socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Silke Birgitta Gahleitner, Herbert Effinger u.a. (Hrsg.): Disziplin und Profession Sozialer Arbeit

Cover Silke Birgitta Gahleitner, Herbert Effinger, Björn Kraus, Ingrid Miethe, Sabine Stövesand, Juliane Sagebiel (Hrsg.): Disziplin und Profession Sozialer Arbeit. Entwicklungen und Perspektiven. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2010. 187 Seiten. ISBN 978-3-86649-336-0. 19,90 EUR.

Buchreihe Theorie, Forschung und Praxis Sozialer Arbeit - Band 1.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Es gibt nur wenige Publikationen, in denen explizit das Verhältnis von Sozialarbeit und Sozialpädagogik als problematisches zum Thema gemacht wird. Wenn hier Disziplin und Profession Sozialer Arbeit in einer Reihe von grundlegenden Positionierungen thematisiert wird, geschieht das aus der Perspektive der Traditionslinie der Sozialarbeit bzw. der Sozialarbeitswissenschaft.

Entstehungshintergrund

Der Band ist ein Spin-off der Jubiläumstagung der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit 2009. Dementsprechend haben seine Beiträge auch Grundsätzliches im Sinn: Bilanzierung der bisherigen Tätigkeit und Ausblick in die Zukunft. Gleichzeitig ist er der erste Band der Buchreihe „Theorie, Praxis und Forschung der Sozialen Arbeit“, die von der DGSA herausgegeben wird. Die Leserin / der Leser kann also durchaus Grundlegendes und Programmatisches erwarten.

Inhalt

Der erste Abschnitt des Bandes ist übertitelt mit „Überblicksperspektiven“. Genau das bietet er auch in höchster Qualität.

Carl Wolfgang Müller ist der einzige Vertreter des sozialpädagogischen Zugangs unter den AutorInnen. Er hat aber schon immer in seiner historischen Sichtweise den VertreterInnen der Sozialarbeits-Traditionslinie einen prominenten Platz eingeräumt. So auch hier. In gewohnt fulminanter Formulierungskunst schafft er den Bogen von den 1940er und 1950er-Jahren zur Gegenwart, nicht ohne nötige Warnungen auszusprechen. Soziale Arbeit müsse gesellschaftkritisch sein, sie müsse ein konstruktives Verhältnis zu den sogenannten Ehrenamtlichen (die er „Zeitspender“ nennt) finden, und sie müsse ihr Wissen an eben diese „Zeitspender“ weitergeben.

Peter Sommerfeld liefert den eigentlichen Kernbeitrag. Er plädiert auf Basis einer hochinteressanten Analyse für eine empirisch fundierte Sozialarbeitswissenschaft und fordert von der Sozialpädagogik ein, den selbstgestellten Anspruch, die gesamte Soziale Arbeit zu repräsentieren, auch einzulösen. Er konstatiert einen Aufschwung in den letzten 2 Jahrzehnten. Dieser Aufschwung ist allerdings unvollständig und unvollendet. Ihm müsse ein Committment aller ProfessorInnen für Soziale Arbeit zur Fachwissenschaft folgen - und das entsprechende Forschungsprogramm.

Sylvia Staub-Bernasconi skizziert 15 Jahre Arbeit der DGSA-Sektion Theorie- und Wissenschaftsentwicklung. Ihren Bericht nimmt sie zum Anlass für eine Bilanz auch der Auseinandersetzung zwischen der universitären Sozialpädagogik und den VertreterInnen der Sozialarbeitswissenschaft. Dabei erweisen sich einige Fortschritte (z.B. die Einigung auf den Terminus „Soziale Arbeit“ als gemeinsamen Überbegriff und die punktuelle Berücksichtigung von Beiträgen der Sozialarbeit in Publikationen der Sozialpädagogik) als unzureichend. Sie verweist darauf, dass zahlreiche Fragen des Verständnisses einer professionsbezogenen Wissenschaft in keiner Weise geklärt sind und plädiert dafür, endlich internationales Niveau zu erreichen. Dazu gehören ein Kerncurriculum sowie der volle akademische Zyklus inklusive Doktoratsstudien der Sozialarbeit (und nicht nur der Sozialpädagogik).

