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Joachim Dabisch (Hrsg.): Autonomie und Selbstachtung

Cover Joachim Dabisch (Hrsg.): Autonomie und Selbstachtung. Zum situativen Ansatz Paulo Freires. Paulo Freire Verlag (Oldenburg) 2010. 155 Seiten. ISBN 978-3-86585-012-6. 22,90 EUR.

Reihe: Freire-Jahrbuch - 12.
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Thema

Bereits zum zwölften Mal legt die in Oldenburg ansässige Paulo-Freire-Kooperation ihr Jahrbuch vor. Der Band besteht aus einer Sammlung von Texten, die direkt oder indirekt Bezug auf die pädagogischen Leitgedanken des brasilianischen Pädagogen Paulo Freire (1921-97) nehmen und aus unterschiedlichen Perspektiven und verschiedenen Kontexten sich mit dem Aspekten von Autonomie und Selbstachtung auseinandersetzen. An einigen Beispielen soll dies hier aufgezeigt werden.

Ausgewählte Inhalte

Ronald Lutz stellt in seinem thematisch einleitenden Beitrag zum Jahrbuch seine Überlegungen zu „Autonomie und Selbstachtung“ vor und belegt anhand von neun Thesen die Notwendigkeit der kritischen Reflexion dieser Termini. Ausgehend von einer Betrachtung der „erschöpften Moderne“ und den Anliegen einer „praktischen Ethik“, basierend auf den Konzepten der Menschenrechte und Sozialer Gerechtigkeit, wird die Prozesshaftigkeit und die Dynamik der menschlichen Entwicklung beschrieben, die nur dann zu einem positiven Resultat führen kann, wenn die gesellschaftliche Ordnung als „offenes Projekt“ verstanden wird, das Verwirklichungs- und Gestaltungschancen für die Individuen ermöglicht. Die Idee einer „Sozialen Stadt“ wird skizziert, Veränderungsansätze im Sinne einer „Befreiung“ (Freire) aufgezeigt. Denn: „Die Gegenwart ist immer ein Raum des Möglichkeitssinns, der Visionen des ganz Anderen enthält.“

Arnold Köpcke-Duttler fragt in seinem Artikel nach „Menschliche Würde und Solidarität mit den Schwachen“ und geht auf „ein konkretes Verständnis menschlicher Würde“ ein. Es wird aufgezeigt, dass ein integratives und inklusives Bildungsverständnis für Menschen mit einer Beeinträchtigung resp. Behinderung als ethische Grundforderung gesehen werden muss, um zu einer „Solidarität der in ihren Lebensmöglichkeiten gehinderten Menschen“ zu gelangen.

Einen konkreten pädagogischen Praxisbezug stellt auch Dieter Wolfer in seinen Überlegungen zu „Partizipation und Lobbyarbeit für Strassenkinder“ her und stellt das Bündnis für Strassenkinder vor, das – 2009 in Dresden gegründet – eine überregionale Vernetzung von Initiativen und Projekten mit jungen Menschen in besonderen Lebenslagen anstrebt. Die Partizipation von den jungen Menschen wird konkret gelebt, z.B. in der Gestaltung eine Zeitung, die die Lebenslagen und Lebenswelten der betroffenen jungen Menschen von ihnen selbst beschrieben werden.

In einem zweiten Beitrag stellt Ronald Lutz seine kritischen Überlegungen zum Verhältnis von „Sozialarbeit und Befreiung“ vor. In Anbetracht der Feststellung, dass wir uns in einer Zeit des Umbruchs befinden, stellt sich die Frage nach sozialer Gerechtigkeit, staatlichen Umverteilungsmaßnahmen und Ökonomisierungsprozessen neu, aber auch die nach der Rolle der Sozialarbeit in diesem Prozess. Die „Neugestaltung des Sozialen“ wird als Notwendigkeit erkannt und -bezugnehmend auf Freire- die Frage nach Überwindung einer „Kultur der Resignation“ gestellt. Für die Soziale Arbeit kann das „Konzept Menschliche Entwicklung“ eine wichtige Orientierung sein.

