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Sabine Kirchhoff, Sonja Kuhnt u.a.: Der Fragebogen

Cover Sabine Kirchhoff, Sonja Kuhnt, Peter Lipp, Siegfried Schlawin: Der Fragebogen. Datenbasis, Konstruktion und Auswertung. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. 5. Auflage. 133 Seiten. ISBN 978-3-531-16788-6. 14,95 EUR.
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Thema

Gegenstand ist das Planen und Durchführen einer größeren schriftlichen Befragung, von der Fragebogenkonstruktion bis zur Berichterstattung. Das Buch bietet ein Modell, um eine Befragung professionell durchzuführen, ermuntert zum Nachmachen und bietet kreative Lösungen. Es eignet sich als Unterrichtsmaterial zum Thema schriftliche Befragung.

Autorinnen und Autoren

Die vier Personen, welche das Buch verfasst haben, waren zum Zeitpunkt der Studie für das Hochschuldidaktische Zentrum (HDZ) der Universität Dortmund tätig. Sie haben zwischenzeitlich berufliche Karrieren unter anderem im Hochschulbereich gemacht.

Entstehungshintergrund

Im Vorwort skizziert Frau Prof. Sigrid Metz-Göckel das zu Grunde liegende Forschungsvorhaben, zu dem es eigenständige Veröffentlichungen gibt: ein zweijähriges Forschungsprojekt zum Studierverhalten in den neuen und alten Bundesländern, finanziert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft und die Universität Dortmund. Das vorliegende Buch zeigt als Zusatzprodukt jenes grossen Projektes methodische und logistische Arbeitsschritte auf und bereitet die gelernten Lektionen auf.

Aufbau

Die ersten neun Kapitel folgen dem Untersuchungsablauf, beginnend bei der Festlegung der Untersuchungsmenge. Das kurze Kapitel 10 fasst das Gelernte zusammen. Neben zwei Vorworten und dem Index enthält die Veröffentlichung den vierzehnseitigen Originalfragebogen.

Inhalt

Kapitel 1 führt fiktive Auslöser für das Befragungsprojekt ein. Unterstellt wird, dass sich in den Massenmedien verschiedene Stakeholder des Hochschulbereichs positioniert haben, indem sie Mängel der Hochschulausbildung behaupten bzw. bestreiten und divergierende Belege anführen. Aus diesen Interessen- und Wahrnehmungsdifferenzen würde ein kritischer Informationsbedarf resultieren, welcher durch empirische Untersuchungen abgedeckt werden müsste, um "die verschiedenen Seiten der Hochschule (zu) beleuchten".

Kapitel 2 behandelt "Grundgesamtheit und Stichprobe". Für deren Festlegung ausschlaggebend ist die Annahme, Fachhochschul-Studierende seien mit der Qualität der Lehre zufriedener als Uni-Studierende. Forschungspragmatisch erfolgt eine Einschränkung auf den Studienort Dortmund. Hier werden drei Studiengänge ausgewählt, die an beiden Hochschultypen angeboten werden, sich aber vermutlich fachkulturell stark unterscheiden. Grundgesamtheit sind die ca. 9.000 Studierenden dieser sechs Studiengänge. Von diesen erhält jede zweite Person einen Fragebogen postalisch zugeschickt.

Kapitel 3 beschreibt, wie der Fragebogen konzipiert wird. Seine Gliederung folgt der Chronologie des Lebenslaufes, von Hochschulzugang und Studienentscheidung über Studiensituation und -alltag bis zu den beruflichen Erwartungen. Angesichts der großen Befragungsgesamtheit werden überwiegend geschlossene Fragen gestellt. Das Kapitel enthält Beispiele sowohl für Fakt- wie für Meinungsfragen, deren Entwicklung nachgezeichnet wird. Als dritte Art werden Verhaltensfragen vorgestellt, schließlich auch Fragen zur Demographie. Die entwickelten Fragebogen-Versionen werden in drei Gruppendiskussions-Formaten intensiv vorgetestet.

Kapitel 4 behandelt die Versendung der Fragebogen, personelle und mediale Werbemaßnahmen und die Organisation des Rücklaufs – sehr kreativ – über Abgabestellen an den Hochschulen. Die eingesparten Portokosten werden in attraktive Prämien für ein Preisausschreiben investiert. Eine geschickte Arbeitsteilung zwischen inhaltlich steuernden Forschenden und versendenden Hochschulverwaltungen ermöglicht es, den Rücklauf der Fragebogen zu kontrollieren und bei Wahrung des Datenschutzes gezielt Erinnerungs-Postkarten zu versenden. Es kommen mit 1.430 Fragebogen beachtliche 30 Prozent zurück. Bezüglich einiger kontrollierbarer Merkmale (Fachzugehörigkeit, Semesterzahl usw.) entspricht die realisierte Stichprobe der Grundgesamtheit. (Diese wird als "repräsentativ" bezeichnet, was eine Überinterpretation ist. Da im weiteren Fortgang des Buches keine inferenzstatistischen Verfahren eingesetzt werden, bleibt dies ohne negative Folgen.)

Kapitel 5 behandelt die Anforderungen und Tücken der Codierung und der Eingabe der Fragebogen-Daten in das Statistikprogramm SPSS. Der Fehlerbereinigung – Ausfüllfehler in den Fragebogen sowie Eingabefehler in die Datenverarbeitung – wird viel Aufmerksamkeit gewidmet.

Kapitel 6 präsentiert das Vorgehen bei der univariaten Grundauswertung, einschließlich des Themas "fehlende Werte". Aufschlussreich ist z. B. die Diskussion von Alternativen bei der Zusammenfassung des Merkmals "Lebensalter in Jahren" zu Kategorien.