Ingrid Miethe und Armin Schneider resümieren die Sozialarbeitsforschung bzw. die Forschung ind er Sozialen Arbeit. Diese Unterscheidung im Titel ihres Beitrags, die bereits Insiderkenntnisse des auch von Sylvia Staub-Bernasconi angesprochenen schwierigen Verhältnisses von Sozialarbeit und Sozialpädagogik voraussetzt, wird im Beitrag ausgeführt. In einem kurzen Überblick wird Forschung als zusehends wichtiger Bestandteil der professionsbezogenen Wissenschaft dargestellt. Die Autorin und der Autor weisen auf verschüttete Traditionen der Sozialarbeitsforschung (z.B. die Arbeiten des Hull House) hin.

Der zweite Abschnitt des Bandes ist mit „Perspektiven ausgewählter Arbeitsfelder und Handlungsansätze“ übertitelt. Der Titel ist bescheiden, denn tatsächlich drehen sich die Artikel um DIE zentralen Diskurslinien für die Praxis der Sozialen Arbeit.

Michael Rothschuh und Elfa Spitzberger versuchen eine Verortung der Gemeinwesenarbeit und beziehen sich dabei auf die Anfänge, vor allem auf Jane Addams und das Hull House in Chicago.

Albert Mühlum und Silke Birgitta Gahleitner formulieren das Verständnis von Klinischer Sozialarbeit als Fachsozialarbeit, gehen nach einer grundsätzlichen Verortung auf Fragen von Forschung und Diagnostik ein.

Manfred Neuffer plädiert für ein Case Management, das sozialarbeitswissenschaftlich begründet ist, die Beziehung zum Klienten als notwendige Bedingung eines adäquaten Hilfeprozesses beinhaltet, und sich an den ethischen Grundlagen der Profession orientiert.

Wolf Rainer Wendt betont in seinem der Sozialwirtschaft gewidmeten Beitrag, wie die Sozialarbeit seit ihren Anfängen an Fragen der Nationalökonomie und des Wirtschaftens interessiert war. Ökonomische Aspekte spielen auf der Ebene des basalen Wirtschaftens (des Haushalts), der Organisation und der Politik von Care eine Rolle. Das Feld der Sozialwirtschaft - und jenes der Theorie der Sozialwirtschaft - ist größer als jenes der Sozialarbeti, mit diesem aber untrennbar verbunden.

Wolfgang Krieger versucht in seinem Beitrag, die vielfältigen in der Sozialen Arbeit rezipierten Systemtheorien darzustellen. Er erläutert, dass „systemisch“ keineswegs gleich „systemisch“ ist, sich die verschiedenen Ansätze sowohl in ihrer erkenntnistheoretischen Position wie auch in ihrem Verständnis der Sozialen Arbeit unterscheiden, ja teilweise sogar unvereinbar sind. Der verdienstvollen Kategorisierung folgt ein Abschnitt über systemisch inspirierte Forschung, der jedoch kaum auf stattgehabte Projekte zurückgreift (zurückgreifen kann?).

Der dritte Abschnitt schließlich vereint zwei Beiträge, die sich mit dem Studium der Sozialen Arbeit beschäftigen.

Albert Mühlum und Peter Buttner skizzieren die Geschichte der Studien Sozialarbeit und Sozialpädagogik, um sich schließlich ausführlich mit der Situation nach der Bologna-Reform zu beschäftigen.

Rudolf Schmitt beschäftigt sich mit den Promotionsmöglichkeiten der AbsolventInnen von Fachhochschulstudiengängen der Sozialen Arbeit und konstatiert eine unbefriedigende Situation. Sozialarbeitsrelevante Themen sind nur eingeschränkt in den universitären Doktoratsprogrammen zu platzieren und die Promotionsmöglichkeit der Fachhochschulen scheint nicht in Sicht. Insofern muss auf unbefriedigende Zwischenlösungen zurückgegriffen werden.

Diskussion

Die DGSA als wissenschaftliche Gesellschaft für die Soziale Arbeit entfaltet seit vielen Jahren eine umfangreiche Tätigkeit. Sie ist ein Forum, in dem die Fragen der Weiterentwicklung von Profession und Disziplin im Zentrum stehen. Dass hier wesentliche Fortschritte erzielt werden konnten, die Aufgaben aber nicht weniger wurden, ist gemeinsamer Tenor aller Beiträge.

