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Gerald Hüther: "Lieber einen Sommer auf der Alm, als ein Leben lang auf Ritalin"

Gerald Hüther: "Lieber einen Sommer auf der Alm, als ein Leben lang auf Ritalin". AV1 Pädagogik-Filme (Kaufungen) 2012. 2., veränderte Auflage. 18,00 EUR.

„Das Geheimnis des Gelingens – Vorzeigeprojekte für unsere Gesellschaft. Folge 1. Laufzeit 85 Min. Bestellung unter www.av1-shop.de Preis zzgl. MWSt. und Versand.
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Entstehungshintergrund / Aufbau

Der Film, der als erster einer derzeit vier DVDs umfassenden Reihe die „Edition Hüther“ begründet, wurde ein Jahr nach seiner Erstausgabe im Jahr 2011 in einer veränderten neuen Fassung herausgegeben. Autor des Films ist nun allein Prof. Hüther; der frühere Mitautor Tibor Beregszaszy entfiel. Die Neuausgabe ist in drei Teile gegliedert:

  1. „Was passiert im Hirn? Ein mutmachender Vortrag über neurobiologische Hintergründe“ (42 min). Dabei handelt es sich um den Mitschnitt eines Vortrags des durch seine akzentuierte Position im öffentlichen Streit um die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperak­tivitätsstörung (ADHS) bekannten Neurobiologen Prof. Hüther in der Göttinger Nikolaikirche vom 14.12.2010.
  2. „Ein Sommer auf der Alm – ein Erfahrungsbericht“ (13 min). In diesem Filmabschnitt spricht Prof. Hüther, teilweise von Fotografien der Almcamps der Sinn-Stiftung begleitet, über das Konzept der Alm-Aufenthalte. Der Abschnitt ersetzt den ursprünglich im Anschluss an den Vortrag Prof. Hüthers aufgezeichneten und auf der Erstausgabe der DVD enthaltenen Vortrag des Schweizer Sozial- und Erlebnispädagogen Tibor Beregszaszy, welcher über ein Almcamp des Jahres 2010 berichtete.
  3. „Fragen und Antworten zum Potential-Entfaltungs-Programm Via Nova der Sinn-Stiftung“ (24 min). Dieser dritte Abschnitt ergänzt die Erstausgabe der DVD um ein Studio-Interview mit Prof. Hüther, in welcher Fragen zum Almcamp und zur Sinn-Stiftung beantwortet werden.

„Was passiert im Hirn?“

Im 42 Minuten langen Vortrag Prof. Hüthers bietet dieser einen für Laien verständlichen Abriss über Aspekte der Hirnentwicklung, des kindlichen Lernens sowie seines Verständnisses der sozialen Genese psychiatrischer Erkrankungen, hier v.a. der Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung (ADHS) im Kindesalter. Er beginnt mit einer Erklärung des Titels der Reihe „Das Geheimnis des Gelingens“. Dabei nutzt Prof. Hüther die vermeintliche Differenz zwischen dem deutschen Begriff des „Gelingens“ und der amerikanischen Wendung „well done“. Im Verständnis des Referenten transportiere das deutsche „Gelingen“ eine zumindest partielle externale Kontrollüberzeugung, wohingegen das amerikanische „well one“ in der internalen Kontrollüberzeugung unbedingten Erfolg einfordere. Dieser Gegensatz, der kurz darauf zur expliziten Nennung des Herstellers des bereits im Untertitel erwähnten ADHS-Präparats „Ritalin“ führt, präfiguriert einen den Vortrag durchziehenden abstrakten Dualismus: Auf der einen Seite das Szenario eines überkommenen mechanistischen Menschenbilds samt sozialem Anpassungsdruck an gesellschaftliche Konventionen, das sich inzwischen auch die Medizin und (Psycho-)Pharmakologie zunutze mache; auf der anderen Seite die Idee einer von Prof. Hüther nur vage skizzierten neuen Pädagogik, die er durch die moderne Hirnforschung legitimiert sieht, jedoch nicht mit bestehenden pädagogischen Konzepten der letzten einhundert Jahre kontrastiert.

