Gunnar Brink: Forschungsmanagement für den täglichen Gebrauch
Gunnar Brink: Forschungsmanagement für den täglichen Gebrauch. Wissenschaftlicher Verlag Harri Deutsch GmbH (Frankfurt am Main) 2010. 370 Seiten. ISBN 978-3-8171-1850-2. 28,00 EUR.
Forschen macht Spaß
Aristoteles sah in der historia, der Forschung, etwas, was der Mensch als Wissen aus der Vergangenheit schöpft, um es in der Gegenwart auszuprobieren und für zukünftiges Denken und Handeln zu bedenken. Das Nachforschen als Beschreibung und Erzählung ist demnach immer verbunden mit der empeiria, der Erfahrung, die sich als ein Vertrautsein mit einer Sache darstellt ( vgl. dazu: C. Oster-Grote, in: Otfried Höffe, Aristoteles-Lexikon, Stuttgart 2005, S. 254 ff und 172ff ). In den Zeiten des wissenschaftlichen Denkens und Konstruierens hat Forschung hat „forschendes Lernen“ für den Bildungsprozess der jungen Menschen einen prägenden Stellenwert; es bedeutet, nicht auf ausgefahrenen Geleisen zu fahren und aufzunehmen, was seit Generationen gewissermaßen in den Lehrbüchern (die von Lehrbüchern abgeschrieben werden, die von Lehrbüchern abgeschrieben werden…) als Lerngegenstand aufgegeben wird, sondern neue Denkwege zu wagen, neugierig zu sein und bisher Unbekanntes zu entdecken.
Das „Gewusst wie“ nimmt dabei eine herausfordernde Bedeutung ein. Professionelles Forschen, ob in den geistes-, naturwissenschaftlichen oder technischen Bereichen, vollzieht sich heute nicht mehr in den dunklen Studierstuben, Experimentierwerkstätten und Hausapotheken, in denen das von der Welt abgewandte Genie denkt und werkelt; sondern Forschen in einer hochgradig vernetzten und sich dynamisch verändernden Welt ist angewiesen auf Kooperation und Teamarbeit. Traditionell rangierten in der (fachlichen, universitären) Ansehensskala diejenigen Forscher in den oberen Rängen, die im Bereich der so genannten theoretischen Grundlagenforschung tätig waren und entsprechende Ergebnisse vorlegen konnten, während die geringschätziger angesehene Anwendungsforschung in die niederen, praktischen Bereiche eingeordnet wurden. Das hat sich geändert: „Forscher und Innovatoren benötigen Mitstreiter, Teamarbeit, interdisziplinäre Zusammenarbeit und die enge Kooperation zwischen Grundlagenforschung, Anwendungsforschung, Produktentwicklung und Kundenbetreuung“. Forschung ist ein Markt, und Forscherinnen und Forscher sind der Konkurrenz in vielfacher Hinsicht ausgesetzt. Diese Marktmanagement-Erkenntnisse bringt der derzeitige Präsident der Münchner Fraunhofer-Gesellschaft, Hans-Jörg Bullinger, auf den Punkt: „Die Gesellschaft erwartet von den jungen Wissenschaftlern ebenso wie von deren Betreuern vielfältige Qualifikationen als Forscher, Manager und Unternehmer“.
Autor und Entstehungshintergrund
Der promovierte Biophysiker Gunnar Brink arbeitet im Vorstandsstab der Münchner Fraunhofer-Gesellschaft und ist zuständig für die Betreuung und Koordination der dortigen Informations- und Kommunikationstechnologie-Institute. Weil Forschung heute immer als Dienstleistung für die wissenschaftliche Gemeinschaft, für die Gesellschaft, die Studierenden und letztendlich für die Kunden verstanden wird, bedarf es Fachkenntnisse und Werkzeuge, wie professionelles Denken und Tun wirksam werden kann. Das ist die Absicht des Buches: Hilfsmittel und Rüstzeug zu „vermitteln, die Forscherinnen und Forscher heute für ihre berufliche Karriere brauchen, zu weiterem Lernen ermuntern, helfen, eigene Erfahrungen zu sammeln, zu bewerten und einzuordnen“. Es wendet sich vor allem an junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, sich im Team professionell zu verorten, „sich auf die eigenen Talente zu konzentrieren und dort, wo man Talentdefizite hat, Hilfssysteme zu etablieren und komplementäre Partner zu suchen“.
