Richard Wilkinson, Kate Pickett: Gleichheit ist Glück

Cover Richard Wilkinson, Kate Pickett: Gleichheit ist Glück. Warum gerechte Gesellschaften für alle besser sind. Haffmans & Tolkemitt (bei Zweitausendeins) 2009. 2. Auflage. 328 Seiten. ISBN 978-3-942048-09-5. D: 19,90 EUR, A: 27,20 EUR.

Aus dem Englischen von Edgar Peinelt und Klaus Binder. Titel kann von unserer Vertragsbuchhandlung nicht verkauft werden, da der Verlag nicht an den Buchhandel liefert..


Autor und Autorin

Richard Wilkinson, Epidemiologe an der englischen Universität in Nottingham. Seit 30 Jahren erforscht er den Einfluss, den die soziale Position auf das körperliche und seelische Wohlergehen hat. (Quelle: http://textarbeit.net/rezwilkinson.htm, 28.04.11)

Kate Pickett, Somatologin, Ernährungswissenschaftlerin und Epidemiologin, arbeitete vier Jahre als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Chicago, derzeit Professorin für Epidemiologie an der Universität York und Wissenschaftlerin am National Institute for Health. (Quelle: http://www.perlentaucher.de/autoren/24052/Kate_Pickett.html, 06.02.11)

Aufbau

Das Buch enthält folgende drei Kapitel (mit jeweils mehreren Unterkapiteln):

  1. Wirtschaftlicher Erfolg, soziales Scheitern
  2. Die Kosten der Ungleichheit
  3. Eine bessere Gesellschaft

Im Anhang werden u.a. die Schaubilder, auf die die AutorInnen im Text verweisen, detaillierter erläutert.

1. Wirtschaftlicher Erfolg, soziales Scheitern

Im ersten Kapitel setzen die AutorInnen zunächst das Wirtschaftswachstum und die Einkommensunterschiede in Zusammenhang. Im Anschluss daran werden die Wechselwirkungen aufgezeigt zwischen Einkommen und Gesundheit, Ungleichheit und sozialen Problemen und Isolation des/der Einzelnen in Verbindung mit Ungleichheit. Die Gesellschaft hat in den vergangenen Jahrhunderten immer neue technologische Innovationen entwickelt. Während auf der einen Seite der materielle Erfolg stetig steigt, fällt es dem/der Einzelnen auf der anderen Seite zusehends schwerer, soziale Kontakte zu knüpfen bzw. diese zu pflegen. Die Gesellschaft „zahlt demnach einen hohen Preis“, wenn man bedenkt, dass das wirtschaftliche Wachstum einzelnen Nationen in Zukunft nach Ansicht der AutorInnen kaum noch Vorteile bringen wird (S. 22). Die AutorInnen zeigen in ihren Ausführungen die Wechselwirkung zwischen dem durchschnittlichen Lebensstandard und dessen Einfluss auf die Gesundheit einer Bevölkerung auf. So sterben zwar in den reichen Nationen an Armutskrankheiten wie Tuberkulose oder Cholera kaum noch Menschen, allerdings nahmen dort die sogenannten Wohlstandskrankheiten (z. B. Krebs, Herz- und Gefäßerkrankungen) zu. Während wirtschaftliche Prosperität in ärmeren Ländern einen großen Einfluss auf die Steigerung des materiellen Lebensstandards einzelner Menschen haben kann und demnach objektive Aspekte (z. B. die Lebenserwartung) wie auch subjektive Aspekte (z. B. das Wohlbefinden) beeinflusst, hat eine Einkommenssteigerung in reicheren Ländern kaum noch Relevanz für die genannten Aspekte.

