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Rolf Göppel, Margret Dörr u.a. (Hrsg.): Reifungsprozesse und Entwicklungsaufgaben im Lebenszyklus

Cover Rolf Göppel, Margret Dörr, Antonia Funder (Hrsg.): Reifungsprozesse und Entwicklungsaufgaben im Lebenszyklus. Jahrbuch für Psychoanalytische Pädagogik 19. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2011. 250 Seiten. ISBN 978-3-8379-2105-2.

Reihe: Psychoanalytische Pädagogik.
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Herausgeberinnen und Herausgeber

Margret Dörr und Rolf Göppel sind Vorsitzende der Kommission „Psychoanalytische Pädagogik“ in der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft, Antonia Funder ist Assistentin im Arbeitsbereich psychoanalytische Pädagogik der Universität Wien. Die Herausgeber lassen in ihr Buch Erfahrungen aus der Allgemeinen Pädagogik, der Biografiearbeit, Sozialpädagogik, Frühpädagogik und der Psychoanalyse einfließen. Sie haben dazu eine eindrucksvolle Reihe von Autorinnen und Autoren gewonnen, die sich vielfach über Arbeiten mit psychoanalytischen oder gruppenanalytischen Hintergrund ausgewiesen haben – weiteres dazu unter Inhalt.

Thema

Ein Überblick über die Entwicklungsaufgaben des menschlichen Lebens ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Die Autoren strukturieren ihre Arbeit entlang des Konzepts des „Lebenszyklus“ von E. Erikson. Denken, Fühlen und Erleben in den einzelnen Entwicklungsstufen wird auf diesem Weg dargestellt und Konflikte, Ängste und Wünsche der Menschen in den entsprechenden Alters- und Entwicklungsstufen beschrieben. Dies geschieht aus einer breit und interdisziplinär verstandenen psychoanalytischen Perspektive.

Aufbau

Das Buch erscheint als 19. Band in der Reihe „Jahrbuch für Psychoanalytische Pädagogik“ mit einem programmatischen Editorial: Wie sind die spezifischen Probleme und Herausforderungen der einzelnen Lebensabschnitte heute aus psychoanalytisch-pädagogischer Perspektive zu begreifen?

Dazu folgen dann neun einzelne, am Lebenszyklus orientierte Beiträge, die auf im Editorial von der Redaktion gestellte Fragen eingehen. Dies ist der Hauptteil des Buches.

Das letzte Drittel ist von diesem Thema unabhängig und enthält eine Literaturumschau zum Thema Migration und Buchbesprechungen. Die Rezension geht auf diesen letzten Teil nur kurz ein; sie konzentriert sich auf die im Titel vorgegebene entwicklungspsychologische Thematik des Hauptteils des Buches.

Inhalt

Ein von den Redaktion verfasstes Editorial verbindet das Eriksonsche Modell des Lebenszyklus mit aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen. Die übergreifende Frage des Buches nach den Besonderheiten der Psychoanalytischen Pädagogik wird in zahlreiche konkrete Fragen zu Reifungsprozessen und Entwicklungsaufgaben in der heutigen Zeit aufgeteilt – und der Leser damit auf die folgenden neun Kapitel verwiesen.

Günther Bittner führt in seinem Beitrag „Das Rätsel der Sphinx. Oder: psychosoziale vs. naturalistische Paradigmen der Lebensspanne“ Erikson als einen „Stiefsohn der Psychoanalyse“ ein. Er gibt einen historischen Überblick zu Darstellungen der „Lebensalter“, fasst eigene Forschungen zusammen und stellt auf eine persönliche Weise seine „Kampfansage an das „psychosoziale Paradigma“ „(S. 27) dar. Hier finden sich pointierte Aussagen, z. B. wenn auf Seite 25 zur Frage der Beteiligung von männlichen Erziehern in der Frühpädagogik als eine „Naturtatsache“ angeführt wird, „dass kleine Kinder unter der Obhut von Frauen durchweg besser aufgehoben sind“.

Margit Datler, Wilfried Datler, Maria Fürstaller und Antonia Funder schließen methodisch konstrastierend mit einer Beobachtungsstudie zur Eingewöhnung eines 19 Monate alten Jungen in einer Kita an („Hinter verschlossenen Türen. Über Eingewöhnungsprozesse von Kleinkindern in Kindertagesstätten und die Weiterbildung pädagogischer Teams“). Das anrührende Beispiel für das Verhalten und Erleben eines Kindes in einer Krippe bietet sehr genaue, detailreiche Beobachtungen und gut nachvollziehbare Interpretationen individueller und institutioneller Abwehrprozesse, die zu einem Verstehen der Arbeit in Krippen beitragen.

Der folgende Beitrag von Annelinde Eggert-Schmid Noerr „Mensch, ärgere dich nicht, spiele! Psychoanalytische und psychoanalytisch-pädagogische Perspektiven auf das kindliche Spiel“ nimmt ebenfalls konkrete Beobachtungen von Spielszenen auf. Die Interpretation ist vorrangig auf Freuds Hypothesen zum Kinderspiel und Arbeiten von Winnicott ausgerichtet, aktuelle Konzepte klingen an.

Burkhard Müller schreibt zu „Jugend und Adoleszenz in psychoanalytisch-pädagogischer Perspektive“ und nimmt dabei die Generationendifferenz in den Blick. Adoleszenz wird hier nicht – wie sonst häufig – als Ausdruck neuronaler Unordnung verstanden, sondern in Hinsicht auf ihre gesellschaftliche Funktion und die damit verbundenen Konflikte untersucht – etwa wenn Erwachsene „jugendlich“ bleiben und Entwicklungsmöglichkeiten Jugendlicher blockieren. Die „zweite Chance“ der Adoleszenz ist so nicht nur ein Risiko für Jugendliche, sondern auch für ihre Eltern und die Gesellschaft. Müller beschreibt die Eriksonsche Formulierung der Entwicklungsaufgabe „Identität versus Identitätsdiffusion“. Eine als notwendig erachtete Anerkennung der „pädagogischen Ohnmacht“ (S. 78) im Umgang mit dem Jugendalter steht neben dem Hinweis, dass Jugendliche auf eine Umwelt persönlich bedeutsamer Erwachsener angewiesen sind – „Es gibt keine unwirksame Elternschaft“ (S. 88).