Aufbau und Inhalt
Der Autor gliedert seinen Ratgeber in rund 20 Kapitel. Er formuliert und diskutiert Fragen des Selbstmanagements von Forschern, die von der Frage nach „Forschen als Beruf“ bis hin zu Anregungen für „Zeit- und Energiemanagement“ reichen; es geht um die vielfältigen Aspekte, wie „Entscheiden und Planen“ im Forschungsprozess organisiert wird; er zeigt „Trends der Wissenschaft in der Wissensgesellschaft“ auf, von der universitären, der Industrieforschung bis zum Entrepreneurship; er setzt sich mit den vielfältigen Formen auseinander, wie Forschungsthemen vorgetragen und präsentiert werden können; er gibt Ratschläge, wie die Forschungsarbeit und –ergebnisse publiziert werden; er fragt danach, wie „Patente als Wissens- und Einnahmequelle“ zu bewerten sind; er stellt „Grundkonzepte des Innovationsmanagements“ vor und verdeutlicht, wie „Forschung über die Forschung“ funktioniert; er gibt Anregungen, wie junge Forscherinnen und Forscher ihre Laufbahn an der Universität organisieren könnten; regt an, wie eine Promotion geplant und realisiert werden kann; er geht ein auf die „akademische Hierarchie“; gibt Einblicke in die Organisations- und institutionalisierten Formen des Patentwesens; er bringt nicht zuletzt seine eigenen Forschererfahrungen als Manager in der Industrie ein; er diskutiert, wie Forscher Existenzgründer werden können und gibt Beispiele zum Business Development; er geht ein auf die wichtigen personellen Aspekte, „Mitarbeiter (zu) führen und (zu) finden“; er setzt sich mit den zahlreichen Institutionen und Einrichtungen auseinander, die Karriere, Forschung und Firmengründung fördern; er diskutiert Formen des strategischen Managements; er thematisiert die Notwendigkeit und Nützlichkeit einen „Businessplan“ zu erstellen; er gibt Anregungen für Öffentlichkeitsarbeit und Kommuniationskonzepte; und er gibt ganz praktische Ratschläge, wie Angebote kalkuliert und verhandelt werden können. Jedes der überwiegend kurz gehaltenen und stichwortartig ausgewiesenen Aspekte ergänzt der Autor mit ausgewählten Literaturempfehlungen.
Diskussion
Mitten drin in diesem Katalog von Anregungen, Hinweisen und Erfahrungsberichten erzählt Gunnar Brink eine Geschichte, die dem Leser mehrere Aha-Erlebnisse beschert: Die Parabel „Tom Sawyer streicht einen Zaun“. Der amerikanische Schriftsteller Samuel Langhorne Clemens, besser bekannt als Mark Twain, lebte von 1835 bis 1910. Er wurde berühmt vor allem durch seine Abenteuergeschichten über die beiden Lausbuben Tom Sawyer und Huck Finn, die in den Südstaaten Mitte des 19. Jahrhunderts die ganze Welt belustigten. Tom Sawyer hatte von seiner Tante den Auftrag erhalten, einen Gartenzaun zu streichen. Wie er da eher missmutig arbeitete, kamen Spielkameraden vorbei, die ihn zum Spielen mitlocken wollten und als dies nicht gelang, sich anboten, ihm beim Streichen zu helfen, wenn er sie gebührend dafür bezahle. Aber Tom hatte natürlich kein Geld, und so dachte er sich eine List aus: Er strich den Zaun mit einer so betonten Freude und Begeisterung und so hingebungsvoll, dass die anderen Jungen neugierig wurden und bald einer fragte, ob er denn mitstreichen dürfe. Tom Sawyer wiegte bedenklich mit dem Kopf hin und her und erwiderte, dass das sehr problematisch sei, denn nur einer von Tausend könne den Zaun so gekonnt streichen, wie seine Tante dies erwarte; und er gab deutlich zögerlich und skeptisch den Farbpinsel an ihn, um als Gegengabe einen angebissenen Apfel in Empfang zu nehmen\. Der neue Zaunstreicher bemühte sich mächtig, um den hohen Anforderungen gerecht zu werden; und bald nahmen auch die anderen Jungen die bereitliegenden Pinsel auf und strichen begeistert, was das Zeug hielt. Tom zog sich zurück in den Schatten eines Baumes und dirigierte das Tünchen. Nicht lange, und der Zaun war sorgfältig mit drei Schichten Farbe bedeckt.
