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Bernd Reuschenbach, Cornelia Mahler (Hrsg.): Pflegebezogene Assessmentverfahren

Cover Bernd Reuschenbach, Cornelia Mahler (Hrsg.): Pflegebezogene Assessmentverfahren. Internationales Handbuch für Pflegeforschung und -praxis. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2011. 736 Seiten. ISBN 978-3-456-84498-5. 64,95 EUR, CH: 97,00 sFr.
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Thema

Beobachten, beschreiben und bewerten sind zentrale Aktivitäten für beruflich Pflegende. Assessmentinstrumente unterstützen diese Prozesse wertvoll anhand strukturierter Einschätzung in Kategorien oder mit bestimmten Kriterien. Zur effektiven Nutzung dieser Instrumente ist eine gezielte Auswahl unverzichtbar. Kann das Instrument wissenschaftlichen Kriterien standhalten? Ist es praktikabel für den Pflegealltag? Und was macht überhaupt ein Assessment zu einem Pflegeassessment? Diesen und weiteren Fragen widmet sich dieses internationale Handbuch „Pflegebezogene Assessmentinstrumente“ von Reuschenbach und Mahler.

Zielgruppe

Das Buch wendet sich an Leser, die mit der wissenschaftlichen Anwendung von Assessmentinstrumenten ver- oder betraut sind oder mit entsprechenden methodischen Kenntnissen die Wahl treffen, welches Verfahren in der jeweiligen Pflegesituation angewandt werden soll. Den Herausgebern geht es dabei nicht um die reine Darstellung der Instrumente, sondern auch um die kritische Würdigung und den daraus abgeleiteten adäquaten Praxiseinsatz.

Herausgeberteam

Prof. Dr. phil. Bernd Reuschenbach ist Krankenpfleger, Psychologe und Gerontologe. Derzeit ist er Professor an der katholischen Stiftungsfachhochschule München. Dr. sc. hum Cornelia Mahler ist Gesundheits- und Krankenpflegerin und Erziehungswissenschaftlerin. Für dieses Buch konnten sie ein internationales und -disziplinäres Autorenteam gewinnen, welches im Anhang ausführlich vorgestellt wird.

Aufbau

Das 632 Seiten umfassende Buch beinhaltet nach einleitenden Worten 24 Kapitel. Den größten Anteil bilden die Abschnitte zu den einzelnen Instrumenten. Folgende Themen sind enthalten:

  • Sleep-Assessment
  • Fatigue-Assessment
  • Mobilitätsassessment
  • Sturzrisikoassessment
  • Instrumente zur Einschätzung der Pflegebedürftigkeit
  • Instrumente zur Erfassung und Dokumentation der Ernährungssituation
  • Assessment der chemotherapiebedingten Übelkeit
  • Oral Heath und oral health assessment
  • Assessing quality of life in patients with urinary incontinence
  • Dekubitusrisiko-Assessment
  • Thromboserisiko-Assessment
  • Assessment and risk assessment tools for constipation
  • Kognitiver Status bei Demenz
  • Verhaltenserfassung bei Demenz
  • Quality of life assessment in health sciences
  • Schmerzerfassung – Instrumente und ihr Nutzen für die Pflege
  • Erfassung von Angst im Krankenhaus
  • Patienten-, Bewohner- und Angehörigenzufriedenheit

Inhalt

Zunächst werden Begrifflichkeiten und Definitionen geklärt. Daran schließen sich Abschnitte zur Relevanz pflegerischer Assessmentinstrumente an, wie diese entwickelt und publiziert werden und nach welchen Gütekriterien sie beurteilt werden sollen. Reuschenbach und Mahler verstehen unter Pflegeassessment jegliche Form der durchdachten und willentlich geführten Einschätzung pflegerischer Phänomene und Konzepte. Dazu gehören strukturierte Einschätzungs- und Abklärungsinstrumente. Um die Vielzahl der vorhandenen Instrumente aus wissenschaftlicher Sicht besser zu überblicken und spezifische Gütekriterien anwenden zu können, ist eine Systematik hilfreich. Hierbei wird zwischen instrumentenbezogenen Einteilungen (z.B. Wie ist die Rolle im Pflegeprozess? Wird ein spezifisches oder generisches Verfahren angewandt?) und den Anwendungsvarianten unterschieden (z.B. Fremd- oder Selbstassessment). Während bei wissenschaftlichen Einsatz die Testgenauigkeit eines Verfahrens die größere Rolle spielt, ist der Einsatz in der Praxis rechtlich und ökonomisch, aber auch in der Verbesserung der Pflegequalität begründet. Für den Pflegepraktiker ist es wichtig, den Mehrwert des Instrumentes und den Nutzen für den zu Pflegenden gegenüber der klinischen Einschätzung klar erkennen zu können.

Da die Auswahl eines Assessmentinstrumentes entscheidend durch die Gütekriterien geleitet wird, werden diese ausführlich und mit zahlreichen Ausflügen in die Statistik gezeigt (Reliabilität, Validität, Objektivität und Reproduzierbarkeit). Neben den wissenschaftlichen Kriterien sind weitere, für die praktische Anwendung wichtige Aspekte nicht außer Acht zu lassen: die pflegepraktische Relevanz, die klinische Wirksamkeit, die Handhabbarkeit und die Akzeptanz durch den Anwender. Für den praktischen Einsatz verweisen die Autoren auf die frühzeitige Prüfung der Relevanz und des Mehrwerts – der Einsatz sollte nicht einem Trend folgen, sondern ein fundiertes Urteil voraussetzen und auch in der Evaluation kritisch hinterfragt werden. Mit den Richtlinien zur Übersetzung fremdsprachiger Assessmentinstrumente ins Deutsche schließt der allgemeine Teil.

