Andreas Anton: Unwirkliche Wirklichkeiten

Cover Andreas Anton: Unwirkliche Wirklichkeiten. Zur Wissenssoziologie von Verschwörungstheorien. Logos Verlag (Berlin) 2011. 140 Seiten. ISBN 978-3-8325-2798-3. D: 22,00 EUR, A: 22,60 EUR, CH: 40,00 sFr.

Reihe: PeriLog - Freiburger Beiträge zur Kultur- und Sozialforschung - 5.

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Thema

Verschwörungstheorien gehören zu jenen subversiven Wissensbeständen, die im Alltagsdiskurs durchaus präsent sind, hinsichtlich der gesellschaftlichen Anerkennung ihrer Inhalte jedoch weitgehend ein Schattendasein fristen: Sie gelten als Inbegriff von (meist ideologisch aufgeladenen) Überzeugungssystemen, die für gewöhnlich weder bewiesen, noch widerlegt werden können. Die weit verbreitete Unterstellung, Verschwörungstheorien lieferten „verheimlichtes Wissen“ und damit eine konspirative Wahrheit, die vor der Öffentlichkeit verborgen gehalten wird, legt nahe, sich des Themas von einer explizit wissenssoziologischen Sichtweise aus zu nähern.

Autor

Andreas Anton studierte Soziologie, Geschichte und Kognitionswissenschaft an der Universität Freiburg. Er arbeitet am Freiburger Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene.

Entstehungshintergrund

Die Studie basiert auf der Magisterarbeit des Verfassers, die im Sommersemester 2010 an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg eingereicht wurde. Sie erscheint als Band 5 der von Michael Schetsche und Renate-Berenike Schmidt edierten Reihe „PeriLog. Freiburger Beiträge zur Kultur- und Sozialforschung“.

Aufbau

Auf ein kurzes Vorwort der Reihenherausgeber folgen acht Kapitel. Neben der Einleitung und einer Begriffsbestimmung geht es um Erscheinungsformen und Funktionen von Verschwörungstheorien, um die wissenssoziologische Perspektive, um das Fallbeispiel „9/11“, um einen Blick auf die Medienberichterstattung zu diesem Fall, und schließlich um den Versuch einer soziologischen Theoretisierung des Phänomens Verschwörungstheorie.

Inhalt

Wer sich mit Verschwörungstheorien befasst, tangiert eine „unseriöse“ Grenzerscheinung, die traditionell zwischen Fakt und Fiktion oszilliert (13 f.). Die bekanntesten Beispiele sind mitunter jahrhundertealt: Hexen, Satanisten, Freimaurer, aber auch die „Logik“ von Geheimdiensten sind typische Aufhänger für Verschwörungstheorien (33 ff.); erst Recht aber ein so komplexes, dem unmittelbaren Verständnis sich entgegen stemmendes Ereignis wie „9/11“, dem Verschwörungstheorien vielfache „Alternativdeutungen“ verliehen haben (86).

Gemeinsam ist wohl allen Verschwörungstheorien, dass sie ein „besseres“, tieferes Erklärungswissen für spezifische Weltaspekte anbieten. Im Sinne nahezu postmodern anmutender Relativierungen von „Einzelwahrheiten“ (46) liefern sie, zuweilen getarnt durch den ohnehin grassierenden Informationsüberschuss (47), Erklärungsmodelle, die den Zufall nicht länger für Zufall halten und vermeintliche Intentionalitäten enthüllen (vgl. 54).

Der Autor spricht von kollektiven Deutungsmustern, die die Verschwörungstheorie als „Spezial- oder Sonderwissen“ bereit halte (67); ihre Funktion sei neben der Reduktion von Komplexität die Antizipation von Situationsentwicklungen, die Verständigung über Grenzsituationen und schlussendlich die Erzeugung sozialer Gemeinschaft (77 f.). Entscheidend ist überdies die Differenzierung von verschwörungstheoretisch aufgeladenen Mythen und Alltagstheorien und die Abgrenzung zur bloßen Meinung (81 ff.).

