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Bernd Tschöpe: Studienletter Aggression und Autoaggression

Cover Bernd Tschöpe: Studienletter Aggression und Autoaggression. Grundlagen und Orientierungshilfen für die Begleitung von Menschen mit geistiger Behinderung, die sich und andere verletzen. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2011. 258 Seiten. ISBN 978-3-7841-2032-4. 25,50 EUR, CH: 37,90 sFr.
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Thema

Aggression und Autoaggression sind alltägliche Verhaltensweisen und ein wichtiges Thema in der Begleitung von Menschen mit geistiger Behinderung. Dieser Studienletter stellt Erklärungsmodelle zu Risikofaktoren und Kriseninterventionen vor. Bernd Tschöpe verzichtet dabei bewusst auf Lösungen, Bewertungen und Urteile, sondern möchte vielmehr den Helfer dazu ermutigen, die Erklärungsansätze zu nutzen, um sich der möglichen Erlebniswelt des individuellen Betroffenen anzunähern.

Autor und Entstehungshintergrund

Bernd Tschöpe ist Diplom-Psychologe und promovierter Erziehungswissenschaftler und seit 30 Jahren in der Erwachsenenbildung und Beratung in der Behindertenhilfe tätig. Der Studienletter ist aus seiner praktischen Arbeit und Erfahrung in der Behindertenhilfe der Evangelischen Stiftung Alsterdorf sowie aus den kritischen Fragen, die diese in der Praxis aufwerfen, entstanden.

Aufbau

Auf eine Einführung zu Gewalt und der Bedeutung des Wortes Aggression folgen zunächst zwei Kapitel über menschliche Gefühle allgemein sowie über bedeutsame Gefühle, wie Angst, Liebe, Stress und Wut. In den folgenden beiden Kapiteln gibt Tschöpe einen Überblick über psychologische und sozialwissenschaftliche Erklärungsmodelle zur Aggression und Autoaggression, um dann im nächsten Kapitel denkbare Risikofaktoren zu erläutern. In den letzten beiden Kapiteln geht es um Prävention und Krisenintervention. Das Buch endet mit einer kurzen Schlussbetrachtung und einem Literatur- und Sachverzeichnis. Alle Kapitel schließen mit „Gedanken im Hinblick auf die Praxis“ sowie einer ausführlichen Zusammenfassung der Inhalte.

Inhalt

Alltäglichkeit menschlicher Gewalt. Aggression kommt von adgredi, „auf jemanden oder etwas losgehen“, und die Kernfragestellung des Buches lautet: „Wie kann ich auf einen Menschen (mit geistiger Behinderung) zugehen, wenn dieser auf mich losgeht?“ Das Buch will jedoch weniger in Lösungen als vielmehr in Fragen denken, da eine nachhaltige Sicherung des äußeren und inneren Friedens - nicht nur für geistig Behinderte - noch aussteht.

Gefühle. Gefühle und Affekte können in der Neurobiologie nachgewiesen werden. Da das emotionale Gedächtnis vor dem Denken und Planen aktiv wird, können Impulse unter Umständen nicht kontrolliert werden. Angst und Furcht (Tor zur Freiheit), Wut und Zorn (Tor zur Gewalt) schüren die Aggression, die Liebe (Tor zum Frieden) kann sie verhindern. Tschöpe beschreibt Entstehungstheorien dieser Gefühle aus der neurobiologischen, psychoanalytischen sowie der Lern- und Verhaltenstheorie. Er zeigt, dass Bindung ein angeborenes Bedürfnis ist, also auch Menschen mit geistiger Behinderung auf emotional positive Bindungen angewiesen sind und Selbstbestimmung ohne Zuwendung zu Kontaktarmut und Bindungslosigkeit führen.

Erklärungsversuche der Gewalt. Zur Erklärung aggressiven Verhaltens greift Tschöpe auf die Frustrations-Aggressionshypothese, Lerntheorien wie Konditionierung, Lernen am Modell und kognitive Lerntheorien zurück. Destruktive Aggression kann drei unterschiedliche Ziele verfolgen: Feindselige Aggression dient der Schädigung anderer, z.B. aus Hass oder Rache; instrumentelle Aggression der Durchsetzung eigener Interessen und expressive Aggression der Spannungsabfuhr. Aggressive Menschen haben Probleme, die der ständigen Aufmerksamkeit im alltäglichen Umgang bedürfen. Professionelle Hilfe muss sowohl fachliches Wissen und Können wie auch Überwindung von Voreingenommenheit beinhalten. Persönliche Eindrücke und Erfahrungen reichen nicht aus.

