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Ute Schaich: Schwierige Übergänge

Cover Ute Schaich: Schwierige Übergänge. Trennungserfahrungen, Identität und Bildung in der Kinderkrippe. Risiko- und Bewältigungsfaktoren aus interkultureller Perspektive. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2011. 424 Seiten. ISBN 978-3-86099-882-3. 39,90 EUR.
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Familien- oder Fremdbetreuung – eine Kontroverse?

Insbesondere bei der frühkindlichen Erziehung wird, je nach Gesellschaftsauffassung und Verfassungsstruktur, kontrovers diskutiert, „ob Kinder psychischen Schaden erleiden, wenn sie in ihrer frühen Lebenszeit fremdbetreut werden“, oder ob das Verbleiben im familiären Umfeld grundsätzlich besser sei. Das Pro und Contra nimmt nicht selten ideologische Ausmaße an, und eine sachliche Diskussion ist kaum möglich. Zwar wird in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (1948) in Artikel 16, Abs. 3, wie auch in den meisten demokratischen Verfassungen, die Familie als die natürliche und grundlegende Einheit der Gesellschaft ausgewiesen, die Anspruch und Schutz durch Gesellschaft und Staat habe; gleichzeitig aber wird in Artikel 26 (1) das Recht auf Bildung festgelegt.

Nicht zuletzt die nationalen und internationalen Bildungsvergleichs-Untersuchungen, wie etwa PISA und andere, haben in das öffentliche Bewusstsein gebracht, dass soziale Herkunft und traditionelle Bildungssysteme das, was als Gleichheit der Bildungs- und Entwicklungschancen zu einem hohen menschlichen Gut im demokratischen und gesellschaftlichen Verständnis verankert ist, in hohem Maße beeinflussen. Die Forderungen nach Frühförderung, insbesondere der Ausbau der institutionellen Tagesbetreuung in Kinderkrippen und Kindertagesstätten, sind eine Antwort darauf. Es sind die von Gesellschafts- und Bildungsexperten seit langem verlangten Bildungs- und Erziehungsmaßnahmen in Deutschland, die in anderen Ländern längst realisiert sind und die Bundesrepublik innerhalb der OECD-Staaten auf einen der hinteren Plätze verweist. Es sind zudem die erheblichen Unterschiede bei der öffentlich geförderten Kindertagespflege in den einzelnen Bundesländern, die manche Experten von einem Armutszeugnis im bundesdeutschen gesellschaftlichen Bewusstsein sprechen lassen. Ein weiteres Problem kommt hinzu: Während in Deutschland die Geburtenraten bei einheimischen Müttern zurück gehen, steigen sie bei Zugewanderten an; gleichzeitig verringern sich die Möglichkeiten (und die Bereitschaft?) der Eltern mit Migrationshintergrund, ihre Kinder in Kindertagesstätten betreuen zu lassen. Woran liegt das? Sind es die migrations- und kulturgeprägten Biografien der Eltern, die diese Defizite erklären? Sind es fehlende Bereitschaften und Kompetenzen des Fachpersonals in den Kindertagesstätten, Kleinkinder aus dem Zuwandererumfeld aufzunehmen und zu betreuen? Sind es mangelnde und fehlende Integrationsverläufe, die zu den Auffälligkeiten der geringen Zahl der Kinder mit Migrationshintergrund in den Kindertagesstätten beitragen?

Entstehungshintergrund und Autorin

Welcher vernunftbegabte, politische und gesellschaftlich gefestigte Mensch zweifelte daran, dass wir, in Deutschland wie in den meisten westlichen, demokratischen Ländern, in inter- und multikulturellen Gesellschaften leben, in denen die Vielfalt der Kulturen und Lebensauffassungen der Menschen nicht nur ein Ausdruck einer sich immer interdependenter und entgrenzender entwickelnden (Einen?) Welt ist, sondern auch eine kulturelle Bereicherung von sich veränderndem Gesellschaftsbewusstsein darstellt? Ein so entwickeltes lokales und globales Gemeinschaftsverständnis sollte selbstverständlich davon ausgehen, dass soziale Gerechtigkeit eine Grundfeste beim Zusammengehörigkeitsempfinden darstellt. Wenn in den Analysen und Forschungsergebnissen immer wieder darauf hingewiesen wird, dass dabei die Entwicklungsphase der frühen Kindheit eine besondere Bedeutung und Chance gewinnt, kommt es darauf an, den institutionellen, gesellschaftlichen Bildungs-, Erziehungs- und Fördermöglichkeiten der Kinder in dieser Altersstufe eine spezielle Aufmerksamkeit zuzuwenden, und zwar sowohl den „einheimischen“, als auch den „zugewanderten“ Kindern (vgl. auch: Roland Bühs: Materialien zur interkulturellen Erziehung in Kindergarten und Primarstufe, Berlin 2008, 3. Auflage, in: socialnet Rezensionen, www.socialnet.de/rezensionen/11776.php), wie auch die Adaptionen zur Freire-Pädagogik (Verlag Dialogische Erziehung / Paulo Freire Verlag, www.paulo-freire-verlag.de).

