Dieter Wälte, Michael Borg-Laufs u.a.: Psychologische Grundlagen der sozialen Arbeit

Cover Dieter Wälte, Michael Borg-Laufs, Burkhart Brückner: Psychologische Grundlagen der sozialen Arbeit. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2011. 204 Seiten. ISBN 978-3-17-021092-9. 22,90 EUR.

Reihe: Grundwissen soziale Arbeit - Band 2.

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Thema

Für gelingendes sozialarbeiterisches Vorgehen ist multidisziplinarische Fachkenntnis erforderlich. Um Klienten gerecht zu werden, ihr Wahrnehmen und Handeln nachzuvollziehen und in Beratung oder Intervention einzubeziehen, ist im Besonderen psychologisches Wissen hilfreich. Dieter Wälte, Michael Borg-Laufs und Burkhart Brückner fassen in „Psychologische Grundlagen der Sozialen Arbeit“ ausgewählte Inhalte verschiedener psychologischer Disziplinen zusammen, um relevante psychologische Grundkenntnisse für die Praxis der Sozialen Arbeit zu vermitteln.

Aufbau

Der Band gliedert sich entsprechend der drei gewählten Teildisziplinen drei Hauptkapitel:

  1. Entwicklungspsychologie und Entwicklungspathologie,
  2. Sozialpsychologie,
  3. klinische Psychologie.

Zu Beginn jedes Kapitel wird der Bezug der psychologischen Disziplin zur Sozialen Arbeit hergestellt. Die wesentlichen Inhalte sind weiter in zahlreiche Unterkapitel unterteilt.

Kapitel 1: Menschliche Entwicklung – Entwicklungspsychologie und Entwicklungspathologie

Im ersten Teil des Buches widmet sich Michael Borg-Laufs der menschlichen Entwicklung. Es werden die grundlegenden lerntheoretischen Konzepte, wie klassisches und operantes Konditionieren nach Pawlow, beziehungsweise Skinner, und Banduras „Lernen am Modell“ vorgestellt. Weiter wird die kognitive Entwicklung von Kindern als Anpassungsprozess beschrieben. Anhand Piagets Phasenmodells werden der Leserin bzw. dem Leser die einzelnen Stadien, die sich in der Qualität der Operatoren unterscheiden, nahe gebracht. Das quantitative Konstrukt der „Information Processing Theory“ oder andere Ansätze werden nicht eingeführt. Bei der Einführung des Intelligenzbegriffs verweist der Autor auf das Zwei-Faktoren-Modell der fluiden und kristallinen Intelligenz. Zudem wird die gängige Testmethodik für verschiedene Alterstufen genannt und die Aussagekraft des Intelligenzquotienten kurz aufgegriffen. Mehrdimensionale Modelle zur Intelligenz, das Konzept der multiplen Intelligenz nach Gardner oder die Fraglichkeit der gängigen Testbatterien (Kulturbias, sprachfreie Tests, Intelligenz als Prädiktor für Schulerfolg) finden keine Erwähnung.

Im folgenden Unterkapitel wird das Konzept der Entwicklungsaufgaben eingeführt. Als Begründer dieses Ansatzes findet Havighurst Erwähnung und es wird das neuere Konzept nach Mattejat ausführlicher vorgestellt. Weiter beschreibt der Autor Entwicklungsaufgaben von Familien in Anlehnung nach Schneewind. Bekannte Stufenmodelle zur kindlichen Entwicklung, wie zum Beispiel Erikson, werden nicht aufgegriffen. Anschließend werden Erkenntnisse psychischer Grundbedürfnisse nach Grawe introduziert. In diesem Zusammenhang findet in aller Kürze auch die Bindungstheorie Erwähnung.

Im Folgenden werden Verletzungen der vorgestellten Grundbedürfnisse und deren Konsequenzen dargestellt. Hier werden auch klinische Störungsbilder aufgegriffen. Das nächste Unterthema umfasst die gesellschaftliche Entwicklung. Zunächst wird die Entstehung prosozialen Verhaltens und anschließend gesellschaftlich unerwünschtes Verhalten, exemplarisch an dem Beispiel der Störungsbilder Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung und Störung des Sozialverhaltens, beleuchtet. In der Bearbeitung des unerwünschten Verhaltens ist somit ein sehr klinischer Schwerpunkt gewählt.

Abschließend widmet sich der Autor der Entwicklung von Leistungsmotivation im schulischen Bereich. Der Fokus liegt hierbei weniger auf motivationspsychologischen Konzepten, sondern auf Schwierigkeiten der schulischen Entwicklung am Beispiel der Lese-Rechtschreib-Schwäche und schulvermeidendem Verhalten. Ergänzend wird zu den im Kapitel behandelten oder erwähnten Themen auf öffentlich zugängliche Videoaufnahmen mit Audioausschnitten aus Vorlesungen des Autors Michael Borg-Laufs hingewiesen.

