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Yehuda Elkana, Hannes Klöpper: Die Universität im 21. Jahrhundert

Cover Yehuda Elkana, Hannes Klöpper: Die Universität im 21. Jahrhundert. Für eine neue Einheit von Lehre, Forschung und Gesellschaft. edition Körber-Stiftung (Hamburg) 2012. 504 Seiten. ISBN 978-3-89684-088-2. 18,00 EUR.
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Wo Wissen nur noch als ökonomisch verwertbare Ware gilt, verkümmert Leben!

Die Warnungen sind schon alt, dass der Erwerb von Wissen mehr sein muss als nur die Fähigkeit zu besitzen, nützliche und schöne Dinge herzustellen, sondern, wie dies der griechische Philosoph Aristoteles mit epistême zum Ausdruck bringt, auch und vor allem der Einübung von ethisch angemessenem Verhalten dienen muss. Deshalb gehören Faktenwissen und demonstratives Wissen unbedingt zusammen. In der Machbarkeits- und Verwertungs- (Konsum-)Hysterie, die den homo oeconomicus hervorgebracht und zum erstrebenswerten Lebensziel stilisiert hat, lokal und global, bleibt auf der Strecke, was im philosophischen Denken der Menschheit als „gutes Leben“ erdacht, erwünscht und erhofft wird. Wenn, wie dies in der institutionellen wie individuellen Wissensvermittlung, etwa in der Schule, in der Familie, im Beruf und im gesellschaftlichen Selbstverständnis, verkommt zu der Auffassung, dass der Mensch mit seinen Fähigkeiten alles machen kann, was er will und kann, verkommt der Mensch zu einem Kapitalakkumulator!

Schauen wir auf die Entwicklung und das von Politik und Wirtschaft ausgegebene Marschkommando, wie Hochschulen als gewissermaßen oberste Horte des Wissens aufgestellt, organisiert werden und arbeiten sollen, wird leicht erkennbar, dass „die Wissensakkumulation in Konkurrenz zur Kapitalakkumulation gerät (vgl. dazu: Jens Sambale / Volker Eick / Heike Walkenhorst, Hrsg., Das Elend der Universitäten. Neoliberalisierung deutscher Hochschulpolitik, 2008, www.socialnet.de/rezensionen/6833.php). Die Rufe werden lauter, dass sich im gesamten Leben der Menschen ein Perspektivenwechsel vollziehen und eine „neue Aufklärung“ einsetzen muss, die von der Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ 1995 mit der Aufforderung in die Welt gebracht wurde: „Die Menschheit steht vor der Herausforderung umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden“.

Entstehungshintergrund und Autoren

Die Universitäten sind überwiegend in ihrem Selbstverständnis und in ihren Arbeitsweisen (nicht nur in Deutschland) ausgerichtet auf Vorstellungen und Methoden des 19. Jahrhunderts, so die Diagnose, wie sie von zahlreichen kritischen Stimmen zur Entwicklung der Hochschulen weltweit vorgenommen wird. Explizit wird dabei immer auch die Frage diskutiert: Wie halten wir es mit der Bildung? Im Internet-Rezensionsdienst www.socialnet.de/rezensionen kommt dieser wichtigen, humanen Herausforderung eine große Bedeutung zu, wie die zahlreichen Rezensionen zeigen.

Die „Crisis on Campus“, die der US-amerikanische Philosoph Mark C. Taylor 2010 ausgerufen hat, erneut wird man sagen müssen, angesichts der seit Jahrzehnten immer wieder geäußerten Warnungen, dass Wissen weder Selbst- noch Verwertungszweck allein sein dürfe, bedarf angesichts der sich immer interdependenter, entgrenzender und globalisierender entwickelnden (Einen?) Welt einen neuen Aufklärungsschwung. Die Autoren des Buches „Die Universitäten im 21. Jahrhundert“, der 1934 geborene Wissenschaftstheoretiker und Wissenschaftshistoriker Israeli Yehuda Elkana, der in Israel, in den USA, in Berlin, in Zürich und als Rektor der Central European University in Budapest tätig war, und der Sozialwissenschaftler Hannes Klöpper, geschäftsführender Gesellschafter der iversity GmbH, einem im Bildungsbereich tätigen Internet-Startup, machen sich an eine Aufgabe, an der, wie sie feststellen, schon viele vor ihnen gescheitert sind. Vielleicht ist aber gerade die nicht alltägliche Zusammensetzung des Autorenteams – „Es handelt sich bei diesem Buch um ein Gemeinschaftsprojekt eines erfahrenen, älteren und eines umtriebigen, jüngeren Lernenden“ – eine Chance, die „gefrorenen“ Unbeweglichkeiten aufzutauen und zu bewegen. Immerhin: Die Autoren berichten über die Aktivitäten und Innovationen einer Reihe von Hochschulen, die Curriculumreformen durchführen und damit deutlich machen: Es geht! Und die (Zwischen-)Ergebnisse zeigen, dass eine andere Universität möglich ist!

