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Lothar Wigger, Claudia Equit (Hrsg.): Bildung, Biografie und Anerkennung

Cover Lothar Wigger, Claudia Equit (Hrsg.): Bildung, Biografie und Anerkennung. Interpretationen eines Interviews mit einem gewaltbereiten Mädchen. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2010. 122 Seiten. ISBN 978-3-86649-329-2. D: 16,90 EUR, A: 17,40 EUR, CH: 28,50 sFr.
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Thema

Ein leitfadengestütztes Interview mit einem 15-jährigen, als gewaltbereit geltenden Mädchen ist das Material der hier vorgelegten Interpretationen. Welche Konflikte kennzeichnen die Biografie dieses Mädchens, wie stellt sie Gewaltsituationen im Interview dar, und wie rechtfertigt sie eigenes gewaltsames Handeln? Hierauf fokussiert der Sammelband mittels verschiedener theoretischer Sichten: Diese entstammen der Bildungs-, Biografie-, Anerkennungs- und Habitustheorie. Dabei soll jede Interpretation auch ihren methodischen Zugang begründen.

Herausgeber und Herausgeberin

Beide arbeiten an der Technischen Universität Dortmund: Dr. Wigger ist Professor für Allgemeine Erziehungswissenschaft, Frau Equit wissenschaftliche Mitarbeiterin.

Entstehungshintergrund

Das Buch geht auf einen Workshop zurück, der bereits im November 2007 stattfand. Am betreffenden Interview sollten die Teilnehmenden ihre jeweiligen Theoriezugänge prüfen und eine entsprechende Interpretation vorlegen.

Aufbau

Das Buch beginnt mit einer Einleitung Wiggers, in der er vor allem die Beiträge ausführlich kennzeichnet. Der folgende Haupttext enthält vier interpretierende Beiträge, die im Durchschnitt etwa 20 Seiten umfassen. Ein Anhang enthält das vollständige Transkript des rund 45-minütigen Interviews.

Inhalt

Der erste Beitrag stammt von Hans-Rüdiger Müller: „Mit den Fäusten reden? Symboltheoretische Deutung des Interviews mit Jannika“ (Hervorhebung C.B.). Hier wird ein Ansatz aus der Bildungstheorie verfolgt, demzufolge sich Bildung auffassen lässt „als ein Geschehen, das sich zwischen der (konkreten, vitalen) Leiblichkeit und der (abstrakten, zeichenhaft organisierten) Kulturalität menschlicher Existenz abspielt, kurz gesagt: im symbolischen Raum zwischen dem Leibempfinden (Aisthesis) des Subjekts und dem Zeichensystem (Logos, Geist, Sprache, Ordnung), das die Kultur für die bildende Gestaltung von Selbst- und Weltverhältnissen vorgibt“ (S. 19; Hervorhebung im Original). Mit anderen Worten: Bildung soll „im konstitutionslogischen Sinne […] als Übergang von der leiblich-sinnlichen Fundierung des menschlichen Lebensprozesses in die kulturelle Lebensform und umgekehrt als Übergang von den Formen der Kultur zur Responsivität des Leibes […] hin betrachtet werden“ (ebd.; Hervorhebung im Original).

Es handelt sich hier um einen philosophisch fundierten Ansatz, der sich auf Philosophische Anthropologie, Phänomenologie und Kulturphilosophie bezieht: repräsentiert durch Helmuth Plessner, Maurice Merleau-Ponty und Bernhard Waldenfels sowie Ernst Cassirer.

Jannikas Gewalthandeln, das Schlagen, gilt unter dieser Vorgabe als symbolische Ausdrucksform. Es wird von Müller interpretiert „als gestaltetes Ausdrucksverhalten […], dessen Bildungsrelevanz in erster Linie in der Sinnstruktur dieses Aktes selbst zu suchen ist“ (S. 20). In der Beziehung zu anderen Menschen beispielsweise sieht Müller in Jannikas Schlagen ein „Bemühen um Wahrung der personalen Integrität“ (ebd.).

Der zweite Beitrag unter bildungstheoretischer Perspektive stammt von Christine Wiezorek und trägt den Titel: „Jannika - Offensive Selbstbehauptung bei einer verlaufskurvenförmigen Entwicklung. Ein Werkstattbericht“ (Hervorhebung C.B.). Mit dem Begriff der verlaufskurvenförmigen Entwicklung schließt sie an Fritz Schützes biografieanalytischen Ansatz an; allerdings muss sie einschränken, dass sie den biografischen Ablauf im Falle Jannikas nur teilweise rekonstruieren kann, weil kein narratives Interview in Schützes Sinn vorliegt. Deshalb gebe es zur Lebensgeschichte an sich zu wenige Daten.

Wiezorek zielt darauf, die Muster an Orientierungen und Erklärungen für Jannikas „So-Gewordensein“ aus dem Prozess ihrer Herstellung oder Genese zu rekonstruieren (S. 38). Hierfür sieht sie Jannika als exemplarisch an für die „Genese des gewaltförmigen Handelns bei einem Mädchen sowie seiner Bedeutung für die Gestaltung der (weiblichen) Biographie“ (S. 37).