Soziale Probleme sind zwar, wie die AutorInnen hervorheben, vermehrt in den ärmeren Schichten einer Gesellschaft festzustellen, aber häufiger in Gesellschaften, die eine hohe Ungleichheit aufweisen. Studien kristallisieren als gemeinsame Ursache aller erfassten gesundheitlichen und sozialen Probleme die Ungleichheit innerhalb eines Landes heraus. So hat der Grad sozialer Ungleichheit beispielsweise einen hohen Einfluss auf die Lebenserwartung. Die AutorInnen weisen hier einen Zusammenhang mit der Schichtzugehörigkeit nach: Ärmere Länder bemühen sich um eine Erhöhung des allgemeinen Lebensstandards, damit Ressourcen gerechter verteilt werden und weniger Menschen in Slums leben müssen. In der sozialen Hierarchie heutiger Konsumgesellschaften hingegen zählen primär äußerliche Zeichen für Erfolg und Reichtum Einzelner; der soziale Status beeinflusst das Selbstbild des Individuums und auch dessen Einschätzung/Einstufung anderer Menschen. Bei der Partnerwahl beispielsweise genießen (Ungleichheits-)Kriterien wie Status, Einkommensaussichten und Karrierechancen Vorrang gegenüber Liebe und Zuneigung. Dies führt die AutorInnen zu dem Schluss, dass sich Menschen nur bei Gleichheit auch „gleichwertig“ anerkennen können, da eine größere Ungleichheit eine verschärfte Statuskonkurrenz impliziert und soziale Ängste schüren kann.

Abschließend in diesem ersten Kapitel verweisen die AutorInnen auf den Zusammenhang von sozialer Ungleichheit und der Zunahme von Ängsten und Depressionen in den entwickelten Ländern. Folge zunehmender Ungleichheit könnten diese Störungen allerdings nicht sein, da die Zahl der Betroffenen bereits vor Öffnung der Einkommensschere stieg. Sie fokussieren daher das Paradoxon, dass einerseits Menschen vermehrt unter Ängsten und Depressionen leiden, andererseits aber selbstbewusstes Auftreten insgesamt zunimmt. Früher hätten die Einzelnen sich über die Gemeinschaft und die Beziehungen identifiziert, mit denen sie aufwuchsen. Da dies durch die Anonymität der Massengesellschaft heutzutage kaum noch vorstellbar sei, komme es zu einer zunehmenden Verunsicherung, die mit einem oberflächlichen Selbstvertrauen verborgen wird. Demnach sind Ängste wie auch der gesteigerte fragile Narzissmus als Folge des gesellschaftlichen Bewertungsdrucks zu verstehen, der von den AutorInnen damit als stärkster Stressfaktor benannt wird. Der Mangel an Ansehen und Freundschaften sowie häufiger Stress in jungen Jahren sind demnach drei Faktoren mit einen negativen Einfluss auf Gesundheit und Lebenserwartung.

2. Die Kosten der Ungleichheit

Im zweiten Kapitel legen die AutorInnen ihren Fokus auf die Auswirkungen von Ungleichheit auf Gesundheit, Lernfähigkeit, Gewaltbereitschaft und Chancengleichheit.

Ihrer These zufolge kann Ungleichverteilung auch Herablassung, Rassismus und Sexismus gegenüber „den Anderen“ schüren (S. 68). Die Zugehörigkeit zu „den Anderen“ wiederum ist abhängig von der eigenen Position innerhalb einer sozialen Hierarchie. Je größer die Ungleichverteilung, desto weniger kümmern sich die Individuen umeinander, da sich jede/r selbst der/die Nächste ist. Die AutorInnen kommen zu der Überzeugung, dass weniger Ungleichverteilung im Umkehrschluss mehr Vertrauen zwischen den Menschen bedeuten könnte.

Daraufhin erläutern die AutorInnen den Zusammenhang zwischen Ungleichheit und psychischen Erkrankungen wie Ängsten, Persönlichkeitsstörungen, Sucht, Depression etc. Demnach streben Menschen danach, den Anschluss an „bessere Kreise“ nicht zu verlieren und bemühen sich stets um eine Aufwertung ihres Ansehens durch materiellen Besitz. Sie verbringen viel Zeit damit, ihren materiellen Reichtum zu vermehren, haben dadurch jedoch weniger Zeit für soziale Kontakte, die die eigentliche Lebensqualität bestimmen. Mehrfach unterstreichen die AutorInnen, dass Ungleichheit die Qualität aller sozialen Beziehungen in einer Gesellschaft herabsenkt, sich negativ auf die physische und psychische Gesundheit auswirkt und zu Drogenmissbrauch führen kann. All diese Faktoren prägen das Leben in häuslicher Gemeinschaften: Mit ihren Folgeerscheinungen – Streit oder Gewalt in der Familie, psychische Erkrankungen eines Elternteils und Zeit-/Geldmangel – beeinflussen sie die Entwicklung eines Kindes wesentlich (S. 133). In diesem Zusammenhang zeigen die AutorInnen die Möglichkeiten auf, durch die eine Familie entlastet und die Bedingungen für eine frühkindliche Entwicklung verbessert werden könnten.

