Veronika Fischer, Volker Eichener u.a. (Hrsg.): Netzwerke - ein neuer Typ bürgerschaftlichen Engagements
Veronika Fischer, Volker Eichener, Karin Nell (Hrsg.): Netzwerke - ein neuer Typ bürgerschaftlichen Engagements. Zur Theorie und Praxis der sozialen Netzwerkarbeit mit Älteren. Wochenschau Verlag (Schwalbach/Ts.) 2003. 304 Seiten. ISBN 978-3-89974-082-0. 24,00 EUR.
Hintergrund und Thema des Buches
Die Betreuung und Pflege älterer Menschen stellen Aufgaben dar, die trotz der finanziellen Absicherung durch die Pflegeversicherung, trotz des massiven Ausbaus ambulanter Dienste und trotz der Entwicklung neuer, altersgerechter Wohnformen und neuer Konzepte der Seniorenarbeit und Seniorenpolitik vielerlei Defizite offen lassen. Der demographische Wandel hin zu einer 'überalterten Gesellschaft' verschärft diese Situation in zweifacher Hinsicht: einerseits wird der Bedarf an Betreuungsleistungen für ältere Menschen steigen, andererseits werden die finanziellen Ressourcen, die dafür zur Verfügung stehen, zurückgehen. Nachbarschaftshilfe, Freiwilligenarbeit und wechselseitige Unterstützung in sozialen Netzwerken könnten als eine Ergänzung professioneller sozialer Arbeit gesehen werden.
Vor diesem Hintergrund stellen die im Sammelband 'Netzwerke - ein neuer Typ bürgerschaftlichen Engagements' beschriebenen Netzwerke einen neuen Typen der "Ehrenamtlichkeit" dar. Ältere Menschen schließen sich auf Statteilebene zusammen, um im Sinne einer "Hilfe zur Selbsthilfe" Dienstleistungen für ältere Hilfsbedürftige zu erbringen. Der Sammelband geht aus dem Forschungsprojekt "Netzwerke bürgerschaftlichen Engagements in einer Großstadt. Wissenschaftliche Evaluation der Altenarbeit der Düsseldorfer Netzwerk-Werkstatt" hervor, welches in den Jahren 2001 bis Anfang 2002 am Fachbereich Sozialarbeit der Fachhochschule Düsseldorf durchgeführt wurde. Die HerausgeberInnen des Sammelbandes zur Theorie und Praxis der sozialen Netzwerkarbeit mit Älteren wollen die Erfolgsfaktoren zur Mobilisierung bürgerschaftlichen Engagements aufzeigen und Hinweise für die Erkenntnisnutzung geben.
Die HerausgeberInnen
Dr. Veronika Fischer arbeitet als Professorin für Erziehungswissenschaft an der Fachhochschule Düsseldorf; Arbeitsschwerpunkte: Altersbildung und interkulturelle Pädagogik
Dr. Volker Eichener arbeitet als Professor für Politikwissenschaft an der Fachhochschule Düsseldorf; Arbeitsschwerpunkte: Sozialpolitik, Stadtentwicklung, Wohnungswesen, Zukunftspolitik
Dip.Päd. Karin Nell ist Mitarbeiterin der Projektwerkstatt für innovative Seniorenarbeit im Ev. Erwachsenenbildungswerk Nordrhein; Arbeitsschwerpunkte: Netzwerkarbeit, Entwicklung innovativer Fortbildungskonzepte zur Förderung bürgerschaftlichen Engagements.
Aufbau
Die Zielsetzung der Begleitforschung bestand in der Ermittlung und Aufarbeitung von Erfolgsfaktoren bei der Mobilisierung bürgerschaftlichen Engagements anhand der Analyse der Düsseldorfer Netzwerke. Die daraus hervorgehenden Erkenntnisse sollten für andere nutzbar gemacht werden.
Der 304-seitige Band Netzwerke - ein neuer Typ bürgerschaftlichen Engagements ist in fünf Teile gegliedert.
- Die Forschungsergebnisse werden im ersten Teil anhand von vier Artikeln in einen größeren gesellschaftspolitischen Kontext eingebettet.
- Im zweiten Teil werden die theoretischen Grundlagen der Netzwerkarbeit dargestellt und die wichtigsten Ergebnisse der Düsseldorfer Netzwerke vorgestellt.
- Das Netzwerk als 'lernende Organisation' ist Inhalt des dritten Teils.
- ExpertInnen aus unterschiedlichen Praxisfeldern der Netzwerkarbeit nehmen im vierten Teil Stellung zum Thema 'Fort- und Weiterbildung'.
