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Marion von zur Gathen, Astrid Kerl-Wieneck u.a.: Lehrbuch Kindertagespflege

Cover Marion von zur Gathen, Astrid Kerl-Wieneck, Inge Michels, Matthias Brüll, Eva Hedervari-Heller: Lehrbuch Kindertagespflege. Bildungsverlag EINS GmbH (Köln) 2011. ISBN 978-3-427-40524-5. 24,95 EUR.

Weitere Autoren/innen: Martin Künstler, Inge Michels, Maria-Theresia Münch, Martin Peters, Brigitte Schnock, Gabriel Schoyerer.
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Thema

Das Buch beschäftigt sich mit der Kindertagespflege als Betreuungsform für Kinder unter 4 Jahren.

Entstehungshintergrund

Kindertagespflege gibt es schon so lange wie das Problem der Vereinbarkeit von Familie und Beruf besteht. War sie früher eher eine Form der Nachbarschaftshilfe oder der Unterstützung im Familien- und Verwandtenkreis so hat sie mit dem auf dem Krippengipfel 2007 beschlossenen U3-Ausbau einen wahren Boom erlebt, insbesondere die durch die öffentliche Hand geregelte Form der Kindertagespflege hat seither enorm zugenommen. So ist es sicherlich an der Zeit gewesen das Wissen über dieses Handlungsfeld in einem Band zusammenzutragen wie er von Marion von zur Gathen, Astrid Kerl-Wienecke und Inge Michels vorgelegt wurde.

Aufbau

Das Lehrbuch gliedert sich in vier thematische Teile, jeder Abschnitt schließt mit einer kurzen Zusammenfassung sowie mit Vorschlägen für weiterführende Literatur, die auch in kurzen Abstracts beschrieben wird. Der Lehrbuchcharakter wird zusätzlich durch die Heraushebung von Merksätzen unterstrichen. Ergänzt werden die Kapitel durch Kurzinterviews mit Expertinnen und Experten aus ganz unterschiedlichen Fachrichtungen und Tätigkeitsbereichen. So kommen die Spielpädagogin Susanne Stöcklin-Meiern, der Neurobiologe Gerald Hüther, der Kinderarzt Herbert Renz-Polster und der Kinderliedermacher Reinhard Horn – jeweils zu ihren spezifischen Themengebieten – zu Wort. Zu dem Lehrbuch wird eine Online-Ergänzung angeboten. Hier finden sich Materialien, Aktualisierungen und Korrekturen sowie Porträts der Autorinnen und Autoren.

Inhalt

Im ersten Teil des Lehrbuchs ‚Kindertagespflege als Beruf‘ steht die Tagespflegeperson selbst im Mittelpunkt, wobei Kapitel 1, verfasst von Maria Theraesia Münch, nach einem kurzen historischen Abriss, vor allem der Selbstreflexion (potentieller) Tagesmütter und -väter bezogen auf ihre Eignung für diese Tätigkeit dient. Danach folgt in Kapitel 2 eine Einführung in die unternehmerische Seite der Tagespflege (Marion von zur Gathen/Inge Michels). Auch hier finden sich zahlreiche Handreichungen zur Planung einer solchen, selbständigen Tätigkeit: Das Erstellen eines Businessplans wird ebenso thematisiert wie vertrags- und versicherungsrechtliche Fragen und der Umgang mit Zeit im Alltag der Tagesmutter bzw. -vaters.

