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Herbert Renz-Polster: Menschenkinder

Cover Herbert Renz-Polster: Menschenkinder. Plädoyer für eine artgerechte Erziehung. Kösel-Verlag (München) 2011. 224 Seiten. ISBN 978-3-466-30930-6.
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Wider das Geschwätz über Kinder(erziehung)

Die Ratgeber, die sich an den Hilfeschreien, Verunsicherungen und Ohnmächten von Eltern und Erziehern orientieren, füllen mittlerweile Bücherwände. Die Rat-Schläge, von Bueb bis Chua und Sarrazin, orientieren sich immer noch an dem Bild von der tabula rasa, wenn es um die Entwicklung von Kindern in der Gesellschaft geht. Die Zucht herrscht vor dem Wachsen lassen; und die Szenarien über Chaos und Zivilisationsuntergang, die an die öffentlichen Wände genagelt, gespiegelt, gespielt und geschrieben werden, treffen scheinbar einerseits die angebliche Stimmung in der Gesellschaft und bringen andererseits Hohnlachen hervor. Das ist das Wirrwarr-Süppchen, das munter gekocht, gesalzen und gewürzt wird; angeblich nach der Konsistenz, die es jedem Ratsuchenden ermöglicht, „seine“ Meinungen darin wieder zu finden und sie entweder aufzunehmen oder voller Ekel abzulehnen.

Es ist zwar so, dass zu allen Zeiten Menschen über Erziehung von Heranwachsenden kontrovers diskutiert, die „richtigen“ Auffassungen postuliert und die „falschen“ negiert haben – etwa, wenn der griechische Philosoph Aristoteles danach fragt, ob man für eine „richtige“ paideia, Erziehung also, feste Anordnungen treffen, die Sorge darüber zu einer gemeinschaftlichen Angelegenheit machen und sie dem Staat oder den einzelnen Bürgern überlassen solle (siehe dazu: R. Geiger, in: Otfried Höffe, Aristoteles-Lexikon, Stuttgart 2005, S. 420) – aber in den Zeiten der lokalen und globalen Verunsicherungen scheinen die Bedürfnisse der Menschen nach einfachen „richtigen“ Antworten zu wachsen wie die Sehnsüchte nach hierarchischen Gewissheiten.

Entstehungshintergrund und Autor

Viel zu oft nämlich wird bei der Darstellung von anscheinend urwüchsigen und zweifelsfreien Gewissheiten vergessen – oder geflissentlich übergangen – was im Bildungs- und Erziehungsprozess eigentlich selbstverständlich sein sollte, dass nämlich Heran- und Hineinwachsen in die menschliche Gemeinschaft immer von individuellen und dualen Bedingungen abhängt (vgl. dazu: Tobias Künkler, Lernen in Beziehung. Zum Verhältnis von Subjektivität und Relationalität in Lernprozessen, Bielefeld 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12017.php), und von der Umwelt, die Menschen für sich und ihre Nachkommen schaffen.

Der Kinderarzt und Wissenschaftler am Mannheimer Institut für Public Health der Universität Heidelberg, Herbert Renz-Polster hat sich als Navigationshelfer und Brückenbauer zu Wort gemeldet, wie es uns, den Erwachsenen gelingen kann, die Kinder nicht „abzurichten“ oder „einzupassen“, sondern ihnen eine Brücke in die heutige Welt zu errichten (vgl.: Herbert Renz-Polster, Kinder verstehen. Born to be wild. Wie die Evolution unsere Kinder prägt, München 2009, 512 S., www.socialnet.de/rezensionen/8181.php).

Mit seinem neuen Buch stellt er die ursächliche Frage danach, was Kinder brauchen. Dabei grenzt er sich rigoros ab von dem Geschwätz derjenigen, die ein Jammertal abbilden wollen mit den Belastungen, die Kindererziehung bringen; genauso aber von jenen, die mit ihren „sicheren“ Anweisungen Luftschlösser bauen. Er fragt vielmehr nach einer „artgerechten Umwelt“, in die Kinder hineinwachsen, und zwar mit dem evolutionären Blick, wie sich unsere Kinder (und damit eben auch wir Erwachsene), im Laufe der Menschheitsgeschichte entwickelt haben. Und siehe da: Sichtbar wird dabei ein „von Generation zu Generation vererbtes Muster“, das bei unterschiedlichen individuellen und gesellschaftlichen Bedingungen eine globale Erkenntnis vermittelt, die tatsächlich so etwas wie einen Perspektivenwechsel im Bildungs- und Erziehungsdiskurs einläutet: „Wer an den Realitäten Maß nimmt, unter denen sich die Kinder über Tausende von Jahren entwickelt haben, stößt zunächst einmal auf Stärken, nicht auf Mängel, Defekte oder Schwachstellen, von denen die Erziehungsdiskussion so besessen scheint“.