- Im fünften Teil wird das Tätigkeitsprofil der hauptamtlichen NetzwerkbegleiterInnen analysiert, und es werden die Konsequenzen für berufliche Fortbildung und wissenschaftliche Ausbildung gezogen.
Abgerundet wird das Buch mit einer zusammenfassenden Bewertung der Netzwerkarbeit.
Zu den Inhalten der einzelnen Beiträge
Volker Eichener, Peter Fettweis, Christa Stelling und Veronika Fischer skizzieren in ihren Beiträgen den gesellschaftspolitischen Hintergrund bürgerschaftlichen Engagements. Die ersten vier Aufsätze machen deutlich, "dass der durch die demographische Entwicklung aufgelöste gesellschaftliche Umbruch nur im Dreiklang von Bürgerengagement, staatlicher Unterstützung und freier Wohlfahrtspflege zu bewältigen ist" (S. 10).
Auf die Herausforderungen des demographischen Wandels und die daraus erwachsenden Anforderungen an die Versorgung der älteren Menschen geht Volker Eichener in seinem Beitrag ein. Ausgangspunkt ist die Idee der Erosion sozialer Netzwerke in Familien, Verwandtschaft und Nachbarschaft angesichts der aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen. Deshalb plädiert der Autor für ein verändertes Verhältnis zum Wohlfahrtsstaat: Nicht mehr nur der bloße monetäre Transfer wird erwartet, sondern auch der Staat wird in der Rolle des Initiators und Moderators bürgerschaftlichen Engagements gesehen. Vor dem Hintergrund der Theorie des sozialen Kapitals (Putman) werden die so genannten 'jungen Alten', die vorzeitig in den Ruhestand gegangen sind, als ein "Potential engagementbereiter Menschen" (S. 20), die dem Gemeinwesen zur Verfügung stehen, gesehen.
Peter Fettweis knüpft in seinem Beitrag an diese Überlegungen an. Er nimmt die Sicht des Ministeriums von NRW ein, wobei er ein Verfechter von Modellprojekten ist (zuerst sollen in Modellprojekten innovative Ansätze erprobt, dann landesweit umgesetzt werden). In seinem Beitrag macht er anhand der Freiwilligenzentralen auf die Bedeutung bürgerschaftlichen Engagements für die Sozialpolitik aufmerksam.
Christina Stelling beschreibt daran anschließend am konkreten Beispiel der Diakonie Düsseldorf, die Herausforderungen, denen sich ein Wohlfahrtsverband angesichts des Wandels des Ehrenamtes stellen muss.
Veronika Fischer widmet sich den bildungspolitischen Erfordernissen, die sich durch den Strukturwandel des Alters ergeben haben. Sie sieht die Netzwerke als eine Antwort auf die Prozesse des Altersstrukturwandels.
Im zweiten Teil nähert sich Veronika Fischer in ihrem Beitrag einer näheren Bestimmung der Netzwerkarbeit und des Netzwerkbegriffs als soziologische Kategorie, um den Typus der Düsseldorfer Netzwerke theoretisch einordnen zu können. Gerade für Ältere, die alleine leben und von Isolation und Einsamkeit bedroht sind, werden neue soziale Bindeglieder, wie zum Beispiel Netzwerke, nötig. In dem Beitrag werden die verschiedenen Funktionen der Netzwerke, einmal bezogen auf die Freiwilligen, zum anderen bezogen auf die Hauptamtlichen, herausgearbeitet.
Die Zusammenfassung der Evaluationsergebnisse (Volker Eichener und Regina Höbel) macht deutlich, wie langwierig und komplex die Entstehung eines Netzwerks ist. Aus dieser Zusammenfassung geht hervor, wie hoch das Zeitinvestment für freiwillige Tätigkeit im Netzwerk oder auch im Stadtteil ist, welche Effekte die erbrachten Dienstleistungen für das Gemeinwesen haben und wie sich das Engagement auf Zufriedenheit, Sozialkontakte, psychische Befindlichkeit, Unterstützungspotenzial und Gesundheit der engagierten Senioren und Seniorinnen auswirkt.
Netzwerke bleiben nur tragfähig, wenn die Beteiligten entsprechende Organisationsstrukturen aufgebaut haben, die einen möglichst hohen Grad an Mitbestimmung aller Akteure garantieren. Im Kapitel 'Netzwerkaufbau und -organisation' zeigen Veronika Fischer und Regina Höbel auf, worin die Aufgaben der Binnenorganisation der Netzwerke liegen. Im daran anschließenden Aufsatz werden die Aufgaben von Hautamtlichen, angesichts der Vernetzung von Netzwerken dargestellt (Veronika Fischer/Karin Nell).