Beispielhaft für die Fachkapitel begrenze ich die Rezension auf das Thema kognitive Einschränkung bei Demenz. Ein Überblick über die Erkrankung Demenz sowie Prävalenzzahlen und Aspekte der Versorgung leiten das Kapitel ein. Grundvoraussetzung für einen sachgerechten Umgang mit dem Erkrankten ist eine sorgfältige Diagnostik. Dabei geht es neben der Diagnosestellung und der Bestimmung des Schweregrades auch um die Beobachtung des Krankheitsverlaufs. Aus der Vielzahl der Instrumente zur Einschätzung des kognitiven Status wurden die bekanntesten Verfahren gewählt. Typische zu überprüfende kognitive Leistungen bei Demenzerkrankung sind z.B. Gedächtnis, Exekutivfunktionen, Sprache und Aufmerksamkeit. Folgende Instrumente haben Ahlsdorf und Schröder als Autoren dieses Fachthemas genauer unter die Lupe genommen:

  • die Mini-Mental-Status-Examination (MMSE) – ein kurzes und weit verbreitetes Screeningverfahren, welches auch von (trainierten) Laien durchgeführt werden kann (Papier-und-Bleistift-Test, Dauer etwa 5-10 Minuten, Summenscore über 2 Teile)
  • das Clinical Dementia Rating (CDR) (halbstrukturiertes Interview, Dauer etwa 30 Minuten, Rechenalgorithmus)
  • die ausführliche und daher oft in klinischen Studien eingesetzte Alzheimer´s Disease Assessment Scale (ADAS) (Interview/Beobachtung, Dauer etwa 30-45 Minuten, Summenscore über 2 Teile)
  • sowie die ebenfalls ausführliche CERAD-NP-Testbatterie (8 Untertests mit neurppsychologischer Expertise, Dauer etwa 45 Minuten, Rechenalgorithmus).

Bei allen Verfahren werden zunächst Entwicklung, Aufbau und Anwendung dargestellt. Daran schließen sich die Gütekriterien an, welche Studienergebnisse vorliegen und wie diese einzuordnen sind. Die Autoren zeigen, für welche Situationen das Instrument geeignet ist, aber auch, worüber keine Aussagen getroffen werden können. Das Instrument ist abgebildet. Da je nach Fragestellung weitere Verfahren zum Einsatz kommen können, werden der Uhrentest und das Bielefelder autobiographische Gedächtnisinventar kurz vorgestellt.

Diskussion

Das Buch „Assessmentinstrumente in der Pflege“ bearbeitet die wichtigsten Assessmentinstrumente in der Pflege erwachsener Menschen in umfassender und wissenschaftlich hochwertiger Form. Für den Pflegepraktiker wäre sicher eine Aufarbeitung in anwendungsorientierter Form sinnvoll, wobei dieses Werk eine Grundlage darstellt: für die Leitungs- oder Stabsebenen werden Argumente für oder gegen den Einsatz bestimmter Instrumente geliefert und die kritische Auseinandersetzung gefördert.

Für mich stellt dieses Buch ein Nachschlagewerk dar, das ich sicher oft zur Hand nehmen werde. Die Fachkapitel beginnen jeweils mit einem Überblick über die Erkrankung oder die Einordnung in die pflegerische Relevanz eines Phänomens, z.T. auch epidemiologische Daten – hier wird der Leser aus fachlicher Sicht dort abgeholt, wo er sich befindet. Die anschließende Vorstellung der Instrumente inklusiver kritischer Würdigung bieten eine perfekte Basis für die eigene Entscheidungsfindung. Besonders hervorzuheben ist die Zusatzleistung seitens des Hans Huber Verlags, die englischsprachigen Kapitel im Anhang ins Deutsche zu übersetzen, denn mit ihrer Anmerkung „nicht für alle LeserInnen gehört Englisch zum festen Bestandteil des beruflichen und/oder privaten Alltags“ liegt das Lektorat des Verlags goldrichtig.

Fazit

Mit diesem Handbuch wird erstmalig eine Zusammenfassung pflegebezogener Asessmentinstrumente vorgestellt. Pflegende benötigen für die verläßliche Einschätzung bestimmter Patientensituationen Unterstützung durch Assessmentinstrumente. Hier wird der Nutzen dieser Instrumente abgebildet, erläutert sowie die Güte kritisch beleuchtet.

Ein wichtiges und sehr umfassendes Werk für alle, die sich mit Assessmentinstrumenten befassen und fundiertes Hintergrundwissen benötigen. Nach der Lektüre kann der Leser praxisbezogene, auf die Einrichtung abgestimmte Konzepte entwickeln und mit handfesten, wissenschaftlichen Argumenten untermauern.


Rezensentin
Nina Fleischmann
M.A. Public Health und Pflegewissenschaft
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Zitiervorschlag
Nina Fleischmann. Rezension vom 09.11.2011 zu: Bernd Reuschenbach, Cornelia Mahler (Hrsg.): Pflegebezogene Assessmentverfahren. Internationales Handbuch für Pflegeforschung und -praxis. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2011. ISBN 978-3-456-84498-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/11547.php, Datum des Zugriffs 27.08.2016.


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