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Jürgen Stock: Das wäre doch gedacht!

Cover Jürgen Stock: Das wäre doch gedacht! Wie wir uns aus der Falle eingefahrener Denkmuster befreien. Kösel-Verlag (München) 2011. 240 Seiten. ISBN 978-3-466-30910-8.
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Selbstwirksamkeit als Denkprozess

Was haben nicht Menschen, ob Intellektuelle oder solche wie du und ich, über Jahrtausende hinweg über das Denken des anthrôpos gedacht, vermutet, spekuliert und postuliert Es ist das dianoêtikon (Aristoteles), das den sprach- und vernunftbegabten Menschen gegenüber allen anderen Lebewesen auszeichnet. Die Menschheitsgeschichte zeigt freilich auch, dass es daran vielfach mangelt, und die Fähigkeit zu denken allzu oft in Zweifel gezogen werden muss. Wer „denkfaul“ ist, so die volkstümliche Einschätzung, bringt es zu nichts, er kommt nicht einmal zu sich selbst! Die Begriffsverbindungen, wie Mit-Denken, Vor-Denken, Nach-Denken, An-Denken, Be-Denken, Um-Denken, Ver-Denken, Selber-Denken… , verdeutlichen ja bereits, dass die Denkprozesse vielfältig, situations-, sach- und personenbezogen sind. Geradezu hinterwäldlerisch und daneben gilt, wenn Auffassungen vorherrschen, wie: „Da könnt‘ ja jeder kommen! Das haben wir noch nie so gemacht! Das haben wir schon immer so gemacht!“. Eine „Schule des Denkens“ gilt als hohe Form und Anforderung bei der Entwicklung des Menschseins. Es gibt Orte des Denkens, wie etwa das Tiroler Bauerndorf Alpbach, in dem das „Europäische Forum“ alljährlich Wissenschaftler, Philosophen, Politiker und Denker zu Wort kommen lässt, um die Lage der Menschheit zu analysieren und zu erkunden. Und es gibt Institutionen, wie Schulen, Universitäten und Volkshochschulen, in denen das Denken gelehrt wird und gelernt werden kann. Weil nämlich der Mensch intellektuell nur fähig ist, human zu leben, wenn er es zustande bringt, sich (auch) geistig zu verändern und den Wandel als einen natürlichen Prozess des Menschseins begreift, kommt eben dem Denken eine besondere Herausforderung zu; jedoch in der Form, die der US-amerikanische Psychiater Arnold R. Beisser so kennzeichnet: „Veränderung geschieht, wenn jemand wird, was er ist, nicht wenn er versucht, etwas zu werden, was er nicht ist“.

Entstehungshintergrund und Autor

Denken ist ein Prozess, dessen Grundlagen zwar in unserem Gehirn angelegt sind, aber vom Individuum selbst entwickelt werden müssen. Wer mit dem, was er denkt, nichts anfangen kann, gilt als „hohler Geist“. Der Denker in der Tonne ist zwar eine historische Gestalt in den philosophischen Erzählungen; aber ob er, im Sinne Aristoteles, ein zôon politkon und damit ein von Natur aus politisches Lebewesen ist, das nicht ohne seinesgleichen leben kann und fähig ist, ein gutes, glücklich-gelingendes Leben zu führen, darf in Zweifel gezogen werden. Denken nach dieser Überzeugung, ist also immer verbunden mit dem Mit- und Zusammendenken mit anderen Menschen. Das kann zufällig erfolgen oder organisiert sein; etwa in einem Denkclub.

Der Würzburger Psychologe, Lerntrainer, Coach und Supervisor Jürgen Stock hat 2002, zusammen mit seinem Kollegen Helmut Broichhagen den ersten deutschen „Denkclub“ gegründet. Die Idee, wie man Denken systematisch und kooperativ erkennen und optimieren kann, stammt vom britischen Psychologen Edward de Bono, der seit 1969 mit seinem Cognitive Research Trust und 1982 mit der 7-teiligen BBC-Fernsehreihe „De Bono„s Thinking Course“, der auch in der 13-teiligen WDR-Produktion The Greatest Thinkers („Die größten Denker“) ausgestrahlt wurde, zahlreiche Techniken und Methoden entwickelte, wie es gelingen kann, eingefahrene Denkmuster und Gewohnheiten zu erkennen und sie zu verändern.

