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Robert Wegener (Hrsg.): Coaching entwickeln

Cover Robert Wegener (Hrsg.): Coaching entwickeln. Forschung und Praxis im Dialog. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. 264 Seiten. ISBN 978-3-531-18024-3. 34,95 EUR.

Reihe: VS research.
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Thema

Das Schlagwort „Professionalisierung“ ist auch im Bereich des Coaching in (fast) aller Munde: Coaches selbst legen Wert darauf, dass sie sich aus Gründen der eigenen Professionalisierung weiterbilden und weiterentwickeln. Fachverbände entwickeln Standards, die der Professionalisierung des Faches Coaching dienen. Ausbildungsanbieter wenden Evaluationsverfahren an, um die eigene Professionalisierung voranzutreiben. Und Kunden schließlich sind in jedem Fall auf der Suche nach einem Coach, der professionell genug ist, dass sie sich ihm getrost anvertrauen können. Aber was verbirgt sich hinter der Chiffre „professionell“ genau? Was bedeutet „Professionalität“ im Coaching?

Es ist naheliegend, zunächst danach zu fragen, was eigentlich eine „Profession“ ist. Diese Frage ist so schlicht, wie sie sich zunächst anhört, denn sie führt mitten in wissenschaftliche, genauer gesagt soziologische Debatten. Das bedeutet: Die Frage nach der eigenen Professionalität führt das Fach Coaching in den Dialog mit der Wissenschaft. Gleichzeitig aber hat auch die Wissenschaft ein Interesse am Fach Coaching entwickelt, was darauf hinweist, dass Coaching eine mittlerweile so etablierte und vor allem elaborierte Form von Beratung ist, dass es hinreichende Stabilität und Seriosität mitbringt, um zum Gegenstand akademischer Forschung zu werden. Nachdem sich solche Dialoge zwischen Coaching und Wissenschaft lange mehr oder weniger zufälligen Interessen und Begegnungen verdankten, ist nun die Hochschule für Soziale Arbeit der Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW auf einem guten Weg, dieses Gespräch zu institutionalisieren: Nach einem ersten internationalen Coaching-Forschungskongress im Jahr 2010 bereitet sie eben den Folgekongress für 2012 vor und arbeitet dabei mit einer respektablen Reihe deutschsprachiger Coachingverbände zusammen. Der vorliegende Band dokumentiert die Kongressbeiträge „Coaching meets research“ aus dem Jahr 2010.

Herausgeber

Robert Wegener ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut Beratung, Coaching und Sozialmanagement der Hochschule für Soziale Arbeit. Er hat den Kongress 2010 geleitet und wird den kommenden Kongress im Jahr 2012 ebenfalls leiten. Agnès Fritze ist Professorin an der Hochschule für Soziale Arbeit und Leiterin des IOnstituts Beratung, Coaching und Sozialmanagement. Zugleich ist sie selbst in der Beratung von Institutionen im sozialen Bereich aktiv. Michael Loebbert ist Leiter des Mastercurriculums Coaching an der FHNW. Nach vielen Jahren eigener Tätigkeit als Coach hat er Weiterbildungsformate für BeraterInnen und Coaches entwickelt und an der Hochschule umgesetzt.

Aufbau und Inhalt

Auf das Vorwort folgen zwei unter „Einleitung“ zusammengefasste Beiträge, in denen sich die HerausgeberInnen zu Wort melden. Fietze und Loebbert skizzieren die „Dialogplattform als Grundlage für kooperative Wissensentwicklung“. Sie beschreiben zunächst das Faktum, dass sich Coaching mit diversen, oben schon angedeuteten Ansprüchen konfrontiert sieht: Der Markt wächst weiter, Berufsverbände entwickeln Standards, Ausbildungen etablieren sich im akademischen Bereich, die Wirksamkeitsforschung übernimmt ein Plus an Legitimationsfunktion gegenüber einer korrekten oder gar kunstvollen Anwendung von theoretischen Konzepten und praktischen Methoden. Zugleich entwickelt die Wissenschaft ein hohes Interesse an Coachingforschung. Beides zusammen bildet die Basis, auf der Begegnungen stattfinden. Diese Basis wird von den beiden Heruasgebern beschrieben. Im Anschluss gibt Robert Wegener einen Überblick über den Inhalt der im Buch enthaltenen Beiträge.

Die über 20 Beiträge des Bandes können hier nicht inhaltlich vorgestellt werden, jeder einzelne von ihnen ist aber ein deutlicher Hinweis darauf, dass es ein spannender Kongress war, der im Juni 2010 in Olten stattgefunden hat, weil auf ihm viele, zum Teil sehr unterschiedliche Perspektiven zu Wort gekommen sind. Die einzelnen Teile des Bandes sollen aber dennoch kurz dargestellt werden.

