socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Annebelle Pithan, Christoph Beuers u.a. (Hrsg.): „und schuf dem Menschen ein Gegenüber …“

Cover Annebelle Pithan, Christoph Beuers, Agnes Wuckelt (Hrsg.): „und schuf dem Menschen ein Gegenüber …“ – Im Spannungsfeld zwischen Autonomie und Angewiesensein. Comenius-Institut Evangelische Arbeitsstätte für Erziehungswissenschaft e.V. (Münster) 2011. ISBN 978-3-924804-94-7.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Die zu besprechende Publikation sucht nach Äußerungs- und Denktraditionen bzw. Gestaltungsformen, welche das Spannungsfeld zwischen dem Angewiesensein in Schule, Kirche, Einrichtung und Gesellschaft aufgreift.

Herausgeberinnen und Herausgeber

Dr. Agnes Wuckelt, Jahrgang 1949, ist Professorin für Religionspädagogik im Fachbereich Theologie an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen, Abteilung Paderborn.

Dr. Annebelle Pithan, Jahrgang 1958, ist wissenschaftliche Referentin am Comenius-Institut, Evangelischen Arbeitsstätte für Erziehungswissenschaft e. V., in Münster.

Diakon Dr. Christoph Beuers ist Leiter der Fachschule für Sozialwirtschaft, Fachrichtung Heilerziehungspflege, im St. Vincenzstift Aulhausen. Zusätzlich doziert er an den Universitäten in Frankfurt am Main und Köln.

Entstehungshintergrund

Die zu besprechende Publikation ist die Dokumentation des sechsten Forums für Heil- und Religionspädagogik, welches im März 2010 vom Comenius-Institut, dem Deutschen Katecheten-Verein in München und dem Katholisch-Sozialen Institut in Bad Honnef ausgerichtet wurde.

Aufbau

  • Peter Radtke: Dialog in asymmetrischen Beziehungen
  • Regina Ammicht Quinn: Menschenwürde - auch für die „Anderen“ - Zwischen Normalität, Perfektion und Angewiesensein
  • Bert Roebben: Leben und Lernen in der Gegenwart des Anderen. Autonomie und Angewiesensein in religionspädagogischer Perspektive
  • Hans-Jürgen Röhrig: Mädchen und Jungen als autonome Theologinnen und Theologen? Chancen und Grenzen einer „Kindertheologie“.
  • Stefan Anderssohn: „Gott ist bunte Vielfalt für mich.“ Religiöse Entwicklung zwischen „Autonomie“ und „Sozialisation“ - Perspektiven für die integrative Arbeit.
  • Franz Feiner: Stärken wahrnehmen und entfalten - Inklusive Pädagogik als Chance
  • Katharina Reinhardt: Autonomie durch Medien: Das Filmprojekt „Tränen in den Augen - und ein Lächeln im Gesicht“.
  • Martina Muno-Steiner: Biblische Geschichten als Stärkungsgeschichten im RU einer Werkstufenklasse.
  • Hans Köpke: Tobit - Eltern entdecken ein biblisches Buch.
  • Gabriele Panning: „Unter Deinem Schutz und Schirm“ - Playing Bibliodrama Arts im Religionsunterricht.
  • Susanne Strobel: Einzeln und gemeinsam - Rhythmuserfahrung als pädagogische Intervention.
  • Dorothea Jöllenbeck: “... lebendig und nicht immer einfach.“ Theater, Tanz und Körperlernen als Lehrmeister für pflegerisches Handeln.
  • Johannes Tack: Resilienz - oder: Was ist das Geheimnis der inneren Widerstandskraft?
  • Cornelia Tsirigotis: Von Autonomie ausgehen und Ressourcen ans Licht bringen - Arbeit mit Angehörigen angesichts Behinderung von Familienmitgliedern.
  • Kerstin Scheew: Leben mit Assistenz. Ein Balanceakt zwischen Selbstbestimmung und Angewiesensein auf Unterstützung.
  • Wolfhard Schweiker: Wie Finnland eine Schule für alle ermöglicht ? Das dreifach integrierte Förder- und Unterstützungssystem.
  • Martin Spieckermann: Zehn Jahre Forum für Heil- und Religionspädagogik ? ein Rückblick.

