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Eveline Crone: Das pubertierende Gehirn

Cover Eveline Crone: Das pubertierende Gehirn. Wie Kinder erwachsen werden. Droemer Knaur (München) 2011. 206 Seiten. ISBN 978-3-426-27552-8. D: 14,99 EUR, A: 15,50 EUR.
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Autor

Eveline Crone ist Professorin für neurokognitive Entwicklungspsychologie an der Universität Leiden und für neurokognitive affektive Entwicklung während der Adoleszenz an der Universität Amsterdam.

Entstehungshintergrund

Wer kennt derartige Situationen mit Heranwachsenden nicht: Jugendliche benehmen sich eigenartig, meist anders als es von ihnen erwartet wird, sie sind urplötzlich ‚schnippig‘ und sie vergessen ständig wichtige Dinge, die man ihren sagt. Ob aus der direkten Erfahrung mit Jugendlichen in der Familie oder im selbstkritischen Rückblick auf das eigene Verhalten: Die Liste an Konflikten, die vor allem die Eltern mit dem gerade noch so kindlich und verspielt wirkendem Nachwuchs haben, ließe sich nahezu unendlich fortsetzen. Schon dem alten Sokrates wird ein Klagen über die Heranwachsenden zugeschrieben. Demnach habe die Jugend schlechte Manieren, verachte Autorität und zeige keinen Respekt vor Erwachsenen. Außerdem arbeite sie nicht angemessen. Wir haben es also mit einem historisch durchaus überdauernden Phänomen zu tun. Dies schärft freilich das Interesse daran, welche Veränderungen sich in den Jugendlichen vollziehen. Neue Verfahren der Medizin, darunter die bildgebenden und die labormedizinischen, ermöglichen inzwischen Einblicke in neurobiologische, endokrine und weitere Funktionsweisen sowie in den Aufbau des Gehirns. Dieses strukturiert sich nämlich gerade in der Phase, die wir Adoleszenz nennen, noch einmal in einer besonderen Weise. Vielleicht lernen wir etwas, wenn wir uns auf die Befunde der Hirnforschung einlassen. Die Neurobiologie kann uns nämlich durchaus etwas mehr Klarheit über die wesentliche Phase der menschlichen Autonomieentwicklung verschaffen. Eveline Crone verfasste daher ihr zunächst in niederländischer Sprache erschienenes Buch, welches nun von Bärbel Jänicke übersetzt wurde. Das Werk trägt den prägnanten Titel: „Das pubertierende Gehirn. Wie Kinder erwachsen werden“.

Aufbau und Inhalt

Das Sachbuch ist in fünf Kapitel eingeteilt, die jeweils mit weiteren Abschnitten untergliedert sind.

Im ersten Kapitel beschreibt Crone von unserem bisherigen Wissen über die Erscheinungen der Pubertät und Adoleszenz ausgehend Grundlagen des Themas (S. 7ff.), etwa in Bezug auf hormonelle Veränderungen (S. 17ff.), die jedoch keineswegs ausschließlich als Erklärung für das typisch jugendliche Verhalten herangezogen werden können. Vielmehr kennzeichnen hormonelle Schübe die Pubertät (S. 17). Die Veränderungen in der Phase der Adoleszenz sind jedoch vor allem durch neurobiologische Entwicklungen gekennzeichnet (S. 13ff.). Heranwachsende befinden sich in dieser Zeit durch einen zusätzlich veränderten Biorhythmus in einem regelrechten „Jetlag“ (S. 25). Vor allem ist die Zeit im Alter zwischen 10 und 22 jedoch ein sozialer Reifungsprozess des Gehirns. Dieses entwickelt dabei vor allem hypothetisches, kritisches Denken (S. 27ff.), d.h. es findet eine Bildung zu dem statt, was wir als ein erwachsenes Mitglied der Gesellschaft beschreiben können. Außerdem skizziert Crone in diesem Kapitel neurobiologische Erkenntnisse, auf welche im späteren Verlauf des Buches dann immer wieder zurückgegriffen wird. Gänzlich kann dieser Teilabschnitt das lehrbuchartige leider nicht ablegen, gleichwohl erfahren die LeserInnen dabei wesentliche Grundlagen über den Aufbau des Gehirns (S. 33ff.). Der „Blick unter die Schädeldecke“ (S. 41) ermöglicht durch neue Messmethoden der Hirnforschung, wie etwa die funktionelle Magnetresonanztomografie (fMRT), neue Einsichten.
Nebenbei bemerkt: An vielen Stellen des Buches bemüht sich Crone gleichwohl um Verständlichkeit. Vor allem zur näheren Erläuterung der fachlich beschriebenen Studienergebnisse und Umwälzungen im Gehirn nutzt sie exemplarisch Fallbeispiele, u.a. von „Sam“ und „Susanne“, um das jugendliche Verhalten in Bezug zu den Erkenntnissen der Hirnforschung zu setzen. Dabei werden nicht zuletzt auch geschlechtsspezifische Entwicklungen in der Adoleszenz sehr gut deutlich.