Im Weiteren werden sodann Eltern, Lehrer und Erzieher pauschal der Partei eines überkommenen Wunsches nach dem mechanischen „Funktionieren“ von Kindern zugeschlagen, wenngleich durch den Hinweis entschuldigt, dass sie im „Maschinenzeitalter“ kaum mehr anders handeln könnten. Die andere Partei will der nunmehr seit über zehn Jahren in der Pädagogik seinen neuen Wirkungskreis suchende Neurobiologe selbst anführen, um den fraglich Irrenden der Gegenseite zu verdeutlichen, warum die Erziehung und der Unterricht unserer Tage nichts bringen. Grundlegende These Prof. Hüthers ist dabei, dass das Gehirn in seiner Plastizität auf Erfahrungen reagiere, nicht aber auf die Rede von Eltern und Lehrern. Ohne historische Vorläufer zu nennen, evoziert der Referent das Konzept eines Erfahrungslernens im Sinne des Rousseau'schen Émile, in dem die Kinder durch eindrucksvolle Beispiele sowie ein existenzielles Sorgen um sich selbst und andere in die Lebenswirklichkeit hineinwachsen. Menschen suchten unbedingt die Gemeinschaft mit anderen, verhaltensauffällige Kinder mangels anderer Möglichkeiten meist auf destruktive Weise. Prof. Hüthers Credo, mit welchem der Vortrag beschließt, ist der Appell, Gelegenheiten und Räume wie die Almcamps der Sinn-Stiftung zu schaffen, in welchen jedes Kind über kurz oder lang ohne Zwang, jedoch durch eigene Erfahrungen den Ernst des Lebens und den Sinn prosozialen Verhaltens begreife.

„Ein Sommer auf der Alm“

Der 13-minütige Abschnitt „Ein Sommer auf der Alm“ ersetzt in der zweiten Ausgabe der DVD nun den auf der Erstausgabe enthaltenen rund 40-minütigen Vortrag des Schweizer Sozial- und Erlebnispädagogen Tibor Beregszasy über seinen Almaufenthalt mit sechs Kindern und einer weiteren Betreuerin in einem Hochtal des Berner Oberlandes im Jahr 2010. Beregszasy hatte anhand zahlreicher Fotografien eindrucksvoll gezeigt und berichtet, wie aus verwöhnten und in ihrem Alltag zugleich gestressten Egomanen über Wochen kleine Bauern wurden, die Ziegen melkten, Pfeil und Bogen schnitzten, ihr Essen selbst zubereiteten und, nachdem der Geruch unerträglich wurde, schließlich ihre Kleidung am nahegelegenen Bach wuschen. Prof. Hüthers von Bildern ohne direkten inhaltlichen Bezug durchsetzte kurze Rede transportiert nun, von wenigen Beispielen konkreter Ereignisse abgesehen, nicht mehr den Ablauf der Almcamps, sondern deren ideologische Grundlage. Zudem wird nicht mehr auf ein bestimmtes Almcamp Bezug genommen; vielmehr vermischt Prof. Hüther in seinen Ausführungen Details unterschiedlicher Almcamps von 2009 und 2010, soweit diese überhaupt identifizierbar sind.

Die Ausführungen wirken dabei, als reagierte Prof. Hüther auf Kritik an den bisherigen Almcamps der Sinn-Stiftung. Er betont die Vorbereitung der Eltern auf die Alm-Aufenthalte der Kinder, die pädagogische Fachkompetenz der Betreuer, die gewünschte Vernetzung der Familien im Anschluss an den Alm-Aufenthalt sowie die wissenschaftliche Unmessbarkeit der Ergebnisse. Letzteres verbindet Prof. Hüther mit erneuter Kritik an der medikamentösen Behandlung der ADHS. Die Veränderungen, welche die Kinder für sich sowie in der Gruppe während des Alm-Aufenthalts durchlaufen, werden nur pauschal angedeutet und durchweg positiv bewertet; ein Zusammenhang mit der konkreten Familiensituation einzelner Kinder vor und nach dem jeweiligen Almcamp wird nicht aufgezeigt.

„Fragen und Antworten zum Potential-Entfaltungs-Programm Via Nova der Sinn-Stiftung“

Der letzte Abschnitt des Films ist ein 24-minütiges Studio-Interview mit Prof. Hüther zum Programm „Via Nova“, das die Almcamps veranstaltet, zu den Almcamps selbst, zur Wirkung der Almcamps auf die Teilnehmer sowie zu den dieser Wirkung zugrundeliegenden neurobiologischen Annahmen. Bemerkenswert ist, dass der Verlauf der Almcamps, zu welchen der namenlose Interviewer konkrete Fragen stellt, vergleichbar dem zweiten Filmabschnitt vage bleibt. So bleiben die Fragen unbeantwortet, wie viele Almcamps bisher stattfanden und was auf der Alm gemacht wird.