Joachim Dabisch setzt sich in seinen Überlegungen zum Schluss des Jahrbuches unter dem Titel „Migrationsleistungen“ mit den gegenwärtigen Entwicklungen in der globalisierten Welt und den damit verbunden kulturellen Austauschprozessen auseinander. Es bedarf eines „Höchstmaßes an Einfühlungsvermögen“ um den Herausforderungen eines Dialoges unterschiedlicher Gesellschaftskulturen zu führen und das Fremdsein – verstanden als „Unverständnis von den Zusammenhängen der Welt und das Unvermögen, an den globalen Prozessen zu partizipieren“ – zu überwinden. Die Überlegungen Freires zur „geschlossenen Gesellschaft“, dem dialogischen und entmythologisierenden Ansatz, werden dabei reflektiert und Grundlagen einer aktuellen interkulturellen Pädagogik skizziert.

Weitere Texte lassen sich in diesem Jahrbuch finden:

  • Ein Nachruf auf den 2009 verstorbenen Theaterpädagogen Augusto Boal („Theater der Unterdrückten“) von Dieter Wolfer,
  • eine Beschreibung der „Sozialpädagogischen Gruppenarbeit im St. Elisabeth Verein“ (Heinz-Peter Gerhardt und Burkhard Schops),
  • eine Ausführung zum „Christentum-christlicher Glaube-christliche Geschichte“ von Rudi-Karl Pahnke,
  • zwei Beiträge von Thomas Friedrich, der sich auf eine „Anthropologische Weltsuche“ begibt und Vinoba Bhave (1895-1982) als „Mahatmas verlorener Nachfolger“ vorstellt.
  • In zwei weiteren Artikeln wird eine „Internationale/ interkulturelle Begegnung zwischen Gruppe aus Deutschland und Israel“ von R.-K. Pahnke und die „Sozialpädagogik im Spannungsfeld der Medien“ (D. Wolfer) beschrieben

Diskussion

Das vorliegende Jahrbuch erlaubt einen Einblick in das von den verschiedenen Verfassern vorgestellte Verständnis des situativen Ansatzes von Paulo Freire. Es zeigt die aktuellen Bezüge und eine weiterführende Diskussion zu den pädagogischen Theorien Freires auf, teils in implizierter Form. Es ist der Paulo-Freire-Kooperation zu verdanken, dass die kritische Rezeption Freires und der dialogische Diskurs um dessen Konzeption weitergeführt und aus dem gegenwärtigen (welt-) gesellschaftlichen Kontext thematisiert wird. Leider findet sich keine Autorin in der Liste der Beitragsschreibenden, es wäre sicherlich interessant, aus der Perspektive beider Geschlechter die Haltungen und Grundüberlegungen einer Freire´schen Pädagogik zu betrachten.

Fazit

Die 2010 im Paulo-Freire-Verlag Oldenburg erschienene Publikation stellt einen sehr lesenswerten Beitrag zu pädagogischen, ethischen und gesellschaftlichen Fragen dar und versucht Antworten aus einer „befreienden“ Perspektive zu diskutieren. Ein gelungenes Bändchen, das zur Lektüre empfohlen wird.

„Das Aktuelle an Paulo Freire ist, das er nicht mehr aktuell ist“, hat eine Kollege neulich in eine Diskussion eingebracht. Das Freire-Jahrbuch 12 zeigt die Aktualität der Diskussion zu den Überlegungen Freires auf.


Rezensent
Dipl. Pädagoge Andreas Schauder
Hochschule für Soziale Arbeit, Fachhochschule Nordwestschweiz, Olten / Basel
Homepage www.fhnw.ch/sozialearbeit
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Zitiervorschlag
Andreas Schauder. Rezension vom 22.09.2011 zu: Joachim Dabisch (Hrsg.): Autonomie und Selbstachtung. Zum situativen Ansatz Paulo Freires. Paulo Freire Verlag (Oldenburg) 2010. ISBN 978-3-86585-012-6. Reihe: Freire-Jahrbuch - 12. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/11335.php, Datum des Zugriffs 23.07.2016.


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