Das Beispiel 11. September bietet sich als aktueller Kristallisationspunkt vielfältiger Konspirationsunterstellungen an: „Die Annahme einer Verschwörung bietet eine Erklärung für komplexe Vorgänge und lässt diverse Ereignisse ‚sinnvoll‘ erscheinen“ (84) – insbesondere solche, die sich aus sich heraus auf den ersten Blick nicht vollständig entschlüsseln! Wie schon die „neue Wissenssoziologie“ von Peter L. Berger und Thomas Luckmann konstatiert hat, ist prinzipiell jeder Part der gesellschaftlichen Wirklichkeit gefährdet, von abweichenden Auslegungen über die Sinnhaftigkeit der Welt überwältigt zu werden (101). So gesehen, bündeln Verschwörungstheorien „unerwünschtes Wissen“ (111), weil sie immerzu andeuten, dass hinter dem Oberflächenschein ein komplexes Geflecht geheimer Zusammenhänge lauert. Bei all dem schaffen Verschwörungstheorien spezifische Sinndeutungen, keine beliebigen; sie fallen vergleichsweise konkret aus, meist jedenfalls konkreter als die häufig „unvollständige“ Wirklichkeitsbetrachtung, die gesellschaftlich vorherrscht (vgl. 115 f). Zu berücksichtigen ist, so der Verfasser am Ende seiner Studie, dass Verschwörungstheorien durchaus von einer realen Substanz getragen sein können, wie die Geschichte immer wieder gezeigt hat; folglich ist es falsch, einerseits von einer „apriorische[n] Fixierung des Wahrheitsgehaltes“ (115), und damit andererseits vom Definitionsmerkmal pauschaler Falschheit zu sprechen (124).

Diskussion

Verschwörungstheorien sind Erkenntnisinstrument und Legitimierungsmittel in einem (vgl. 57): Sie dienen der Entbergung eines geheimen Wissens, dessen erst zu entbergende Existenz a posteriori das verschwörungstheoretische Unternehmen zu rechtfertigen verspricht! Problematisch ist jedoch, dass diese Kausalkette nur selten greift. Die populären Verschwörungstheorien der Gegenwart (zu denen etwa die Kontroverse um die Mondlandung oder die jüdische Weltverschwörung gehören) sind denn auch nicht auf eine lineare Beweisführung hin angelehnt, sondern kleiden sich in den Nimbus solcher gemeinhin positiv beschiedener Kategorien wie Skepsis und Kritik (vgl. 97). Verschwörungstheorien nutzen überdies die Definitionsmacht des etablierten Wissens aus, indem sie mit nahezu rebellischer Attitüde die Parole hinterfragen, dass das, was abweicht, gemeinhin auch nicht stimmen „darf“. Um „Verschworenheit“ geht es dabei häufig nur in einem bildersprachlichen Sinne. Indem Verschwörungstheorien den (politischen, gesellschaftlichen) Alltag mit alternativen Sinnzuweisungen aufladen, welche bislang nicht oder nur latent vorhandene Wissensbestände etablieren, schaffen sie im äußersten Fall die Bedingungen, vor deren Hintergrund sie sukzessive ihre eigene „Authentizität“ deklarieren können. Durch diese Immunisierungstaktik wird die Widerlegung verschwörungstheoretischer Erkenntnisse nahezu unmöglich – zumindest auf der Ebene des „sicheren Wissens“. (So gesehen, wäre im Titel vielleicht besser von „Unwirklichem Wissen“, denn von „Unwirklicher Wirklichkeit“ die Rede.) Der interessanteste Moment einer Verschwörungstheorie ist ohnehin der Augenblick, an dem der Diskurs kippt – und das Gerücht zur Wahrheit erklärt wird (vgl. 112). Die Durchsetzungsbedingungen „abweichenden Wissens“ sind ein spannendes Thema: Wann, und weshalb, gewinnt die Skepsis die Oberhand, und wann gibt eine Verschwörungstheorie ihren Verschwörungscharakter auf und institutionalisiert sich? Die Studie von Andreas Anton gibt interessante Hinweise, wie mit Verschwörungstheorien aus (wissens-)soziologischer Perspektive umgegangen werden kann, und lädt somit zu entsprechenden Anschlussforschungen an konkreten Beispielen ein.

Fazit

Eine konzentrierte und dennoch vielschichtige Darstellung, die die soziologische Verwertbarkeit des vermeintlichen Schmuddelthemas „Verschwörungstheorie“ auf nachvollziehbare Weise plausibel macht.


Rezensent
Dr. Thorsten Benkel
Universität Passau Philosophische Fakultät Bereich Soziologie
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Zitiervorschlag
Thorsten Benkel. Rezension vom 16.05.2011 zu: Andreas Anton: Unwirkliche Wirklichkeiten. Logos Verlag (Berlin) 2011. 140 Seiten. ISBN 978-3-8325-2798-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/11395.php, Datum des Zugriffs 24.04.2014.


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