Aufbau und Inhalt

Das Buch mit dem bereits im Titel verändertem Sprichwort verspricht Antworten auf die Frage, wie es möglich sein kann, sich aus der Falle von eingefahrenen Denkmustern zu befreien. Freilich nicht dadurch, dass, im Sinne von schlechten Ratgebern, Rezepte angeboten werden, sondern mit einer überzeugenden und einfühlsamen Weise deutlich gemacht wird, dass Denken immer etwas zu tun hat mit der Fähigkeit, den eigenen Verstand zu gebrauchen und ihn human und sozial anzuwenden, also selbst wirksam zu werden. Dabei formuliert Jürgen Stock zu Beginn des Buches (im Präludium) das, was er von so genannten „Gewissheiten“ und „Wahrheiten“ hält, nämlich „alles, was auf den folgenden Seiten steht, insbesondere auf Seite 180, ist wahr„; denn dort (im Postskriptum) steht der Satz: „Alles, was auf den vorherigen Seiten steht, insbesondere auf Seite 2, ist unwahr“. Damit begibt er sich in die Tradition derjenigen, die, wie etwa Bertolt Brecht, immer schon „Selbstverständlichkeiten“ in Frage stellten („Wer baute das siebentorige Theben“).

Neben der Einleitung, in der Stock aufzeigt, „warum Denken nicht nur nützt, sondern auch hilft“ und mit Denkprozessen, die scheinbar undenkbar sind, neue Wahrnehmungen und neue Gefühle möglich werden, und einem umfangreichen Anhang, in dem er zahlreiche Übungen, Figuren, Texten und Tricks darstellt und kommentiert, wie Assoziationen entstehen und bewusst gemacht werden können, gliedert der Autor das Buch in fünf Bereiche, in denen er, wiederum mit anschaulichen Bildern, Skizzen und Schemata versehen und jeweils am Ende mit einer Zusammenfassung als Strichliste vervollständigt, die wichtigsten Aspekte von Denkvorgängen und -phänomenen diskutiert: „Die Hardware des Denkens oder: Was wir mit Reptilien gemeinsam haben“, „Musterbildung im Gehirn“, „Was Denken mit (Selbst-)Führung zu tun hat“ und „Zeit, neu zu denken – Ein Ausblick auf die Zusammenhänge“.

In allen Gedanken und Reflexionen, die Jürgen Stock anführt und in Beziehung zum alltäglichen Denken und Tun der Menschen setzt, wird deutlich, dass ihm, beim Training wie bei der Aufklärung, drei Aspekte des Menschseins wichtig sind: Der eigene, freie Wille, der nicht als Egoismus oder Egozentrismus missverstanden werden darf, sondern als eine „Metakraft“, die im philosophischen Denken, etwa in den asiatischen und afrikanischen Philosophien, als „Lebenskraft“ verstanden wird; Werte, als „Leuchttürme in der stürmischen See des Lebens„; und das Bedenken von Wirklichkeiten als soziale Konstruktionen wahrnehmen, zu denen Anpassung und Widerstand gehören und die Fähigkeit, praktisch undenkbares zu denken und damit das humane Handeln zu bestimmen. Etiketten sind Ordnungsinstrumente, die das alltägliche Leben erleichtern, organisieren können und Chaos vermeiden helfen; es können aber auch Leitsysteme sein, die einengen und scheinbar das eigene (Nach-) Denken verhindern.

Fazit

Undenkbares Denken, das ist ein intellektuelles und emotionales Mittel, um sich selbst zu erkennen, als soziales und humanes Lebewesen. Die Alltagstauglichkeit dieses ungewöhnlichen und ungewohnten Aufrufs zum Denken wird schnell deutlich, wenn wir uns unserer vorgeprägten, erworbenen und eingeschliffenen „Selbstverständlichkeiten“ bewusst werden. Das scheinbar Undenkbare zu denken wird insbesondere dann an- und aufregend, wenn erkennbar wird, dass wir Menschen nicht nur funktionierende und perfekte Instrumente sind, sondern Lebewesen mit Mängeln und Fehlern, zu denen es zu stehen gilt, um sie verändern zu können.

Die vielfältigen, überraschenden und bisher ungedachten, jedenfalls nicht im Zusammenhang bedachten Aspekte des Denkens, die Jürgen Stock in seinem Buch „Das wäre doch gedacht!“ dar- und zur Diskussion stellt, wirken als Anreize, eingefahrene Denkmuster zu erkennen und zu verändern – eine abenteuerliche Reise in das, was wir als Menschen in erster Linie tun sollten, bevor wir handeln, nämlich DENKEN!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 29.12.2011 zu: Jürgen Stock: Das wäre doch gedacht! Wie wir uns aus der Falle eingefahrener Denkmuster befreien. Kösel-Verlag (München) 2011. ISBN 978-3-466-30910-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/11725.php, Datum des Zugriffs 27.07.2016.


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