Die Erziehungswissenschaftlerin, Gruppenanalytikerin und Fachbereichsleiterin ab der Volkshochschule Offenbach/M., Ute Schaich, legt mit ihrer Dissertation an der Philipps-Universität in Marburg eine empirische Studie vor, in der sie die bisher wenig diskutierten und untersuchten Fragen beim Übergang von der familiären Erziehung in die institutionalisierte Betreuung und Förderung von Kleinkindern aus unterschiedlichen Herkunftsmilieus und -kulturen in Kinderkrippen und Kindertagesstätten thematisiert. Während die Autorin davon ausgeht, dass die Probleme von sozialen Ungleichheiten im Bildungssystem mittlerweile im Bewusstsein der Gesellschafts- und Bildungspolitik vorhanden und auch relativ gut erforscht sind, will sie mit ihrer Arbeit auf die Defizite verweisen, die sich in der öffentlichen und gesellschaftlichen Wahrnehmung bei der Frage des Übergangs von der Familie in die institutionalisierte Frühförderung von Kindern ergeben; denn „erst durch die Erfassung der jeweiligen kulturellen, sozialen, gesellschaftsspezifischen und individuellen Zusammenhänge (können) Aussagen über die kindliche Entwicklung und Bildung im institutionellen Kontext sowie über fördernde und hemmende Faktoren gemacht werden“.

Bereits der Titel der Forschungsarbeit – „Schwierige Übergänge“ – signalisiert, dass es sich bei der Wahrnehmung von frühkindlichen Bildungs- und Betreuungsangeboten in (öffentlichen) Kinderkrippen und Kindertagesstätten um Probleme handelt, die zum einen darin bestehen, dass in Deutschland, im Vergleich mit anderen europäischen Ländern, noch eine große Lücke zwischen Bedarf und tatsächlichen Plätzen herrscht, zum anderen aber auch das öffentliche Bewusstsein von der Bedeutung der institutionellen, frühkindlichen Bildung und Erziehung noch nachhinkt. Zwar liegt seit 2007 die Bund-Länder-Vereinbarung zum „bedarfsgerechte(n) Ausbau der Betreuungsangebote für unter Dreijährigen“ vor, mit dem Ziel, bis 2013 ein Betreuungsangebot für 35 % der Kinder unter drei Jahren in Kindertagesstätten, Krippen und in der Kindertagespflege bereit zu stellen, doch die Wirklichkeiten und Anstrengungen in den einzelnen Bundesländer differieren arg voneinander. Es ist also festzustellen, „dass in Deutschland noch ein erheblicher Bedarf besteht, um im Hinblick auf quantitative Erweiterung, Qualitätssteigerung und Nutzung durch benachteiligte Kinder den Anschluss an internationale Entwicklungen im Bereich der Betreuung von Kindern unter drei Jahren zu finden“.

Aufbau und Inhalt

In der gesellschaftlichen Analyse über die Situation zur frühkindlichen Bildung und Erziehung werden insbesondere die sozialen Unterschiede bei der gesellschaftlichen Chancengerechtigkeit deutlich. Dabei handelt es sich sowohl um herkunfts-, geschlechtsbezogene, als auch kulturelle Unterschiede, und hier insbesondere interkulturelle Faktoren. Die Autorin gliedert ihre Arbeit in neun Kapitel. Im ersten Teil diskutiert sie den Aspekt der „außerfamiliären Tagesbetreuung von Kleinst- und Kleinkindern im gesellschaftlichen Kontext“, geht auf die Entstehungsgeschichte von Kinderkrippen in Deutschland ein und zeigt auf, welche Probleme sich bei der aktuellen Lebenssituation von Kindern in unserem Land ergeben.

Der zweite, theoretische Teil befasst sich mit Entwicklungsfragen zur frühen Kindheit aus psychoanalytischer und bildungstheoretischer Sicht. Im dritten Kapitel thematisiert die Autorin konkrete Entwicklungsbedingungen und -risiken von Kleinkindern, die sich in institutionalisierten Einrichtungen befinden, zeigt die sich durch den Übergang von der Familie in die Institution ergebenden Trennungserfahrungen auf und formuliert die Aufgaben, die sich für die Beteiligten – Kinder, Eltern, Erzieherinnen, Gesellschaft – ergeben. Im vierten Teil geht sie auf ihr erkenntnisleitende Interesse ein und verdeutlicht die Forschungsmethoden ihrer Arbeit. Es sind Fragen nach den Vorerfahrungen, die Kleinkinder haben, wenn sie in die Kinderkrippe kommen und von welchen kulturellen, migratorischen, geschlechtsbezogenen und individuellen Faktoren diese beeinflusst sind; danach, welche innerpsychischen Prozesse bei den Kindern bei den Trennungs- und Getrenntseinserfahrungen wirken; wie die Einrichtung darauf eingestellt ist und reagiert; inwieweit sich dabei bei den Kindern Chancen und Risiken bei ihrer Entwicklung zeigen; welche Ziele und Qualitätsmerkmale die Einrichtung ausweist; und welche pädagogischen Schlussfolgerungen daraus gezogen werden. Durch teilnehmende Beobachtung und Interviews wird der Erlebensprozess von ausgewählten Kindern, deren Angehörigen und der Erzieherinnen ermittelt und analysiert.

