Sandra Smykalla, Dagmar Vinz (Hrsg.): Intersektionalität zwischen Gender und Diversity

Cover Sandra Smykalla, Dagmar Vinz (Hrsg.): Intersektionalität zwischen Gender und Diversity. Theorien, Methoden und Politiken der Chancengleichheit. Verlag Westfälisches Dampfboot (Münster) 2011. 317 Seiten. ISBN 978-3-89691-230-5. 29,90 EUR.

Reihe: Forum Frauen- und Geschlechterforschung - Band 30.

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Thema

Intersektionalität ist ein zentraler Forschungsbereich der aktuellen Gender-Forschung. Derzeit arbeiten zahlreiche deutsche Wissenschaftlerinnen dazu, wobei sie dieses in den USA entwickelte theoretische Konzept für ihre eigenen Analysen übernommen haben und seinen Erklärungs- und Erkenntniswert prüfen. Deshalb erschienen in den letzten Jahren einige Sammelbände, die den hiesigen Diskussionsstand dokumentieren. Oft gingen sie aus Konferenzen oder Workshops hervor, die von Gender-Abteilungen an unterschiedlichen Universitäten veranstaltet wurden. Auch dieser interdisziplinär angelegte Sammelband basiert auf einem Workshop, der im Frühjahr 2010 alle Autor/-innen zusammenbrachte, um ihre Zugänge, Begriffsdefinitionen und das jeweilige Verständnis von Intersektionalität und Diversity in ihren Disziplinen zu diskutieren. Die Herausgeberinnen wollen unterschiedliche disziplinäre Zugänge aufzeigen. So bietet dieser Sammelband Reflexionen über die Konzepte Intersektionalität, Gender und Diversity, darüber hinaus fragt er nach dem Verhältnis von Gender-Forschung und Intersektionalitätsforschung. Theoriegeleitete Analysen zur Intersektionalität werden mit methodischen und praxisrelevanten Überlegungen zum Stellenwert der Intersektionalitätsforschung für ausgewählte Politikfelder verknüpft. Faktisch geht es dabei um die Anti-Diskriminierungs- und Integrationspolitik, die Arbeitswelt und Organisationsentwicklung sowie den Bildungssektor.

Herausgeberinnen

Sandra Smykalla ist Gastdozentin für Erziehungswissenschaften und Gender Studies an der Humboldt-Universität zu Berlin. Als Forscherin und Beraterin ist sie in den Politikfeldern Antidiskriminierung, Menschenrechte und Gleichstellung an Hochschulen bzw. in staatlichen Institutionen tätig.

Dagmar Vinz ist Professorin für Politikwissenschaft mit Schwerpunkt Gender und Diversity an der Freien Universität Berlin. Neben der Diversity-Forschung zählt das Thema Globalisierung und Nachhaltigkeit zu ihren Schwerpunkten.

Aufbau und Inhalt

Der Sammelband enthält insgesamt neunzehn Aufsätze, die in drei Kapitel aufgeteilt sind.

Während das erste Kapitel theoretische Zugänge und konzeptionelle Grundlagen vorstellt, widmet sich das zweite Kapitel methodischen Zugängen und Herausforderungen. Im Mittelpunkt des dritten Kapitels stehen konkrete Praxisbezüge; hier geht es um Politikfelder und Strategien der Chancengleichheit und Anti-Diskriminierung.
Die meisten Beiträge wurden von Wissenschaftlerinnen verfasst, nur zwei Männer zählen zur Autorenschaft. Neben Forscherinnen aus den Gender Studies melden sich Politologinnen, Soziologinnen, Historikerinnen, Erziehungs- und Wirtschaftswissenschaftlerinnen zu Wort; etliche arbeiten an Berliner Universitäten. Beide männliche Autoren sind Politikwissenschaftler.

Die vielschichtigen Analyseebenen der Beiträge werden im Folgenden exemplarisch erläutert, indem aus jedem Kapitel ein besonders erkenntnisreicher Aufsatz vorgestellt wird. So setzt sich die Pädagogin und Gewaltforscherin Carol Hagemann-White im ersten Teil des Buches mit Intersektionalität als Herausforderung für die Geschlechterforschung auseinander. Sie erklärt die Relevanz der Interdependenzen zwischen Gender, Race und Class für die Analyse der US-amerikanischen Gesellschaft und deren vom Rassismus geprägten Geschichte. Deshalb warnt sie, die spezifischen Wechselwirkungen dieser Kategorien einfach auf Europa zu übertragen, ebenso mahnt sie zur Vorsicht gegenüber Erklärungen, die Ethnizität als Säule der Sozialstruktur europäischer Gesellschaften betrachten. Vielmehr zielen ihre Überlegungen darauf ab, Strukturkategorien zu finden und deren Zusammenwirken zu ergründen. Solche Kategorien müssten auf mehreren Ebenen wirksam sein, etwa in Machtverhältnissen, Institutionen und Interaktionen. Im Detail setzt sie sich mit der Kategorie Geschlecht auseinander, um dann am Beispiel einer europaweiten Forschung über geschlechtsspezifische Gewalt als Menschenrechtsverletzung Bezüge zur einem praktischen Politikfeld herzustellen. Ihre Ausführungen zur Empirie verbindet sie abschließend wieder mit theorieorientierten Überlegungen zur Analyse von Machtverhältnissen sowie offenen Fragen zu den strukturell tragenden Kräften von Differenz und Dominanz.

