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Gabriele Göhring-Lange: Selbstbestimmte Teilhabe

Cover Gabriele Göhring-Lange: Selbstbestimmte Teilhabe. Von der Theorie zur Umsetzung in der Praxis. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2011. 116 Seiten. ISBN 978-3-7841-2037-9. 9,90 EUR.

Reihe: Basics für Sozialprofis. Neue Caritas + Lambertus.
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Thema

Die zu besprechende Publikation widmet sich, unter Zuhilfenahme unterschiedlicher wissenschaftlicher Perspektiven, den folgenden drei Hauptfragen: „Was ist unter dem Konzept der selbstbestimmten Teilhabe zu verstehen? Welche Konsequenzen ergeben sich daraus? Wie wird in der Caritas Teilhabe definiert und umgesetzt?“ (S. 7).

Autorin

Gabriele Göhring-Lange ist Ethnologin und arbeitet seit 1998 beim Deutschen Caritasverband. Seit 2009 leitet sie das Projekt „Die Initiative der Caritas für selbstbestimmte Teilhabe.“

Aufbau

Nach einer Einführung widmet sich die Autorin dem Thema in sechs Abschnitten:

  1. Entwicklung des Teilhabekonzepts in Deutschland
  2. Definition und Anspruch selbstbestimmter Teilhabe
  3. Modellentwicklung für selbstbestimmte Teilhabe
  4. Konsequenzen und Voraussetzungen für die Umsetzung
  5. Selbstbestimmte Teilhabe in der Praxis am Beispiel der Caritas
  6. Selbstbestimmte Teilhabe in Pfarrgemeinden

Es folgen ein umfangreiches Literaturverzeichnis und drei Anlagen:

  1. Initiative „Selbstbestimmte Teilhabe, Würde und Gerechtigkeit“ (2009/2011)
  2. Indikatoren selbstbestimmter Teilhabe - Arbeitshilfe zur Teilhabeorientierung
  3. Zusammenfassung der Sozialpolitischen Positionierung zur Caritaskampagne 2011 „Selbstbestimmte Teilhabe von Menschen mit Behinderung“

Inhalte

Nachdem die Orientierung an Teilhabe 2001 im Sozialgesetzbuch SGB IX für die Rehabilitation und Teilhabe behinderter Menschen festgeschrieben wurde, erfährt die Teilhabe immer mehr Popularität, „und zwar als Maßstab von sozialer Gerechtigkeit bezogen auf alle Menschen in der Gesellschaft“ (S. 8).

Über den 2. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung aus 2005 und den ersten Bericht zur sozioökonomischen Entwicklung in Deutschland aus 2006 ist ein Bedeutungszuwachs und ein Paradigmenwechsel hin zum Teilhabekonzept zu konstatieren. Letztgenanntes Berichtswesen führt zu der Feststellung, dass im Teilhabekonzept nicht mehr der Ressourcenmangel in den Fokus gerät, sondern die Teilhabedefizite untersucht werden.

Teilhabe wird immer mehr als ein Indikator und als Ziel zur Erreichung sozialer Gerechtigkeit verstanden. Neben der Behindertenhilfe gerät die Alten- und die Jugendhilfe bezüglich der Teilhabe in den Brennpunkt. „Dabei stellt die Methode der sozialräumlichen Arbeit eine Schlüsselmethode zur Erreichung selbstbestimmter Teilhabe dar. Die sozialräumliche Herangehensweise durch die Verbindung von Case- und Caremanagement, der Abbau von Barrieren zwischen ambulanten und stationären Bereichen, Haltungsänderungen durch den Empowerment-Ansatz usw. ebnen den Weg von der Fürsorge zur selbstbestimmten Teilhabe“ (S. 10). Erforderlich sind neue Fachkonzepte und ein neues Professionalitätsprinzip der sozialen Berufe für die Orientierung an dem Konzept der selbstbestimmten Teilhabe

Dieser Darstellung der Geschichte des Teilhabekonzepts in Deutschland folgt ein Abschnitt zum sozioökonomischen Wandel, der verantwortlich ist für die Auswirkungen auf Teilhabe und der die Autorin zu der These veranlasst, dass die ökonomische Entwicklung nicht mehr mit der sozialen Entwicklung zusammen passt. „Durch das Bewerten von Menschen nach ihrer Leistungsfähigkeit kommt es zur Segregation innerhalb der Gesellschaft. Verbreitete Haltungen und Verhaltensmuster führen zu einer Verfestigung von Ausgrenzung und somit zu Teilhabeeinschränkungen“ (S. 12). Mit Bezug auf Peter Bartelheimer geht es um Ausgrenzung in der Gesellschaft und somit nicht um Ausgrenzung aus der Gesellschaft.

Wie gelingt es die Gesellschaft zusammenzuhalten und jedem das Recht auf Teilhabe zuzubilligen? Dieses Recht auf eine selbstbestimmte Teilhabe aller Bürgerinnen und Bürger „steht in engem Zusammenhang mit dem gesellschaftlichen Zusammenhalt“ (S. 15) und das beinhaltet auch, dass wir es bei einer humanen Gesellschaft mit einer Gesellschaft zu tun haben, die mit Menschen, die am Rande stehen, umgehen. Die sozialethische Forderung lautet daher: „Ausbau von Beteiligungsgerechtigkeit und damit verbunden die Schaffung von Teilhabemöglichkeiten“ (S. 15).