Gleichermaßen oberflächlich sind Prof. Hüthers Erläuterungen zu den neurobiologischen Grundlagen und Effekten der Alm-spezifischen Erfahrungen der teilnehmenden Kinder und Jugendlichen. „Die wichtigste Erfahrung, die sie machen und die dann auch im Frontalhirn verankert wird, ist, dass sie etwas hinkriegen, Selbstwirksamkeitskonzepte werden auf diese Weise gefestigt.“ Die Exekutiven Funktionen des Frontalhirns beschreibt Prof. Hüther mit den Worten, diese seien „Metakompetenzen“ wie „einen Impuls, der da von unten immer mal wieder hoch will, zu kontrollieren, so etwas wie Selbstdisziplin zu entwickeln“. Wiewohl er sich im Verlauf des Interviews immer wieder gegen das Störungskonzept der ADHS positioniert, bleibt Prof. Hüther eine Erklärung des Zusammenhangs dieser Hirnfunktionen mit der Symptomatik der ADHS schuldig.

Die Frage des Interviewers nach etwaiger Medikamenteneinnahme der Teilnehmer beantwortet Prof. Hüther in klarem Gegensatz zu dem, was Eltern des ersten Almcamps im Jahr 2009, aber auch die Medien berichteten. Im Interview betont der Neurobiologe, er und seine Mitstreiter im Via Nova-Projekt seien keine Mediziner und würden es den Kindern überlassen, ob diese ihre Medikation auf die Alm mitbringen und einnehmen. Die Zeitschrift STERN druckte demgegenüber auf den Titel der Nummer 45 vom 29.10.2009 über das erste Almcamp: „Ritalin […] Es geht auch anders.“ Im Artikel selbst stand: „Auf der Alm gibt es keine Pillen.“ Der Akzent der Almcamps der Sinn-Stiftung ist offensichtlich: Medikamente gegen die ADHS sind schlecht und werden den Kindern aufgezwungen. Prof. Hüther im DVD-Interview: „Kinder nehmen freiwillig ja keine Medikamente, die nehmen sie nur dann, wenn einer danebensteht und sagt, Du musst jetzt dieses Medikament nehmen, das sind meistens die Eltern.“ Diese seien jedoch nicht glücklich damit, sondern würden „in einer Kette von Pflichterfüllern“ nur das tun, was die Lehrer sagten.

Diskussion

„Lieber einen Sommer auf der Alm als ein Leben lang auf Ritalin“ baut auf dem plakativen Gegensatz von funktionalem Kindsein und funktionalisierter Kindheit auf. Der bedenkliche Reiz von Prof. Hüthers Rede für eine vermeintlich neue Pädagogik, die das „Geheimnis des Gelingens“ ausmachen soll, ist die Wiederkehr eines romantischen Idealismus, der das natürlich Gute im Kind beschwört und in einen Gegensatz zur „bösen“ Welt der Erwachsenen bringt, in der das Kindliche quasi im Vorlauf zum gesellschaftlichen Funktionieren des erwachsenen Menschen pädagogisch gebrochen und funktionalisiert wird. Reizvoll ist dieser falsche Dualismus, weil er mehr oder weniger fixe Bilder zu konnotieren vermag, die von eindrucksvollen literarischen Geschichten wie Hermann Hesses „Unterm Rad“ oder Robert Musils „Zögling Törleß“ bis hin zur Reformpädagogik, zur demokratischen Schule und zu Projekten wie der „Boys Town“ des Priesters Edward Flanagan reichen, der Norman Taurog mit dem gleichnamigen Kinofilm von 1938 ein filmisches Denkmal setzte.

All diese Geschichten und Projekte transportieren die gefällige Idee des genuin guten Menschen, zumal des unschuldigen Kindes, das erst durch die Bedingungen seines Lebens korrumpiert werde. Prof. Hüther unterfüttert die Rousseau'sche Idee und Pädagogik mit der Vorstellung eines makellosen Nervensystems, das vom Beginn des menschlichen Lebens an optimal auf Erfahrungen vorbereitet sei. Allerdings stören im Hüther'schen Konstrukt einer romantisch verbrämten Neurobiologie sowohl Schule als auch Ritalin die natürlich angelegte, perfekte Entwicklung von Gehirn und Verhalten: Die Schule durch das Lernen aus der Lehre, das Prof. Hüther in einen fragwürdigen Gegensatz zum Lernen aus Erfahrung bringt; das ADHS-Medikament durch die Eindämmung der Auslenkbarkeit des Nervensystems. Auf einfachen, jedoch kaum explizit formulierten Grundannahmen (das Gehirn ist natürlich vollkommen; das Kind sucht unbedingt die Gemeinschaft mit anderen) schließt Prof. Hüther auf die Ausrichtung von Prozessen (ohne Tabletten funktioniert das Gehirn am besten; das Kind sucht in der Gesellschaft stets die Gemeinschaft, nicht den eigenen Vorteil) sowie auf dezidierte Effekte (gute Erfahrungen verankern sich langfristig im Gehirn; Kinder lernen und machen von sich aus das Richtige).

