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Silke B. Gahleitner: Das Therapeutische Milieu in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen

Cover Silke B. Gahleitner: Das Therapeutische Milieu in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Trauma- und Beziehungsarbeit in stationären Einrichtungen. Psychiatrie Verlag GmbH (Bonn) 2011. 141 Seiten. ISBN 978-3-88414-523-4. 24,95 EUR, CH: 37,90 sFr.

Reihe: Fachwissen.
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Thema

Ziel des Bandes ist eine „vertiefte Betrachtung des ‚Therapeutischen Milieus‘, das auf der Basis historischer Erfahrungen und Publikationen ruht, aber durch Forschungsergebnisse aus den letzten Jahren, u.a. die KATA-TWG-Studie, an aktuelle Ergebnisse und Diskussionen anknüpft“ (S.10). Eine konzeptionelle Weiterentwicklung innerhalb der Heimpädagogik, der stationären Jugendhilfe und der Kinder- und Jugendpsychiatrie sollen damit befördert und interdisziplinäres Denken und Zusammenarbeiten bei der Hilfeplanung, Diagnostik und Intervention vorangetrieben werden.

Autorin

Prof. Dr. Silke Gahleitner ist Psychotherapeutin und Professorin für Klinische Psychologie und Sozialarbeit an der Alice Salomon-Hochschule Berlin. Sie war mehrere Jahre als Sozialarbeiterin und als Psychotherapeutin tätig und hat insbesondere mit traumatisierten Mädchen gearbeitet.

Entstehungshintergrund

Für das Buch hat Silke Gahleitner Betreuungsprozesse in stationären Einrichtungen der Kinder und Jugendhilfe aus der Sicht ehemaliger Klientinnen und Klienten und deren damaligen Bezugsbetreuern und –betreuerinnen analysiert. Praxisfälle, die sie in dem Band zitiert, stammen aus der Studie KATA-TWG (Arbeitskreis der Therapeutischen Jugendwohngruppe Berlin 2009). Das Buch ist als „Brücke zwischen der Praxis und Theorie gedacht und auch aus der Verknüpfung der verschiedenen Erfahrungsebenen Forschung, Lehre und Praxis entstanden“ (S. 8).

Aufbau und Inhalt

Der Band ist in folgende Kapitel gegliedert.

Erik – eine „Jugendhilfekarriere“ mit vielen Abbrüchen

Die Ausführungen beginnen mit einem Fallbeispiel. Daran soll die Komplexität der Problemlagen von Kindern und Jugendlichen in stationären Einrichtungen veranschaulicht werden. Neben Interviewauszügen mit Erik, einem Jugendlichen aus einer stationären Einrichtung der Kinder- und Jugendhilfe, werden Auszüge aus einem Interview (vermutlich Experteninterview) mit dem damaligen Bezugsbetreuer des Jugendlichen zitiert. Die Darstellung des Falles führt vor Augen, dass dem Therapeutischen Milieu eine zentrale Rolle im Hilfeprozess der stationären Jugendhilfe zukommt.

Das „Therapeutische Milieu“

Im zweiten Kapitel wird in die Grundlagen und die Geschichte des „Therapeutischen Milieus“ eingeführt. Auf der Grundlage des Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (Schlack & Hölling 2009) und anderer Studien diskutiert die Autorin die aktuelle Situation der stationären Kinder- und Jugendhilfe: „Im stationären Bereich der Kinder- und Jugendhilfe lässt sich eine besonders hohe Rate von kinder- und jugendpsychiatrischen Erkrankungen feststellen“ (S. 22). Die „immer knapper kalkulierten Hilfeverläufe und häufig entgegen fachlicher Überlegungen erzwungenen frühzeitigen Entlassungen“ (ebd.) und die Überforderung der Fachkräfte führen zu häufigen Abbrüchen der Hilfeverläufe (vgl. ebd.). Die Arbeit mit komplexen Fällen erfordert eine interdisziplinäre Zusammenarbeit und das Zusammenführen interdisziplinärer Wissensbestände, vor allem die der Erziehungshilfe (Soziale Arbeit) und der Kinder- und Jugendpsychiatrie. „Das ‚Therapeutische Milieu‘ … bewegt sich genau an dieser Schnittstelle zwischen Disziplinen und häufig stark voneinander abgegrenzten Theoriebeständen“ (S. 25). Das „Therapeutische Milieu“ bedeutet jedoch nicht, „dass eine Einrichtung lediglich begleitend Psychotherapie anbietet …, sondern eine fachkompetente Wahrnehmung der Jugendlichen durch das gesamte Team, also unter Einbeziehung professioneller Kompetenzbestände im Hinblick auf den Umgang mit Störungsbildern, Krisenanfälligkeiten, Dynamiken, jedoch auch Ressourcen und der subjektiven Perspektive der Jugendlichen selbst“ (S. 29).

