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Wilhelm Damberg (Hrsg.): Mutter Kirche - Vater Staat?

Cover Wilhelm Damberg (Hrsg.): Mutter Kirche - Vater Staat? Geschichte, Praxis und Debatten der konfessionellen Heimerziehung seit 1945. Aschendorff Verlag (Münster) 2010. 364 Seiten. ISBN 978-3-402-12842-8. 29,80 EUR.
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Thema

Die öffentliche Wahrnehmung der Probleme, die das Aufwachsen von Kindern ohne stabilen familiären Hintergrund mit sich bringt, hat sich in den letzten Jahren erheblich intensiviert. Zu diesen Problemen zählen Fragen der Kindeswohlgefährdung und des Kindesmissbrauchs und damit geraten u.a. die Regelung der Vormundschaft und auch die Aufarbeitung der Heimerziehung auf die Tagesordnung.

Seit dem Erscheinen von Peter Wersierskis Buch „Schläge im Namen des Herrn“ (2006) wird über die Bedingungen, denen Kinder in der frühen Bundesrepublik und der DDR in Heimen unterworfen waren, debattiert. Der vom Bundestag initiierte Runde Tisch „Heimerziehung“ hat im Dezember 2010 einen Bericht vorgelegt und damit den Auftakt für die Aufarbeitung markiert.

Verfasser/Herausgeber und Entstehungshintergrund

In diesen Kontext gehört auch der vorliegende Band. Er beinhaltet eine Reihe von Aufsätzen, die sich mit den z.T. erschütternden Lebensumständen von Kindern befassen, die zwischen 1945-1975 in Heimen lebten. Die Herausgeber gehören einer von der DFG geförderten Forschungsgruppe an, die sich seit 2008 mit der Aufarbeitung der Heimsituation in konfessioneller Trägerschaft befasst. Der Band gibt die Beiträge eines zum Thema geführten Kongresses wieder.

Die äußerst umsichtige Einleitung von Uwe Kaminsky macht deutlich, dass die dualistische Idee, nach der nach einer „restaurativen Phase“, die „Heimbefreiung“ einsetzte (und die Maßstäbe hervorbrachte, die wir heute noch anerkennen) zu wenig erklärt. Zu einem sachlichen Verständnis fehlen aber noch Studien.

Der Band möchte einen Anfang darstellen. Problematisiert wird dabei eine Fülle von wichtigen Themen, die hier nur angedeutet werden können.

Aufbau

Zunächst werden verlässlich Zahlen und Daten geliefert, die die Anzahl von Einrichtungen und Heimkindern betreffen. Es wird auf die Diskrepanz von realer pädagogischer Praxis und theoretischen „Erziehungszielen“ hingewiesen. Dem Verhältnis von Heimerziehung und 68er-Bewegung wird nachgegangen. Die Institution „Heim“ als „Anstalt“ wird analysiert.

Der Einfluss der Sozialpädagogik im Spannungsfeld anderer Einflüsse auf die Heimerziehung wird thematisiert. Es werden schließlich die damaligen theologischen Begründungen der evangelischen und katholischen Erziehungskonzepte dargestellt. Den Abschluss bilden Studien, die sich mit konkreten Heimen bzw. Regionen beschäftigen.

Ausgewählte Inhalte

Hier können nur ausgewählte Inhalte vorgestellt werden.

Die Rolle der so genannten „Heimkampagne“ der 60er Jahre für die Reform der Heimerziehung wird kontrovers diskutiert. Während Kappeler in seinem Beitrag in den Aktivitäten der APO den Auslöser für die Reformen findet, konstatiert Köster der Studentenbewegung eine Verstärkerfunktion der schon in Gang befindlichen Reformbemühung.

Erhellend sind die Beiträge, die sich mit der Rolle der Sozialpädagogik (Schrapper) und den theologischen Konzepten in den konfessionellen Heimen beschäftigen. Hier liegt der konzeptionelle Schwerpunkt des Bandes. Traugott Jähnichen untersucht evangelische Konzeptionen zur Heimerziehung. Insbesondere der Wandlung der Wertung von „Ordnung/Zucht“ und „Selbständigkeit/freier Wille“ wird nachgegangen. Insbesondere der „Zwei-Reiche-Lehre“ sei es zu verdanken, dass Liebe und Härte zugleich das Erziehungsklima bestimmen konnten. Insofern ist der Hinweis begründet, dass auch „freie Liebesarbeit“ nicht geschützt ist, sich der Stabilisierung einer „totalitären Institution“ gefügig zu machen und die biblische Liebesbotschaft die Anwendung von Zwang und Strafe rechtfertigen konnte.

Die katholischen Diskurse zur religiösen Heimerziehung werden von Andreas Henkelmann vorgestellt. Er beschäftigt sich vor allem mit der Spannung, die sich in der kath. Erziehungsvorstellung befindet: Einerseits gehe es in ihr um die „Sorge um das Seelenheil“ (Sündenproblematik), andererseits um die Sorge für das „irdische Heil“ (Vorbereitung auf das Leben nach dem Heim).

Fazit

Das Thema wird in den nächsten Jahren an Bedeutung gewinnen. Es ist geeignet, die großen Linien der Nachkriegsgeschichte der jungen Bundesrepublik zu konkretisieren. Es zwingt nämlich dazu, die Kontinuitäten und Umbrüche der großen Geschichte dort wahrzunehmen, wo sie real erlebt und erleidet wurden: z.B. am Schicksal von Heimkindern. Sie gerieten schuldlos in Umstände, denen sie ohne familiären Schutz ausgeliefert waren.

Das Buch kann insbesondere mit den Beiträgen, denen die Verschränkung der Heimsituation mit den geistig-moralischen Entwicklungen in der Nachkriegszeit gelingt, auf erhebliches Interesse rechnen. Zudem bietet es einen Maßstab, an dem sich die nun in Gang gekommene Aufarbeitung zu messen hat.


Rezensent
Prof. Dr. Karsten Laudien
Lehrstuhl für Ethik an der Evangelischen Fachhochschule Berlin
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Zitiervorschlag
Karsten Laudien. Rezension vom 21.03.2011 zu: Wilhelm Damberg (Hrsg.): Mutter Kirche - Vater Staat? Geschichte, Praxis und Debatten der konfessionellen Heimerziehung seit 1945. Aschendorff Verlag (Münster) 2010. ISBN 978-3-402-12842-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/11287.php, Datum des Zugriffs 31.05.2016.


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