Werner Burgheim (Hrsg.): Qualifizierte Begleitung von Sterbenden und Trauernden
Werner Burgheim (Hrsg.): Qualifizierte Begleitung von Sterbenden und Trauernden. Medizinische, rechtliche, psycho-soziale und spirituelle Hilfestellungen. Forum Verlag (Merching) 2004. 1000 Seiten. ISBN 978-3-89827-374-9. 49,00 EUR.
DIN A 5 Ringordner. Grundwerk 2001. Loseblattwerk mit 4 Aktualisierungen pro Jahr (März, Juni, September, Dezember). ca. EUR 28,- € zzgl. MwSt. (Aktualisierung) .
Herausgeber / Autoren / Autorinnen
Der Herausgeber Prof. Dr. phil. Werner Burgheim ist Professor für Pädagogik, Lehrbeauftragter, Sachverständiger in der Ethikkommission des Landes Rheinland-Pfalz, Vorsitzender der Internationalen Gesellschaft für Sterbebegleitung und Lebensbeistand. Er verfügt über langjährige praktische Erfahrungen als Lebenskrisenberater und Sterbebegleiter.
Insgesamt 25 Autoren aus vielen Bereichen der Wissenschaft, sowie Praktiker aus der Hospizbewegung sind an diesem Werk beteiligt. So sind an diesem Handbuch Ärzte, Professoren, Theologen, Seelsorger, Sozialpädagogen, Soziologen, haupt- und ehrenamtliche Sterbe- und Trauerbegleiter, Pflegedienstleiter, Psychologen, Heilpraktiker, Germanisten, systemische Familientherapeuten, Verhaltensforscher und Mitarbeiter aus dem Pflegedienst beteiligt.
Zielgruppen
Dieses Buch richtet sich in erster Linie an Personen, die professionell und / oder ehrenamtlich in der Sterbebegleitung tätig sind. Genauere Angaben zur Zielgruppe gibt es seitens des Herausgebers nicht. So will dieses Handbuch vor allem "bei der Sterbe- und Trauerbegleitung und bei [...] Fragen und Problemen [...] ein guter Begleiter sein" (Kap. 1.1, S. 3)
Konzeption, Aufbau und Inhalte
Mit dem Ziel, dieses Werk ständig auf einen aktuellen Stand zu halten bzw. um es immer wieder ergänzen zu können, erstellte man das Konzept einer Loseblattsammlung. Die Blätter befinden sich in einem ca. 9 cm dicken (ziemlich unhandlichem) Din-A5 Ringordner. Dort werden unterteilt in 10 Kapiteln auf ca. 900 Seiten alle relevanten Informationen zur Sterbebegleitung vermittelt. Die Abonnenten des Buches bekommen nicht nur alle Aktualisierungen zugeschickt, sie können auch direkt Fragen an den Herausgeber stellen. Dieser Herausgeber-Service beinhaltet die Beantwortung auftretender Fragen innerhalb von 7 Werktagen.
Wenn man das Ringbuch in die Hand nimmt und sich einen ersten Eindruck verschafft, so sollte man Zeit haben. Allein das erste Kapitel, bestehend aus Inhalts- und Stichwortverzeichnis, umfasst ca. 20 Seiten. Dabei ist das eigentliche aussagekräftigere Inhaltsverzeichnis am Anfang des jeweiligen Kapitels, da hier auch die Unterpunkte aufgeführt sind. Es gehört zum Konzept, möglichst gut zu strukturieren, damit eine Aktualisierung der jeweiligen Blätter möglich ist. Darauf sollte sich der Leser einstellen.
Das Handbuch beschäftigt sich zunächst mit unserem heutigen Verständnis von Sterben und Tod.
Reflexionen über Sterben und Tod, Sterben als Krise und ausführliche Beschreibungen von Krise, Krisenvielfalt und Sterben als die Konzentration aller Krisen. Wobei ein großer Wert auf die Bivalenz von Krisen gelegt wird, d.h. auch das Sterben als eine "Chance" zu sehen. Ein Zitat von Werner Burgheim: "Wertvolle Lernangebote, die in den vielen kleinen Sterbe- und Verlustsituationen des Lebens liegen, gehen verloren. Sie können als wichtige letzte Erfahrung in das Sterben eingebracht werden." (Kap. 2.2.3 Seite11)
Es folgt eine Auseinandersetzung mit dem Leiden am Leiden. Sterben lernen heißt leben lernen und über die Suche nach den Sinn im Leben und Sterben. Es geht weniger um die gesellschaftliche Ebene, eher um die persönliche Auseinandersetzung.
Die gesellschaftliche Umsetzung des Themas wird beispielhaft angedeutet, so z.B. der Umgang mit dem Thema Tod in Computerspielen. Kritisiert wird der fehlende Glaube. Und am Schluß wird die Frage gestellt, was man von einem Sterbenden lernen kann.