Den dritten Beitrag hat die Herausgeberin Equit verfasst unter dem Titel: „Gewalthandeln und Ehre. Versuch einer anerkennungstheoretischen Deutung“ (Hervorhebung C.B.). Auch Equit greift auf eine Variante von Schützes Auswertungsverfahren zurück, um die Bedingungen von Jannikas Gewalthandeln zu rekonstruieren. „Das Thema der persönlichen Ehre, ihrer Verletzung und Verteidigung“ hat Equit gewählt, weil es in den Interviewäußerungen Jannikas „einen breiten Raum“ einnimmt (S. 55). Um die Deutungsmuster Jannikas zu verstehen, hält Equit einen anerkennungstheoretischen Ansatz für „notwendig“ (S. 80); zu dessen Begründung ist Georg Wilhelm Friedrich Hegel ihr wichtigster Gewährsmann.

Equit verfolgt mittels des anerkennungstheoretischen Ansatzes zweierlei: Zum einen versucht sie Jannikas Deutung biographischer Erfahrungen zu erklären „als Abwertung und Ausschluss aus wichtigen Institutionen“ (z.B. der Familie), und zum anderen strebt sie danach zu begründen, warum Jannika „ihr Gewalthandeln trotz negativer biographischer Konsequenzen“ fortsetzt (S. 80).

Der letzte Beitrag stammt von Markus Rieger-Ladich und lautet: „Bedrohte Selbstachtung und Verlust der Zukunft. Habitustheoretische Analyse eines leitfadengestützten Interviews“ (Hervorhebung C.B.). Mit dieser theoretischen Perspektive stützt sich Rieger-Ladich vor allem auf den Soziologen Pierre Bourdieu, und er nutzt dessen Schriften auch, um ausführlich die Situation des Interviews zu reflektieren. Rieger-Ladich zeigt am vorliegenden Interview, wie es „zu einem Medium symbolischer Gewalt wird“ (S. 84) - nach Bourdieu bilden sich Hierarchien der Gesellschaft über Symbole ab und reproduzieren so Macht und Herrschaft. Es mache sich beispielsweise „im Laufe des Gesprächs die symbolische Gewalt insofern bemerkbar […], als die Befragte dann doch nicht umhin kann anzuerkennen, dass die Interviewerin jene Form der Kultur verkörpert, die als legitim gilt - und zu der sie selbst fast als eine Kontrastfolie gelten muss“ (S. 88).

Hierin sieht Rieger-Ladich „Effekte des Aufeinanderprallens zweier unterschiedlicher Habitus“ (S. 94). Diese seien eng mit dem Thema des vorliegenden Interviews verknüpft. Als dessen eigentliches thematisches Zentrum macht er das „Ringen um Selbstachtung“ aus (ebd.; Kapitelüberschrift). Dieses Thema bildet sodann den inhaltlichen Schwerpunkt seiner Analyse.

Diskussion

Eine Stärke des Bandes ist, dass er die Erträge unterschiedlicher theoretischer Herangehensweisen zeigt. Die AutorInnen arbeiten aber mit zum Teil hoch anspruchsvoller Theorie, die dem Umfang des Bandes entsprechend nur sehr komprimiert dargelegt werden kann. Das stellt hohe Anforderungen an die LeserInnen. Schade ist, dass Wiezorek nur eine „(Werk-)Fassung der Auswertung“ vorlegt (S. 41), „die Auswertungsarbeit“ sei „(noch) nicht zu Ende geführt“ (S.49): drei Jahre, nachdem der Workshop stattfand.

Ein Handicap ist die Qualität des Interviews, das von einer Studentin eher laienhaft geführt wurde. „Jannika hebt den Frage-Antwort-Charakter des Interviews auf“, „sie unterbricht die Interviewerin in der Formulierung der Frage insgesamt 19 Mal“, und sie stellt „Gegenfragen“, wie Equit beispielsweise schreibt (S. 78). Zu wünschen wäre, dass das theoretische und empirische Vorverständnis erklärt würde, das dem Leitfaden zugrunde lag; auch sollte der Leitfaden selbst abgedruckt werden.

Ferner wäre wünschenswert, dass das methodische Vorgehen der Interpretationen eingehender ausgewiesen würde. Es scheint, dass, wie MethodologInnen es ausdrücken, oft nur „schöne Stellen“ aus dem Interview ausgewählt wurden, die zur Theorievorgabe passen. Dabei bleibt dann auch die zeitliche Abfolge der Äußerungen unbeachtet - vereinzelt wird fehlerhaft aus dem Interview zitiert (vgl. S. 69 f. und 72).

Fazit

Das Buch kann vor allem LeserInnen ansprechen, die auf der Suche nach der noch spärlichen Literatur zum Thema gewaltbereite Mädchen sind. Dann wird man sich am ehesten bemühen, die anspruchsvollen theoretischen Vorgaben nachzuvollziehen, und dann mag man dem Band vielleicht auch seine methodischen Schwächen nachsehen.


Rezensent
Prof. Dr. Christian Beck
Pädagogische Forschung und Lehre
Homepage www.cbeck-aktuell.de


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Zitiervorschlag
Christian Beck. Rezension vom 13.09.2011 zu: Lothar Wigger, Claudia Equit (Hrsg.): Bildung, Biografie und Anerkennung. Interpretationen eines Interviews mit einem gewaltbereiten Mädchen. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2010. ISBN 978-3-86649-329-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/11777.php, Datum des Zugriffs 08.12.2016.


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