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Wolfram Stender, Georg Rohde u.a. (Hrsg.): Interkulturelle und antirassistische Bildungsarbeit

Cover Wolfram Stender, Georg Rohde, Thomas Weber (Hrsg.): Interkulturelle und antirassistische Bildungsarbeit. Projekterfahrungen und theoretische Beiträge. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2003. 252 Seiten. ISBN 978-3-86099-317-0. 17,90 EUR.
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Einführung: Fremdenfeindlichkeit fast ohne "Fremde"?

Zwei Paradoxa sollen hier in den interkulturellen Blick genommen werden: Das erste, vielfach geäußerte, nicht selten missverstandene Paradoxon besteht darin, dass statistisch gesehen und real erlebt, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit in den neuen Bundesländern höher sind als in den alten; das zweite: In Sachsen-Anhalt beträgt der Anteil der Menschen ohne deutschen Pass, überwiegend Migrantinnen und Migranten als zugewiesene Asylbewerber, jüdische Kontingentflüchtlinge und Spätaussiedler, weniger als zwei Prozent der Mehrheitsbevölkerung. In diesem, vielfach auch an anderen Orten und in anderen Zusammenhängen beobachtetem Phänomen, wächst also offensichtlich Fremdenfeindlichkeit nicht durch eine unmittelbare Erfahrung von kultureller Differenz; wodurch dann?

Entstehungshintergrund

Der Berichtsband der von "Miteinander - Netzwerk für Demokratie und Weltoffenheit in Sachsen-Anhalt e.V." im Herbst 2002 durchgeführten Tagung zum Thema "Perspektiven und Grenzen interkultureller und antirassistischer Pädagogik" reflektiert die aktuelle und geschichtliche Situation und gibt eine Reihe von Antworten darauf; nicht nur für Sachsen-Anhaltinische Verhältnisse. Ein kompetenter Kreis von WissenschaftlerInnen, der sich liest wie ein Who is who im theoretischen Diskurs der interkulturellen und antirassistischen Pädagogik, bringt in dem Band die Erfahrungen von Praktikern zum jugendlichen Rechtsextremismus zusammen. Das Netzwerk "Miteinander" wurde im Mai 1999 gegründet, mit dem Ziel, in Sachsen-Anhalt für die Entwicklung und Stärkung einer demokratischen Kultur einzutreten, den Rechtsextremismus bei Jugendlichen und Erwachsenen zu bekämpfen, selbstbestimmtes Handeln und kritisches Denken zu fördern, sich für eine demokratische und emanzipatorische Jugendkultur einzusetzen, zur Zusammenarbeit von schulischen und außerschulischen Initiativen beizutragen, bei der Verständigung zwischen Deutschen und Ausländern mitzuarbeiten und Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung mit beseitigen zu helfen.

Inhalte

Stender und Rohde (S. 9ff) mahnen in ihrem Einleitungsbeitrag vor allem an, dass die wissenschaftliche Pädagogik, wie auch die praxisbezogene schulische und außerschulische Bildungsarbeit, bisher viel zu selten den gemeinsamen Diskurs um die Frage nach den richtigen Wegen für ein demokratisches, interkulturelles, humanes und über den regionalen und nationalen Gartenzaun hinausschauendes gesellschaftliches Miteinander von "Einheimischen" und "Fremden" suchen. Sachsen-Anhalt ist, neben anderen, ein Bundesland mit einer starken, überwiegend männlich geprägten rechtsextremen Jugendkultur; außerdem mit einem relativ geringen Anteil von Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit - auf einem hohen Niveau von Alltagsrassismus!

