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Franco Rest, Angela Schneevoigt Dyck: End-liches Erleben

Cover Franco Rest, Angela Schneevoigt Dyck: End-liches Erleben. Leidgeprüfte Gedichte und Geschichten. der hospiz verlag Caro & Cie. oHG (Ludwigsburg) 2011. 104 Seiten. ISBN 978-3-941251-43-4. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR.
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Thema

Hinter „End-liches Erleben“ verbirgt sich lebensnahe Lyrik. Etwas befremdlich auf den ersten Blick mutet der Untertitel „Leidgeprüfte Gedichte und Geschichten“ an. Nach Lesen des Vorwortes erahnt man, was der Autor damit jedenfalls intendiert - „leidvolle“ Lektüre, ohne uns dabei zu verraten, durch welch reichhaltige Gefühlswelt Texte und Gedanken uns tragen werden. Franco Rest stellt in seinem Werk Gedichte und Geschichten zusammen, die sich mit Leid in all seinen Facetten befasst, formvollendet durch Bilder der Künstlerin Angela Schneevoigt van Dyck ergänzt. Die Texte, gefühlvoll und aus dem Leben gegriffen, erzählen vom Leiden und Loslassen, von Vergangenem und Einsamkeit, vom Sterben und vom Tod, aber auch von Stärke, Erkenntnis, Hoffnung und Liebe. Und über allem steht und wacht ein „Qualitätsmerkmal“, wie Franco Rest zu Beginn festhält: „leidgeprüft“. Und Leid wohnt unser Aller Leben inne.

Autor und Künstlerin

Franco Rest, 1942 in Italien geboren, widmet sich seit vielen Jahren den Themen Sterben, Tod und Trauer, befasst sich mit Sterbenden und ihrer Begleitung, der palliativ-hospizlichen Sorge und Ethik. In diesen und ähnlichen Zusammenhängen sind zahlreiche Forschungen und Publikationen entstanden, nicht nur wissenschaftlich fundiert, sondern immer auch mit Bezug zur gelebten Praxis. Franco Rest ist Philosoph, Ethiker, Erziehungswissenschaftler, Soziologe, Theologe, Lyriker und Hochschullehrer.

Die in Wesel 1967 geborene Angela Schneevoigt van Dyck studierte Kommunikationsdesign in Dortmund und ist seit 1994 selbständige Designerin. Mit Uwe Schneevoigt führt sie seit 1997 die Firma „schneevoigt van dyck“, Büro für Lichtplanung und Design. Hospizliche Erfahrungen konnte die Künstlerin durch die Pflege von Demenz- und Schwerstkranken gewinnen.

Entstehungshintergrund

Seine langjährigen Erfahrungen mit Sterben, Tod und Trauer und das stetige Bemühen, hospizliches Gedankengut einer breiten Öffentlichkeit zuzuführen, haben wesentlich zum Entstehen dieses Buches beigetragen. Seit nun mehr 35 Jahren begleitet Franco Rest in seinem Bestreben den Auf- und Ausbau der Hospizbewegung in der Bundesrepublik und über die Grenzen hinweg. Daraus entstanden nicht nur zahlreiche Veröffentlichungen, sondern auch Poetisches, Gedichte, Poesie-Therapien entsprungen, Erfahrungen der Menschen von Leid und Leiden und Gefühlen rund um Einsamkeit, Verlust, Angst und Hoffnung widerspiegelnd. Während also die Gedichte die Bewältigung von Leid als menschlich existentielle Grunderfahrung in poetisch-zarte Worte fassen, erzählen die Geschichten von Sterben, Tod und Trauer und von der Wichtigkeit einer hospizlichen Begleitung im Sterben und der Zeit danach.

Aufbau und Inhalt

In dem Buch findet man sieben ausgesuchte Geschichten und Erzählungen, wahre Lebensgeschichten, die jeweils unterschiedliche Themen der Sterbe- und Trauerbegleitung in den Blickwinkel rücken. Weil im Angesicht des Leidens nicht mehr philosophiert, sondern vordergründig gelitten wird, sind zwischen den einzelnen Geschichten Gedichte gelegt, die in einem sich entspinnenden, unsichtbaren Dialog des (Er)Leidens miteinander korrespondieren. Das Buch enthält neben künstlerischer Prosa und den insgesamt 18 Gedichten auch Bilder von Angela Schneevoigt van Dyck. Die künstlerische Begleitung in diesem Werk ist ein sehr ausdrucksstarkes Medium. In den Bildern sieht und fühlt man Papier - bemalt, beschriftet, lose und übereinander gestapelt, in Szene gesetzt, mit Gedanken versehen, Fragmente des Lebens, Bilder als Dokumente des Erzählten. Sie muten seltsam an und sind doch vertraut, lediglich subjektiviert durch die Künstlerin selbst; sie verwirren, beklemmen, lösen auf, beruhigen. Durch die eigene objektive Betrachtung des Plakativen gewinnen Gedanken, Texte und Begegnungen an Fundament. Dadurch wird gerade nicht verschönt sondern bildlich verschärft. Dabei obliegt es dem Betrachter selbst, Folgerungen für sein (Er)Leben zu ziehen.