Das zweite Kapitel, „Das lernende Gehirn“ (S. 45ff.), nutzt Crone anknüpfend an den Aufbau des Gehirns zur Darstellung der wesentlichen Funktionsweisen des Gehirns. Verschiedene Bereiche haben bestimmte Aufgaben, wie etwa das Zur-Verfügung-Halten notwendiger Informationen im Arbeitsgedächtnis (S. 56ff.), die Hemmung von inneren Impulsen (S.62ff.), Flexibilität und (Um-)Planen bei sich verändernden Situationen (S. 70ff) wie auch Rechnen und Sprache. Schon bei der Einführung dieser Begriffe wird deutlich, welche Relevanz derartigen Fähigkeiten des Gehirns mit Blick auf die Phase der Adoleszenz zukommt. Wir müssen uns nur vergegenwärtigen, wie schnell Jugendliche mit sozial unpassenden Antworten herausplatzen (Hemmung), wie vergesslich (Arbeitsgedächtnis) und planlos (Flexibilität) sie von einem Moment zum anderen für Erwachsene erscheinen mögen. Crone beschreibt die Entwicklungen dieser Fähigkeiten in der Adoleszenz und kennzeichnet damit kognitive Besonderheiten Jugendlicher. Für die LeserInnen wird deutlich, dass die Kontrollsysteme in den Gehirnen Jugendlicher sich noch im Reifeprozess befinden.

Im dritten Kapitel, „Das emotionale Gehirn“, steht die jugendliche Reizbarkeit, die spontan und situativ entstehen kann, im Mittelpunkt der Betrachtung (S. 92ff.). Crone beschreibt den emotionalen Bereich des jugendlichen Gehirns als „hyperaktiv“ (S. 93). Emotionen lassen sich bei anderen Menschen vor allem durch Gesichtsausdrücke erkennen (S 101f). Bei Jugendlichen zwischen 10 und 18 Jahren befindet sich das Erkennen von Emotionen noch in einer Entwicklung. Sie verwechseln Emotionen häufig schlichtweg miteinander. Dies führt dann freilich zu Missverständnissen. Vor allem die Amygdala im Gehirn, zuständig für Angst und für die emotionale Bewertung von erlebten Situationen, weist bei Heranwachsenden Unterschiede im Vergleich zu Erwachsenen auf. Besonders Mädchen reagieren in der frühen Phase der Adoleszenz emotional stärker, gleichwohl lernen sie auch schneller als Jungen, über den frontalen Kortex (Stirnlappen des Großhirns) ihre Emotionen zu kontrollieren. Experimentelle Studien stützen die Beschreibungen Crones außerdem dahingehend, dass Teenager zwischen 16 und 18 im Vergleich zu Erwachsenen kurzfristiger und riskanter planen (S. 110ff.). Die Abenteuerlust ist insgesamt stärker, wenngleich die Jugendlichen „nicht alle Risikosituationen anders beurteilen als Erwachsene“ (S. 115). Rational betrachtet bestehen demnach keine Unterschiede, jedoch weichen Jugendliche auf emotionaler Ebene deutlich von Erwachsenen ab. Eine Erklärung hierfür sieht Crone im Belohnungs- und Vergnügungssystem des Gehirns, dem Nucleus accumbens. Dieser wird besonders von Hormonen beeinflusst, so dass die Kombination von Pubertät und Adoleszenz die subjektiv erlebten Emotionen Heranwachsender regelrecht vor ihre Rationalität schiebe (S. 118f.). Gesteigertes Risikoverhalten bei Jugendlichen kann auf diese Weise verständlich werden. ‚Vergnügen anstatt Vernunft‘ ist die schlichte, wenngleich stark vereinfachte Formel, welche das daraus folgende Verhalten Jugendlicher kennzeichnet. Deutlich wird dies auch an experimentellen Studien, die eine deutlich gesteigerte Aktivität dieses Belohnungszentrums im Vergleich zu Kindern und Erwachsenen aufzeigten. Sogar die Hoffnung auf eine solche eigene ‚Belohnung‘ verstärkte deutlich die neurophysiologisch messbare Reaktion, ähnlich wie es bei den ‚Spiegelneuronen‘ der Fall ist. Einfache Fragen nach gefährlichen Situationen beantworten Jugendliche im Übrigen nicht so schnell wie Erwachsene, da sie länger über diese nachdenken und keine Reaktion in der Insula zeigen („ein spezieller Teil des Gehirns, der für das Empfinden einer unangenehmen Reaktion wichtig ist“, S. 127). Jugendliche suchen dabei wohl nach einer Intuition zur Beantwortung dieser Fragen, die jedoch aufgrund mangelnder Vorerfahrungen häufig noch schlichtweg fehlt. Daher entscheiden sich Jugendliche auch trotz Reflexion häufiger für das für sie Interessante, Spannende oder Unbekannte – auch wenn es gefährlich sein könnte.