Im ersten Kapitel bietet sich dem Leser eine Auswahl wichtiger Theorien und Modelle der Entwicklungspsychologie. Aus dem weiten Feld greift der Autor wichtige Aspekte heraus, doch wird oftmals auf kritische Faktoren oder gegensätzliche Modelle zu den vorgestellten Konstrukten nicht hingewiesen. Insgesamt ist das Kapitel nachvollziehbar aufgebaut und bietet einen Überblick über grundlegende Erkenntnisse der Entwicklungspsychologie.

Kapitel 2: Der Mensch im sozialen Kontext – Sozialpsychologie

Burkhart Brückner behandelt im zweiten Hauptkapitel soziale Kontexte. Zunächst werden verschiedene Arten sozialer Einflussnahme beschrieben. Die Bedeutsamkeit und Wirksamkeit sozialen Gehorsams wird der Leserin bzw. dem Leser anhand des bekannten und sehr eindrücklichen Milgram-Experiments nahe gebracht. Weiter werden Fragestellungen zu sozialem Einfluss und Konformität im Alltag aufgeworfen und thematisch passende Experimente rezitiert. Im Folgenden wird die soziale Wahrnehmung behandelt. Die Grundlage der Attributionstheorien nach Heider und das Modell nach Weiner werden exemplarisch dargestellt. Vorurteile und Stereotypen werden definiert, auf ihre Struktur und Entstehung hin untersucht und in Zusammenhang mit Diskriminierung gebracht. Bekannte Wahrnehmungsfehler wie der Halo- oder Rezenzeffekt werden nicht behandelt.

Das nächste Unterkapitel hat Gruppenphänomene zum Thema. Gruppenprozesse und -phasen werden beschrieben und anschließend besondere Aspekte sozialer Gruppensysteme herausgegriffen. Phänomene, wie soziale Faulheit in Abgrenzung zum Ringelmann-Effekt, und Teamarbeitssituationen werden diskutiert.

Im Folgenden wird prosoziales Verhalten behandelt. Hilfe in Notsituationen, beziehungsweise das Nicht-Helfen, auf Grund von sozialem Vergleich, wird anhand der wirkenden Mechanismen erklärt und durch das Entscheidungsmodells nach Latané und Darley nachvollziehbar.

Schließlich handelt der Autor das Thema Gesundheit in der Sozialpsychologie ab. Relevanz und Schwerpunkte der Gesundheitspsychologie werden aufgezeigt und in den sozialen Kontext der Familie eingebettet.

Der Autor gestaltet das Kapitel praxisbezogen. Es wird immer wieder auf thematisch relevante Studien hingewiesen und so das sozialpsychologische Forschungsvorgehen in nachvollziehbarer Art und Weise aufgezeigt. Zudem leitet Burkhart Brückner auch die Unterkapitel durch einen Bezug zur Sozialen Arbeit ein. Relevante Themen der Sozialpsychologie werden abgehandelt, wobei einzelne Phänomene und Effekte herausgehoben werden.

Kapitel 3: Der psychisch gestörte Mensch – Klinische Psychologie

Den Einstieg in dieses Kapitel gestaltet Dieter Wälte durch die Definition und Klassifikation psychischer Störungen. Der Autor weist auf die Komplexität der Differentialdiagnostik hin und indroduziert die Klassifikationssysteme psychischer Erkrankungen. Hierbei wird ein Überblick aus dem Hauptkapiteln des ICD-10 geboten und Vor- und Nachteile der Klassifikationspraxis genannt.

Weiter wird zunächst ein Überblick über die häufigsten psychischen Störungen gegeben und der Prävalenz- und Komorbiditätsbegriff eingeführt.

Anschließend beschreibt der Autor die vier häufigsten Störungsbilder auf Symptomebene genauer. Es wird ein Überblick über die Kernsymptome gegeben und die verschiedenen Formen, beziehungsweise Ausprägungen, von Angststörungen, somatoformen Störungen, Depressionen und Persönlichkeitsstörungen dargestellt.

Im Anschluss werden biopsychosoziale, verhaltenstherapeutische, neurobiologische und systemische Erklärungsansätze für die Entstehung psychischer Erkrankungen aufgezeigt. In diesem Zusammenhang stellt der Autor die vorherrschenden Grundüberzeugungen der verschiedenen Schulen dar und leitet wichtige Erkenntnisse für Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen ab.