Der Teil 1 ist überschrieben mit: „Perspektiven der Forschung“ und beginnt mit einem Beitrag von Beate Fietze zum Thema „Chancen und Risiken der Coachingforschung - eine professionssoziologische Perspektive“. Coachingforschung habe, so die Autorin, zum einen eine Orientierungsfunktion durch a) die kommunikative Funktion des wissenschaftlichen Diskurses, b) die wissenschaftliche Klärung des Konzeptes von Coaching und c) durch eine empirische Wirksamkeitsprüfung, und zum anderen eine Legitimationsfunktion durch die wissenschaftliche Verankerung des Coachingpraxis. Siegfried Greif schließt sich an mit dem Titel „Die wichtigsten Erkenntnisse aus der Coachingforschung für die Praxis aufbereitet“, dessen - unter Legitimationsaspekten - wichtigstes Fazit lautet, „dass die Wirksamkeit von Coaching ? nachgewiesen werden konnte“. (S. 40) Martin Greif reflektiert die Praxisrelevanz von Theorien („Es gibt nichts Praktischeres als eine gute Theorie“) für die Entwicklung des Faches Coaching. Drei englischsprachige Beispiele schließen sich an: Elaine Cox verfolgt „Innovative Ways to Research Coaching“ und fragt nach der Bedeutung der Beratungsbeziehung. Bob Garvey stellt die Frage: „Researching Coaching: An Eclectic Mix or Common Ground?? und weist darauf hin, dass Coaching in unterscheidlichen Feldern sehr unterschiedlich verstanden und konzeptualisiert wird. Zugleich verfolgt er den Gedanken, welches Wissenskonzept diesem „Sumpfland“ entsprechen kann. David B. Drake skizziert ein Konzept von „Coaching Mastery“, bestehend aus fünf Kompetenzfeldern, und Michael Loebbert zieht schließlich ein wissenschaftstheoretisches Fazit aus den Artikeln.

Der Teil 2 trägt die Überschrift: „Aktuelle Ansätze und Projekte“. Den ersten Beitrag widmen die Autoren Bernhard Grimmer und Marius Neukom der Frage „Coaching oder Psychotherapie: Was ist das Richtige für meine Klientin oder meinen Klienten?“ Hier geht es um grundlegende Abgrenzungsfragen von Coaching und Therapie. Hansjörg Künzli referiert eine Studie zur Wirkung von Coaching auf der Basis der Konsistenztheorie von Grawe unter dem Titel „Wenn es nicht mehr passt? Inkongruenz als Ergebnisfaktor von Coaching“. Harald Geißler befasst sich mit einem „der größten Probleme der Weiterbildung“, nämlich dem Transferproblem: Wie kann die Transferrate dessen, was in einer Weiterbildung gelernt wurde, in die Praxis gesteigert werden? Martin Scherm und Stephan Scherer beschreiben den Einsatz von Coaching in einem besonderen Feld: als „Führungsbegleitung“ im Feld militärischer Organisationen. Eva-Maria Graf schließt in ihrem Beitrag an die Definition von Bob Garvey an: „Coaching is a conversation with a purpose“ und fragt nach „Möglichkeiten und Grenzen einer sprachwissenschaftlichen Erforschung von Coaching“. Auch Hubert Annen widmet sich dem Einsatz von Coaching im militärischen Bereich, nämlich in der Schweizer Armee. Er fragt, wie die Aktionsforschung als „wissenschaftliches Rückgrat“ bei der Implementierung des Formates Coaching helfen kann. Ebenfalls nach hilfreichen Instrumenten für die Etablierung von Coaching fragen Sebastian Giacovelli und Sina Goldkamp diskutieren kritisch den Zusammenhang von Nutzenquantifizierung, Wettbewerb und Professionsanspruch, mit dem sich ein Kongressworkshop befasst hat. Ein Fazit lautet: „Sofern Coaches dem in Organisationen etablierten Zahlenrechnen folgen und damit die Marktmacht des/der Auftraggebenden festigen, wirkt dies dem Professionsstreben entgegen.“ (S. 175) Coaching in einem eher (noch) ungewohnten Feld thematisiert Karin Zechner in ihrem Beitrag „Coaching fernab der Elite“, nämlich mit Erwerbslosen. Nach den verschiedenen zielgruppenorientierten Beiträgen behandeln die letzten drei Aufsätze des Teils 2 eine geographische Perspektive: Frank Bresser referiert „Tendenzen in der Coaching-Praxis und -Forschung weltweit“, Thomas Freitag schildert die Marktsituation des Coachings in der Schweiz und Werner Vogelauer und Hans Ruijs stellen einen Dreiländervergleich zwischen Deutschland, Österreich und der Schweiz an. Robert Wegener sichert abschließend die Erkenntnisse des Teils 2.