Kapitel 7 beschreibt die bivariate Auswertung und die Visualisierung durch Diagramme, wiederum mit Varianten. Die Entscheidung für die beste Variante wird begründet (nachteilig, dass in den Diagrammen die Prozentuierungsbasis nicht genannt ist). Abschließend folgen schöne Ideen für "Eisbergdiagramme" sowie ein "Thermometer-Diagramm".

Das Kapitel 8 zur fortgeschrittenen explorativen Datenanalyse ist mit fast 40 Seiten das bei weitem umfangreichste. Es geht darum, wie grosse Datenmengen, resultierend aus einer Vielzahl von Variablen und Fällen, so verdichtet werden können, dass relevante Informationen erzeugt und berichtet werden können. Folgende drei multivariate Auswertungsverfahren werden dargestellt: die Clusteranalyse, die Faktorenanalyse (Hauptkomponentenmethode) und die Korrespondenzanalyse. Die Logiken des Vorgehens werden erklärt, die zu Grunde liegenden mathematischen Prozeduren werden erklärt und das jeweilige Verfahren wird auf die Studierendenbefragung angewendet.

Kapitel 9 skizziert verschiedene Formen der Berichterstattung und thematisiert (im Untersuchungsablauf zu spät) "interpretatorische Schwierigkeiten".

Kapitel 10 listet sieben gelernte Lektionen als "Tipps" auf, z. B.: auf das Wichtige fokussieren, auch spätere Arbeitsphasen frühzeitig planen, Ressourcen für Unerwartetes reservieren, sorgfältige Dokumentation des gesamten Prozesses.

Diskussion

Wie kommt es dazu, im Jahr 2010 ein Buch mit einem 15 Jahre alten Fall – mit kleineren Überarbeitungen – zum 5. Mal aufzulegen? Der Versuch einer Antwort: Die Publikation schließt eine immer wieder beklagte Lücke, indem es einen vollständig beschriebenen Fall liefert, wie eine schriftliche Befragung entwickelt, die Daten verarbeitet und ausgewertet sowie schließlich über Ergebnisse berichtet wird. Dies ermöglicht einen Einblick in das Handwerk des Fragebogens, mit all den wichtigen Teilschritten, Überprüfungen und Entscheidungspunkten, die in der sozialwissenschaftlichen Standardliteratur bestenfalls kurz angesprochen werden.

Was das Buch für Novizinnen und Novizen attraktiv macht, ist seine klare erzählende Sprache. Fachbegriffe werden kurz definiert; sicher wird man sie in der Grundlagenliteratur nachlesen wollen. Humorvolle Analogien führen in wichtige Spannungsthemen ein. Gemachte Fehler werden nicht übertüncht sondern offen ausgebreitet. Für Fortgeschrittene bietet das Buch Weiteres: Die zu Grunde liegende Studie ist ein Grundlagenforschungsprojekt. Die in didaktischer Absicht in Kapitel 1 eingefügte fiktive Problemstellung verweist auf Informationsanliegen bei Stakeholdern der hochschulischen Ausbildung. Wollte man darauf antworten, müsste man die Studie nutzungsfokussiert anlegen. Dies ist aber durch ein Grundlagenforschungsprojekt nicht einlösbar. Der gemäß Selbstauskunft überlange Fragebogen, die ungeplante aufwändige explorative Datenanalyse, das diffuse Konzept zur Berichterstattung: Dies sind sämtlich Beispiele dafür, was sozialwissenschaftliche Forschung – auch wenn sie wie in diesem Falle mit offenem Blick für das Neue und Unvorhergesehene betrieben wird – so unbefriedigend machen kann. Was in der Grundlagenforschung akzeptabel wenn nicht sogar gewünscht ist – ein unabsehbar überschießender Erkenntnisgewinn – kann in der nutzungsfokussierten Forschung als sinnarme Verschwendung erscheinen. Auch für diese Diskussion liefert das Buch spannendes Material.

Den größten Wert hat diese Publikation als Unterrichtsmaterial in der Aus- und Weiterbildung von empirisch Forschenden in Sozial- und Erziehungswissenschaften. Es ist möglich, den Text in Bausteine für Gruppenarbeiten zu zerlegen, oder auch in Prüfungen einzusetzen (zum Beispiel Varianten von Tabellen oder Diagrammen vergleichen; Argumente für oder gegen eine neutrale Antwortalternative abwägen).

Fazit

Das Buch schließt eine Literaturlücke in der Aus- und Weiterbildung in empirischen Methoden und ist komplementär zu einem Standardwerk der empirischen Sozialforschung zu lesen. Da handwerkliche Tipps gegeben und gemachte Fehler offen erörtert werden, fördert es das Lernen für eine gute Befragungspraxis.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Beywl
Fachhochschule Nordwestschweiz, Pädagogische Hochschule, Institut Weiterbildung und Beratung. Leiter der Professur für Bildungsmanagement sowie Schul- und Personalentwicklung – wissenschaftlicher Leiter Univation GmbH Köln.
Homepage www.fhnw.ch/ph/iwb/professuren/bildungsmanagement
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Zitiervorschlag
Wolfgang Beywl. Rezension vom 03.05.2011 zu: Sabine Kirchhoff, Sonja Kuhnt, Peter Lipp, Siegfried Schlawin: Der Fragebogen. Datenbasis, Konstruktion und Auswertung. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. 5. Auflage. ISBN 978-3-531-16788-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/11430.php, Datum des Zugriffs 25.07.2016.


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