Im fünften und sechsten Kapitel werden Bindungs- und Trennungserfahrungen, ihre Einflüsse auf die Entwicklung der Kleinkinder und die (inter-)kulturellen Bezüge dargestellt, in ausdifferenzierten Fallrekonstruktionen verdeutlicht und nach den wirkenden Faktoren, wie Migration und Flucht, gefragt. Das siebte Kapitel verdeutlicht die geschlechtsbezogenen Unterschiede. Dabei werden Mutter- und Vaterbilder herangezogen und die Bindungs- und Autonomieentwicklung der Kinder beobachtet. Von besonderer Bedeutung ist natürlich auch die Familienbindung, die bei den Kleinkindern vorhanden ist, und die wichtige Frage, ob und wie die Familien auf die Institution reagieren, wie sich Einstellungen der Eltern und Angehörigen auf das Verhalten des Kindes auswirken und zeigen; aber auch, wie Berufsverständnis der Erzieherinnen und die Erwartungshaltungen der Einrichtungen formuliert werden: „Überhöhte Autonomieanforderungen entsprechen einem falschen Verständnis, weil die Impulse und Bedürfnisse der Kinder ‚wegpädagogisiert‘ werden“. Im neunten Kapitel schließlich werden „Risikofaktoren, Bewältigungsfaktoren, Perspektiven“ aufgezeigt und Konzepte vorgeschlagen, wie „die Beziehungsangebote und institutionellen Bedingungen in Kindertagesstätten und Kinderkrippen gestaltet werden müssen, damit die Entwicklungs- und Bildungsprozesse von Kleinkindern aus unterschiedlichen Herkunftskulturen und -milieus sowie unterschiedlichen Geschlechts gelingen“.

Fazit

Bildung, Erziehung, Autonomie und Identitätsentwicklung ge- oder misslingen nicht selten durch Bindungs- und Trennungserfahrungen. Deshalb kommt den Konzepten und Bedingungen in gesellschaftlich gewollten, in Theorie und Praxis begründeten Einrichtungen, wie den Kindertagesstätten und Kinderkrippen, als erste, außerfamiliäre Stationen in den Erlebensprozessen von Kindern eine große Bedeutung zu. Die am Beispiel von acht ausgewählten Fällen analysierten Krisen- und Konfliktsituationen vermitteln eine Reihe überraschende, bedenkenswerte und für die humane Weiterentwicklung unserer multikulturellen Gesellschaft wichtige Aspekte und Einblicke, die für Betreuer und Betreute Perspektiven aufzeigen und das gesellschaftliche Handeln fördern können. Die Gegenüberstellung von Risiko- und Bewältigungsfaktoren bietet die Chance für den institutionellen Ausbau des frühkindlichen Bildungs- und Erziehungsrahmens. Immer wieder wird in der Forschungsarbeit deutlich, dass die Institution – und damit die Gesellschaft – einen Blickwechsel hin zu einer vor- und nachsorgenden Bildungsarbeit leisten muss, die von Empathie, Kompetenz und Humanität geprägt sein sollte, wie dies Jeremy Rifkin in seinem Entwurf von einer empathischen Zivilisation vorschlägt (Jeremy Rifkin, Die empathische Zivilisation. Wege zu einem globalen Bewusstsein, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/9048.php) und der Göttingen Neurobiologe Gerald Hüther in einem anderen Zusammenhang formuliert: „Stell dir vor, es gibt genug qualifizierte Krippenplätze – und alle Kinder wollen hin!“ (Margret Rasfeld, Stell dir vor, es ist Schule und alle wollen hin. Vorzeigeprojekte für unsere Gesellschaft, Folge 3, DVD-Laufzeit 64 Min., mit einer Einführung von Prof. Dr. Gerald Hüther, Edition Hüther, AV1 Film + Multimedia, Kaufungen, 2011 ),.

Die Forschungsarbeit „Schwierige Übergänge. Trennungserfahrungen, Identität und Bildung in der Kinderkrippe. Risiko- und Bewältigungsfaktoren aus interkultureller Perspektive“ von Ute Schaich, sollte in den wissenschaftlichen Bibliotheken und Fachbüchereien in der ErzieherInnenaus- und -fortbildung zur Verfügung stehen.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 05.11.2011 zu: Ute Schaich: Schwierige Übergänge. Trennungserfahrungen, Identität und Bildung in der Kinderkrippe. Risiko- und Bewältigungsfaktoren aus interkultureller Perspektive. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2011. ISBN 978-3-86099-882-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/11782.php, Datum des Zugriffs 24.05.2016.


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