Der Erwachsenenbildung kommt eine impulsgebende, qualifizierende, identitätsbildende und persönlichkeitsstärkende Funktion zu. Dabei ist die Herausbildung intrinsischer Motivation für das Netzwerkengagement wichtig, wie Veronika Fischer einleitend zum Vierten Teil (Fort- und Weiterbildung der Freiwilligen) herausstreicht.
Daran schließen sich Ausführungen zu Lernangeboten für Freiwillige an: Das Kompass-Projekt (Inge Gößling), das Mediatoren-Modell (Thorsten Kohl) und der Kulturführerschein (Uta Frank/Karin Nell), Seminare - Praxis der lernenden Organisation (Brigit Nawrath) und abschließend die aktivierenden Methoden der Gruppenarbeit: Zukunftswerkstatt, Moderationsmethode und biographisches Lernen (Veronika Fischer).
Mit den Ausführungen zu 'Inter-Netz', einem Fortbildungsprogramm für hauptamtliche NetzwerkbegleiterInnen stellt Edeltraut Termeer im fünften Teil das hauptamtliche Tätigkeitsprofil dar. Aus den Erfahrungen mit einer vernetzenden sozialen Arbeit in der Praxis und den Anforderungen an die Qualifikation der MitarbeiterInnen, die Brigit Missalla zusammengefasst hat, haben sich mit der Zeit die Themen und Methoden des Fortbildungsprogramms entwickelt. Daran anschließend erarbeiten Veronika Fischer und Volker Eichener die Konsequenzen für das Studium der Sozialen Arbeit.
Funktioniert der Netzwerkansatz? Kann man seine Nachahmung empfehlen? Auf diese Fragen geht Volker Eichener im Schlusskapitel ein.
Zielgruppen
Durch die "Verknüpfung von Beiträgen und Praxis der Netzwerkarbeit" gehören für die HerausgeberInnen des Bandes zur Zielgruppe alle, "die im Bereich der sozialen Arbeit mit Älteren tätig sind". Die Sprache ist verständlich und eignet sich deshalb vor allem auch für Studierende und PraktikerInnen. Wer eher an theoretischen Auseinandersetzungen interessiert ist, könnte an der einen oder anderen Stelle eine gewisse Tiefe der Problemanalysen vermissen.
Diskussion
Trotz der Vielzahl von interessanten Informationen - einige Fragen hinterlässt der Band dennoch: Wie steht es mit dem Generationenvertrag? Wenn sich junge Alte für alte Alte engagieren, wer garantiert ihnen dann eine entsprechende Gegenleistung, falls sie mal unterstützungsbedürftig sind? Ist der Rückzug auf den Stadtteil und die Mobilisierung des sozialen Kapitals im Stadtteil wirklich eine Alternative zum radikalen Abbau des Sozialstaates? Ein sozialpolitisches Engagement und die Gefahren des Rückzugs ins Lokale werden im vorliegenden Band ebenso wenig diskutiert, wie eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Neuen Formen des Alters. Müsste bei der im ersten Beitrag aufgemachten Perspektive einer immer älter werdenden Gesellschaft bei gleichzeitigem Strukturwandel der Arbeitsgesellschaft das Alter nicht völlig neu gedacht werden? Auf solche Fragen wird im Band nicht eingegangen. Demnach kann der Band eine schöne Erfahrung dokumentieren, es gelingt jedoch nicht eine sozialpolitische Forderung herauszuarbeiten. Für mich bleibt damit die Frage der Übertragbarkeit offen.
Fazit
Die Düsseldorfer Netzwerke scheinen eine Erfolgsstory zu sein: Mittlerweile haben sich die Netzwerke auf das ganze Stadtgebiet ausgedehnt und auch umliegende Kommunen versuchen diesen Ansatz umzusetzen, so die HerausgeberInnen. Damit sind sie dem Ziel näher gerückt, das Projekt "bundesweit bekannt zu machen und einer größeren Öffentlichkeit vorzustellen". (S. 8) Es ist zu wünschen, dass ihnen das mit dieser Publikation gelingt.
Rezensent
Prof. Dr. Christian Reutlinger
FHS St.Gallen - Hochschule für Angewandte Wissenschaften
Institut IFSA
Homepage www.fhsg.ch/ifsa
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Zitiervorschlag
Christian Reutlinger. Rezension vom 30.03.2004 zu: Veronika Fischer, Volker Eichener, Karin Nell (Hrsg.): Netzwerke - ein neuer Typ bürgerschaftlichen Engagements. Wochenschau Verlag (Schwalbach/Ts.) 2003. 304 Seiten. ISBN 978-3-89974-082-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/1177.php, Datum des Zugriffs 17.05.2012.
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