Das soziale Gefälle wirkt sich auf Gesundheitsfragen aller sozialer Stufen aus (S. 95 und 104). Demnach beeinflussen nicht nur soziale Beziehungen die Gesundheit des/der Einzelnen, sondern auch der soziale Status und das psychische Wohlbefinden. Die AutorInnen berufen sich hierbei auf Studien, denen zufolge Komponenten wie Ehe, Freundschaften, Teilhabe an einer Religions- oder anderen Gemeinschaft als eine Gesundheitsfürsorge wirken können (S. 95). In den entwickelten Ländern sind demnach psychosoziale Faktoren (sozialer Status, soziale Bindung, Stress in frühen Kindheit) von hoher Bedeutung für die Entwicklung (S. 96): Je besser die Verteilung von Reichtum, desto besser sei auch die Volksgesundheit, da ein enger Zusammenhang zwischen Ungleichheit und gesundheitlichen Problemen bestehe und sich eine Einkommensungleichverteilung folglich direkt auf die Gesundheit auswirke.

Im folgenden Unterkapitel kommen die AutorInnen auf das Problem der Fettleibigkeit zu sprechen und setzen diese in Zusammenhang mit Ungleichheit. Das Hauptproblem sei der moderne Lebenswandel: Heutzutage haben viele Menschen das Kochen verlernt, ernähren sich unterwegs mit energiereicher und billiger Nahrung, die einfach und leicht zuzubereiten ist und bewegen sich im Allgemeinen viel zu wenig während der Arbeit und in der Freizeit. Hinzu komme der Stress, dem der/die Einzelne täglich ausgesetzt ist. All diese Faktoren könnten zu einer erhöhten Nahrungsaufnahme führen. Die Folgen sind offensichtlich: In den Ländern mit größerer Ungleichheit ist auch der Anteil übergewichtiger erwachsener Menschen größer (S. 112). Früher gehörte es zur „Normalität“, dass Wohlhabende dick waren, die Armen hingegen mager. Heute hat sich dieses Bild zumindest in den Industrienationen gewandelt. Die AutorInnen vermuten einen Zusammenhang des sozialen Gefälles mit dem Verhältnis zum eigenen Körper, da die Körperideale heutzutage ebenfalls schichtspezifisch sind. Darüber hinaus korreliert Adipositas eher mit der subjektiven Einschätzung des eigenen gesellschaftlichen Status als mit dem tatsächlichen Einkommen des/der Einzelnen (S. 123).

Anschließend geben die AutorInnen einen kurzen Exkurs zum Thema Lernfähigkeit von Kindern. Dabei verweisen sie auf Experimente, die bewiesen haben, dass die Schulleistungen von Kindern auch davon abhängig sind, wie sie von den Anderen gesehen und eingeschätzt werden, da auch Gefühle die Lernfähigkeit beeinflussen. „Wer damit rechnen muss, als unterlegen zu gelten, bringt schlechtere Leistungen.“ (S. 135). Die besten Lernvoraussetzungen biete demnach ein anregendes Umfeld, in dem jede/r selbst an seinen Erfolg glauben kann. Neurologische Forschungen zeigen, dass beim Menschen unter Druck Kortisol ausgeschüttet wird, was die Denkfähigkeit negativ beeinflusst. Die Ungleichheit in einer Gesellschaft im Allgemeinen und in der Schule im Besonderen wirke sich daher direkt auf das Gehirn aus. So sei zu beobachten, dass Kinder in Ländern mit mehr Ungleichheit viel höhere und teilweise auch unrealistische Ziele und Berufswünsche haben. Hier zeige sich eine deutliche Diskrepanz zwischen den Wünschen Einzelner und deren realen Möglichkeiten/Erwartungen. „Mehr Kinder wünschen sich eine Beschäftigung mit hohem Status, aber weniger Kinder schaffen die dafür nötige Qualifikation. Ungleichheit führt zu unrealistischen Hoffnungen und damit zu herben Enttäuschungen.“ (S. 139). In Ländern mit mehr Gleichheit zeige sich dieses Phänomen nicht. Die AutorInnen erklären es damit, dass dort gering qualifizierte Arbeit weniger verachtet wird als in den Ländern mit mehr Ungleichheit.