Die Wirtschaftswissenschaftlerin und Unternehmensberaterin Anja Lindau wählt einen organisationssoziologischen Analysefokus. Sie ergründet die Auswirkungen von Diversity in Unternehmen und erläutert ihr methodisches Vorgehen in einem Energieunternehmen. Bevor sie methodische Einzelheiten darlegt, skizziert sie ihr Verständnis von Intersektionalität als Konstrukt, das Wechselwirkungen und Überschneidungen von Identitätskategorien, strukturellen Ungleichheiten und Diskriminierungen sowie die Multidimensionalität von Differenzen erfasst. Ihr geht es insbesondere um die Frage, wie Diversity in sozialen Interaktionen situationsspezifisch ausgehandelt wird. Als theoretische Grundlage für ihre Studie nutzt Lindau den symbolischen Interaktionismus, vor allem die Analyse von Identitätskonstruktionen. Episodische Interviews sind aus ihrer Perspektive eine geeignete Methode, um Identitätsaushandlungen zu analysieren, wobei sie Anpassungs- und Abgrenzungsprozesse beachtet. Basierend auf solchen episodischen Interviews erstellt sie eine Identitätslandkarte, bei der sie organisatorische Normen berücksichtigt, die in dem von ihr ausgewählten Unternehmen bedeutend sind. Abschließend reflektiert die Autorin selbstkritisch über ihre Untersuchungsmethode und wägt ab, inwieweit die teilnehmende Beobachtung zur Ergänzung geeignet sei.

Die politische Praxis von Integrationsarbeit ist das Thema von Johanna Kösters. Die Politikwissenschaftlerin hat Integrationsbeauftragte in mehreren Berliner Bezirken interviewt und diese Interviews unter Bezug auf die Grounded Theory ausgewertet. Darauf aufbauend kontrastiert sie das unterschiedliche Vorgehen ihre InterviewpartnerInnen. Die Autorin fasst individuelle Hilfe durch die Integrationsbeauftragten, beispielsweise Unterstützung in der Schul- und Ausbildung für einzelne Migranten/-innen, unter einem sogenannten idealtypischen Individualansatz. Kösters kritisiert, dass dieser Ansatz Differenzen zwischen Migrantengruppen und Aufnahmegesellschaft verstärke. Hauptkritikpunkt ist, dass grundlegende Diskriminierungsformen etwa auf dem Arbeitsmarkt unzureichend beachtet würden. Demgegenüber schätzt Kösters ein Vorgehen sehr positiv ein, das Strukturprobleme in den Mittelpunkt stellt. Durch einen Strukturansatz würden unterschiedliche Diskriminierungsformen beachtet und die Aufnahmegesellschaft aufgefordert, mit Rechts- und Verhaltensänderungen aktiv an der verbesserten Integration mitzuarbeiten. Die Autorin mahnt grundlegende gesellschaftliche Transformationen an und unterstreicht, das ein Diversity-Konzept, das Intersektionalität und Machtfragen berücksichtigt, richtungweisend für mehr Chancengleichheit sei.

Diskussion

Dieser Sammelband zeichnet sich dadurch aus, dass er theoretische und begriffliche Fragen diskutiert; darüber hinaus gibt er methodischen und empirischen Themen großen Raum. Auch unterschiedliche Politikfelder werden kritisch durchleuchtet. Positiv hervorzuheben ist, dass trotz des regionalen Schwerpunktes auf Deutschland zumindest in Teilbereichen außereuropäische Beispiele vorgestellt werden, konkret im Beitrag von Ulrike Schultz über ihre Forschungen im Sudan.

Insgesamt wäre es für die Intersektionalitätsforschung und die Gender Studies in Deutschland wünschenswert, ihren einseitigen US-amerikanischen Bias und die oftmals unkritische Übernahme dortiger, kontextspezifisch entwickelter Theorieansätze intensiver zu reflektieren. Carol Hagemann-White zeigt, wie wichtig das ist. Erkenntnisreich wäre es auch, ost- und außereuropäische Gender-Studien sowie innovative Ansätze in der internationalen Maskulinitätsforschung stärker wahrzunehmen.

Fazit

Dieser lesenswerte und facettenreiche Sammelband ermöglicht einen guten Überblick über den Forschungsstand und zentrale Probleme der Intersektionalitätsforschung. Seine interdisziplinäre Ausrichtung sowie die Verbindungen zwischen Theorie und Praxis bieten viele interessante Ansatzpunkte für mögliche Weiterentwicklungen der konzeptionellen Diskussionen, empirischen Detailstudien und politischen Reflexionen über Intersektionalität.


Rezensentin
Dr. Rita Schäfer
Freiberufliche Wissenschaftlerin und Gutachterin
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Zitiervorschlag
Rita Schäfer. Rezension vom 12.10.2011 zu: Sandra Smykalla, Dagmar Vinz (Hrsg.): Intersektionalität zwischen Gender und Diversity. Verlag Westfälisches Dampfboot (Münster) 2011. 317 Seiten. ISBN 978-3-89691-230-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/11561.php, Datum des Zugriffs 24.10.2014.


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