Selbstverletzendes Verhalten. Auch von selbstverletzendem Verhalten (SVV) kann jeder betroffen sein. Hier werden psychoanalytische und lerntheoretische Erklärungsansätzen skizziert, ergänzt um Selbstsimulationshypothese, Zwei-Prozess-Theorie, entwicklungspsychologische Aspekte, Kommunikationsbeeinträchtigungen, organische Ursachen und die Bewältigung seelischer Schmerzen. Diese Ursachenvielfalt zeigt, dass das „Wegmachen eines Symptoms“ nicht nachhaltig wirken kann. Aber selbst genauere Kenntnisse und Vermutungen über die Ursachen sind keine Garanten für den Behandlungserfolg, wie Tschöpe an Beispielen aus der Praxis verdeutlicht. Die Betreuung sich selbst verletzender Behinderter erfordert eine sorgfältige Abwägung und Balance zwischen Selbstverantwortung des Einzelnen und Fürsorgenotwendigkeit. Dazu bedarf es unter anderem ausreichender Handlungsspielräume und eines gemeinsamen Verständnishintergrunds im Arbeitsteam.

Risikofaktoren. Als zentrale Ursache für aggressives Verhalten sieht Tschöpe fehlenden Respekt. Darüber hinaus diskutiert er die Risikofaktoren emotionale Vernachlässigung, Bindungsschwäche, Hospitalismus und Deprivation, Depression, Reiz- und Informationsverarbeitungsschwäche, Traumatisierung, strukturelle Gewalt sowie „fürsorglichen Zwang“. Die letzten beiden können auch im Alltag der Behinderteneinrichtungen auftreten, oft bedingt durch Ressourcenknappheit sowie ungenügende Ausbildung, Beratung, Weiterbildung und Supervision der Betreuer. Diese sehen sich nicht selten einem Handlungsdruck und Arbeitsbedingungen ausgesetzt, die sie zu „heimlichen Betreuungskonzepten“ bis hin zu Machtmissbrauch verleiten, was eine „verfestigte Illusionen einer Bedrohung“ oder „Verinnerlichung von Verteidigungsreaktionen“ bei den Schützlingen auslösen kann. Tschöpe appelliert deshalb, auch die menschlichen Bedürfnisse der Betreuer nicht außer Acht zu lassen, die sich oft als „hilflose Helfer“ allein gelassen fühlen und an die Grenzen der leistbaren Empathie und Zuwendung stoßen.

Diagnostik und Prävention. Prävention setzt eine umfassende Diagnostik voraus, um aus den vielfältigen möglichen Präventionsmaßnahmen, die im Einzelfall geeigneten abzuleiten. Diese können die Person auf mögliche Lebensereignisse oder Situationen vorbereiten, persönliche Stärken und Kompetenzen aufbauen oder Schwächen adressieren. Die Anwendung der unterschiedlichen Diagnoseverfahren, von denen einige vorgestellt werden, benötigt Fachkräfte, die sich in der Anwendung solcher Prüf- und Testverfahren der Medizin und Psychologie auskennen. Auch wenn in der Praxis nicht alle Präventionsmaßnahmen umgesetzt werden können, kann eine Diagnose dennoch helfen, das Verständnis für die Problematik des Betroffenen zu verändern.

