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Heidi Kuttler, Franz Schmider: Filmriss, Koma, Suchtgefahren?

Cover Heidi Kuttler, Franz Schmider: Filmriss, Koma, Suchtgefahren? Wie Eltern ihr Kind schützen können. Balance Buch + Medien Verlag (Köln) 2011. 180 Seiten. ISBN 978-3-86739-062-0. 14,95 EUR, CH: 23,50 sFr.

Reihe: BALANCE Ratgeber - Jugend + Erziehung.
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Thema

Wenn Kinder und Jugendliche sich exzessiv betrinken, stehen Eltern der Situation oft hilflos gegenüber. Dieser Leitfaden hilft Eltern und pädagogisch Tätigen dabei, Trinkverhalten der heranwachsenden Kinder besser einzuschätzen und zeigt Möglichkeiten im Umgang mit diesen Situationen auf. Die AutorInnen informieren ausführlich über das Thema „Alkohol und Sucht“.

Autorin und Autor

Heidi Kuttler ist Geschäftsführerin eines Suchtpräventionszentrums und entwickelte das Bundesmodellprojekt „Hart am LimiT ? HaLT“ für junge Komatrinker und deren Eltern.

Franz Schmider ist Journalist und schreibt u. a. Reportagen über Alkoholvergiftungen bei Kindern und Jugendlichen.

Entstehungshintergrund

Die AutorInnen sahen den Anstieg von Klinikeinweisungen von Jugendlichen mit einer schweren Alkoholvergiftung allgemein und speziell in der örtlichen Kinderklinik in Lörrach als Anlass dieses Buch zu schreiben. Sie reagierten damit auf die Hilferufe von Ärzten der Klinik und Eltern, die sich mit dem Problem befassen mussten.

Aufbau und Inhalt

In der Einleitung des Buches wird deutlich, dass Alkohol in unserer Gesellschaft allgegenwärtig ist. Kinder und Jugendliche wachsen in diese Gesellschaft hinein. Aufgabe der Erwachsenen speziell der Eltern ist es, den Kindern einen bewussten Umgang mit dem (Genuss-)Mittel Alkohol vorzuleben. Wichtig ist, über das Thema Alkohol informiert zu sein.

Der erste Teil des Buches befasst sich mit dem Informationen über das Thema Alkohol allgemein. Die AutorInnen geben wichtige Hinweise auf die Wirkung des Alkohols (was Alkohol im Körper bewirkt) und auf dessen Funktion (warum wird Alkohol getrunken?). Es werden Hinweise über den risikoarmen Umgang mit Alkohol gegeben. Zudem wird das Thema der vermeintlich positiven Folgen für die Gesundheit aufmerksam gemacht, ebenso wie auf die möglichen negativen Konsequenzen (Alkoholabhängigkeit). Die AutorInnen beschreiben die Stellung von Alkohol in unserer Gesellschaft, welche Alkohol als Wirtschaftsfaktor beinhaltet. Das Buch gibt auch einen Einblick in die geschichtlichen Hintergründe des Alkoholkonsums und zeigt auf wie Alkohol mit unserer Kultur verbunden ist.

Vom allgemeinen gehen die AutorInnen im zweiten Teil zum speziellen Bereich Kinder /Jugendliche und Alkohol über, in dem sie hier auf die Ursachen und die Funktionen von jugendlichem Alkoholkonsum eingehen. Sie geben geschlechtsspezifische Unterschiede an. In diesem Teil des Buches wird auf das Thema Alkoholvergiftungen und Komatrinken anhand eines Fallbeispiels eingegangen. Es wird aufgezeigt, wie Eltern mit dieser Situation umgehen können. Das Thema „Komatrinken“ wird näher beleuchtet, indem konkret Fragen beantwortet werden, die ErzieherInnen und Eltern aufgrund der Darstellung der Situation in den Medien haben. An dieser Stelle geben die AutorInnen spezielle Tipps für Jugendliche für den risikoarmen Umgang mit Alkohol.

Der dritte Teil des Buches befasst sich mit den suchtpräventiven Aufgaben der Eltern. Die Eltern werden zur Selbstreflexion angeregt. Sie sollen ihren eigenen Standpunkt zum Thema Alkohol erforschen und überdenken, welches Vorbild sie im Umgang mit Alkohol ihren Kindern vorleben. Die AutorInnen fordern an dieser Stelle die Eltern auf, offen auf eigenes „Fehlverhalten“ (eigener Rausch) beim Alkoholkonsum gegenüber ihren jugendlichen Kindern einzugehen. Dann besteht auch die Chance gegenüber den Kindern glaubwürdige Regeln aufzustellen, die von den diesen später auch angenommen werden. Es werden Regeln aufgezeigt im Umgang mit Alkohol für Jugendliche sowie auch Regelungen, die beispielsweise für die Ausgehzeiten der Kinder gelten können. Da dies oft im Zusammenhang miteinander steht. Speziell beleuchtet werden die Themen, welcher Freundeskreis das Kind hat und wie damit umgehen werden kann, wenn man mit diesen Freunden nicht einverstanden ist. Regeln, die Feiern und Partys betreffen, werden angeregt, ebenso auch die mögliche Vorgehensweise der Eltern mit dem ersten Rausch des Kindes. Auch hier wird wieder darauf hingewiesen, dass die Eltern in Gesprächen mit ihren Kindern in Kontakt bleiben und Interesse am Leben ihres Kindes zeigen. Die AutorInnen machen klar, wie wichtig es ist, dass Eltern zeigen, dass es ihnen nicht egal ist, wie das Verhalten ihrer Kinder ist. Am Schluss des Kapitels regen die AutorInnen an, Alkohol-Abstinenz oder eine abstinente Zeit als Versuch für die ganze Familie durchzuführen.