Das Risikoverhalten kann Jugendliche freilich in ernste Probleme versetzen. Im vierten Kapitel, „Das soziale Gehirn“ (S. 133ff.) beschreibt Crone die Entwicklung des Gehirns unter dem Einfluss des sozialen Umfelds. Ein erschreckendes Beispiel über ein Würgespiel zeigt auf, in welcher Art Jugendliche leichtsinnig das Leben anderer aufs Spiel setzen. Dieses Beispiel endete sogar mit dem Tod, obwohl die Freunde des jugendlichen Opfers als Mitwisser um die gefährliche Praxis des Würgespiels dies aus rein rationalen Gründen hätten verhindern können. Ab einem Alter von zehn Jahren steigt jedoch die Bedeutung der Gleichaltrigen für Heranwachsende stark an. Sie entwickeln in der Auseinandersetzung mit ihren Freunden Moral und Sozialverhalten. Häufig entziehen sie sich dabei zunehmend der Erwachsenenwelt. Die Entwicklung von Moral wurde bereits von Jean Piaget und Lawrence Kohlberg experimentell untersucht (S. 139ff.). Robert Selman legte den Fokus auf den zunehmenden Perspektivwechsel Heranwachsender, auf das Sich-Hineinversetzen in andere (S. 144f.). Nun kommt die Hirnforschung ins Spiel: Moralische Entscheidungen werden laut einer Studie, die Crone beschreibt, vor allem von emotionalen Zentren beeinflusst, wenn die Entscheidung persönlicher Natur ist. Der beschriebene Todesfall hätte daher nur schwer von den mitwissenden Jugendlichen verhindert werden können, da sie in die Loyalität gegenüber ihrem Freund persönlich, emotional und sozial stark eingebunden waren. Das Hineinversetzen in andere, vor allem das Nachdenken über Ihre Intentionen zum Handeln gelingt laut experimentellen Studien vor allem bei Freunden (S. 158), d.h. die vernünftigen Erwartungen der Erwachsenenwelt werden zurückgestellt. Neurobiologisch betrachtet ist dafür vor allem der mediale präfrontale Kortex verantwortlich. Gleichwohl müsse in diesem Bereich noch viel geforscht werden, weshalb Crone hier vor allem Forschungsausblicke skizziert (S. 159ff.).