Aufbau und Inhalt

Neben der Einleitung, in der sie deutlich machen „wogegen wir eintreten“, die Probleme der gegenwärtigen Hochschulbildung benennen, mit der Forderung, sich in der universitären Bildung der Herausforderung bewusst zu werden, „dass die Bedeutung jeder universalen oder scheinbar kontextunabhängigen Theorie oder Idee unabhängig von der Disziplin im jeweiligen politischen, historischen, religiösen und geographischen… Kontext überdacht und entsprechend interpretiert werden sollte", wofür sie den Begriff „globaler Kontextualismus“ wählen, wie auch mit konkreten und visionären Gedanken, wie Studium, Bildungs- und Curriculumforschung in der globalisierten Welt zu einer moderneren Gerechtigkeitspolitik beitragen können, gliedern die Autoren das Buch in weitere neun Kapitel.

In den Kapiteln „Die Idee der Universität“ und „Die Ziele der Universität“ unternehmen die Autoren gewissermaßen eine historische Bestandsaufnahme und eine Analyse der aktuellen, akademischen Bildungslandschaft. Sie diskutieren die Universalität der Hochschulen und zeigen dies an den Bildungs- und Strukturpolitiken in den USA, in Großbritannien und in Deutschland auf . Bei der Frage „Wo stehen wir heute?“ zitieren sie den ehemaligen Präsidenten der University of California, Clark Kerr (1911 – 2003), der 1963 formulierte: „Keine Universität der Welt kann ein höheres Ziel haben, als zum Wohl der Bachelor-Studierenden so britisch wie möglich, zum Wohle der Doktoranden und Forschenden zu deutsch wie möglich und für die breite Öffentlichkeit so amerikanisch wie möglich zu sein – und so verwirrt wie möglich für die Beibehaltung der gesamten wackligen Balance“. Mit einem Katalog von Fähigkeiten, Fertigkeiten und Kompetenzen stellen sie die aus der Geschichte der Universität hergeleiteten Zielsetzungen den Erfordernissen und Herausforderungen für das „neue globale Jahrhundert“ gegenüber, allen voran die „Ausbildung des Intellekts“, basierend auf der intellektuellen Erkenntnis „Strebe nach Einfachheit, aber misstraue ihr“ (Alfred North Whitehead, 1920). Es gilt, „vom Leben fürs Leben (zu) lernen“.

Im Kapitel „Grundprinzipien für die Bachelor-Ausbildung im Sinne der Neuen Aufklärung“ werden Fragen der Curriculumentwicklung und -forschung reflektiert. Es wird ein neues, umfassenderes Verständnis akademischer Allgemeinbildung gefordert und in (immerhin 14) universitären Beispielen dargestellt.

Im nächsten Kapitel wird zur „Renaissance der Rhetorik“ aufgerufen. Dabei geht es nicht allein darum, Rhetorik zu lehren, sondern vor allem um die „Kultivierung der Vernünftigkeit“, also um eine Neudefinition des kritischen Denkens, das den Lernenden ermöglicht, „bessere Leser des Lebens“ zu werden.