Im vierten Teil wird über den Themenkomplex Missbrauch, Abhängigkeit und Sucht informiert. Die AutorInnen definieren die Begriffe und machen deutlich, dass einer Alkoholabhängigkeit immer ein Alkoholmissbrauch vorausgeht. Dass ein Alkoholmissbrauch aber nicht zwangsläufig in eine Alkoholabhängigkeit führen muss. Sie beschreiben die Hinweise und diagnostischen Kriterien für Missbrauch und Abhängigkeit. In diesem Zusammenhang wird Sucht als ein anderer Begriff für Abhängigkeit genutzt und beinhaltet sowohl die körperliche als auch die psychische Abhängigkeit. Hierzu beschreiben die AutorInnen mögliche Entstehungsverläufe und Ursachen von Sucht. Im Folgenden wird auf das Thema „suchtkranke Eltern“ eingegangen. Sie beschreiben die meist schwierigen Situationen dieser Familien. Da Sucht immer noch ein Tabuthema in unserer Gesellschaft ist, wird verdeutlicht, wie lange diese Situationen oft aufrechterhalten werden und „unter den Tisch gekehrt“ werden. Kinder leiden oft sehr darunter und versuchen eigene Auswege zu finden. Häufig versuchen die Angehörigen den Betroffenen zu helfen. Aufgrund fehlender Information übernehmen sie oft die Verantwortung für den Suchtkranken. Diese vermeintliche Hilfe führt dazu, dass der Betroffene sein Verhalten nicht ändern muss und die Situation sich meist noch verschärft. Vater oder Mutter oder auch die Kind entwickeln somit eine sog. „Co-Abhängigkeit“. Wenn Eltern bemerken, dass ihr Kind zu häufig zu viel trinkt oder auch mit einer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus gebracht wird , ist es an der Zeit, Veränderung zu bewirken, Die AutorInnen beschreiben, wie wichtig die Unterstützung der Eltern durch Fachleute ist. Es werden Anhaltspunkte für den Umgang gegeben und eine Einschätzungshilfe der Phase, in der sich der Jugendliche befindet. Sie plädieren dafür, sich professionelle Hilfe zu holen und gleichsam nach Veränderung zu suchen. Als Beispiel für eine mögliche Hilfestellung durch eine Suchtberatungsstelle wird das HaLT- Projekt beschrieben, in dem es darum geht, bei jugendlichen Komatrinkern direkt nach einer Einweisung ins Krankenhaus zu intervenieren und die Eltern zu unterstützen.

Am Schluss des Buches machen die AutorInnen nochmals den Stellenwert der Erziehung im Elternhaus in der Suchtprävention. Sie beschreiben den autoritativen Erziehungsstil als Möglichkeit der schützenden Erziehung im Elternhaus. Hier geht es darum, die Kinder zu unterstützen und zu begleiten auf ihrem Weg ins Erwachsen werden. Gleichzeitig ist es wichtig, Ihnen Schwierigkeiten nicht aus dem Weg räumen, sodass die Kinder eine Möglichkeit haben, mit Schwierigkeiten umgehen zu lernen.

Diskussion

Heidi Kuttler und Franz Schmider ist es gelungen, ein sehr praxisnahes und sehr gut lesbares Buch zu schreiben. Durch Fallbeispiele veranschaulichen sie die Sichtweise der Jugendlichen und machen somit erklärbar, wie es zu „Komatrinken“ kommen kann. Das Buch richtet sich an Eltern und vermeidet somit auch zu viel Fachvokabular oder auch tiefe wissenschaftliche Hintergründe. Die AutorInnen wollen Eltern in ihrem Tun bestärken und nicht die alleinige „Schuld“ und „Verantwortung“ bei den Eltern in deren Erziehungsalltag suchen.

Wichtig für Eltern ist es, dass sie konkrete Vorschläge im Buch bekommen, die eine Art Handlungsanweisung bieten können oder zumindest die Möglichkeit bieten, eigene Erziehungsstandards zu reflektieren.

Schwierig ist es teilweise, dass die Kapitel nicht alle voneinander thematisch abgegrenzt sind, so dass es schwierig ist, Abschnitte wiederzufinden. So wird beispielsweise das Thema „Abhängigkeit“ mehrfach angeschnitten und tritt auch in verschiedenen Unterkapiteln an verschiedenen Stellen im Buch auf. Dadurch wird das Buch teilweise unübersichtlich.

Fazit

Ein lohnenswertes Buch für Eltern, deren Kindern in oder kurz vor der Pubertät stehen. Ebenso kann dieses Buch von MitarbeiterInnen in der Jugendhilfe als Fachliteratur gut genutzt werden. Wer sich mit diesem Buch beschäftigt, bekommt nicht nur viele Informationen und Anregungen, sondern hat auch die Möglichkeit sich selbst (noch) ein bisschen besser kennenzulernen.


Rezensentin
Andrea Monzel
Dipl.-Sozialpädagogin. Jugendtreff in Siegen-Geisweid. Davor mehrjährige Tätigkeit beim Regionalcaritasverband Wittlich in der Suchtpräventionsstelle.
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Zitiervorschlag
Andrea Monzel. Rezension vom 21.09.2011 zu: Heidi Kuttler, Franz Schmider: Filmriss, Koma, Suchtgefahren? Wie Eltern ihr Kind schützen können. Balance Buch + Medien Verlag (Köln) 2011. ISBN 978-3-86739-062-0. Reihe: BALANCE Ratgeber - Jugend + Erziehung. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/11328.php, Datum des Zugriffs 27.05.2016.


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