Renate Praza und Kornelia Steinhardt schließen wieder mit einem beobachtungsnahen Beitrag an – „Adoleszenz und Mathematikunterricht. Die Bedeutung des Erlebens von Scham und Stolz für Jugendliche im schulischen Kontext“. Die Auseinandersetzung mit der als faszinierend und bedrohlich erlebten Mathematik wird unter dem Aspekt von Stolz und Scham beschrieben. Was bedeutet es für adoleszente Schüler, hier an Grenzen des eigenen Verstehens zu kommen? Die beschriebene entwicklungsfördernde Funktion des Mathematikunterrichts kann Leser zu weiteren eigenen Überlegungen anregen.

„Das frühe Erwachsenenalter – auf der Suche nach dem »guten Leben«“ wird von Rolf Göppel anhand von Filmen und aktuellen Beispielen aus Zeitschriften untersucht. Zur Frage des Autors – Was trägt zum Glück bei? – werden Ergebnisse präsentiert, die über das erwartete hinausgehen. Göppel zitiert als Fazit Fendt, wenn er schreibt, Glück entstehe aus Bindungen und Engagement (S. 136, Fendt 2009).

Urte Finger-Trescher gibt zu „Eltern. Anmerkungen zu einer denkwürdigen Lebensform“ einen kurzen Überblick der aktuellen Diskussion. Sie greift heraus, dass eine aktuell zu beobachtende Idealisierung der Kinder auch ein Verschwinden der Kindheit bedeute, und weist darauf hin, dass für viele Eltern die eigene Adoleszenz als eine zentrale Zeit des Erwerbens elterlicher Kompetenzen gefehlt habe – die intensive schulische Belastung, wenig Geschwister, Nichten, Neffen und Nachbarskinder wirken sich auf das Lernen des Umgangs mit kleinen Kindern aus.

„Erwachsene“ werden von Margret Dörr unter dem Aspekt der Einbindung in eine leibliche Entwicklung und ein gesellschaftliches Unbewusstes diskutiert. Dörr sieht die Elternschaft als einen zentralen Aspekt des sich „erwachsen“ Fühlens und diskutiert geschlechtsspezifisch unterschiedliche Entwicklungen.

Wilfried Datler und Kathrin Trunkenpolz schreiben dann zu Trauerarbeit als Bildungsaufgabe im hohen Alter wieder mit mit Bezug zu einem konkreten Beobachtungsprotokoll aus einem Pflegeheim.

Ohne Bezug zum Thema Reifungsprozesse und Lebenszyklus enthält das Buch noch eine Literaturumschau (Julia Stieber, Aleksandra Peric) zum Erleben von Migration, eine dichte, kommentierende Übersichtsarbeit mit umfangreicher Literatur.

Diskussion

Die einzelnen Kapitel werden durch den Bezug auf die Entwicklung des Menschen verbunden. Sie greifen zum großen Thema der Reifungsprozesse einzelne Aspekte auf. Methodisch sind sie auf interessante Weise unterschiedlich: Anregende Aufsätze zu gesellschaftlichen Fragen wechseln sich ab mit detaillierten Auswertungen konkreter Beobachtungen. Diese Auswahl bildet auch psychoanalytische Veröffentlichungstraditionen ab. Dabei werden klassische psychoanalytische Konzepte betont. Aktuelle entwicklungspsychologische Konzepte klingen an, werden aber oft wenig deutlich herausgearbeitet (z. B. im Kapitel zum kindlichen Spiel).

Fazit

Auf eine anregende Weise unsystematisch, gut lesbar und unvollständig bietet das Buch pointierte, teils deutlich subjektiv gefärbte Einsichten in eine psychoanalytisch orientierte Entwicklungspsychologie der Lebensalter. Die im Editorial aufgeworfenen Fragen werden – natürlich – nicht umfassend beantwortet. Aber die auf sie zwanglos ausgerichteten Kapitel regen mit ihren gesellschaftlich und politisch aktuellen Stellungnahmen zum eigenen Weiterdenken und manchmal auch zum Widerspruch an.
Wer sich also von einer deutlichen Gliederung lösen kann und keinen Anspruch darauf erhebt, ein entwicklungspsychologisches Lehrbuch zu erhalten, bekommt eine vielseitig interessante Lektüre. Angesprochen von dem Buch werden pädagogisch oder psychoanalytisch interessierte Leser, die sich über Verbindungen ins jeweils andere Gebiet anregen lassen möchten, sowie Sozialarbeiter, Psychotherapeuten und Psychoanalytiker mit entwicklungspsychologischer Neugier.


Rezensent
Prof. Dr. Hermann Staats
Professor für psychoanalytische Entwicklungspsychologie an der Fachhochschule Potsdam
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Zitiervorschlag
Hermann Staats. Rezension vom 02.02.2012 zu: Rolf Göppel, Margret Dörr, Antonia Funder (Hrsg.): Reifungsprozesse und Entwicklungsaufgaben im Lebenszyklus. Jahrbuch für Psychoanalytische Pädagogik 19. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2011. ISBN 978-3-8379-2105-2. Reihe: Psychoanalytische Pädagogik. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/11689.php, Datum des Zugriffs 04.12.2016.


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