Aufbau und Inhalt

Der Autor gliedert sein Buch in elf Kapitel.

Im ersten Teil setzt er sich mit der „Angst-Masche“ auseinander, die auf Eltern einströmt, durch Medien, Ratgebern und Mund-zu-Mund-Beatmung.

Diese Behauptungen und Mythen mit einfachen, klaren Sätzen benennen und bewusst machen, um sie „ausmisten“ zu können, das ist Thema des zweiten Kapitels. Dabei werden sowohl (vergessene) Selbstverständlichkeiten benannt, wie auch Dilemmata, die es zu erkennen, zu erfahren und auszuhalten gilt.

Im dritten Kapitel nimmt der Autor seine „Grundannahme“ von einer artgerechten Legehennenhaltung auf und richtet den Blick darauf, welche Umwelt unsere Kinder brauchen, um ihre menschlichen Potenziale entfalten zu können.

Die reale Betrachtung der Sozialentwicklung der Kinder, in der Familie, im Hort, Kindergarten und Schule, etwa durch das „Spiel-Defizit-Syndrom“, das sich zeigt, weil Kinder heute nicht mehr spielen (dürfen/sollen), sondern zu Reproduzierern von Wissens-Bergen abgerichtet werden, um zu funktionieren und nicht um zu leben, so im vierten Teil.

Die Rede ist ja nicht von „Laissez-faire“, sondern von der ehrlichen Spannweite, die Theodor Litt als „Führen oder Wachsen lassen“ benannt hat und durch und ersetzt werden sollte, also eine richtige Balance zu finden, wie dies der Autor im fünften Kapitel darlegt.

Unverzichtbar ist in dem Zusammenhang natürlich die Frage: „Wie viel Freiheit, wie viele Grenzen“ soll es geben? Die in zahlreichen Ratgebern apodiktisch benannten Grenzziehungen wirken ohne funktionierende, ehrliche und vertrauensvolle Beziehungen (was ja keinesfalls konfliktfreie bedeutet) und ohne den lebensweltlichen Bezug im Erziehungsprozess nicht. Auf dem Weg hin zu einer artgerechten Erziehung liegen natürlich die Felsblöcke der unterschiedlichen Auffassungen herum, welche Fähigkeiten, Fertigkeiten und Kompetenzen Kinder erlernen sollen und mit welchen Bildungs- und Erziehungssystemen sie zu erreichen sind.

Im siebten Kapitel nennt der Autor die Halteseile der fünf Stationen dafür: Sichere Bindung schaffen. Eine andere Kindheit ermöglichen. Gemeinschaftsgefühl aufbauen. Einen freiheitlichen Spiel-(Lebens-)raum anbieten. Für eine Lebenswelt im Gleichgewicht sorgen.

Weil ein Kind die Hälfte seiner Kindheit in der institutionalisierten Schule verbringt, wird im achten Kapitel der Skandal der Schulversager thematisiert. Bei aller Sympathie für das Engagement, das der Autor für gerechtere Bildungschancen zeigt, drückt er sich gleichzeitig vor der tatsächlichen Frage, wie ein staatlich verfasstes, institutionalisiertes, dreigliedriges Bildungssystem, das die tatsächlichen Machtverhältnisse in der Gesellschaft darstellt, zu einer Sozialgerechtigkeit führen kann.

Um Kinder erziehen zu können, braucht es ein Dorf, so ein afrikanisches Sprichwort. Elternsein, so im neunten Kapitel, lässt sich nicht mit einem „Elternführerschein“ erwerben. Der Blick weg von der individuell-egoistischen, allein-gelassenen, hin zur evolutionär-kooperativen Sichtweise eines Eltern- und Familienbildes, dessen Bedingungen von der Gesellschaft und nicht von Egoismen geschaffen werden muss.

Der Mythos der Geburt und des Mutter- und Vaterseins, so im zehnten Kapitel, ist evolutionsgeschichtlich eine Balance von Vorbereitung und Entstehen; eine Balance, die durch Geburtstechniken, Kaiserschnitte und Routine aus dem Ruder gelaufen ist. In der Auseinandersetzung darüber, wie wir unsere immer interdependenter und entgrenzender entwickelnde, globalisierte (Eine?) Welt verstehen und begreifen können, wird gern das Bild von der Welt als globales Dorf benutzt (Josef Nußbaumer, Andreas Exenberger, Hrsg., Unser kleines Dorf, IMT Verlag, Kufstein 2010, www.socialnet.de/rezensionen/10572.php).