Im darauf folgenden Kapitel (Ganzheitliche Versorgung und Begleitung sterbenskranker Menschen und deren Angehörigen) wird auf psycho-soziale Unterstützung, seelsorgerische und spirituelle Begleitung eingegangen. Dieses Kapitel macht allein schon vom Umfang einen großen Teil des Ordners aus. Die Grundlagen der Palliativ-Care-Konzepte, inklusive Schmerzmedikation, werden erklärt und deren Umsetzung in der ambulanten und stationären Praxis beschrieben. Die Einbindung des AEDL-Ansatzes (Aktivitäten und existenziellen Erfahrungen des Lebens nach Monika Krohwinkel) nimmt hier als ein Beispiel eines Palliativ-Pflegekonzeptes einen wichtigen und großen Umfang ein. ( Kapitel 3.4.6.1 - 3.4.6.14 umfasst ca. 40 Seiten)
In diesem Abschnitt wird auch die Arbeit mit Angehörigen (Kap. 3.5), Sterbebegleitung von verwirrten Personen (Kap. 3.6) und anschließend Sterbebegleitung von Kindern (Kap. 3.7) thematisiert.
Das vierte Kapitel ist der verbalen und nonverbalen Kommunikation gewidmet. Die Grundlagen, sowie gezielte Hilfestellungen für Gespräche und Beispiele in der praktischen Umsetzung. Im Hauptteil dieses Kapitels werden Erfahrungen von Kunsttherapie mit Sterbenden und Trauernden, sowie hilfreiche Rituale weitergegeben.
In einem weiteren umfangreichen Teil beschäftigen sich die Autoren mit der Trauerarbeit und Trauerbegleitung, hier werden ausführlich Krisen- und Sterbephasen erläutert. Dabei werden auch Trauerberatungskonzepte vorgestellt.
Ein Extrakapitel ist hier die pädagogische Aufgabe ( als Appell ) in Kindertageseinrichtungen.
Im nächsten Abschnitt wird die Hospizbewegung vorgestellt und Hospizarbeit mit Schwerpunkt Mitarbeitermotivation beschrieben. Dabei wird Hospizarbeit dargestellt, wie sie in anderen Ländern geschieht. Exemplarisch Hospizarbeit in den Ländern England, Kenya und Amerika. Anschließend folgen die Erklärungen, wie man sich in den unterschiedlichen Religionen das Sterben und die Sterbebegleitung vorstellt.
Im psychosozialen Bereich steht zurzeit das Thema Qualitätssicherung / Qualitätsmanagement im Mittelpunkt. Das Kapitel 7 beschäftigt sich ausschließlich mit diesem Thema. Wie muß eine Dokumentation in der Sterbebegleitung aussehen? In welchem Zusammenhang steht dies mit der Finanzierung?
Teil 8 beinhaltet Formulare über Patientenverfügungen, Betreuungsverfügungen und Vorsorgevollmachten. Gerade rechtliche Fragen werden hier mit Informationen geklärt. Wichtiger Schwerpunkt sind hier die zwei Unterkapitel Organtransplantation und Euthanasie.
Abgerundet wird das Handbuch mit Berichten aus der Praxis. Hier werden gemachte Erfahrungen anhand einzelner Dokumentationen weitergegeben. Sterbebegleitung kann reflektiert werden. Die Trauerbegleitung der Hospizhelfer wird angesprochen. Das Sterben zu Hause oder in Senioreneinrichtungen und Bedürftigkeiten aller Beteiligten ist hier ein Gesichtspunkt.
Allgemeine Einschätzung
Wie die eben aufgeführte Inhaltsübersicht schon andeutet: Eine Fülle von Ratschlägen und Tipps in Bereichen der Sterbebegleitung. Der hohe Anspruch, ein umfassendes Werk zu diesem Thema anzubieten, äußert sich durch eine "Materialsammlung" (Kap. 1.1, Seite 4), die in verschiedenen Bereichen vor allem Grundlagen der Theorie vermittelt, ergänzt um einen praktischen Teil, der aber wesentlich weniger Gewicht hat. Schwerpunkte des Werkes sind die ganzheitliche Versorgung und Begleitung sterbenskranker Menschen und deren Angehörigen, sowie der Bereich Trauerarbeit und Trauerbegleitung.
Das Konzept beinhaltet eine gute "Strukturierung" und so bekommt man auf Seite 7 im Kapitel 5.6.3.2.2 Informationen über "unbekannte intervenierende Dritte" als "negativ-/destruktiv-gefühlsorientierte Klienten", die als eine Aufgabe des Bestatters dargestellt werden. Auf diese starke Unterteilung sollte man sich schon einstellen. Dieses Zitat lässt vielleicht vermuten, dass die Schreibweise sehr kompliziert ist. Die Schreibweise der 25 Autoren unterscheidet sich zwar zum Teil deutlich, aber die Themen werden leicht verständlich und gut lesbar vermittelt, wobei hier von einem guten Grundwissen ausgegangen wird. Das wird schon allein dadurch deutlich, dass in komprimierter Form Theorien vorgestellt werden, die so mancher Sozialpädagoge, Psychologe etc. im Studium ausführlich bearbeitet hat. Darunter fallen Theorien von Schmidbauer, Schulz-von-Thun, Maslow, Herzberg, Frankl, Erikson, Rogers, Bettelheim, Watzlawick und andere Experten aus dem speziellen Bereich Sterbe- und Trauerbegleitung wie z.B. Kübler-Ross, Canakakis, Mennemann, Rest und viele andere.
