socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Selma Fraiberg: Seelische Gesundheit in den ersten Lebensjahren

Cover Selma Fraiberg: Seelische Gesundheit in den ersten Lebensjahren. Studien aus einer psychoanalytischen Klinik für Babys und ihre Eltern. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2011. 388 Seiten. ISBN 978-3-8379-2018-5. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 47,90 sFr.

Reihe: Bibliothek der Psychoanalyse.
Recherche bei DNB KVK GVK.
Siehe auch Replik oder Kommentar am Ende der Rezension.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Selma Fraiberg und ihre MitautorInnen schildern den Aufbau und die Arbeit einer Beratungsstelle für kleine Kinder und ihre Eltern. In diesem Modellprojekt wurden Therapien für Säuglinge und Kleinkinder im Alter zwischen 0 und 3 Jahren sowie Aus- und Fortbildung in der Arbeit mit Babies und Kleinkindern mit Entwicklungsstörungen angeboten. Die AutorInnen entwickelten psychoanalytisch fundierte Interventionsmethoden für Kinder, deren körperliche und/oder seelische Entwicklung gefährdet war, und für ihre oft jungen, traumatisierten und in Armut lebenden Eltern.

Kinder und Eltern in solchen Lebenssituationen sind für therapeutische Hilfen nicht leicht erreichbar. Der Schwerpunkt des Buches liegt daher auf der Darstellung unterschiedlicher Formen der Arbeit mit diesen sozial benachteiligten Kindern und ihren Eltern und den dabei auftretenden Herausforderungen.

Herusgeberin und Entstehungshintergrund

Selma Fraiberg ist Sozialarbeiterin und Kinderanalytikerin und eine Pionierin der Therapie mit Säuglingen, Kleinkindern und ihren Eltern. Ihr an der University of Michigan aufgebautes Modellprojekt wurde zum Vorbild ähnlicher Institutionen in den USA und Europa. Bekannt geworden ist sie auch durch die Darstellung ihrer psychotherapeutischen Hausbesuche („Küchenpsychotherapie“ – therapy in the kitchen) und ihre Arbeit über die transgenerationale Weitergabe von Erfahrungen, die sie anschaulich mit dem Bild der „Gespenster im Kinderzimmer“ („ghosts in the nursery“) beschrieb.

Selma Fraiberg ist Autorin einzelner Kapitel und Herausgeberin dieses Buches, das durch Beiträge anderer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Child Development Projects ergänzt und vervollständigt wird (Edna Adelson, Carolyn R. Aradine, John W. Bennett, Jr., Vicki Bennett, Peter Blos, Jr., Selma Fraiberg, Alicia F. Lieberman, Jeree Pawl, Vivian Shapiro, Deborah Spitz Cherniss, Betty Tableman und Howard Uman).

Das 1980 in englischer und später auch in französischer Sprache publizierte Buch ist ein Standardwerk der frühen Eltern-Kind-Therapie.

Aufbau

Der Inhalt des Buches stellt in 12 Kapiteln einen anregenden und lebendigen Erfahrungsbericht der Autorin und ihrer MitarbeiterInnen dar, der ihre engagierte Arbeit in der frühen Eltern-Kind-Therapie innerhalb des Child Development Projects veranschaulicht.

Der Aufbau entlang zahlreicher Fallgeschichten erschließt auch für Leser mit wenig theoretischem Vorwissen die Arbeit einer psychoanalytisch ausgerichteten Beratungsstelle. Die Autoren wechseln dabei zwischen einer detaillierten Darstellung einzelner Szenen der Begegnung zwischen Kindern, Eltern und BeraterInnen/TherapeutInnen, dem Verlauf einer Sitzung und der Perspektive auf den Verlauf einer Therapie. Theoretische Überlegungen und Erfahrungen mit dem Aufbau und der Organisation eines solchen Beratungszentrums werden in die Fallgeschichten einbezogen. Ein zentrales Literaturverzeichnis und ein Sach- und Personenregister fehlen.