Als zentrale Charakteristika der Betreuung beschreibt die Autorin drei Aspekte (S. 31):

  • Beziehungsorientierung im partizipativ geteilten Lebensalltag
  • dialogisch orientierte Fachkompetenz und personelle, disziplinäre wie methodische Vielfalt
  • psychosoziale Vernetzungskompetenz (lebenswelt- und umfeldorientiert, innerinstitutionell, interinstitutionell)

In Kapitel 3 bis 5 werden diese drei Aspekte als wichtige Bestandteile des „Therapeutischen Milieus“ erläutert und an Fallbeispielen aus der KATA-TWG-Studie veranschaulicht.

Bindungs- und Beziehungskompetenz im Betreuungsalltag

In diesem Abschnitt erläutert die Autorin, dass „die Bereitstellung eines bindungssensiblen Rahmens, der Halt, Schutz und Alternativerfahrungen bietet – auch gegen Drogen, Reviktimisierungen und gegen die starken Tendenzen zur Selbstdestruktion –, einen wichtigen Schlüssel für die Arbeit der stationären Kinder- und Jugendarbeit darstellt“ (S. 43). Dies setzt voraus, dass „die Beziehungsarbeit auch fachlich mit jenem Wissen über Störungsbilder und Problemlagen unterfüttert ist, das man zum Verständnis der Symptomatiken braucht“ (ebd.).

Traumasensibilität als zentrale Problem- und Fachkompetenz

Psychosoziale Fachkräfte der Sozialen Arbeit und der (Heil-)Pädagogik aus dem Bereich stationärer Einrichtungen der Kinder- und Jugendarbeit gestalten den größten Anteil der Traumaversorgung (vgl. S. 44). Aus diesem Grund sieht die Autorin traumasensibles Verstehen und Handeln als einen wichtigen Bestandteil im „Therapeutischen Milieu“. Auf dieser Grundlage setzt sich Silke Gahleitner mit dem Begriff des Traumas und mit Modellen der Traumabewältigung auseinander.

Die Vielfalt psychosozialer Vernetzungskompetenz

Soziale Netzwerke werden als wesentlich für die Förderung psychosozialer Gesundheit erachtet. Am Beispiel der o.g. Studie wird in diesem Abschnitt nach „innerinstitutioneller“ und „interinstitutioneller“ Zusammenarbeit unterschieden; die beiden Bereiche werden beleuchtet.

Die Praxis vor Ort: Trauma- und beziehungssensible Diagnostik in stationären Einrichtungen der Kinder- und Jugendarbeit

Nach der Beschreibung einzelner Bestandteile und Funktionen von „Therapeutischen Milieus“ entwirft die Autorin ein Modell psychosozialer Diagnostik, bei der mehrdimensional, interdisziplinär, bindungs- und traumasensibel verfahren wird. Sie schlägt folgendes Vorgehen vor und beschreibt jeweils die einzelnen Schritte:

  • Erster Schritt: Klassifikatorische Diagnostik unter Einbeziehung des sogenannten „Multiaxialen Klassifikationssystems“ nach Remschmidt (S. 77ff.)
  • Zweiter Schritt: Biografiediagnostik (S. 80ff.)
  • Dritter Schritt: Lebensweltdiagnostik (S. 84ff.)

Die Praxis vor Ort: Trauma- und beziehungssensible Intervention in stationären Einrichtungen der Kinder und Jugendarbeit

Hier beschreibt die Autorin ein Stufenmodell der Traumabewältigung. Dabei unterscheidet sie drei Ebenen: a) die Alltagsebene und die Etablierung einer stationären Bezugsbetreuung, b) die psychotherapeutische Ebene und die therapeutische Beziehung und c) die Systemebene und eine Vernetzung der (Beziehungs-)Angebote innerhalb der Einrichtung und darüber hinaus in den Lebensalltag und zu anderen Institutionen (vgl. S. 94).

Den stationären Hilfeprozess mit traumatisierten Jugendlichen beschreibt Silke Gahleitner in drei Schritten, die sie anhand von Praxisbeispielen illustriert:

  • Erster Schritt: Umfassend Sicherheit herstellen (S. 94ff.)
  • Zweiter Schritt: Trauma- und Problembewältigung unterstützen (S. 101ff.)
  • Dritter Schritt: Integration in den Lebensalltag nach der Einrichtung (S. 109ff.)