Die Lehr` von der Geschicht` zieht Gunnar Brink, indem er darauf hinweist: Um zu erreichen, dass ein Mensch eine Aufgabe wünscht, ist es notwendig, ihm die Schwierigkeit der Tätigkeit klar zu machen. Dabei käme es nicht darauf an, jemandem eine Arbeit zuzuteilen, sondern eine Aufgabe zu delegieren. Denn eine Aufgabe zu delegieren bedeutet, sie mit anderen zu teilen, nicht abzugeben. Und noch eine Erkenntnis lässt sich aus Tom Sawyers listiger, aber kluger Einstellung ziehen und z. B. bei der Erziehung in der Familie, in der Schule, bei der Zusammenarbeit im Beruf und anderen Gelegenheiten anwenden: Die Arbeit darf nicht als lästiges Übel vermittelt werden, sondern als eine Tätigkeit, die man selbst schätzt und gerne macht. So ist es etwa nicht verwunderlich, wenn eine Mutter den Kindern aufträgt, das Geschirr zu spülen oder aufzuräumen und diese dies nur mit Protest machen, wenn sie bei jeder Gelegenheit jammert und schimpft über diese ungeliebte Aufgaben. Auch wenn es manchmal schwer fällt, eine notwendige Tätigkeit auszuüben, sollte sie bereitwillig und nicht missmutig ausgeführt werden; oder wenn ein Vater nur maulend mit der Familie einen Spaziergang oder einen Ausflug unternimmt, wenn er sonst nur mit einer Bierflasche vor dem Fernseher lümmelt. Auch in der Schule könnte Tom Sawyers Entdeckung hilfreich sein, z. B., wenn der Lehrer die Schüler zum Lernen motivieren will. Er muss dabei zeigen, dass er selbst gerne lernt, sich für den Unterricht vorbereitet und gerne neue Aufgaben anpackt und bereit ist, Geduld auch mit den Lernschwierigkeiten der Schülerinnen und Schüler zu haben, Verständnis dafür zu zeigen und Methoden anzuwenden, die die Lernenden ermuntert und bestätigt. Oder im Beruf: Wenn es darum geht, einem Mitarbeiter oder einer Mitarbeiterin in eine neue Aufgabe einzuweisen, sollte der Vorgesetzte die Tätigkeit selbst kennen, schätzen und nicht abwerten. Er sollte die Tätigkeit nicht nur überwachen, sondern den Mitarbeiter in seiner Arbeit bestätigen, ernuntern und wenn nötig, hilfreich zur Seite stehen. Zurück zu Tom Sawyer: Er setzte sich zwar unter einem Baum und leitete gewissermaßen die Tätigkeiten der Spielkameraden, jedoch nicht von oben herab und auch nicht, indem er sich als Chef aufspielte, sondern als Multiplikator wirkte und dadurch das Ergebnis in wesentlich schnellerer Zeit – und vielleicht auch sorgfältiger, als er es allein zustande gebracht hätte – erreichte. Seine neu erworbene Position nutzte er also nicht, um seine Überlegenheit zu zeigen, sondern um nach neuen Aufgaben zu streben. Zwar waren das in unserer Lausbubengeschichte meist Streiche, aber in der Übertragung des „Tom Sawyer-Prinzips“ auf ein gerechtes Zusammenleben und Delegieren in unserem Alltag könnte die Erkenntnis stecken: Ein gut funktionierendes Management lässt sich nicht anordnen, sondern durch Kooperation zum gewünschten Erfolg führen.
Fazit
Gunnar Brinks Buch „Forschungsmanagement für den täglichen Gebrauch“ ist ein Ratgeber für junge Forscherinnen und Forscher; und es ist doch mehr, nämlich wertvolle Anregungen und Reflexionen, wie junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dem zustimmen können, was der Autor am Anfang seines Buches ausspricht: „Forschen macht Spaß“; aber natürlich nur dann, wenn die Tätigkeit professionell ausgeführt wird; denn Forschungsmanagement ist Wissensmanagement. Es könnte interessant sein, die Überlegungen auch auf schulisches und außerschulisches Lernen zu übertragen. Ansätze dazu lassen sich z. B. auch lesen in dem Buch „Leben lassen. Abenteuer Bildung“ ( brand eins: Lernen lassen. Abenteuer Bildung, Hamburg 2009, in: socialnet Rezensionen, www.socialnet.de/rezensionen/9955.php).
Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 16.05.2011 zu: Gunnar Brink: Forschungsmanagement für den täglichen Gebrauch. Wissenschaftlicher Verlag Harri Deutsch GmbH (Frankfurt am Main) 2010. 370 Seiten. ISBN 978-3-8171-1850-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/11448.php, Datum des Zugriffs 17.05.2012.
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