Mit einer Vielzahl von Studien belegen die AutorInnen daraufhin, dass in Ländern mit größerer Ungleichheit junge Männer vermehrt zu Gewalt neigen. Die Täter gehören meist einer Minderheit an, Als Motive werden häufig Reaktionen auf Verachtung, Erniedrigung, Respektlosigkeit, Gesichtsverlust genannt. Gewaltübergriffe dienen dabei oftmals dem Statusgewinn bzw. -verlust. In diesem Zusammenhang unterstreichen die AutorInnen, dass die meisten Männer nicht gewalttätig seien, da sie über eine gute Impulskontrolle verfügten (S. 158), doch verschärfe die zunehmende Ungleichheit die Statuskonkurrenz. Dem Einfluss des Vaters komme dabei eine besondere Rolle zu, da Studien zeigten, dass 60% der Vergewaltiger, 72% der jugendlichen Mörder und 70% der zu hohen Gefängnisstrafen Verurteilten in den USA ohne Vater aufwuchsen. Eine Erklärung könne sein, dass Jugendliche, die ohne einen Vater aufwachsen, vermehrt zu hypermaskulinem Verhalten neigen (S. 162). Demnach haben Familie, Wohnviertel, Schule und auch Statuskonkurrenz entscheidenden Einfluss auf das Ausmaß von Gewalt: Studien belegten ein Sinken der Gewaltrate, wenn das Ausmaß der Ungleichheit abnimmt (S. 169). Bedenke man zusätzlich die möglichen Auswirkungen von Erniedrigung, Beleidigung etc., könnte dies den Zusammenhang zw. Ungleichheit und Gewalttaten erklären.

Im nachfolgenden Unterkapitel kommen die AutorInnen auf den Zusammenhang zwischen Ungleichheit und der Zahl der GefängnisinsassInnen zu sprechen. Ihrer These zufolge landen „Menschen aus den unteren sozialen Schichten, mit entsprechend geringerem Einkommen und Bildungsniveau, … häufiger im Gefängnis als Menschen mit höherem sozialen Status.“ (S. 175). In Gesellschaften mit mehr Ungleichheit würden wesentlich schärfere Strafen verhängt. Gleiches gelte für den Umgang mit den TäterInnen im jeweiligen Strafvollzug (S. 176): Wie schon mehrfach von Amnesty International, Human Rights Watch und dem UN-Ausschuss gegen Folter (CAT) kritisiert, hinterlassen die Haftbedingungen z. B. im amerikanischen Strafvollzug bei den Gefangenen häufig gravierende psychische Schäden, da ihnen das Leben nach der Entlassung erschwert wird. Zudem würde in Staaten mit mehr Gleichheit in Rechtswesen und Strafverfolgung der Meinung von ExpertInnen wie RechtsanwältInnen, KriminologInnen, GefängnispsychiaterInnen mehr Gewicht beigemessen. Dadurch könnten theoretische und evidenzbasierte Einsichten zu Problemen der Verbrechensbekämpfung und Resozialisierung von StraftäterInnen besser berücksichtigt werden. In den Ländern mit mehr Ungleichheit hingegen gehe es vermehrt darum, in der Medienöffentlichkeit eine vermeintliche Härte bei der Verbrechensbekämpfung zu zeigen (S. 182).