Für die Caritas ist die folgende Definition handlungsleitend: „Selbstbestimmte Teilhabe bedeutet, dass jeder Mensch das Recht hat, an den politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Prozessen einer Gesellschaft teilzunehmen und diese mitzugestalten und mitzubestimmen“ (S. 17). Jedoch lauert hier auch ein Fallstrick, der die nach selbstbestimmter Teilhabe Trachtenden stolpern lässt:: „Artet die Selbstbestimmung in Egoismus aus, ist die Teilhabe gefährdet“ (S. 17).

Teilhabe heißt:

  • „auf der soziokulturellen Ebene über adäquate Teilhabe an materiellen und kulturellen Gütern zu verfügen,
  • auf der institutionellen Ebene einen gerechten Ausgleich von Interessen auf der Basis der Gleichwertigkeit aller Menschen und
  • auf der personellen Ebene, emotionale Bindungen zwischen den Menschen“ (S. 18).

Bei der Modellentwicklung für selbstbestimmte Teilhabe werden zunächst die sozioökonomischen Dimensionen von Teilhabe betrachtet. Orientierungsmaßstab ist hier ein Ordnungsschema von Peter Bartelheimer:

  • „Teilhabe am System gesellschaftlicher Arbeitsteilung über Erwerbsarbeit,
  • Teilhabe in informellen Nahbeziehungen, die auf persönlicher gegenseitiger Verpflichtung beruhen, wobei die Teilnahme am System gesellschaftlicher Arbeitsteilung hier durch informelle Eigenarbeit im Haushaltszusammenhang geschieht,
  • Teilhabe durch Rechte, hier wird zwischen den sozialen Rechten wegen ihrer besonderen Bedeutung und den bürgerlichen und politischen Rechten unterschieden, sowie
  • Teilhabe durch Bildung und Kultur; durch den Erwerb von Kompetenzen und durch gesellschaftliche Wertorientierungen“ (S. 21).

Für die selbstbestimmte Teilhabe wesentlich ist die Befähigung, die Handlungsbereitschaft.

Zum individuellen Moment bezieht sich die Autorin auf:

  • Gerhard Kruip;
  • Ursula Northelle-Wildfeuer;
  • Klaus Dörner und
  • Charles Taylor

Das Teilhabekonzept betrachtet den Menschen als Subjekt in Gesellschaft und Umwelt. Teilhabe bezieht sich auf das Einbezogensein einer Person in eine Lebenssituation oder einen Lebensbereich. Das Teilhabekonzept bezieht sich auf die Frage nach dem Zugang zu den unterschiedlichen Lebensbereichen sowie der Daseinsentfaltung und dem selbstbestimmten und gleichberechtigten Leben sowie auf Fragen der Zufriedenheit, der erfahrenen Lebensqualität und der erlebten Anerkennung und Wertschätzung, in den Lebensbereichen, die für die Person wichtig sind“ (S. 34).

Als Konsequenz und Voraussetzung für die Umsetzung des selbstbestimmten Teilhabekonzepts insgesamt ergeben sich fachbereichsübergreifend folgende Erfordernisse:

  • „Alle Forderungen und Veränderungen laufen immer auf eine gesellschaftliche und individuelle Bewusstseinsänderung und Verantwortungsübernahme hinaus. Es geht darum, dass Gemeinden, in ihrem kirchlichen und politischen Verständnis, die Verantwortung für alle ihre Mitglieder übernehmen.
  • Als Methode zur Umsetzung für selbstbestimmte Teilhabe eignet sich besonders der sozialräumliche Ansatz. Er erfüllt die Kriterien, die zur Erreichung selbstbestimmter Teilhabe notwendig sind, durch die Verknüpfung von Netzwerknutzung und Einzelfallbetrachtung.
  • Bezugspunkt sozial gerechter Politik ist immer die Schaffung sozialer und ökonomischer Teilhabe- und Verwirklichungschancen für alle Mitglieder der Gesellschaft“ (S. 36).

Als Kriterien für die selbstbestimmte Teilhabe sind für die Caritas bestimmend:

  • Ressourcenorientierung
  • Zusammenarbeit des beruflichen und des nichtberuflichen Hilfesystems und
  • Gemeinwesen-/Sozialraumorientierung

Wie ist nun eine selbstbestimmte Teilhabe in den Pfarrgemeinden, in der Altenhilfe, in der Behindertenhilfe etc. möglich? Hierzu verweist die Autorin u. a. auf verschiedene Handreichungen zum Thema.

Fazit

Das Buch eignet sich für alle an der Teilhabe Interessierten. In der Lehre ist das Buch, schon aufgrund seiner handlichen Form, einsetzbar etwa zur Gestaltung von Zukunftswerkstätten, die sich mit der gesellschaftlichen Ausschließung und Teilhabe befassen.


Rezensent
Dr. Carsten Rensinghoff
Dr. Carsten Rensinghoff Institut - Institut für Praxisforschung, Beratung und Training bei Hirnschädigung, Leitung: Dr. phil. Carsten Rensinghoff, Witten
Homepage www.rensinghoff.org
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Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 06.07.2011 zu: Gabriele Göhring-Lange: Selbstbestimmte Teilhabe. Von der Theorie zur Umsetzung in der Praxis. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2011. ISBN 978-3-7841-2037-9. Reihe: Basics für Sozialprofis. Neue Caritas + Lambertus. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/11750.php, Datum des Zugriffs 26.09.2016.


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