Im zweiten Teil des Buches ‚Das Kind in der Kindertagespflege‘ folgt der Blick auf das Hauptklientel der Tagespflege, die Kinder unter 4 Jahren. Im ersten Kapitel dieses zweiten Teils stellt Matthias Brüll entwicklungspsychologische Aspekte von Kindern zwischen 0 und 4 Jahren vor. Der Autor stellt die Besonderheiten des (früh-)kindlichen Denkens, Fühlens und Handelns heraus und formuliert auf dieser Grundlage Handreichungen für angemessenes pädagogisches Handeln in der Tagespflege. Unterlegt werden diese mit zahlreichen Praxisbeispielen. In diesem Abschnitt wird gezeigt wie Kinder in der Tagespflege professionell begleitet und ‚gefördert‘ werden können und dies insbesondere in Abgrenzung zu alltagspraktischem pädagogischen Handeln. In dem zweiten kurz gehaltenen Kapitel dieses Teils thematisiert Éva Hédervári-Heller vor dem Hintergrund der Bindungstheorie die Bedeutung von Bindung in der Kindertagespflege und die Rolle der Tagesmutter bzw. des -tagesvaters in dem Beziehungsdreieck Kind – Eltern – Tagespflegeperson. Das dritte Kapitel ‚Bildung und Erziehung in den ersten vier Lebensjahren‘ befasst sich mit der Frage was Bildung und Erziehung in der frühen Kindheit bedeuten. Vor dem Hintergrund des ‚kompetenten Kindes‘ wird Bildung als ‚Selbstbildung‘ konzipiert, Erziehung als ‚Begleitung‘ (Gabriele Schoyer). Beides zusammen wird als „kooperatives Projekt“ verstanden (S. 169). Sowohl Bildung als auch Erziehung realisieren sich in Interaktion, zum einen zwischen Erwachsenen und Kindern und zum anderen innerhalb der Peer. Vorgestellt werden didaktische Konzepte, die es erlauben dieses Bildungs- und Erziehungsverständnis umzusetzen. So werden das Konzept der Ko-Konstruktion und das Konzept der Reggio-Pädagogik unter besonderer Berücksichtigung des Spiels ebenso thematisiert wie die Gestaltung der Beziehung zwischen Tagespflegeperson und Kind sowie die Gestaltung einer anregungsreichen Umwelt. Das Kapitel schließt mit einer kurzen Einführung in die Notwendigkeit einen pädagogischen Habitus auszubilden. Kapitel 4 befasst sich mit der Frage wie der Bildungsauftrag in den Kindergarten und damit auch in die Kindertagespflege kam und erläutert kurz die Bildungspläne der Länder indem Gemeinsamkeiten und Unterschiede dargestellt und auf die Inhalte der Bildungspläne Bezug genommen werden (Martin Künstler). Als ein wichtiger Bestandteil der Bildungspläne werden in Kapitel 5 von Astrid Kerl-Wienecke und Martin Peters die Möglichkeiten der Beobachtung und Dokumentation in der Kindertagespflege dargestellt. Durch systematisches Beobachten und Dokumentieren soll in Erfahrung gebracht werden „wofür sich Kinder interessieren und engagieren, welche Grundannahmen und Gedanken sie haben und wie sie ihr Welt ordnen und verstehen“ (S. 197). Beobachtungsverfahren sind abhängig von den Beobachtungsanlässen. Als ein für die Tagespflege geeignetes Verfahren wird das sogenannte Bildungsbuch bzw. Portfolio etwas ausführlicher vorgestellt.

Im dritten Teil des Lehrbuchs ‚Qualität in der Kindertagespflege‘ befasst sich im ersten Kapital Astrid Kerl-Wienecke mit der Frage der Qualifizierung von Tagespflegepersonen (DJI-Curriculum) und in einem zweiten Kapitel Martin Peters mit der Qualität von Kindertagespflege. Exemplarisch werden die Tagespflege-Skala (TAS) sowie das Qualitätsentwicklungsverfahren des Paritätischen Hamburg vorgestellt. In Kapitel 3 stellt Cornelia Spohn Supervision und Coaching als Instrumente zur Professionalisierung in der Kindertagespflege vor. Dabei wird Supervision als Ort der Reflexion des beruflichen Alltagshandeln und Coaching als ergebnis-und lösungsorientierte Beratung verstanden, wobei Supersion vor allem als eine Form ‚kollegialer Beratung‘ unter Tagesmüttern konzipiert wird. In Kapitel 4 schließlich wird auf potentielle Krisen Bezug genommen. Der Begriff ‚Krise‘ wird verstanden als Wendepunkt in dem Entscheidungen anstehen. Maria-Theresia Münch unterscheidet Krisen nach Arten und Phasen. Als typische Krisen in der Tagespflege nennt sie beispielsweise bezogen auf die Kindergruppe das überraschende Ausscheiden eines Kindes, bezogen auf die Familie des Kindes die Geburt von Geschwisterkindern und bezogen auf die Tagespflegefamilie Erkrankung der Tagespflegeperson. Es werden Ansatzpunkte zur Bewältigung von Krisen aufgezeigt.