Warum sollte das so sein? Zeigt die Natur nicht in Krankheiten (auch des Geistes) und dem Exitus von Arten eine Vielzahl evolutionär-natürlicher Fehlentwicklungen? Hat die Zivilisationsgeschichte nicht gezeigt, dass der Mensch durch Wissenschaft und Schule die größten – auch humanistischen – Fortschritte gemacht hat? Auch wenn Medizin und Pharmakologie zweifellos nicht nur Heil über die Menschheit brachten, so haben sie uns im Mittel doch gesünder, schmerzfreier, zufriedener mit dem Körper, älter werden lassen. Die Entwicklung der Antikonvulsiva hat die Besessenheit der „Fallsucht“ in das therapierbare neurologische Leiden der Epilepsie verwandelt, die Entdeckung der Neuroleptika den psychotischen Wahn in eine durch den Hirnstoffwechsel verursachte Denkstörung, welche ohne medikamentöse Behandlung die Persönlichkeit des Menschen überlagert. Auch wenn sie einst anders gedeutet wurden: Die Epilepsie, bisweilen auch „Morbus sacer“ genannt, war zu keiner Zeit ein Ausdruck von dämonischer Besessenheit oder wahrer Gottesnähe; gleichermaßen offenbarte das Denken in der Psychose niemals einen Genius, sondern nur seine Krankheit und seinen Niedergang. Was macht Prof. Hüther so sicher, dass im Fall der Impulskontrollstörung der ADHS alles anders ist?

In seinem „mutmachenden Vortrag über neurobiologische Hintergründe“ der Hirnentwicklung nutzt Prof. Hüther sowohl den konstruierten Gegensatz von Natur und Natürlichkeit auf der einen Seite, mechanisch-sturer Wissenschaft und artifizieller Wissenschaftlichkeit auf der anderen Seite, als auch die Stilisierung kindlichen Verhaltens zum genuinen Ausdruck einer individuellen psychischen Verfassung, um den Rahmen einer Rede zu schaffen, die im Folgenden das eigene Denken des Referenten sowie die Absichten der von ihm mitbegründeten „Sinn-Stiftung“ als einen beispielhaften Neuanfang im Blick auf Kinder und das Kindsein im 21. Jahrhundert inszeniert. Dabei scheint sich Prof. Hüther bislang wenig mit dem gleichermaßen wissenschaftlich wie auch gesellschaftsweit geführten pädagogischen Diskurs seit Rousseaus „Émile“ und Pestalozzis „Wie Gertrud ihre Kinder lehrt“ befasst zu haben. Kennt er die diversen Ansätze der Reformpädagogik, kennt er Manès Sperbers Vorlesungen von 1933 am Berliner Individualpsychologischen Institut? Zugleich fehlt jeder Hinweis auf die moderne Entwicklungspsychologie, deren Forschung seit Jahrzehnten die Ausbildung kognitiver Funktionen, Entstehung und Aufrechterhaltung sozialer Beziehungen sowie das gemeinsame Spiel im Blick hat.