Inhalt

Das kurze Vorwort klärt die in dem Buch vorgenommene Unterscheidung in „Kurzinterventionen bei Krisen“, eine „entwicklungsbezogene stützende und anleitende Therapie“ und „Eltern-Kind-Intensivtherapien“. Indikationen für die verschiedenen Vorgehensweisen werden genannt (M. Augustin-Forster). Selma Fraiberg beschreibt dann sehr anregend ihre Forschungen mit dem Schwerpunkt auf der Entwicklung eines Child-Development Centres. Sie betont die Herausforderungen, die im Finden eines Zugangs zu „allen“ Kindern und gerade sozialen Risikogruppen liegen. Das Baby wird dabei als zentraler Motivator für das Einleiten von Veränderungen den Familien gesehen. Sie stellt die klinische Begutachtung des Säuglings und seiner Familie mit Beispiele dar und gemeinsam mit Vivian Shapiro und Deborah Spitz Cherniss die Behandlungsmodalitäten ihrer Arbeit.

Nach diesem ersten Drittel des Buches (110 Seiten) werden die Konzepte und die Arbeit der Beratungsstelle an Fallbeispielen ausführlich verdeutlicht: zwei kurze Kriseninterventionen (Selma Fraiberg, Vivian Shapiro, Vicki Bennett und Jeree Pawl), eine Entwicklungsberatung und stützende Behandlung für ein Kleinkind mit Gedeihstörung und seine adoleszente Mutter (Deborah Spitz Cherniss, Jeree Pawl und Selma Fraiberg) und die Behandlung eines Kindes mit einer Traumatisierung in der Neonatalphase (Carolyn R. Aradine, Vivian Shapiro und Howard Uman).
Das Konzept der Gespenster im Kinderzimmer“ zur Behandlung gestörter Mutter-Säugling-Beziehungen wird von Selma Fraiberg, Edna Adelson und Vivian Shapiro an zwei detaillierten Fallgeschichten dargestellt. „Gespenster“ kommen als heimliche Besucher aus eigener, nicht erinnerter und konfliktbeladener Vergangenheit der Eltern in das Kinderzimmer. Sie nisten sich in der aktuellen Eltern-Kind-Beziehung ein und nehmen dort unerkannt Einfluss.

Weitere Beispiele folgen zu Gedeihstörungen („Baby-Mutter-Psychotherapie zum Wohle eines Kindes in kritischem Ernährungszustand“, Vivian Shapiro, Selma Fraiberg und Edna Adelson), zu Vernachlässigung („Eine verstoßene Mutter, ein verstoßenes Baby“, Edna Adelson und Selma Fraiberg), und zu Schwierigkeiten um die Geburt eines zweiten Kindes („Dem Baby einen Weg bahnen“, Alicia F. Lieberman und Peter Blos). Zwei Kapitel zur fokussierten klinischen Arbeit mit dem Bayley-Entwicklungstest in der Beratung (Jeree Pawl und John W. Bennett) und zur Etablierung der Arbeit mit Säuglingen und ihren Eltern an psychiatrischen Einrichtungen („Am Anfang beginnen, Vivian Shapiro, Edna Adelson und Betty Tableman) beschliessen das Buch.

Als zentralen positiven Ansatzpunkt für die Entwicklung und Durchführung der frühen Eltern-Kind Therapie bzw. Baby-Mutter-Therapie sehen die Autorinnen und Autoren den Wunsch aller Mütter und Väter, gute Eltern zu sein: „Mein Kind soll es einmal besser haben als ich!“. Sie beschreiben, dass sich dadurch auch Eltern mit eigenen schwierigen Kindheitserfahrungen (Vernachlässigung, Gewalt, Missbrauch, etc.) und einer oft beobachteten negativen Übertragung gegenüber Menschen, die ihnen „helfen wollen“, für eine therapeutische Intervention öffnen. Immer wieder wird herausgearbeitet, wie den MitarbeiterInnen der Beratungsstelle ein Zugang zu sonst nicht für soziale und therapeutische Hilfen offene Familien doch gelingt. Dabei finden entwicklungspsychologische Fachbegriffe wie z.B. Übertragung, Triangulierung, Arbeit mit Affekten eine praxisnahe Anwendung. Die AutorInnen behalten dabei sowohl die Situation der Kinder als auch die ihrer Eltern im Fokus. Über einen verstehenden und Verstehen vermittelnden Zugang zur Eltern-Kind Beziehung beschreiben sie eindrucksvolle Behandlungsverläufe.