Eines der Leitthemen ist die Auseinandersetzung mit dem bereits etwas durchlöcherten Alleinvertretungsanspruch der universitären Sozialpädagogik, der in den letzten Jahrzehnten ein Hindernis für die Entwicklung einer anwendungsorientierten Handlungswissenschaft war und, wie mehrfach angemerkt wird, immer noch ist. Alle Tätigkeiten der Sozialen Arbeit unter dem Erziehungs-, also unter dem pädagogischen Aspekt zu betrachten, ist ein Reduktionismus, der im deutschen Sprachraum den Anschluss an die internationale Entwicklung erschwert und auch sachlich der Rechtfertigung entbehrt.

In mehreren Beiträgen wird eine Programmatik der Disziplinentwicklung skizziert, die sich von diesem Reduktionismus emanzipiert, eine reiche Agenda der Theoriediskussion und der Sozialarbeitsforschung aufstellt. Die nahezu ausschließliche Verortung dieses Ansatzes an den Fachhochschulen bringt zwar einerseits Vorteile, wie zum Beispiel eine enge Verbindung mit Fragen der fachlichen und politischen Praxis, jedoch auch eine Fülle von Beschränkungen und Hindernissen.

Wegen der nötigen Kürze der Beiträge kann vieles nicht hinreichend ausbuchstabiert werden. Es ist jedoch das Bemühen der AutorInnen spürbar, trotz sehr unterschiedlicher erkenntnistheoretischer Zugänge und der Zugehörigkeit zu unterschiedlichsten „Schulen“ die Grundlagen für eine vielfältige, an der Profession orientierte Disziplinentwicklung zu legen.

Ich wünsche mir zahlreiche weitere Publikationen, die dieses Programm konkretisieren. Die Beiträge dieses Bandes wird man kaum ignorieren können. Er kann ein Bezugspunkt sein. Wenn in einigen Jahren wieder eine Zwischenbilanz gezogen wird, wird man darauf zurückgreifen. Und man wird wohl feststellen können, dass weitere Fortschritte in der Entwicklung von Profession und Disziplin gelungen ein werden. Der Baustellen wird es aber noch genug geben. Auch das ist ein Zeichen für die Lebendigkeit einer Wissenschaft.

Fazit

Der Band vereint Beiträge von Top-RepräsentantInnen der Sozialarbeitswissenschaft. Nicht immer garantiert das auch die Top-Qualität eines Readers. In diesem Fall allerdings werden die Erwartungen erfüllt. Die Beiträge sind sehr kompakt, die überwiegende Mehrzahl bietet eine programmatische Standortbestimmung, und die AutorInnen scheuen sich auch nicht, Konflikte und Probleme zu benennen. Speziell das weiterhin prekäre Verhältnis der beiden Traditionslinien Sozialpädagogik und Sozialarbeit steht im Fokus. Wer sich hier orientieren will und Anregungen für die eigene Positionierung benötigt, ist mit dem vorliegenden Band bestens bedient.


Rezensent
Prof. Mag. Dr. Peter Pantuček-Eisenbacher
Diplomsozialarbeiter, Soziologe, Supervisor (ÖVS)
Leiter Department Soziale Arbeit, Master-Stdgg. Soziale Arbeit
Fachhochschule St.Pölten GmbH University of Applied Sciences
Homepage pantucek.com
E-Mail Mailformular


Lesen Sie weitere Rezensionen zum gleichen Titel: Nr.11798


Alle 16 Rezensionen von Peter Pantuček-Eisenbacher anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Peter Pantuček-Eisenbacher. Rezension vom 26.08.2011 zu: Silke Birgitta Gahleitner, Herbert Effinger, Björn Kraus, Ingrid Miethe, Sabine Stövesand, Juliane Sagebiel (Hrsg.): Disziplin und Profession Sozialer Arbeit. Entwicklungen und Perspektiven. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2010. ISBN 978-3-86649-336-0. Buchreihe Theorie, Forschung und Praxis Sozialer Arbeit - Band 1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/11700.php, Datum des Zugriffs 01.10.2016.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Stellenangebote

Leiter/in des Sozialdienstes, Senftenberg/OT Brieske

Abteilungsleiter/in Flucht und Asyl, Duisburg

Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 12.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!