Der größte Vorzug von Prof. Hüthers Vortrag, die eingängige Simplifizierung von Sachverhalten, ist zugleich sein größtes Manko. Mit extremen Beispielen wie dem einer Frau, der im Kindesalter eine Hirnhälfte entfernt worden sei und die als Erwachsene im Denken, Wahrnehmen und Bewegen dennoch völlig uneingeschränkt wirke, beschwört er eine magische Plastizität des Gehirns, das stets eine perfekte Einheit mit dem menschlichen Körper bilde. Unter Verzicht auf die Nennung, v.a. aber den Anschluss an übliche Fachbegriffe wie die Rasmussen-Enzephalitis, an der das Fallbeispiel mutmaßlich litt, zudem mit zumeist wenig signifikanten Präsentationsfolien bewehrt, macht es Prof. Hüther seinen Zuschauern schwer, sich aktiv in den insinuierenden Redefluss einzuklinken, Fragen zu stellen und mit Kritik anzusetzen. Nicht anders verhält es sich mit dem von ihm postulierten kruden Gegensatz von „personaler Beziehung“ und „gemeinsamem Gegenstandsbezug“, letzterer ein Fachbegriff, den der Biologe nicht gebraucht und von der damit verbundenen umfangreichen entwicklungspsychologischen Forschung er nichts zu wissen scheint. Würde Prof. Hüther die Begriffe und ihr konventionelles Verständnis nennen, könnten die Rezipienten im Internetzeitalter leichthin herausfinden, dass die meisten Patienten des Rasmussen-Syndroms ungeachtet der hohen Variabilität des Gehirns in der Nutzung neuronaler Strukturen nach einer Hemisphärektomie kognitiv und motorisch massiv eingeschränkt bleiben und die Ausbildung der Exekutiven Funktionen im präfrontalen Cortex sicherlich nicht überwiegend oder gar ausschließlich aus dem gemeinsamen Bekümmern um eine Sache resultiert.

Schließlich würde auch die medienaffine Kritik am Störungsbild der ADHS, mit welcher der Neurobiologe nach einer gemeinsamen Studie mit seinen damaligen Göttinger Kollegen Aribert Rothenberger (Professor an der Universität Göttingen) und Gunther Moll (heute: Prof. am Universitätsklinikum Erlangen) die wissenschaftliche Bühne inzwischen weitgehend verlassen hat, ihre Schwächen offenbaren, legte Prof. Hüther sich denn überhaupt auf ein spezifisches Konzept der ADHS fest, das deren Symptome und Ätiologie systematisch zu erklären versucht. Lag die Differenz der Hüther'schen Würdigung der empirischen Befunde aus der Medikationsstudie an Ratten im Jahr 2000 im Kontrast zur Beurteilung der Koautoren noch im Wirkmechanismus der pharmakologischen Therapie eines damals auch von Prof. Hüther als faktisch gegeben angesehenen psychiatrischen Störungsbildes, so hat sich der Biologie nun einer bunten Fraktion von Pädagogen und Psychotherapeuten angeschlossen, die in den Symptomen der ADHS allein das Produkt sozialer Prägungen erkennen sowie in der medizinischen Therapie der ADHS nurmehr die wirtschaftlichen Interessen von Pharmafirmen befriedigt sehen.

Wie fatal dieses ätiologische Konstrukt an Nikolaas Tinbergens Postulat der beziehungskalten Mütter erinnert, deren vermeintlich traumatisierendes Verhalten einst in grausamer Verkennung des medizinischen Wissens für den Autismus ihrer Kinder verantwortlich gemacht wurde, scheint Prof. Hüther kaum wahrzunehmen. Seine Zustandsbeschreibung unserer Gesellschaft korrespondiert auffällig mit der durch die Medien geschickt vermarkteten Renaissance eines populistischen Kulturpessimismus à la Michael Winterhoff („Wie unsere Kinder zu Tyrannen werden“ 2008) oder inspiriert eine vergleichbar realitätsferne Kulturphilosophie, wie sie sich u.a. in Christoph Türckes „Hyperaktiv! Kritik der Aufmerksamkeitsdefizitkultur“ (2012) findet.

Tatsächlich sind der „Sommer auf der Alm“ und ein „Leben lang auf Ritalin“ keine Alternativen. So wünschenswert die Verbesserung der familiären Lebensbedingungen, aber auch der sozial-ökonomischen Strukturen unserer Gesellschaft in Schule und Arbeit ist, so unrealistisch ist die Rückkehr zu einer Kindheit in der zwangsläufigen Abgeschiedenheit überschaubarer Dorfgemeinschaften, der jahrelange Unterricht beim vertrauten Volksschullehrer, das selbstbestimmte Handwerk ohne Fließband und der von Marx so treffend beschriebenen Entfremdung vom Produkt, in dem sich das Erleben der eigenen Wirksamkeit manifestiert. Das Scheitern des Almprojekts im Alltag der meisten Kinder nach ihrer Rückkehr in Familie und Schule, das in der Folge des ersten achtwöchigen Almaufenthalts im Sommer 2009, aber auch des Almaufenthalts von Jugendlichen im Jahr 2010 in den Medien gezeigt wurde, verschweigt Prof. Hüther.

