi), ein Fortbildungsmodul für die Arbeit in Einrichtungen der Kinder- und Jugendarbeit (Clemens Dannenbeck und Carmen Dorrance), Projekte aus der Schullandschaft Sachsen-Anhalts (Ines Boban und Andreas Hinz) sowie des Berliner Stadtteils Pankow (Dietlind Gloystein) und Erfahrungen aus Schleswig-Holstein (Andreas Hinz). Barbara Brokamp fasst abschließend zusammen, wie der „Index für Inklusion“ für kommunale Entwicklungsprozesse fruchtbar gemacht werden kann; Andrea Platte und Christian-Peter Schultz fragen, welche Folgerungen Hochschulen daraus für die Lehrerbildung und die Disziplin Soziale Arbeit ziehen sollten.

Diskussion

Mit dem – ursprünglich aus der Systemtheorie stammenden - Inklusionsparadigma hat die UN-Behindertenrechtskonvention den Radius der internationalen Menschenrechte deutlich ausgeweitet. Auf diese Weise besteht die Gefahr, dass die Menschenrechte zu einem Kampfinstrument der Gesellschaftsreform werden – auf Dauer möglicherweise zu ihrem Schaden, weil der notwendige rechtlich-moralische Konsens verloren zu gehen droht, auf den die Menschenrechte bleibend angewiesen sind.

Wie die neue Konvention zeigt, beanspruchen diese immer stärker, nicht allein das Handeln des Staates zu binden und zu qualifizieren, sondern das gesellschaftliche Leben umfassend zu prägen. Der Sammelband macht deutlich, welches Veränderungspotential mit dem Inklusionsparadigma verbunden ist – ohne allerdings die Sprengkraft, die dahinter steckt, hinreichend zu würdigen. Der Forderung nach Inklusion wohnt die Tendenz inne, die gesamte Gesellschaft zu überformen. Der Staat wird ermächtigt, widerstreitende habituelle Dispositionen durch großangelegte Programme der Bewusstseinsbildung zu steuern. Gesinnungskontrolle, Gleichmacherei und ein Trend zur gesellschaftlichen Uniformität könnten leicht die Nebenfolgen sein. Am Ende würde nicht ein Mehr an sozialer Teilhabe stehen, sondern eine Verfolgung heterodoxen Geistes und beschränkte Möglichkeiten zur freien Vergemeinschaftung. In jedem Fall greift das Inklusionsparadigma stark in die Strukturen der freiheitlich-pluralen Gesellschaft ein.

Im vorliegenden Band wird das Inklusionsparadigma hingegen weitgehend affirmativ verwendet. Wer eine kritische, nüchtern abwägende und dennoch engagierte Auseinandersetzung mit dem Thema „Inklusion“ sucht ist mit dem Band „Schulische Inklusion aus heilpädagogischer Sicht. Rhetorik und Realität“ (München/Basel 2010) des Münchner Sonderpädagogen Otto Speck besser beraten. Dieser hat zu Recht darauf hingewiesen, dass Vielfalt zunächst einmal ein wertneutraler Begriff ist und dass sich längst nicht alle Vielfalt in erfolgreicheres Lernen umsetzen lässt; entsprechend differenziert sei die Forderung nach Inklusion schulpädagogisch und (fach-)didaktisch auszulegen. Im Band von Petra Flieger und Volker Schönwiese hingegen wird die menschenrechtspolitische – und damit zunächst einmal pädagogikfremde – Forderung nach verstärkter Inklusion fraglos übernommen, ohne explizit zu fragen, ob sich die damit verbundenen rechtlich-politischen Ansprüche auch in pädagogisch legitime Ansprüche transformieren und pädagogisch rekontextualisieren lassen.

Ärgerlich ist zudem, dass die Beiträge an zahlreichen Stellen allzu knapp daherkommen, sodass an nicht wenigen Stellen eher Trivialitäten übrig bleiben. Die oben zitierte Conclusio im Beitrag von Markus Eichinger und Gertrude Kremsner, wonach ein neues Forschungsparadigma zu „Denk- und Diskussionsprozessen“ führt ist hier nur ein Beispiel.

Fazit

Die Inklusionsdebatte wird uns noch lange beschäftigen – und vermutlich über kurz oder lang zu einer äußerst heißen Kampfarena der Sozial-, Bildungs- und Gesellschaftspolitik werden. Wer wissen will, wie weitreichend die Forderungen sind, die inzwischen von der – durch den Rückenwind der neuen UN-Konvention deutlich gestärkten – Inklusionsforschung erhoben werden, sollte den vorliegenden, leicht österreichlastigen Sammelband zur Hand nehmen. Wer eine (selbst-)kritische Auseinandersetzung mit dem Inklusionsparadigma erwartet, muss allerdings an anderer Stelle (z. B. bei Otto Speck, vgl. z.B. die Rezension) weitersuchen.


Rezensent
Dr. theol. Dipl.-Päd. Axel Bernd Kunze
Privatdozent am Bonner Zentrum für Lehrerbildung (BZL) der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Homepage www.axel-bernd-kunze.de
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Zitiervorschlag
Axel Bernd Kunze. Rezension vom 06.05.2011 zu: Petra Flieger, Volker Schönwiese (Hrsg.): Menschenrechte - Integration - Inklusion. Aktuelle Perspektiven aus der Forschung. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2011. ISBN 978-3-7815-1793-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/11280.php, Datum des Zugriffs 08.12.2016.


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