Und so verwundert es auch nicht, dass das Buch anstelle eines Vorwortes mit einem Gedicht über Liebe und Tod metapherreich beginnt und ein zerknülltes, zerrissenes Papier die Seite ziert. Wie Liebende manchmal durch den Tod entzweit werden, zerreißt auch Papier (sehr leicht). Und doch sieht man, dass die beiden losen Seiten einmal zueinander gehörten. „Und es entsteht ein neues Bild, ein spannendes Bild, eine bleibende Erinnerung“ (S. 9).

Und mit der sachten Aufforderung, Papier entsprechend seiner Gefühle zu bearbeiten, setzt das Gedicht „Leiden und Leid“ das Programm in den Raum, mit einem Entree kurzer Verse, die sich mit Verlust und Trennung, Angst und Furcht, Vereinsamung und Einsamkeit, aber auch Erwartung und Hoffnung auseinandersetzen und ihre Unterschiedlichkeit betonen. „Hoffnung“ heißt dann auch das nachfolgende Gedicht, verstanden als ein bestimmter Begleiter von Sterben, Tod und Trauer.

Die erste Geschichte aus Franco Rests Materialen zur Trauerarbeit erzählt über die Trauer von Studierenden nach dem Suizid einer Mitstudentin und erhebt anklagend die Frage: „Barbara - Warum?“ Zurück bleiben vielen offenen Fragen und der Versuch der Bewältigung des Gefühlschaos in dem Entschluss, eigene Wege des Trauerns zu gehen und diese zu akzeptieren.

Wie nichtig und klein unser Wirken und Schaffen angesichts von Sterben und Tod ist, zeigt Peter Härtling in dem Gedicht „Zum Lebensabschied“, wenn er beginnt zu schreiben: „Meine Hinterlassenschaften haben kein Gewicht, vielleicht bleibt trotzdem etwas haften“ und am Ende resümiert: „Was wir im Leben an uns rafften hat wirklich kein Gewicht“ (S. 28).

Die beiden Gedichte „Liebeslied“ und „Wiegenlied“ poesieren beispielhaft den Verlust der Leichtigkeit eines liebendes Herzens angesichts von Sterben und Tod. Die zweite Geschichte erzählt von dem schweren Abschied einer Frau, die bei einem Unfall Ehemann und einziges Kind verlor und erst spät realisiert, was ihr widerfahren ist. „Trauer braucht Trennung“ daher auch der Titel der Erzählung.

Die beiden folgenden Gedichte „Auch ein Liebesgedicht“ und „Lebe, solange du noch lebst“ unterstreichen die Wichtigkeit, sich der Endlichkeit unseres Lebens bewusst zu werden und sich zu entscheiden, welchen Sinn man dem Leben zuschreibt. Denn bereits im Heute liegt „Irgendwo jenes Fleckchen Erde, das am Ende dieser Tage uns in seine zarten Arme nimmt“ (S. 44).

„Der engelsgleiche Hund“ erzählt vom Tod eines Lieblingstieres und widmet sich dabei den Fragen rund um Sterbeerziehung und Trauer bei Kindern. Die Auseinandersetzung mit Gedanken und Gefühlen, die trauernde Kinder auslösen, ist eine wertvolle Orientierungshilfe zur pädagogischen Trauerarbeit.

Das Gedicht „Sterben müssen“ ist Ausdruck der Unausweichlichkeit des Endes unseres Lebens, zeigt aber auch, dass wir diese Unausweichlichkeit nicht einfach nur hinnehmen müssen sondern auch protestieren können.

Dass Sterben und Tod, Krankheit und Verlust auch Einfluss auf die (alternde) Paarbeziehung hat, schildern die folgenden Gedichte „Verliebt Versprochen“, „Morbus P.“ und „Nachtgebet“. Es zeigt aber auch die Notwendigkeit eines natürlichen Zugangs zum Tod in Zeiten sozialer Isolierung, Institutionalisierung und Unsichtbarmachens von Sterben, Tod und Trauer in alternden Gesellschaften.

Die Geschichte „Weihnachts-Tod“ offeriert die Möglichkeit, den Tod im Leben willkommen zu heißen und dass man Feiern des Lebens deshalb nicht aufgeben muss. Eine Erzählung rund um Sterbenlassen und Begleitung in einer gefühlsreichen Zeit.

An unsere Grenzen stoßend ist die Geschichte „Marija“. Die Erzählung handelt von einer Mutter, die ihr Kind tötet, bevor es überhaupt sein konnte. Ihre Entscheidung berührt nicht nur Fragen wie „Wie weit darf Liebe gehen?„; es rüttelt wach und macht aufmerksam auf Themen rund um aktive Sterbehilfe oder Heilung durch Tötung.

Das Gedicht „Nacht in der Sterbestation“ greift im Wechselspiel zwischen Sonne und Mond die Problematik von Medikalisierung, Verrechtlichung und Ökonomisierung des Sterbens in unseren Tagen auf.