Bedenklicher noch: Das Fehlen jedweden systematischen Wirknachweises der Almcamps, die im Fall einiger Teilnehmer sogar von der öffentlichen Jugendhilfe mitfinanziert wurden, begründet er mit dem bewussten Verzicht auf die Parameter der „offiziellen Wissenschaft“, die nur simple Werte wie Aufmerksamkeits­leistungen erheben würde. Kein Wort darüber, dass für viele pädagogisch-therapeutische Maßnahmen nicht nur zur Behandlung der ADHS sinnvolle Evaluationen vorliegen, welche die emotionale Verfassung der Teilnehmer nach Jahresfrist, ihre schulische Leistung und Integration, das innerfamiliäre Konflikterleben und vieles mehr erheben, was u.a. den Einsatz öffentlicher Mittel rechtfertigt oder ggf. auch ausschließt.

Unbestritten: Die Monate in den Bergen, frei von schulischem Leistungsdruck und medialer Beeinflussung, sind eine wichtige Zeit für jedes Kind. Viele Eltern würden sich glücklich schätzen, ihren Kindern, ja ihren ganzen Familien eine solche „Frei-Zeit“ ermöglichen zu können, fernab des Zwangs, den Nachwuchs jeden Tag für die Schule herzurichten, befreit von Lohnarbeit und Haushalt, in wochenlanger unbeschwerter Gemeinschaft mit den Kindern, im kollektiven Kümmern um Projekte, ohne dass diese wie die Versorgung der Familie sowie die Betreuung und Förderung der Kinder im Alltag unbedingt gelingen müssen. Prof. Hüther hat durchaus Recht, wenn er „Erfahrungsräume“ fordert, in welchen Kinder mit einem „Ernstcharakter“ lernen, „wie man sich im Leben zurecht findet“. Unrecht hat er mit der pauschalen Diskreditierung der in unserer Gesellschaft heute weithin üblichen Pädagogik in Familie und Schule, für die er einen behavioristischen Kontext des Lobens und Strafens behauptet, welcher nicht der Realität entspricht.

Geradezu unsinnig ist die Aussage, nachgerade die Neurobiologie wisse da heute mehr, indem sie herausgefunden habe, dass das Verhalten durch innere Einstellungen und Haltungen bestimmt werde, die man nicht unterrichten könne, da diese nur aus Erfahrungen entstünden. Ist denn der Schulunterricht keine Erfahrung, zumal eine, welche der späteren Arbeit der meisten Menschen in der hochtechnisierten Gesellschaft des Internetzeitalters mehr entspricht als eine zweimonatige Auszeit auf einer Gebirgsalm?! Was Prof. Hüther als neurobiologische Erkenntnisse des 21. Jahrhunderts verkauft, sind stark vereinfachte Annäherungen an die Sozialkognitive Lerntheorie nach Albert Bandura sowie die Forschungen von Edward Deci und Richard Ryan zur Selbstbestimmungstheorie. Dem Neurobiologen Hüther sind diese seit Jahrzehnten beforschten Bereiche der Psychologie offenbar gänzlich unbekannt, die ihrerseits durch grundlegende Arbeiten u.a. von Lew Wygotski und Alexander Lurija geprägt wurden.

Ganz zu schweigen davon, dass der bereits erwähnte Rousseau'sche „Émile“ seit seiner Erstausgabe 1762 bereits im 18. Jahrhunderts 80 Ausgaben in Französisch und vielen anderen Sprachen erreichte. Die Aussagen Prof. Hüthers klingen dabei abschnittsweise wie reformulierte Maximen des Aufklärers: „Halten wir unerschütterlich daran fest, dass die ersten Regungen der Natur immer richtig sind. Es gibt keine Ur-Verderblichkeit des Herzens. Es gibt darin kein Laster, von dem man nicht sagen könnte, wie und woher es hineingekommen ist. […] Wo muss das Kind leben, das wir wie ein empfindungsloses Wesen, wie einen Automaten erziehen wollen? […] Noch aus einem anderen Grund will ich Èmile auf dem Land erziehen, […] fern von der Sittenlosigkeit der Städte, deren Firnis sie für Kinder so verführerisch und ansteckend macht […]. Die Kinder werden weniger durch das Böse, das sie sehen, als durch eure Lehren verdorben. Immer nörgelnd, immer moralpredigend und immer pedantisch bringt ihr sie für eine nach eurer Meinung gute Idee auf zwanzig, die nichts taugen. Voll von dem, was in eurem Kopf passiert, seht ihr die Wirklichkeit nicht, die es in ihrem Kopf erzeugt. […] Es bemüht sich nicht mehr zu lernen, sondern nur noch, euch zu widerlegen.“ (Jean-Jacques Rousseau: „Émile oder über die Erziehung“, UTB Schöningh 1971, S.71ff.)