Abschießende Überlegungen: Anerkennung, Würde und Respekt als grundlegende Paradigmen der stationären Kinder- und Jugendarbeit

Im Schlusskapitel fasst die Autorin die erarbeiten Vorschläge zusammen und reflektiert sie in Bezug auf aktuelle gesellschaftspolitische Rahmenbedingungen. Dabei kritisiert sie die derzeitige Praxis der Jugendämter, die seit einigen Jahren im Zuge der Sparmaßnahmen den Adoleszenzprozess nicht mehr unterstützen. „Nach mehreren Abbrüchen in einer ‚Jugendhilfekarriere‘ wird vom Jugendamt aufgrund finanzieller Erwägung häufig keine weitere Hilfe gewährt“ (S. 119). Der Mangelzustand schlägt sich auf dem Rücken der Kinder und Jugendlichen nieder (vgl. ebd.).

Diskussion

Der Band greift das „Therapeutische Milieu“ als einen zentralen Bestandteil professionellen Handelns in stationären Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe auf. Das „Therapeutische Milieus“ wird dabei theoretisch im Rückgriff auf Modelle und Überlegungen anderer Autoren konzeptualisiert und anhand von Interviewauszügen mit Jugendlichen und ihren Betreuern, die im Rahmen der Studie KATA-TWG geführt wurden, veranschaulicht. Im Zuge der Ausführungen werden immer wieder (Rand-)Themen berührt, die in eingefügten Exkursen kurz erläutert werden. Somit gelingt ein Gesamtprodukt, das wenig Fachkenntnisse voraussetzt und seinen Leser geschickt – wenn oft nur skizzenhaft – durch eine Vielzahl von Themen führt. Dem Bereich Schule als einem wichtigen Bestandteil des „Therapeutischen Milieus“ wird dabei leider kaum Beachtung geschenkt. Dem Leser, der sich für die empirische Seite des Konzepts interessiert, bleibt ein wesentlicher Aspekt ungeklärt: In dem Band wird nicht erläutert, mit welchen Methoden die Interviews, auf die sich die Autorin immer wieder bezieht, erhoben und ausgewertet wurden. Eine Kenntnis der KATA-TWG-Studie wäre dafür vermutlich erforderlich. Die Frage, ob die Daten fallrekonstruktiv ausgewertet oder – so wie es den Anschein erweckt – ausschließlich zu Illustrationszwecken erhoben wurden, bleibt offen. Der Aufbau des Bandes folgt einem roten Faden, ist klar und nachvollziehbar. Als hilfreich hätte sich eine Nummerierung der Kapitel (v. a. der Unterkapitel) erwiesen, da damit der Bezug der einzelnen Gliederungspunkte zueinander leichter zu erkennen wäre.

Zielgruppe

Das Buch wurde aus der Erfahrung in psychosozialen Arbeitsbereichen stationärer Kinder- und Jugendarbeit geschrieben und ist an alle psychosozialen Berufsgruppen in diesem Tätigkeitsbereich gerichtet.

Fazit

Trotz der Kritikpunkte ist das Buch vor allem für Praktiker besonders empfehlenswert. Es greift einen wichtigen Bereich der stationären Kinder- und Jugendhilfe auf. Für stationäre Einrichtungen, die mit mehrfach belasteten, traumatisierten Jugendlichen arbeiten, stellt das „Therapeutische Milieu“ einen zentralen Bestandteil professionellen Handelns dar. Das Buch ist kurzweilig, anregend und bietet viele hilfreiche Ideen für die (Weiter-)Entwicklung von Konzepte in Einrichtungen der stationären Kinder- und Jugendarbeit.


Rezensentin
Dr. phil. Martina Goblirsch
Wissenschaftlicher Arbeitsschwerpunkt: fallrekonstruktive Verfahren (Mehrgenerationenansatz), biographisches Fallverstehen, Interaktionsanalyse, Kinder und Jugendliche
Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin in eigener Praxis in Bad Wildungen


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Zitiervorschlag
Martina Goblirsch. Rezension vom 25.07.2011 zu: Silke B. Gahleitner: Das Therapeutische Milieu in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Trauma- und Beziehungsarbeit in stationären Einrichtungen. Psychiatrie Verlag GmbH (Bonn) 2011. ISBN 978-3-88414-523-4. Reihe: Fachwissen. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/11326.php, Datum des Zugriffs 29.09.2016.


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