Der vierte Teil widmet sich dem ‚Alltag in der Kindertagespflege‘; und hier wird es noch einmal ‚ganz praktisch‘. Der Teil enthält eine Vielzahl von Vorschlägen zur Gestaltung der pädagogischen Arbeit im Alltag und bietet – insbesondere zu Beginn in Kapitel 1 – erneut zahlreiche Reflexionsangebote für die (potentiellen) Tageseltern. In diesem Teil kommen auch zahlreiche Tagespflegepersonen zu Wort, die über ihren Alltag berichten und so ebenfalls Anregungen für die Arbeit bieten.

In den ersten drei Kapiteln berichtet Astrid Kerl-Wienecke über die Zusammenarbeit mit den Eltern sowie potentielle Konfliktfelder (beispielsweise mütterliche Trennungsängste und Konkurrenz zwischen ‚zwei Müttern‘), die Gestaltung der Eingewöhnungs- und Abschlussphase und gibt praktische Hinweise für die Durchführung von Elterngesprächen. In Kapitel 4 thematisiert Brigitte Schnock die Gestaltung des Alltags, die Bedeutung und Durchführung von Ritualen, die Strukturierung des Tagesablaufs durch Mahlzeiten, durch verschiedene Phasen von ‚Ruhe und Spiel‘, sowie die Gestaltung des Ankommens und des Tagesabschluss. Sie erläutert das pädagogische Potential von Festen wie Geburtstagen aber auch jahreszeitlich gebundenen und religiösen Festen. In diesem Zusammenhang wird auch kurz der Umgang mit „anderen Kulturen“ angesprochen. Die Bedeutung von Raum und Umgebung, Spielzeug und Medien vervollständigen dieses Kapitel.

In Kapitel 5 widmet sich Marion von zur Gathen dem Thema Gesundheit. Hier wird sowohl die Perspektive der Tagespflegeperson (z.B. Arbeitsschutz bezogen auf rückenfreundliches Arbeiten, Infektionsschutz, Umgang mit Lärm, Stress und Stressbewältigung) als auch die des Kindes (z.B. Betreuung (chronisch) kranker Kinder, Ernährung, Bewegung) eingenommen und der Hauptaugenmerk auf Gesundheitsförderung und Prävention gelegt. Dieses Kapitel schließt mit einem Abschnitt zum Umgang mit Erkrankungen der Tagespflegeperson und dem daraus resultierenden Ausfall von Betreuungszeiten. In dem abschließenden Kapitel werden besondere Lebenslagen thematisiert, beispielsweise Trennung/Scheidung der Eltern und der Frage nachgegangen wie Tagespflegepersonen die Kinder in solchen, kritischen Lebenssituation unterstützen können (Marion von zur Gathen). Norbert Struck befasst sich in seinem Abschnitt mit dem Thema Kindeswohlgefährdung und Auffälligkeiten im kindlichen Verhalten. In beiden Fällen thematisiert er die Rolle der Tagespflegeperson als aufmerksame Beobachterin, die mit Vorsicht und bei Bedarf mit Unterstützung von Fachleuten das Kind unterstützt und begleitet. Dabei ist die Fähigkeit zu beobachten und das Beobachtete zu dokumentieren von besonderer Bedeutung.