Wie wenig das beschützte Kinderleben auf der Alm mit Prof. Hüthers Thesen zur Hirnentwicklung, aber auch der Lebenswirklichkeit der meisten Kinder und Jugendlichen in unserer Gesellschaft zu tun hat, zeigen die Medienberichte über bisherige Almcamps: „Wo die starken Kerle wohnen“ (ZDF 37°) und „Lukas letzte Chance“ (SAT1) von 2010. Nachgerade der auf der Erstausgabe der DVD den Ausführungen Prof. Hüthers folgende Vortrag Tibor Beregszasys, den dieser am 14.12.2010 in der Nikolaikirche Göttingen im Anschluss an „Was passiert im Hirn?“ gehalten hatte und auf welchen der Neurobiologeam Ende seines Vortrags auf der aktuellen DVD weiterhin verweist, machte die große Diskrepanz zwischen denpädagogischen und neuropsychologischen Spekulationen einerseits und der gleichermaßen faszinierenden wie ernüchternden Realität der Almcamps andererseits deutlich.

„Heidi reloaded“ hatte der Focus dazu etwas spöttisch über das erste Almcamp geschrieben, weil in der euphemistischen Freude über die durchaus positive Entwicklung mancher Teilnehmer vergessen wurde, dass die Jungen all das, was an Fortschritten in der Verhaltenssteuerung und Selbstorganisation erzielt wurde, zuhause längst hätten lernen können und müssen. Unsere Gesellschaft entbindet Kinder bis ins Erwachsenenalter von den meisten Alltagsaufgaben wie der Mitarbeit in der Hof- und Familiengemeinschaft, Broterwerb oder Geschwisterbetreuung, um sie in die künstlich geschaffenen und pädagogisch aufbereiteten Welten von Schule, institutioneller Freizeitgestaltung und Psychotherapie zu stecken. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert war das keine schlechte Idee, denn das Leben der Kinder auf dem Land, ihre Arbeit in den Fabriken der Industrialisierung, der Zwang zur frühen Selbstverantwortung und Selbstversorgung waren hart. Heute lassen Ganztagsschule und Jugendhilfe viele junge Menschen oft bis zur ersten Lehr- und Arbeitsstelle vergessen, dass die materiellen Grundlagen des eigenen Lebens nicht bedingungslos in der Gemeinschaft vorgefunden, sondern vom Einzelnen erarbeitet werden müssen.

Bei allem Respekt vor der Leistung von Kindern und Betreuern in den Almcamps: Ihr „Gelingen“ reicht weder für das Leben im geschützten Raum der Hochalm noch für ein erfülltes Leben in den Niederungen von Familie, Schule und Beruf. Ohne sehr viel Geld von Eltern, Jugendamt und Spendern sind Wochen der arrangierten Gemeinschaft an abgelegenen Orten, betreut durch ausgebildete Pädagogen und Therapeuten, nicht möglich. Was dieser enorme Einsatz von Ressourcen den Kindern jenseits einer schönen Erfahrung mittel- und langfristig für ihr Leben bedeuten kann, wird sich erweisen müssen. Bevor nun aber Heerscharen von Kindern, deren Eltern, Lehrer und Erzieher sie als verhaltensauffällig beurteilen, in monatelangen Kuren auf Hochalmen abgeschottet werden, lohnt die Überlegung, wie der erlebbare Realismus und kluge Pragmatismus des Alm-Lebens seinen Weg zurück in Familien und Schulen finden kann.

Fazit

Zusammenfassend muss der Autor der DVD sich ernsten Fragen stellen: Wenn Prof. Hüther annimmt, dass die Erfahrungen der Alm sich in einer positiven Prägung der Hirnentwicklung niederschlagen, warum sollte diese Plastizität des Gehirns nicht umso mehr für die im Alltag umfangreicheren negativen Erfahrungen gelten, welche doch laut Prof. Hüther das Problemverhalten der Kinder umfassend begründen? Sind es jedoch tatsächlich die traumatisierenden Erlebnisse in Familie und Schule, welche zu den Symptomen der ADHS führen, bräuchten dann nicht vielmehr Eltern und Kinder, Lehrer und Erzieher gemeinsam diese Zeiten eines Schonraums, um im Alltag von den neuen Beziehungsmustern zu profitieren, die jenseits von Sorgepflicht und Bildungsauftrag, sozialem Wettbewerb und globaler Vernetzung freilich besser wachsen können? Brauchen wir tatsächlich noch mehr Psychotherapie für Kinder, wie Prof. Hüther das in seinem Vortrag anmerkt, brauchen wir wirklich die Kunstwelt von Almprojekten, wenn es doch gerade um die alltägliche Erfahrung und Bewältigung der existenziellen Konditionen des menschlichen Lebens durch die Kinder geht?