Zum Schluss wird ausführlich auf den Aspekt der Beratung von Klienten mit psychologischen Störungen eingegangen. Es wird eine Verknüpfung der therapeutischen Arbeit und der sozialarbeiterischen Beratung hergestellt. So wird der klassische Aufbau des Therapieprozesses anhand des Sieben-Phasen-Modells nach Schmelzer erläutert und auf die Beratungsgestaltung in der Sozialen Arbeit übertragbar. Weiter werden wesentliche Gestaltungspunkte in Bezug auf den Beratungszeitpunkt und die Adressaten besprochen. Wichtige Wirkfaktoren, die in der Psychotherapie und in der sozialarbeiterischen Beratung analog sind, wie die Gestaltung der professionellen Beziehung Analyse und Klärung von Problemen und Beratungszielen, diskutiert der Autor ausführlich, weist auf Chancen und Schwierigkeiten hin und gibt wichtige Anhaltspunkte für die Praxis.

Im gesamten Kapitel sind wichtige Hinweise für die sozialarbeiterische Tätigkeit im Zusammenhang mit psychischen Störungen in Kästen graphisch hervorgehoben. Regelmäßig veranschaulicht der Autor die beschriebenen Symptombilder durch Fallbeispiele, zeigt dem Leser mögliche Konfrontationssituationen auf und gibt Handlungsanregungen für den sozialarbeiterischen Alltag.

Fazit

Die übersichtliche Gliederung macht den Umgang mit dem Band sowohl bei ausführlicher Lektüre, als auch bei raschem Nachschlagen unproblematisch. Insgesamt liest sich der Fließtext sehr verständlich und die Fallbeispiele gestalten sich abwechslungsreich.

Zum Ende jedes Kapitels werden die wesentlichen Punkte des Kapitels zusammengefasst, was insbesondere für Prüfungsvorbereitungen hilfreich sein kann.

Durchgängig in allen Kapiteln werden die wichtigsten Phänomene dargestellt und erforderliche Fachtermini definiert. Zum tieferen Einblick werden empirische Studien oder Fallbeispiele berichtet und Literaturempfehlungen zur Vertiefung genannt.

Der praktische Bezug zur Sozialarbeit, wird in Form konkreter Handlungsvorschläge und allgemeiner Ratschläge sehr gut gewährleistet. Wichtige Hinweise sind so teilweise graphisch hervorgehoben.

Es werden einzelne Konzepte und Theoretikerinnen und Theoretiker aufgegriffen. Ein ausführlicher Überblick über die wesentlichen Theorien ist offensichtlich nicht Ziel des Bandes. Meist wird das Themenfeld exemplarisch an ausgewählten Modellen oder Sachverhalten abgehandelt. Anliegen der Autoren ist es der Leserin bzw. dem Leser, Zielgruppe sind hier insbesondere Studierende der Sozialen Arbeit, psychologisches Basiswissen zu vermitteln. So werden in Kürze wichtige Konstrukte der Psychologie vorgestellt. Die Auswahl ist hier, wie erwähnt, nicht ausführlich oder überblickgebend, dem erklärten Ziel aber weitestgehend entsprechend. Es findet sich keine Vertiefung, aber eine überwiegend angemessene Themenwahl, die bisweilen nicht ganz vollständig oder aktuell ist. Hier hätten noch stärkere Verweise im Fließtext auf vertiefende Literatur vorgenommen werden können.

Insgesamt ist das vorliegende Werk aber insbesondere für die Zielgruppe empfehlenswert.


Rezensentin
Prof. Dr. Katja Nowacki
Professorin für klinische Psychologie mit dem Schwerpunkt Beratung und Sozialpsychologie an der Fachhochschule Dortmund im Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften. Die Rezensentin hat viele Jahre Kinder, Jugendliche und ihre Familien beraten und in diesem Rahmen unter anderem ein flexibles Jugendhilfeprojekt für Mädchen und junge Frauen geleitet. Ihre aktuellen Forschungsschwerpunkte sind die Bindungsentwicklung insbesondere bei Pflege- und Heimkindern und verschiedene Aspekte von Jugendhilfe. Sie leitet aktuell das Forschungsprojekt „Vaterschaft zwischen Jugendhilfeerfahrung und väterlicher Kompetenz“ am Standort Dortmund, das Teil des Central European Network of Fatherhood, mit dem Hauptsitz in Wien, ist.
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Rezensentin
Josephine Kliewer
Psychologin (M.Sc.) promoviert im Forschungsprojekt „Bindungsentwicklung und psychosoziale Anpassung von Pflegekindern“ an der Fachhochschule Dortmund. Hier sind ihre Hauptaufgaben die Entwicklungs- und Bindungsdiagnostik im Vorschulalter. In ihrem Masterprogramm an der Ruhr-Universität Bochum hat sie sich schwerpunktmäßig mit klinischer Psychologie beschäftigt.
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Zitiervorschlag
Katja Nowacki/Josephine Kliewer. Rezension vom 21.11.2011 zu: Dieter Wälte, Michael Borg-Laufs, Burkhart Brückner: Psychologische Grundlagen der sozialen Arbeit. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2011. 204 Seiten. ISBN 978-3-17-021092-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/11712.php, Datum des Zugriffs 25.10.2014.


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