Der Oldenburger Wissenschaftler Rudolf Leiprecht weist in seinem Beitrag "Antirassistische Ansätze in (sozial-)pädagogischen Arbeitsfeldern: Fallstricke, Möglichkeiten, Herausforderungen" (21ff) darauf hin, dass in der wissenschaftlichen Diskussion der Erziehungs-, Bildungs- und Sozialwissenschaften die Begriffe nicht eindeutig genug definiert und oftmals miteinander vermischt werden: Rassismus sei nicht gleich zu setzen mit Fremdenfeindlichkeit, Ausländerfeindlichkeit, Fremdenhass oder -angst. Die soziale Konstruktion von "Rassen" (Rassialisierung) bzw. "Kulturen" (Kulturalisierung) werden zum einen als angeblich naturgegebene Phänomene, zum anderen als statische und homogene Gelegenheiten dargestellt. Die Herausforderungen für eine antirassistische Arbeit in pädagogischen Arbeitsfeldern lägen für Theoretiker und Praktiker in einer kontinuierlichen (und ehrlichen) Selbstreflexion und der Erkenntnis, dass es schwierig ist, nicht rassistisch zu sein (Kalpaka/Räthzel (1990); in dem Bewusstsein, dass rassistische Vorstellungen und Auswirkungen immer auch eingebunden sind in institutionelle und strukturelle gesellschaftliche Kontexte; der Strategie, dass die Handlungsebene bei rassistischen Vorfällen genau bedacht und bearbeitet werden muss; in der Einsicht, dass moralisierende Appelle, der erhobene pädagogische Zeigefinger und individuelle Schuldzuschreibungen nicht selten kontraproduktiv sind; in der Einschätzung, dass meist kollektives gesellschaftliches Versagen rechtsradikalistisches und rassistisches Verhalten provozieren und erst möglich machen; in der sachgerechten Balance von Information und Emotion bei der Aufklärung und Vermittlung eines "richtigen" Verhaltens.

Der an der Pädagogischen Hochschule tätige Wissenschaftler Albert Scherr (42ff) stellt die Frage, ob "Interkulturelle Pädagogik" eine angemessene Antwort auf Rechtsextremismus sei. Dabei gibt er zu bedenken, dass die bisher sich institutionell im Wissenschaftsdiskurs etablierte pädagogische Teildisziplin, wenn ihr "ein naiver Interkulturalismus und Multikulturalismus" zugrunde liegt, aber auch unter den (positiven) Ansätzen von interkultureller Begegnung, des Verstehens und der Akzeptanz, "keineswegs zwangsläufig zum Abbau von Gewissheiten, Überlegenheitsansprüchen und des Glaubens an ihre Unverträglichkeit" führe. Vielmehr gehe es, nach Scheers Meinung darum, die pädagogische Professionalität der im interkulturellen Feld Agierenden zu stärken. Dies als eine Aufforderung an die Aus- und Fortbildung im Bildungsbereich, und an die Politik.

Die an der ev. Fachhochschule für Sozialpädagogik lehrende Professorin Annita Kalpaka (56ff) gibt in ihrem Beitrag "Stolpersteine und Edelsteine in der interkulturellen und antirassistischen Bildungsarbeit" wertvolle Anregungen für die didaktische und methodische Diskussion, etwa, indem sie sich kritisch mit häufig nicht eindeutig genug hinterfragten Begriffen wie "Vorurteile und Rassismus" auseinandersetzt, verweist auf den viel zu wenig bedachten Zusammenhang von rassistischem Verhalten und struktureller Diskriminierung: "Als ein Schlüssel, um Individuen und Gesellschaft im Kontext antirassistischer Bildungsarbeit zu verknüpfen, dient der Schritt, die eigene Eingebundenheit in rassistische Strukturen zu erkunden".

Der Geschäftsführer von "Miteinander" und Lehrbeauftragter am Institut für Soziologie und Sozialpsychologie der Universität Hannover, Wolfram Stender (80ff) macht am Beispiel der "Erziehung zur Toleranz" auf die Probleme antirassistischer Pädagogik in Deutschland aufmerksam.

Die als Trainerin für kreatives Schreiben in der Erwachsenenbildung tätige Susanne Czuba-Konrad (91ff) stellt die Frage, inwieweit Migrationsliteratur ein antirassistisches Potential entfalten könne. Anhand von literarischen Beispielen aus den Themenkreisen "Multikulturalität" und "Frauenbild" macht sie deutlich, dass die "künstlerischen Möglichkeiten von Literatur differenziertes Sehen ( ) ermöglichen und damit zum Brückenbau bei ( ) tragen".