Ein allgemeines „Geheimnis des Gelingens“ zeigt diese DVD jedenfalls nicht. Der Vortrag des Neurobiologen Prof. Hüther weicht der Diskussion um die neurobiologischen Grundlagen des menschlichen Verhaltens in mehrfacher Hinsicht aus: Er zeigt und erklärt sie nicht; er lässt offen, welche Verbindung zwischen neurophysiologischer Disposition und konkretem Verhalten bestehen; er knüpft nicht an das umfangreiche Wissen an, das die psychologische und medizinische Wissenschaft in den letzten einhundert Jahren zusammengetragen hat, sondern diskreditiert deren Erkenntnisse durch Verkürzung, Vereinfachung und Pauschalurteile. „Ein Sommer auf der Alm“ ist kein Erfahrungsbericht, sondern ein insbesondere durch die ideologische Ablehnung der Medikation der ADHS geprägtes Plädoyer für die Teilnahme von Kindern und Jugendlichen an dieser Maßnahme, für die Eltern und/oder Jugendämter viel Geld ausgeben müssen. In gleicher Weise dienen die „Fragen und Antworten zum Potential-Entfaltungs-Programm Via Nova der Sinn-Stiftung“ der Werbung für die Almcamps.

Die ADHS und ihre medikamentöse Behandlung, die im fragwürdigen Gegensatz von Alm und Ritalin zum Effekt heischenden Vehikel vermeintlicher „Vorzeigeprojekte für unsere Gesellschaft“ gemacht wird, begreift Prof. Hüther weder in ihrer Ätiologie noch der individuellen wie sozialen Bedeutung verminderter Verhaltenshemmung. Sofern er überhaupt konkrete wissenschaftliche Aussagen mit Bezug zur ADHS macht wie im Fall der Ausbildung der Exekutiven Funktionen, sind diese verkürzend oder gänzlich falsch. Daher stand in der Erstauflage der DVD Tibor Beregszasys schöner Bericht über eine der Almgruppen wohltuend abgelöst neben der Hüther'schen Anti-ADHS-Ideologie. Er beschrieb die Ausnahmesituation eines zeitlich und räumlich dem Alltag der meisten Familien enthobenen Lebens mit Kindern, das man mehr noch als professionellen Betreuern zuallererst den Eltern der gezeigten Kinder gönnen würde. Dass dieser eindrückliche Bericht zugunsten zwei weiterer Beiträge Prof. Hüthers aus der zweiten Ausgabe der DVD gestrichen wurde, ist unverständlich.

Nun ist die DVD in ihrer Neuausgabe nurmehr eine Inszenierung der Person Prof. Hüthers, dessen Ausführungen weder über einen „Sommer auf der Alm“ informieren noch den Gegenentwurf zu einem „Leben auf Ritalin“ darstellen. Vielleicht aber bräuchte es diese vermeintlich neue Sicht des Neurobiologen auf Kinder und Kindheit nicht, würde der Aufwand der bemühten „Sinn-Stiftung“ in die Wiederentdeckung sinnvoller Gemeinschaftsstrukturen früherer Zeiten investiert: als Versuch, allen Kindern so viel Teilhabe am realen Leben der sie umgebenden Erwachsenen zu ermöglichen, wie es dem Hineinwachsen in die komplexen sozialen Strukturen unserer Gesellschaft dient, ohne die Kinder zu überfordern, zu erschrecken oder gar zu verstören.


Rezensent
Dr. Johannes Streif
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Zitiervorschlag
Johannes Streif. Rezension vom 12.07.2012 zu: Gerald Hüther: "Lieber einen Sommer auf der Alm, als ein Leben lang auf Ritalin". AV1 Pädagogik-Filme (Kaufungen) 2012. 2., veränderte Auflage. „Das Geheimnis des Gelingens – Vorzeigeprojekte für unsere Gesellschaft. Folge 1. Laufzeit 85 Min. Bestellung unter www.av1-shop.de Preis zzgl. MWSt. und Versand. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/11743.php, Datum des Zugriffs 24.05.2016.


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