Abschließend befassen sich die AutorInnen mit dem Thema der Chancengleichheit mit der einleitenden Definition: „Es geht darum, dass jeder durch harte Arbeit und eigene Leistungen eine bessere soziale oder wirtschaftliche Position für sich und seine Familie erreichen kann.“ (S. 183). Während es Reichen nicht schwer falle, Reichtum und damit Status zu wahren, sei der Aufstieg auf den Einkommensstufen für untere Schichten mühsam. Lediglich in der Mittelschicht sei Raum für Bewegung (S. 187). Je größer die Einkommensungleichheit in einem Land, desto größer die Einschränkung sozialer Mobilität, was u. a. an den Bildungsausgaben zu sehen sei. Bildung und Ausbildung sind die wichtigsten Antriebskräfte sozialer Mobilität in den modernen Gesellschaften. Hoher Bildungsgrad habe i. d. R. höheres Einkommen und damit besseren sozialen Status zur Folge. Demnach führt Ungleichheit zu verstärkter sozialräumlicher Segregation von Armen und Reichen, verhärtet soziale Strukturen, schränkt die soziale Mobilität ein und erschwert die Bedingungen auf der sozialen Stufenleiter. Darüber hinaus gibt es sog. schichtspezifische Destinktionsmerkmale, mit denen die „Elite“ ihren Sonderstatus zu erhalten versucht. Diese symbolische Gewalt wiederum kann zu Diskriminierung und Snobismus führen (S. 191), wodurch Statusunterschiede stetig an Bedeutung gewinnen. Reiche sicherten ihren sozialen Status, indem sie den Ärmeren ihre Überlegenheit demonstrieren. Die erduldete Verachtung wird nach unten weitergegeben (Aggressionsverschiebung) „und orientiert sich an denen, die über einem rangieren“ (S. 194) – wie in dem Sprichwort: „Wenn der Kapitän den Schiffsjungen prügelt, gibt der Schiffsjunge der Katze einen Tritt.“ (S. 193) Ungleichheit ist also verantwortlich für die Entstehung individueller und offizieller Diskriminierung, da sie das Maß bestimmt „in dem Menschen die Herrschaft einer bestimmten sozialen Gruppe über die anderen akzeptieren oder ablehnen.“ (S. 195)

3. Eine bessere Gesellschaft

Im dritten Kapitel zeigen die AutorInnen Alternativen für mehr Gleichheit auf und beleuchten den Einfluss von Ungleichheit auf ethnische Konflikte sowie die Rolle von Unternehmen als Quelle der Einkommensungleichheit.

Zunächst werden die Möglichkeiten eruiert, mehr Gleichheit zu schaffen, z. B. im Zuge einer Umverteilung sehr ungleicher Einkommen (wie durch Höherbesteuerung; Steuererleichterungen oder Angleichung der Bruttoeinkommen; S. 203). Anschließend wird die Frage aufgeworfen, ob die Korrelation zwischen Ungleichheit und der Häufigkeit sozialer bzw. gesundheitlicher Probleme auch das Ausmaß ethnischer Konflikte in einer Gesellschaft bestimmt. Da Minderheiten heutzutage teilweise noch immer Bildungschancen und berufliche Angebote versagt bleiben, sind sie häufig Vorurteilen ausgesetzt, die wiederum die Ausgrenzung von Ethnien schüren. Dennoch beträfen die Auswirkungen von Ungleichheit die Mehrheit der Bevölkerung.

Es folgt ein Vergleich von Dominanzhierarchien mit Systemen wechselseitiger Abhängigkeit und Kooperation: Während in Dominanzhierarchien eigenes Vorankommen und Statuskonkurrenz zählten, bedienten sich andere Systeme affiliativer Strategien, die auf Gegen- bzw. Wechselseitigkeit, Mitgefühl und emotionaler Bindung beruhten. Da der Mensch ein grundlegendes Bedürfnis nach sozialer Integration hat, verursachen Unterschiede in der Schichtzugehörigkeit „soziale Schmerzen“ (S. 242).