Der Teil 3 ist überschrieben mit: „Coaching meets Research: Ein Blick zurück und in die Zukunft“. Robert Wegener beschreibt „Die Sicht der Praxis auf die Forschung“, indem er die Ergebnisse der Befragung der Kongress-Teilnehmenden analysiert. Michael Loebbert, Agnès Fritze und Robert Wegener wagen abschließend „Ausblicke in die Zukunft“. Eine ausführliche AutorInnen-Vorstellung beschließt den Band.

Diskussion

Mit der Einschätzung, dass der Oltener Kongress, der in dieser Publikation dokumentiert wird, ein enorm wichtiger Schritt für die Professionalisierung des Beratungsformates Coaching war, werde ich kaum allein sein. Nicht umsonst haben fast alle relevanten deutschsprachigen Coachingverbände diesen Kongress unterstützt, und weitere werden den kommenden Kongress unterstützen. Ich halte es für enorm wichtig, die Ergebnisse dieser Veranstaltung über den Kreis der unmittelbar Teilnehmenden hinaus zu verbreiten. Vieles, was Kongresse so inspirierend macht, lässt sich in der schriftlichen Form nicht abbilden: die Lebendigkeit von Vorträgen und Diskussionen, die weiterführenden Pausengespräche, das Gefühl dafür, dass Netzwerke entstehen, und anderes. Den HerausgeberInnen des Bandes ist es gleichwohl gelungen, durch eine äußerst gelungene Editierung rote Fäden aufzuzeigen, die Bedeutung bestimmter Themen zu verdeutlichen, Mosaiksteinchen zu Bildern zusammenzufügen und die Praxisrelevanz auch zunächst abstrakt wirkender Abhandlungen darzustellen. Hier sind sowohl die einleitenden Beiträge als auch die Zusammenfassung des zweiten Teils als auch der Teil 3 von hohem Wert.

Manches wird mehr für die Coachingforschung, anderes mehr für die Coachingpraxis von Interesse sein. Das Buch ist dennoch für beide Felder von hohem Interesse, weil die Chance der Weiterentwicklung des Faches Coaching gerade in der Begegnung von Forschung und Praxis liegt, denn die ist, nach der Marktetablierung von Coaching in den 1990er Jahren und der Gründung von Berufsverbänden um das Jahr 2000 herum nun die dritte Phase der Professionalisierung (vgl. den Beitrag von Beate Fietze). Es gibt so viele sehr spannende Beiträge in diesem Band, dass er insgesamt allemal lesenswert ist. Mich persönlich haben vor allem angesprochen: der schon genannte Beitrag von Beate Fietze aus der Blickrichtung der Professionssoziologie, der Aufsatz von Bob Garvey zur Frage einer Basistheorie der Coachingforschung, die „Five Elements of Mastery“ von David B. Drake (vor allem für Ausbildende von einigem Wert!), der m.E. sehr innovative Zugang von Eva-Maria Graf, deren linguistischer Blick Coaching als Kommunikationsveranstaltung ernst nimmt, und der Artikel von Katrin Zechner zum Thema „Coaching fernab der Elite“, weil es auch mein Anliegen ist, Coaching aus der Sphäre des Elitären herauszulösen und das gut erprobte Wissen und Können auch denen zur Verfügung zu stellen, die sich einen Coach nicht leisten können, wohl aber Unterstützung bei der Bewältigung ihrer Lebensprobleme brauchen. (Aus diesem Grund bilde ich beispielsweise sehr gern Beratungskräfte in sozialen Feldern zu Coaches aus, damit sie Elemente des Coachinghandelns in ihre soziale Arbeit integrieren können.)

Das Buch lässt mich schon jetzt gespannt sein auf den nächsten Kongress und damit auf einen Nachfolgeband. Bis dahin wünsche ich mir eine breite Rezeption und Diskussion in allen Berufsverbänden und Netzwerken.

Fazit

Ein wichtiger Beitrag zu Professionalisierung des Coaching. Für Coachingforscher und -praktiker: Unbedingt lesen!


Rezensent
Peter Schröder
Pfarrer
(Lehr-)Supervisor (DGSv), Seniorcoach (DGfC)
Homepage www.resonanzraeume.de
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Zitiervorschlag
Peter Schröder. Rezension vom 04.10.2011 zu: Robert Wegener (Hrsg.): Coaching entwickeln. Forschung und Praxis im Dialog. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. ISBN 978-3-531-18024-3. Reihe: VS research. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/11562.php, Datum des Zugriffs 11.12.2016.


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