Die im Bereich der Fachdidaktik "Lebensgestaltung - Ethik - Religionskunde" (LER) in Potsdam arbeitende Eva-Maria Kenngott und der wissenschaftliche Mitarbeiter am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin lehrende Armin Steil (105ff), diskutieren das spannende Thema "Fremdheit als Problem moralischen Lernens". Die Konzepte und die damit verbundenen Vermittlungs- und Aufklärungsmethoden der "Begegnungspädagogik", der "Konfliktpädagogik" und der "Antirassistischen Erziehung" werden anhand von vielen Beispielen daraufhin abgeklopft: "Die moralische Inklusion des Fremden bleibt auf die soziale Integration in gesellschaftliche Kooperationszusammenhänge angewiesen. Diese kann nicht durch pädagogische Simulation ersetzt werden... Wer Segregation überwinden will, bleibt auf ein anderes Handlungsfeld verwiesen - die Politik".

Im Teil II des Bandes werden Praxisbeispiele antirassistischer und interkultureller Pädagogik vorgestellt. Hayen / Heller / Reichle / Rohde von der Servicestelle für Pädagoginnen und Pädagogen bei Miteinander e.V. (145ff) berichten über ihre Erfahrungen bei ihrer Informations- und Fortbildungsarbeit. Der aus dem Senegal stammende Projektleiter der "Interkulturellen und antirassistischen Projektkoordination" im Eine-Welt-Haus Halle, Karamba Diaby (165ff) konfrontiert in seiner Darstellung die antifaschistische Ideologie der DDR mit der heutigen Situation im vereinten Deutschland. Er plädiert dafür, in der antirassistischen und interkulturellen, schulischen und außerschulischen Bildungsarbeit MigrantInnen einzubeziehen, um Intoleranz und Ressentiments abzubauen. Der Projektkoordinator im XENOS-Projekt "Interkulturelles Training in Schule, Ausbildung, Beruf und Freizeit" in Dessau, Florian Schulze (177ff), bringt in seinen Praxisbeispielen über "Dönerpädagogik" interessante und bedenkenswerte Aspekte einer praktischen interkulturellen Bildungs- und Aufklärungsarbeit zur Sprache. Die pädagogischen MitarbeiterInnen beim Projekt für Toleranz und Demokratie und im Netzwerk für Demokratie und Courage, Nancy Sosath, Torsten Sowada und Steffen Kulow (187ff), informieren über die Erfahrungen und Ergebnisse ihrer Arbeit mit schulischen und außerschulischen Jugendgruppen. Die beim Projekt "DOMINO - Zivilcourage im Rampenlicht" engagierten MitarbeiterInnen Till Baumann, Katharina Lammers und Katrin Wolf (217ff) stellen ihre theaterpädagogischen Fortbildungsangebote für MultiplikatorInnen in der Kinder- und Jugendarbeit vor. Die Geschäftsführerin der Sachsen-Anhaltinischen Landesstelle "Mädchenarbeit" (???) fragt nach der Bedeutung von Rechtsextremismus als ein Thema für Mädchen. Schließlich setzen sich Hendrik Möser und René Lampe (234ff) mit der Thematik "Rechtsextremismus und Männlichkeit" auseinander und berichten über ihre Erfahrungen aus der Beratung von gewaltbereiten jungen Männern.

Fazit

Das Spektrum von Themen zur interkulturellen und antirassistischen Bildungsarbeit und die Darstellung von theoretischen Konzepten und praktischen Beispielen machen den Tagungsband zu einem Handbuch. Es lohnt, zu den verschiedenen Aspekten dort nachzuschlagen; um sie dort, wo in ähnlicher oder ganz anderer Weise zur Thematik gelehrt, geforscht und praktiziert wird, mit den eigenen Diskussionen und Erfahrungen zu vergleichen; damit ein Netzwerk der Aufklärung und des Antirassismus in unserem Lande, in Europa und überall in der Welt entsteht. In die Tagungsthematik hineingepasst hätten auch die mittlerweile bei einer Reihe von schulischen und NGO-Initiativen praktizierten Erfahrungen zur internationalen Partnerschaftsarbeit; denn gerade hier werden reale, stellvertretende und virtuelle Begegnungen zwischen Menschen aus verschiedenen Ländern und Kulturen möglich und das erreicht, was im Sinne von Lernen, als Verhaltensänderung, im interkulturellen und globalen Kontext gewünscht wird und notwendig ist.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 14.10.2003 zu: Wolfram Stender, Georg Rohde, Thomas Weber (Hrsg.): Interkulturelle und antirassistische Bildungsarbeit. Projekterfahrungen und theoretische Beiträge. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2003. ISBN 978-3-86099-317-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/1172.php, Datum des Zugriffs 23.07.2016.


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