Ausgewählte Inhalte

Aus der Fülle von hervorragenden Beiträgen stelle ich im Folgenden drei exemplarisch ausgewählte Aufsätze vor.

Der 1943 geborene und mit der Glasknochenkrankheit lebende Peter Radtke ist Mitglied der Ethik-Kommission des Deutschen Bundestages, Schriftsteller und Schauspieler.1976 wurde Radtke mit einer Dissertation über das Problem Brüchigkeit, einer Untersuchung zu Rabelais, Diderot und Claudel, promoviert. In der Behindertenszene ist Radtke aus zahlreichen Veröffentlichungen bekannt. Sein Aufsatz befasst sich mit dem Dialog in asymmetrischen Beziehungen.

Die bereits zu Beginn gestellten Fragen haben einen provozierenden Charakter, zumindest für die Landschaft, für die eben diese Publikation herausgegeben ist:

  1. „Ist Dialog nur in sammetrischen Beziehungen möglich?
  2. Ist Dialog auf Wort- und Vernunftgebrauch angewiesen?
  3. Wie kann Dialog in asymmetrischen Beziehungen gelingen?“ (S. 9).

Etymologisch wird sich mit dem Begriff Dialog, unter anderem mit Verweis auf Joh 1,1, auseinandergesetzt.

Es rückt die Frage nach dem Kriterium für das Menschsein in den Blick und sodann die Frage danach, ob es sich hierbei um die geistige Fähigkeit handelt. „Die geistige Fähigkeit eines Menschen bestimmt in unseren Breitengraden das Maß seiner Akzeptanz, nicht so sehr seine körperliche Stärke“ (S. 10).

Der Dialog auf Augenhöhe, der sicher das Menschsein voraussetzt, ist ein dialektischer Prozess. Lösungsorientiert besteht er aus These und Antithese, die sich zu einer Synthese (Problemlösung) verdichten. Diese Synthese fördert sodann unter Umständen eine neue These hervor, womit der Kreislauf wieder von Neuem beginnt. Dialog auf Augenhöhe meint in diesem Zusammenhang dasselbe Verständnispotential zu besitzen. „Missverständnisse entstehen dann, wenn solch eine Symmetrie stillschweigend angenommen wird, tatsächlich jedoch nicht vorhanden ist“ (S. 11).

Der Versuch Asymmetrie zu definieren wird soziologisch durchgeführt, indem von einer asymmetrischen Kommunikation gesprochen wird, wenn die an dem Gespräch Beteiligten nicht gleichberechtigt sind. Beispielhaft ist hier das Verhältnis behinderter Mensch vs. Bezugsperson genannt.

Welche Asymmetrien erfahren wir auf dem heilpädagogischen Feld? Der Autor benennt hier:

  • Asymmetrie in der sprachlichen Kommunikation;
  • Asymmetrie in der Reflexionsfähigkeit (Bezug: Mt 6,26);
  • Asymmetrie in der Abhängigkeit (Bezug: Mt 25,40).

Cornelia Tsirigotis betrachtet die Arbeit mit den Angehörigen, deren Familienmitglieder eine Behinderung haben. Da ist zunächst die Diagnose, die die Eltern eines behinderten Kindes bewegt und einen Maßnahmekatalog in Gang setzt. „Eine Diagnose tritt ins Leben der Familie […] (und – CR) die Behinderung entwickelt ihre eigene Dynamik in der Familie“ (S. 201).Die diagnostizierte Behinderung erfordert das Konsultieren von Fachleuten aus unterschiedlichen Disziplinen. Die Familie gerät unter Zeitdruck und muss die Großeltern in die Maßnahmen mit einbeziehen. Wichtig ist das Aufsuchen von behinderungsspezifischen Selbsthilfegruppen und Elterninitiativen. Sie sind „eine wichtige Informationsquelle und ein[...] Anlaufpunkt für Familien in dieser Lebenssituation“ (S. 203). Es bildet sich so ein soziales Netzwerk. Die Autorin geht der Autonomie nach und wie Behinderte für das Leben stark gemacht werden. Hierzu führt sie Beispiele aus der Praxis am Schluss ihres Beitrags an.