Diskussion

Das Buch kann als ein umfassender Praxisbericht gelesen werden. Es ist sehr gut verständlich und regt dazu an, die Erfahrungen der AutorInnen für die eigene Arbeit zu nutzen – und ihnen nachzueifern. Dies ist vor dem Hintergrund der Etablierung von Eltern-Kind Zentren in Deutschland und der Verbreitung einer frühe Interaktionsstörungen aufnehmenden Säuglings-Kleinkind-Eltern Therapie von großem Interesse.

Als ein Bericht aus der Praxis ist das Buch 1980 erschienen und in der deutschen Übersetzung nur durch ein aktuelles Vorwort ergänzt worden. Fachleute werden die wissenschaftliche Einordnung der Erfahrungen und Verweise auf Literatur vermissen. Vielleicht werden sie beim Lesen angeregt, die Beobachtungen und Erfahrungen der Autorinnen selbst einzuordnen – etwa in Hinsicht auf die Handhabung von dyadischen und triadischen Beziehungsmustern, auf „antwortende“ Interventionen oder die Förderung von Mentalisierung. Die Begeisterung der AutorInnen für ihre Arbeit ist deutlich. Dass ausschließlich erfolgreich verlaufende Fallbeispiele beschrieben werden, kann kritische Leser aus heutiger Sicht befremden – gibt es auch weniger überzeugend erfolgreiche Erfahrungen mit dieser Arbeit?

Fazit

Das Buch von Selma Fraiberg und ihren MitarbeiterInnen ist ein Standardwerk der Säuglings-Kleinkind-Eltern Therapie und der Beratung junger Familien. Mit der deutschen Übersetzung dieses Klassikers werden die Erfahrungen und Konzepte der AutorInnen für einen größeren Kreis von Interessierten im Original zugänglich. Leser lernen etwas über die Entwicklung und den Aufbau einer multiprofessionellen Beratungsstelle für Familien in schwierigen sozialen Verhältnissen; Konzepte für diese Arbeit (wie „Küchenpsychotherapie“ oder „Gespenster im Kinderzimmer“) werden anschaulich erklärt; die AutorInnen zeigen Beratungs- und Therapiemöglichkeiten und deren Indikationen; sie beschreiben, wie ein therapeutisches Bündnis mit den in der Regel zunächst misstrauischen und gegenüber Helfern kritisch eingestellten Familien zustande kommen kann; und sie werben für die großen Chancen ihres Vorgehens.

Viele Fallbeispiele tragen zu einer lebendigen, praxisnahen und anschauliche Darstellung bei. Auch für Leser ohne psychoanalytische oder psychotherapeutische Vorkenntnisse ist das Buch gut verständlich.

Zur aktuellen Diskussion um eine früh einsetzende Prävention psychischer Störungen kann das Buch breit empfohlen werden: Studierenden der Frühpädagogik und Sozialen Arbeit, Sozialarbeiter, Kinder -und Jugendlichenpsychotherapeuten, Säuglings – Kleinkind – Eltern – Psychotherapeuten, Ärzte für Kinder-und Jugendlichenpsychiatrie und Kinderärzte werden aus den Erfahrungen und Konzepten der Gruppe um Selma Fraiberg für ihre Arbeit Nutzen ziehen.


Rezensent
Prof. Dr. Hermann Staats
Professor für psychoanalytische Entwicklungspsychologie an der Fachhochschule Potsdam
E-Mail Mailformular


Kommentare

Die Rezension wurde gemeinsam mit Stefan Kernbach Crone und Charlotte Mehner (Studierende im Studiengang Bildung und Erziehung in der Kindheit) verfasst.


Alle 13 Rezensionen von Hermann Staats anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Hermann Staats. Rezension vom 04.11.2011 zu: Selma Fraiberg: Seelische Gesundheit in den ersten Lebensjahren. Studien aus einer psychoanalytischen Klinik für Babys und ihre Eltern. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2011. ISBN 978-3-8379-2018-5. Reihe: Bibliothek der Psychoanalyse. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/11381.php, Datum des Zugriffs 01.07.2016.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 12.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!