Im folgenden Unterkapitel rufen die AutorInnen zu mehr gesellschaftlicher Gleichheit für die Reduktion der CO2-Emissionen auf (S. 248). Sie fordern die Zustimmung der Bevölkerung für die Durchführung von Maßnahmen zur CO2-Reduktion und ein Konzept der „Kontraktion und Konvergenz“ [1] (S. 252). Reiche Länder hätten aufgrund des höheren Konsums einen höheren Anteil an der Erderwärmung – Energiesparmaßnahmen, die zwar Kosten senken, aber gleichzeitig den Konsum erhöhen, seien also fragwürdig (S. 250). Der übersteigerte Konsum wiederum werde angetrieben durch Statuskonkurrenz. Damit unter Druck gesetzt, tendiere der/die Einzelne nicht zum Sparen, sondern zur Aufnahme von Krediten, um mithalten zu können.

Daraufhin stellen die AutorInnen Konsumismus, Individualismus und Materialismus als typische Merkmale unserer heutigen Gesellschaften dar und fordern deren Transformation. Als Quelle der Einkommensungleichheit benennen sie die Unternehmen, da die Öffnung der Einkommensschere eine Folge der Privatisierung sei. Zahlreiche Weltunternehmen seien heute größer als die Volkswirtschaften mancher Nationalstaaten (S. 279). Die AutorInnen stellen die These auf, dass das Scheitern des Sozialismus der Gesellschaft den Blick für funktionierende Alternativen zum kapitalistischen System geraubt habe und verhindere, über alternative, demokratischere und egalitärere Modelle zum Kapitalismus nachzudenken (S. 280). Mit Blick auf die Gemeinschaft und den Beziehungen der Menschen untereinander erörtern die AutorInnen die Möglichkeit einer demokratischen Beteiligung von ArbeitnehmerInnen am Unternehmenseigentum, wozu die aktuellen Mitwirkungsmöglichkeiten jedoch nicht ausreichten, sondern mit partizipatorischen Managementmethoden gekoppelt werden müssten (S. 285). So würde sich ein Unternehmen zu einer „‚arbeitenden Gemeinschaft“ entwickeln, was wiederum die Produktivität steigern könnte, da Interessenskonflikte zwischen ArbeitgeberInnen und ArbeitnehmerInnen abnehmen würden (S. 288).

Zum Abschluss des Buches weisen die AutorInnen auf den historisch zunehmenden Trend zu mehr Gleichheit hin, was sich u. a. zeige in der Herausbildung demokratischer Verhältnisse, der Abschaffung der Sklaverei, der Einführung des Wahlrechts für Nichtbesitzende und Frauen, der Entwicklung von Bildungseinrichtungen, in der Einführung eines Gesundheitsfürsorge für alle und der zunehmenden Zahl von Bewegungen, die sich für Chancengleichheit einsetzen (S. 299).

Zielgruppe

Die AutorInnen in diesem Buch sind mittels einfacher Sprache bemüht, das Buch auch LeserInnen ohne Fachwissen zugänglich zu machen. Vorkenntnisse in den jeweiligen Bereichen sind nicht notwendig, können das Verständnis allerdings an der ein oder anderen Stelle erleichtern. Folglich richtet sich das Buch an all jene, die sich für das Thema „Ursachen und Auswirkungen von Ungleichheit in der Gesellschaft“ interessieren und bietet einen idealen Einstieg, der zum Weiterlesen in die jeweilige Thematik einlädt.

Diskussion und Fazit

Die AutorInnen liefern mit ihrem Buch wichtige Hinweise darauf, wie sich soziale Ungleichheit auf das Wohlbefinden einer Gesellschaft und des/der Einzelnen auswirkt. Sie regen Verstehensprozesse an und sensibilisieren für diese Problematik. Zuweilen lässt sich dahinter die Motivation vermuten, im Zuge sozialer Bewegungen neue Wege zur Verbesserung der Lebensqualität zu suchen. Wichtig ist, dass eher der „politische Wille gestärkt wird, mehr Gleichheit in der Gesellschaft zu realisieren, als dass wir uns einzelne Maßnahmen gegen Einkommensungleichheit auf die Fahnen heften. Das wiederum setzt voraus, dass wir eine gleichermaßen realistische wie begeisternde Vision einer besseren Gesellschaft entwickeln“ (S. 303).