Anders als die Gedichte zuvor verlassen die beiden folgenden, „Wenn ich dich frage“ und „Ferien“, die verdichtete Ebene von Sterben, Tod und Trauer und rücken die Frage nach dem Sinn vermehrt in den Mittelpunkt, bedienen sich dabei bildhafter Symbolik. „O, sanctissima“ nimmt die palliativ-hospizliche Sorge in den Blickpunkt und erzählt die Geschichte einer alternden, kommunikationsgehemmten Frau, weist auf das Innenleben und die unterschiedlichen Bewusstseinsebenen von Betroffenen hin. Es bedarf oft gewisser Techniken, die Türe ins Innere zu öffnen - in diesem Fall ist es Musik, die den Zutritt ermöglicht.

Metaphernreich stößt uns das Gedicht „Dein Grönland“ auf unsere existentiellen Grenzen, während “Geh aus mein Herz“ das schwierige Unterfangen zeigt, den Prozess des Sterbens in unser Leben zu integrieren.

„An den Tod“ ist der Versuch einer Assoziation zum Thema und das freie Schreiben eine Übung, die Betroffenen durch Trauerprozesse hindurch behilflich sein kann.

Die letzte der sieben Lebensgeschichten „Waldi und Malva“ erzählt von einem schwerkranken Kind, von ehrenamtlicher Begleitung auch der Familie, von bedeutsamer und heilsamer Musik, von einer Sprache, die Sterbenden anheim ist.

Die letzten beiden Gedichte „Wolken“ und “Über das Jahr hinweg“ bedienen sich der Symbolsprache der Natur, um das Leben selbst, aber auch Sterben und Tod zu vergegenwärtigen: „Also geh ich meine Straßen bis ans Ende, wo sie nichts mehr hält. Verweile schließlich gleichermaßen in Herbstesluft und Winterzelt“ (S. 85).

In diesem Sinne führt uns die kurze Erzählung „Der Blumenstrauß die Wichtigkeit des Loslassens zum Abschluss nochmals vor Augen. Das Werk endet mit einem Nachwort des Autors, in dem grundlegende, „didaktische“ Anmerkungen zu den einzelnen Gedichten und Geschichten formuliert werden.

Diskussion

Franco Rest hat in seiner Lektüre detaillierte und umfangreiche Überlegungen über Leid und Leiden vorgelegt und wendet sich damit an Interessierte, die in der einen oder anderen Form ähnliches erlebt haben - oder erleben werden. Denn, so der Duktus des illustren Werkes, Leid(en) ist allgegenwärtig und Teil eines jeden Lebens. So ist ihm eine Zusammenschau gelungen, die mit zahlreichen Darstellungen aus dem täglichen Leben den schwierigen Fragen nach Leid und Leiden erhellend nachgeht. Seine lebensnahen Schilderungen sind anregend, stimmen nachdenklich, wirken dabei aber niemals missionarisch. Inhaltlich gelingt es dem Autor in einer Fülle von Präzisierungen, gedanklich stringenter Differenzierungen und Bestimmungen, Leid und Leiden in eindrucksvoller Komplexität in erlebte Geschichten und Gedichte zu verpacken und uns als Orte näher zu bringen, die uns seltsam vertraut erscheinen. Von hier aus eröffnet sich das Bewusstsein, dass alles gelebte Leben immer auch gelebtes Leid ist. Antworten auf die Frage nach dem Ursprung des Leid(en)s geben diese Texte allerdings nicht. Und sie können und sollen das auch nicht, denn dies ist nicht vom Autor intendiert. Allerdings sehr wohl beabsichtigt ist, das Leid beim Lesen zu erspüren, es zu er-leben und es als Teil unseres Seins zu würdigen.

Fazit

Ein Buch, das niemanden kalt lässt, das in Bildern und Texten erregt und anregt; das die ermutigende Einsicht erhält, dass die Integration von Leid in das eigene endliche Leben dieses kostbarer macht, und damit auch das eigene Sterben bewältigbar wird; das zu empfehlen ist, entfaltet es doch in großer Klarheit und Stringenz ein zentrales menschliches Erleben, um nicht zu sagen eine Grunderfahrung menschlicher Orientierung, dass in jedem Leid, in jedem Leiden auch die Möglichkeit vorhanden ist, daran zu reifen. Und gerade in seinem ehrlichen Eingeständnis, „leidgeprüft“ zu sein, kann dieses poetisch-literarische Werk für viele Leserinnen und Leser hilfreich sein.


Rezensentin
Dr. Doris Lindner
Homepage www.kphvie.ac.at
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Zitiervorschlag
Doris Lindner. Rezension vom 28.07.2011 zu: Franco Rest, Angela Schneevoigt Dyck: End-liches Erleben. Leidgeprüfte Gedichte und Geschichten. der hospiz verlag Caro & Cie. oHG (Ludwigsburg) 2011. ISBN 978-3-941251-43-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/11532.php, Datum des Zugriffs 25.05.2016.


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