Literaturhinweise und Zitate werden nicht immer korrekt wiedergegeben. Nach jedem Unterkapitel folgt die Literaturliste, die z.T. sehr kurz ist, so wird das Suchen nach weiterführender Literatur anstrengend. Das Finden von Aussagen nach Autoren ist nicht möglich, da es kein Verzeichnis von Autoren gibt.
Auch das Stichwortverzeichnis erweist kleine Irritationen. So wird z.B. Buddhismus erwähnt und man findet auch das Stichwort Zedernholz-Duftöl oder Non-heart-beating donors, aber kein Wort von Christentum oder Geruch / Riechen, Atemtherapie.
Einige Aussagen und Gewichtungen sind nachdenkenswert und spiegeln eine Einstellung, die unter Umständen hinterfragt werden sollte. Ein Beispiel wäre die Aussage von Christine Drößler: " Profis (ehren- und hauptamtliche) aus den verschiedensten Bereichen, die mit Sterben, Tod und Bestattung zu tun haben, sollten endlich auch einmal in Kindergärten und Schulen gehen und Kindern, die ein großes Interesse am Sterben und Tod haben (also eine gute Lernbasis), erzählen und Fragen ehrlich beantworten." (Kap. 5.6.4.10 Seite 8-9)
Ein Beispiel von Gewichtung wäre das Kapitel 4. Hier wird die Möglichkeit der Kunsttherapie, in diesem Fall Malen von Bildern, ausführlich mit Fallbeispielen über 20 Seiten beschrieben. Andere Formen von Therapien, wie z.B. Atem- und Musiktherapie könnten genauso beschrieben werden. Im Kapitel 6 fehlen drei, vorher angekündigte Kapitel, die den Umgang mit Sterbenden in den Religionen Buddhismus, Christentum und Judentum beschreiben.
Abgesehen von den vorher beschriebenen Kritikpunkten ist der Informationsgehalt enorm. In so vielen Bereichen innerhalb der Sterbebegleitung werden Ratschläge, Grundlagen, Denkanstöße gegeben, dass es Spaß macht, in dem Werk zu blättern. Endlich ein Verlag, der den Mut hat, zu diesem brisanten Thema, ein so ausführliches, ständig aktualisiertes Handbuch herauszugeben. Aber muss es eine Loseblattsammlung sein? In vielen Kapiteln geht es um Grundlagen, die in sich geschlossen sind. Aktualisierungen sind im Bereich Gesetzesänderungen möglich, ansonsten ginge es vielmehr um Ergänzungen, wobei sich hier die Frage stellt, wann der Rahmen gesprengt ist. Der Ordner hat eine Dicke von 9 cm, ist unhandlich, schwer und wird nicht mal eben von einem Ort zu einem anderen transportiert ( wenn er in einer Tasche passt). Vielleicht wäre ein gebundenes Buch, welches in Neuauflagen überarbeitet und aktualisiert wird, eine Alternative.
Fazit
Für alle Sterbebegleiter, die beruflich sich mit den Grundlagen auseinandergesetzt haben, ist dieses Werk ein gutes Nachschlagewerk. Als Anschaffung eines einzelnen Hospizmitarbeiter ist der Preis mit 49 EUR sehr hoch und zu überdenken, aber in einer Hospizeinrichtung als Auslage sehr empfehlenswert. Jedem, der in einem Hospiz tätig ist, sollte dieses Nachschlagewerk zur Verfügung gestellt werden, da sehr, sehr viele Informationen in einem Ordner, gestrafft, schnell zur Verfügung stehen. Wichtige Theorien sind gut strukturiert zusammengefasst und man kann sein Wissen (vielleicht vorher in einem Seminar ausführlich erarbeitet) auffrischen und um aktuelle Neuerungen ergänzen. Die Besonderheit und die Stärke des Buches liegen darin, daß auf dringende Fragen im Stichwortverzeichnis die passenden Stelle sofort gefunden und nachgeschlagen werden kann. Man braucht sich nicht durch mehrere Bücher durchzuwühlen und hat alle Bereiche in einem Werk.
Anmerkung der Redaktion: Die Rezension basiert auf der Auflage 2003.
Rezensentin
Soz.Päd. Erika Daniels
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Zitiervorschlag
Erika Daniels. Rezension vom 27.01.2004 zu: Werner Burgheim (Hrsg.): Qualifizierte Begleitung von Sterbenden und Trauernden. Forum Verlag (Merching) 2004. 1000 Seiten. ISBN 978-3-89827-374-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/1135.php, Datum des Zugriffs 17.05.2012.
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