Im fünften Kapitel, „Das kreative Gehirn“ (S. 166ff.) geht Crone im Vergleich zu den vorangestellten Kapiteln nun auf das Potenzial der ‚adoleszenten Gehirne‘ ein. Gar nicht alle Entwicklungen seien als defizitär zu kennzeichnen. Jugendliche können sich laut Studien schneller auf Anforderungen der Umwelt einstellen, da flexible Verbindungen viel schneller im sich entwickelnden Gehirn geknüpft werden können (S. 168.). Kreativität lässt sich zwar nur schwer messen, jedoch sei zumindest bekannt, dass der fertig entwickelte frontale Kortex Kreativität sogar behindert (S. 172). Da sich dieser bei Jugendlichen nun noch entwickelt, haben sie weniger Hemmung und besitzen damit mehr Mut – oder eben auch Leichtsinn – kreativ zu werden und eigene Ideen auch tatsächlich auszuprobieren: „Möglicherweise fördert das Zusammenspiel des noch nicht völlig ausgereiften frontalen Kortex mit anderen, gut funktionierenden Hirnregionen die Entstehung einer einzigartigen kreativen Phase.“ (S. 172). Crone zieht einige Beispiele erfolgreicher Jugendlicher, etwa beim Aufbau von Internetunternehmen oder bei Sportkarrieren und in der Musik heran, um Einsatz, Antrieb und Kreativität der Jugendlichen zu untermauern. Da auch der motorische Kortex in der Jugend noch flexibel sei, können bei entsprechendem innerem Antrieb Heranwachsender vor allem sportliche Aktivitäten und das Erlernen des Spielens von Instrumenten schnell und erfolgreich verlaufen. Abschließend verweist Crone außerdem noch einmal auf das Potenzial Jugendlicher als „Politische Impulsgeber“ (S. 183f.). Vor allem über gesellschaftliche Probleme und deren Lösung entwickeln sie demnach Ideen, die Erwachsene vielleicht zu sehr unterschätzen, da es ihnen viel schwerer fällt, diese überhaupt zu denken.

Diskussion

Die Autorin beschreibt eingängig und verständlich die inneren Vorgänge von Heranwachsenden in der Adoleszenz. Die Vorgänge im Gehirn pubertierender Jugendlicher werden dabei anschaulich und sehr gut deutlich gemacht. Crones Buch wirkt dabei jedoch kaum wie übliche Ratgeberliteratur zur Erziehung, auch grenzt sich die Autorin davon explizit ab (S. 9). Es handelt sich zwar durchaus um ein populärwissenschaftliches Buch, jedoch arbeitet es nicht mit klassischen Ratschlägen. Vielmehr ermöglicht es ein Verständnis der neurobiologischen Umwürfe und Veränderungen der sich entwickelnden Gehirne in der Adoleszenz, die das eigenartige Verhaltens der Jugendlichen erklären. Bei Erwachsenen, die das Buch lesen, ergibt sich dabei wahrscheinlich die einerseits notwendige Gelassenheit und die andererseits notwendige Struktur, mit der dieser wichtigen Entwicklungsphase begegnet werden sollte. Vielleicht wandelt sich dadurch zudem der Blick von einer zu starken Defizitorientierung hin zu den Möglichkeiten, welche die Ideen und das Verhalten von Jugendlichen für Gesellschaften bilden.

Fazit

Vor allem Eltern und Lehrer an weiterführenden Schulen sollten dieses Buch unbedingt lesen, insbesondere dann, wenn Sie verzweifelt über die Äußerungen und das Verhalten der Jugendlichen sind. Das Wissen um die inneren Vorgänge ermöglicht die Entwicklung einer angemessenen Intuition für diese so wichtige Phase der menschlichen Entwicklung, in welcher die Heranwachsenden letztlich ihre ganz eigenen Wege ins mündige Leben finden, welche dann wiederum ganze Gesellschaften neu strukturieren. Möglicherweise trägt das Buch von Eveline Crone sogar dazu bei, wieder einen realistischen Blick auf eine regelrecht in Verruf geratene Generation zu werfen. Adoleszenz und damit Jugend sind nämlich bei Weitem nicht angemessen durch Totschläge sowie Amokläufe an Schulen gekennzeichnet.


Rezensent
Dr. Ulf Sauerbrey
Akademischer Rat auf Zeit am Lehrstuhl für Elementar- und Familienpädagogik an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Allgemeine Pädagogik und Theorie der Sozialpädagogik an der Friedrich-Schiller-Universität Jena
Homepage www.uni-bamberg.de/efp/lehrstuhlteam/dr-phil-ulf-sa ...
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Zitiervorschlag
Ulf Sauerbrey. Rezension vom 24.03.2011 zu: Eveline Crone: Das pubertierende Gehirn. Wie Kinder erwachsen werden. Droemer Knaur (München) 2011. ISBN 978-3-426-27552-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/11322.php, Datum des Zugriffs 31.08.2016.


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