Im elften Kapitel stellt der Autor die Frage danach, welche Gründe maßgeblich sind, dass wir unseres gesellschaftlichen Bewusstseins und der menschgewordenen Habhaftigkeit und des Angewiesenseins auf die Gemeinschaft der Menschen in so dramatischer Weise verlustig geworden sind. Es ist die Kinderarmut in doppelter Bedeutung: Jedes zehnte Kind in Deutschland lebt in Armut, und es werden immer weniger Kinder geboren. Das hat Gründe – und Folgen, nicht nur in materieller und fortschrittsorientierter, sondern auch in sozialer und solidarischer Hinsicht. Des Autors Plädoyer für gute Krippen, Kitas und Schulen heißt eben nicht, die natürlichen Rechte bei der Erziehung von Kindern zu schmälern oder zu delegieren; vielmehr bedeuten sie eine Stärkung der Erziehungskompetenz. Alles in allem aber bedarf es des Blicks auf uns selbst, unser Lebensmodell und unsere Vorstellungen von einem guten Leben. Eine nur materiell motivierte Betrachtung reicht nicht aus!

Fazit

Herbert Renz-Polster nimmt in seinem Plädoyer für eine artgerechte Erziehung die Metapher auf, wie sie im lebensweltlichen Bezug als „Schule neu denken“ (Hartmut von Hentig) benutzt und als „Leben neu denken“ mit den Aufforderungen zum Perspektivenwechsel formuliert wird – „Die Menschheit steht vor der Herausforderung umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden“ (Weltkommission Kultur und Entwicklung: Our creative diversity / Unsere kreative Vielfalt, 1995/1997) – nämlich „Erziehung neu denken“. Weil Erziehung nicht nur Technik, sondern auf das Modell der vorangegangenen evolutionären, immer im Wandel befindlichen Lebensentwürfe angewiesen ist: „Erziehung ist kein Naturprodukt, sie ist eine permanente Neuerfindung“. Das bedeutet dann auch, dass ein (nostalgischer oder ideologischer) „Blick zurück“ keinesfalls die Lösung darstellt. Es ist immer die anstrengende, auffordernde, individuelle und kollektive Herausforderung, eine art- und zeitgerechte Erziehung unserer Kinder zu ermöglichen!

Die Streitschrift von Herbert Renz-Polster ist keine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Fragen von Bildung und Erziehung; sie basiert aber (populär-)wissenschaftlich auf den Anspruch, die Argumente nicht aus dem Bauch heraus zu formulieren, sondern die real existierenden gesellschaftlichen Zustände im Blick zu haben. Dass eine Erziehung hin zu einem guten, gelingenden Leben nicht nur professionelles, sondern zutiefst persönliches, engagiertes Anliegen des Autors ist, ist aus jedem Satz des Buches heraus zu lesen. Es wäre gut, die Argumente im Sinne eines Aufklärungsanspruchs in den kontroversen, gesellschaftlichen Bildungsdiskurs hinein zu nehmen!

Der Rezensent unternimmt, gewissermaßen als Fazit des bemerkenswerten Ansatzes von Herbert Renz-Polster für eine artgerechte Erziehung, den Versuch, „!0 Gebote der Kindererziehung“ zu formulieren;

  1. Eine sichere Bindung der Erwachsenen zu Kindern ist die Basis für ein gelingendes Heranwachsen!
  2. Das Setzen von Grenzen kann Erziehung nicht ersetzen!
  3. Angst krümmt den Rücken!
  4. Damit Kinder keine egoistischen Einzellebewesen werden, bedarf es der Gemeinschaft mit anderen Kindern!
  5. Kinder lernen und gewinnen spielend Lebenserfahrung!
  6. Selbständigkeit, als Resultat einer positiven sozialen Dynamik, ist ein guter Nährboden für Menschsein!
  7. Emotionale Entwicklung ist mindestens genau so wichtig wie kognitive Wissensvermittlung!
  8. Kinder brauchen Vorbilder und positive Beispiele für ein „gutes Leben“!
  9. Kinder sind lebendige Bestandteile einer funktionierenden, demokratischen Gesellschaft!
  10. Die Umweltbedingungen sind für eine friedliche, stabile und hoffnungsvolle Entwicklung unabdingbar!

Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 24.02.2012 zu: Herbert Renz-Polster: Menschenkinder. Plädoyer für eine artgerechte Erziehung. Kösel-Verlag (München) 2011. ISBN 978-3-466-30930-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/11729.php, Datum des Zugriffs 25.05.2016.


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