Auf das Leben mit Assistenz blickt Kerstin Scheew, die selber mit einer Spastik lebt und zur Fortbewegung den Rollstuhl benutzen muss. Sie schreibt gleich zu Beginn, dass das Leben mit Assistenz für sie ein Balanceakt zwischen Selbstbestimmung und dem Angewiesensein auf Unterstützung darstellt. Sie berichtet aus ihrem Leben und zieht „ein Resümee aus siebenjähriger Erfahrung mit persönlicher Assistenz“ (S. 211). Scheew stellt das Arbeitgebermodell der persönlichen Assistenz und die Unterschiede zum Pflegedienst, die sich in öffentlicher Trägerschaft befinden, vor. Weiter befasst sie sich mit der Beantragung, der Finanzierung und den Tätigkeitsbereichen des Arbeitgebermodells. Zum Ende ihres Beitrags betrachtet die Autorin das Leitbild zur persönlichen Assistenz. „‚Persönliche Assistenz‘ ist und bleibt ein sensibles Arbeitsfeld, dessen Schwerpunkt das Leben von Menschen ist“ (S. 214).

Diskussion

In seinem letzten Kapitel geht Radtke auf das Tagungsthema - Abhängigkeit und Angewiesensein - ein. Hier empfinde ich für sehr wertvoll: „Ohne Autonomie und Selbstbestimmung gering schätzen zu wollen, meine ich, dass es an der Zeit ist, auch der Annahme von Hilfe wieder einen angemessenen Raum in unserem Leben einzuräumen. Menschen mit einer Behinderung, die zwangsläufig immer wieder Hilfeleistungen in Anspruch nehmen müssen, können hier durchaus Lehrmeister sein“ (S. 17). Diese Lehre jedoch, so meine Erfahrung als Behinderter, wird von dem Wirtschaftsunternehmen Behindertenhilfe, Sonderpädagogik, Integrationspädagogik, Inklusionspädagogik etc. in der Regel abgelehnt bis verteufelt (vgl. S. 15).

Dass persönliche Assistenz ein sensibles Arbeitsfeld ist und in Zukunft auch bleibt, da der Schwerpunkt auf dem Leben von Menschen liegt, sollte gerade in der Ausbildung in der Sozialbetreuung mit dem Ausbildungsschwerpunkt Behindertenbegleitung bzw. Behindertenarbeit verstärkt Beachtung finden, bevor hier der Unterrichtsstoff auf ein nicht mehr zu verantwortendes Minimum reduziert wird. Die Arbeit mit Menschen, ob behindert oder nicht, darf nicht zu einer Hilfsarbeit verkommen, nur weil Schulleiter des Wirtschaftsunternehmens Sozialbetreuungs- oder Heilerziehungspflegeschule Angst vor Kritik aus der Studierendenschaft haben, weil Letztgenannte der hohen Ausbildungsqualität nicht folgen können.

Fazit

Die besprochene Literatur ist eine wahrhaft lesenswerte und anspruchsvolle Lektüre, die nicht nur den in der Heil- und Behindertenhilfe tätigen religionspädagogisch Interessierten vorbehalten bleiben soll.


Rezensent
Dr. Carsten Rensinghoff
Dr. Carsten Rensinghoff Institut - Institut für Praxisforschung, Beratung und Training bei Hirnschädigung, Leitung: Dr. phil. Carsten Rensinghoff, Witten
Homepage www.rensinghoff.org
E-Mail Mailformular


Alle 118 Rezensionen von Carsten Rensinghoff anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 11.08.2011 zu: Annebelle Pithan, Christoph Beuers, Agnes Wuckelt (Hrsg.): „und schuf dem Menschen ein Gegenüber …“ – Im Spannungsfeld zwischen Autonomie und Angewiesensein. Comenius-Institut Evangelische Arbeitsstätte für Erziehungswissenschaft e.V. (Münster) 2011. ISBN 978-3-924804-94-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/11457.php, Datum des Zugriffs 24.08.2016.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 12.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!