Krisenintervention und Notfallplanung. Eine freundlich zugewandte Betreuung ist zwar die wichtigste Voraussetzung, garantiert aber keinen Behandlungserfolg. Tschöpe beschreibt in diesem Kapitel, wie Krisen der Gewalt gegen sich selbst oder andere eskalieren können, welche Frühwarnzeichen erkannt werden könnten, und welche Interventionen zur Abwendung akuter Gefahr für sich oder andere die Fachliteratur vorschlägt. Zwangsmaßnahmen wie körperlicher Zwangs, Ruhigstellung oder Medikation bedürfen dabei einer richterlichen Genehmigung und können ihrerseits zu unerwünschten Belastungsstörungen führen.
Der zweite Teil des Kapitels ist den Angriffsopfern gewidmet, die ebenfalls Symptome von Depression oder Traumatisierung zeigen können. Tschöpe betont die Wichtigkeit der Aufarbeitung und Analyse von Krisen im Team, um Maßnahmen zur Vorbeugung einer erneuten Notfallsituation zu entwickeln. Erfolgreiche Krisenintervention und Notfallplanung sowie ergänzende therapeutische Behandlungen setzen deshalb hinreichende Ressourcen und eine funktionierende Kooperation und Kommunikation im Team voraus.

Schlussbetrachtung. Im Schlusswort schlägt Tschöpe die Brücke zurück zum Anfang und betont, dass Aggression im Sinne eines Konflikt suchenden Affekts allgegenwärtig ist und es trotz aller Hilfen aus der Fachliteratur keinen Königsweg zum Umgang mit Behinderten gibt, die ihre Gefühle und Impulse nicht kontrollieren können. Die Helfer bewegen sich zwischen den Polen Selbsterhaltung und Empathie, die übrigens weder eingefordert noch eingeklagt werden kann. Insofern, schreibt Tschöpe, kann der Studienletter nur eine Landkarte sein, nicht aber das Land selbst, das individuell und subjektiv unterschiedlich erfahrbar ist.

Diskussion

Tschöpe wirft Fragen zur Betreuungsrealität und -anforderungen auf, die nachdenklich stimmen. Der Studienletter liefert viele Erklärungs- und Diagnostikmodelle sowie Interventionsvorschläge aus der Fachliteratur reflektiert diese vor dem Hintergrund der beruflichen Praxis, ohne diese zu bewerten. Die konkrete Anwendung bleibt dem Leser selbst überlassen, muss ihm selbst überlassen bleiben, da jede betreute Person ihre eigene Lebensgeschichte und Problematik aufweist, dem Symptom Gewalt ganz unterschiedliche Ursachen zugrunde liegen können und jede Prävention oder Intervention individuell auf den Einzelfall abgestimmt werden muss.

Dem informierten Leser dürften viele der beschriebenen Modelle bekannt sein, Tschöpe stellt aber einen direkten Bezug zur Aggressionsproblematik her. Interessant sind dabei die Hinweise und Beispiele aus der Praxis, wie Tschöpes Beobachtungen zu den strukturellen Schwächen der Betreuungseinrichtungen und deren - oft unzureichende - Ausstattung mit Ressourcen, die wissenschaftlich begründete Betreuungsideale in der Praxis unerreichbar erscheinen lassen. Das wirft vor allem Fragen zum Beispiel danach auf: wie viel Betreuungsqualität realistisch leistbar ist oder wie die vorhandenen (begrenzten) Ressourcen optimal für die Betreuten genutzt werden können.

Fazit

Der Studienletter Aggression und Autoaggression bietet einen soliden Überblick über Erklärungsmodelle, Risikofaktoren, Diagnostik und Interventionsmöglichkeiten im Krisenfall. Präventive und therapeutische Maßnahmen für den Betreuungsalltag sind nicht Thema des Buches. Weiterhin diskutiert Tschöpe einige - bislang ungelöste - strukturelle Schwierigkeiten und Widersprüche, denen Betreuungseinrichtungen für geistig Behinderte mit ihren Mitarbeiter gegenüberstehen. Der Autor schreibt - auch für Nicht-Wissenschaftler - verständlich und strukturiert. Hilfreich für einen schnellen Überblick oder zum Nachschlagen sind auch die Gedanken zur Praxis und eine aussagekräftige Zusammenfassung am Ende der Kapitel.


Rezensentin
Dipl.-Kfm. Tatjana van de Kamp
MA (Arbeits- und Organisationspsychologie)
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Zitiervorschlag
Tatjana van de Kamp. Rezension vom 05.09.2011 zu: Bernd Tschöpe: Studienletter Aggression und Autoaggression. Grundlagen und Orientierungshilfen für die Begleitung von Menschen mit geistiger Behinderung, die sich und andere verletzen. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2011. ISBN 978-3-7841-2032-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/11285.php, Datum des Zugriffs 26.08.2016.


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