Diskussion

Das Lehrbuch bezieht sich fast ausschließlich auf die Zielgruppe der unter 4-jährigen Kinder. Dies ist dem Umstand geschuldet, dass Kinder dieses Alters die größte Gruppe in der Tagespflege stellen. Dennoch besuchen zu einem nicht unerheblichen Anteil, nämlich zu 36%, auch Kinder im Alter von 3 bis unter 14 Jahren eine Tagesmutter. Daher wäre ein Abschnitt zu dieser Altersgruppe bzw. zum Umgang mit einer größeren Altersmischung in der Kindergruppe eine Bereicherung für diesen Band. Ähnlich verhält es sich mit der Familie der Tagesmutter bzw. des Tagesvaters. Während eigene Kinder der Tagesmutter/des Tagesvaters im ersten Abschnitt kurz thematisiert werden bleibt der Ehemann/Lebenspartner bzw. die Ehefrau/Lebenspartnerin außen vor. Gerade für Eltern ist die familiäre Einbettung der Tagespflegeperson jedoch ein wichtiges Thema.

Insgesamt kommt die kritische Auseinandersetzung mit der Tagespflege als Betreuungsform zu kurz: Sicherung von Betreuungskontinuität, vergleichsweise niedrige Mindest-Qualifikationsstandards, (neben-)berufliche Stellung von Tagespflegepersonen, ‚Einzelkämpferdasein‘ der Tageseltern sind nur einige Stichworte. Diese werden zwar benannt, in ihrer Problemhaftigkeit jedoch nicht weiter diskutiert. Das Lehrbuch selbst ist Ausdruck einer der wichtigsten Widersprüche des Systems ‚Tagespflege‘, denn stets schwingt die Frage mit, wie die Tagespflege den an sie gestellten hohen Anforderungen (Stichwort: Bildungsauftrag, gesetzliche Gleichstellung von Tageseinrichtungen und Tagespflege) angesichts bestehender Standards gerecht werden kann?

Fazit

Das vorliegende Buch ist als Lehrbuch konzipiert, nimmt jedoch in weiten Teilen den Charakter eines Praxisleitfadens an. Es richtet sich explizit an Tagesmütter und -väter bzw. solche die es werden wollen. In weiten Teilen ist es aber auch für andere Berufsgruppen der frühen Kindheit eine gute einführende Lektüre. Insbesondere die Teile zum ‚Kind in der Tagespflege‘ sowie zur ‚Alltagsgestaltung‘ sind hilfreiche Praxisleitfäden für (angehende) Tageseltern. Als wichtiger Bestandteil professioneller Tagespflege schwingt in allen Kapiteln eine wohlwollende, den Kindern und Eltern gegenüber nicht wertende Grundhaltung der Tagespflegeperson mit. Auch wenn das Feld der Tagespflege nach wie vor in Bewegung ist, fasst das Lehrbuch das aktuelle Wissen darüber in gut lesbarer Weise zusammen; dies ist insbesondere für ‚Quereinsteiger/innen‘ ein wichtiges Gütekriterium. Alles in allem gelingt diesem Lehrbuch eine gute Rundumschau mit einführendem Charakter und zahlreichen Anregungen zur Reflexion sowie zur vertiefenden Lektüre.


Rezensentin
Prof. Dr. Kirsten Fuchs-Rechlin
Fliedner Fachhochschule Düsseldorf, Lehrgebiet Bildung und Erziehung in der Kindheit. Arbeitsschwerpunkte: Frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung, Kinder- und Jugendhilfestatistik, insbes. Statistik der Kindertagesbetreuung, Berufsfeldforschung, Professionalisierung pädagogischer Berufe, Eltern- und Familienbildung
Homepage www.fliedner-fachhochschule.de
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Zitiervorschlag
Kirsten Fuchs-Rechlin. Rezension vom 10.01.2012 zu: Marion von zur Gathen, Astrid Kerl-Wieneck, Inge Michels, Matthias Brüll, Eva Hedervari-Heller: Lehrbuch Kindertagespflege. Bildungsverlag EINS GmbH (Köln) 2011. ISBN 978-3-427-40524-5. Weitere Autoren/innen: Martin Künstler, Inge Michels, Maria-Theresia Münch, Martin Peters, Brigitte Schnock, Gabriel Schoyerer. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/11634.php, Datum des Zugriffs 01.06.2016.


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