Das Buch ist aus dieser Perspektive schlüssig aufgebaut und bietet gelungene Übergänge von einem Thema zum nächsten. Als LeserIn wird man flüssig durch den Text geführt, wobei kleine Zusammenfassungen den Überblick über die jeweiligen Zusammenhänge erleichtern. Insbesondere in der zweiten Hälfte des Buches machen die AutorInnen dabei auch immer wieder auf sozialpolitische Dilemmata aufmerksam. Diese Vorgehensweise unterstützt die oben angesprochene Vermischung eines politischen Anliegens mit einem wissenschaftlich fundierten Fachbuch. Die meisten Fakten werden dabei mit seriösen Quellen belegt. Viele Grafiken und Beispiele erleichtern zusätzlich zur leichten, mitunter recht umgangssprachlichen Sprache das Verständnis.

Obwohl die AutorInnen sich weitestgehend neutral mit verschiedenen Studien auseinandersetzen und sie fachlich schlüssig und differenziert diskutieren, ergibt sich aus dieser Vorgehensweise die Kernkritik: So bleibt z. B. unklar, was die AutorInnen unter „arm“ bzw. „Armut“ verstehen, da hierfür im Gegensatz zu anderen Themen keine Definition erfolgt. Auch wird nicht bei allen Zahlenbelegen ersichtlich, woraus sie sich zusammensetzen. So beziehen sich die AutorInnen beispielsweise meist – 22 Jahre nach dem Mauerfall! – auf Westdeutschland, die Grafikbelege jedoch weisen oftmals „Germany“ aus. Der teilweise sehr populistische Schreibstil, der auch eine Vielzahl von Pauschalisierungen in sich birgt, die Vermischung des politischen mit dem fachlichen Anspruch und die begriffliche Unsauberkeit nehmen dieser wichtigen Quelle für Forschung zu psychosozialen Zusammenhängen die argumentative Schlagkraft. Das zeigt sich auch daran, dass der zu diesem Thema von den AutorInnen veröffentlichte Fachartikel seit vielen Jahren lediglich als „im Druck“ zitierbar ist.

Auf der anderen Seite weist uns diese Kritik auch auf die Schwierigkeiten im Wissenschaftsbetrieb hin, Ergebnisse, die außerhalb des Mainstreams liegen, zu publizieren und in „high-ranking-journals“ unterzubringen. Insofern sollte das Buch ein Anlass sein, die wichtige Relation zwischen Ungleichheit und Gesundheit weiter zu erforschen, das Fachgebiet voranzutreiben und die umfassende Vorarbeit der AutorInnen dafür zu nutzen, die das zentrale Aufgabengebiet der Sozialen Arbeit zum Fokus hat: soziale Problemlagen und soziale Ungleichheit. Das Buch ist daher sehr zu empfehlen, es sensibilisiert für eine Vielzahl von Problemen und Zusammenhänge und regt zum Umdenken an. Darüber hinaus zeigen die AutorInnen nicht nur die verschiedenen Probleme auf, sondern geben vereinzelt auch Hinweise, wie diesem Problem begegnet werden könnte. Damit tragen sie zu einer Verbesserung der Versorgungslage bei, die ja letztlich als Zielsetzung hinter jeder Forschung – auch hinter Grundlagenforschung – stehen sollte.


[1] Festlegung der notwendigen Obergrenze des Treibhausgas-Ausstoßes und die gerechte Aufteilung der zu reduzierenden Mengen auf alle Menschen.


Rezensentin
Anika Stitz
B.A. Soziale Arbeit
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Rezensentin
Prof. Dr. Silke Birgitta Gahleitner
Homepage www.gahleitner.net
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Zitiervorschlag
Anika Stitz/Silke Birgitta Gahleitner. Rezension vom 07.06.2011 zu: Richard Wilkinson, Kate Pickett: Gleichheit ist Glück. Haffmans & Tolkemitt (bei Zweitausendeins) 2009. 2. Auflage. 328 Seiten. ISBN 978-3-942048-09-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/11444.php, Datum des Zugriffs 01.08.2014.


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