Mit dem Kapitel „Neue Curricula und neue Disziplinen“ werden Beispiele für ein neues geisteswissenschaftliches Verständnis vorgestellt. Kritisch betrachtet wird das von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften 2007 aus Anlass des Internationalen Jahres der Geisteswissenschaften erstellte „Manifest der Geisteswissenschaft“, während das 1997 von der Philosophin der University of Chicago veröffentlichte Werk „Cultivating Humanity – a Classical Defense of Reform in Liberal Education“ als Grundlage für eine erneuerte universitäre Allgemeinbildung empfohlen wird.

Das Kapitel „Die Einheit von Forschung und Lehre neu denken“ thematisiert das Ungleichgewicht im wissenschaftlichen Theorie-Praxis-Diskurs. Die Aussage „Forschung ist nicht das Maß aller Dinge“, wird sicherlich umstritten diskutiert werden; jedoch dürfte heute kein Zweifel mehr daran bestehen, dass die Vermittlung von Wissen und Methoden zu den drängenden Herausforderungen der Hochschulen gehören. Kritisch äußern sich die Autoren auch zu der Entwicklung, dass „Exzellenz“ und „Ranking“, als angebliche Ausweise für Qualität: „… Rankings messen nicht die akademische Qualität, sondern eine Mischung aus statistischem Grundrauschen und flüchtigen Stimmungen“.

Im Kapitel „Demokratie und eine Philosophie der Bildung“ wird dafür plädiert, das demokratische und Menschenrecht auf Bildung in einer Zivilgesellschaft zu verwirklichen. Es gilt ins Bewusstsein zu bringen, dass „Bildungstheorie gleichzeitig politische Theorie ist“. Die Autoren entwickeln eine „Philosophie der Hochschulbildung“, die die Bedeutung der praktischen Vernunft betont und auf den Grundlagen des pragmatischen Denkens beruht. „Es ist an der Zeit, wieder intellektuelle Vielfalt zu kultivieren: keinen Barockgarten, sondern eine Blumenwiese“ zu bestellen.

Dem „Promotionsstudium“ wird das nächste Kapitel gewidmet. Die Autoren setzen sich mit den Kritiken auseinander, wie sie seit langem und in differenzierter Weise vorgebracht werden, und sie zeigen Beispiele mit innovativen Ansätzen und Projekten an Universitäten in den USA, in Europa und Deutschland auf. Dabei spannen sie den Bogen, indem sie „die Promotion als Ausbildung für Wissenschaft und Bürgerschaft“ werten.

Im letzten Kapitel wird „die Universität im digitalen Zeitalter“ diskutiert. „Der Anbruch des digitalen Zeitalters – der Übergang vom Zeitalter der Einwegmassenmedien (Bücher, Radio und TV) zum hpyerindividuellen Austauschmedium Internet – (erzwingt) ein Umdenken der Teleologie der Bildung und somit einen Paradigmenwechsel im Bereich des Lernens ( )“. An mehreren Beispielen zeigen die Autoren die innovative Praxis von Open Educational Resources, vom P2P-Lernen, Online-Lehrveranstaltungen und Blendet-Learning auf. Mit neuen Publikationsformen, wie Peer-Review und wissenschaftlichem Blogging, erweitern sie die traditionellen Mittel für Veröffentlichungen. Dabei rütteln sie an den (noch) bestehenden und überwiegend als selbstverständlich und unverzichtbar empfundenen Lehr-Lernformen, und sie nennen exemplarisch die Reform, die am Bennington College, einer privaten Kunsthochschule in Bennington im Bundesstaat Vermont der USA praktiziert wird, nämlich nicht das Lernen zu mechanisieren, sondern eine Rehumanisierung der Lehre zu ermöglichen.

Fazit

Der geforderte Perspektivenwechsel in der universitären Bildung und Forschung lässt sich mit ein bisschen mehr Lehre und einigen zaghaften Versuchen, Theorie und Praxis etwas mehr zusammen zu bringen, nicht erreichen. Die Forderung, Lehre, Forschung und Gesellschaft stimmig und konsequent zu einer neuen Einheit zu bringen, erfordert ein intelligentes, stimmiges und ganzheitliches Design wissenschaftlichen Lernens und Arbeitens, unter Einbeziehung von digitalen Medien und Lernmaterialien und einer Neudefinition kritischen Denkens. Die Autoren Yehuda Elkana und Hannes Klöpper legen dafür eine Fülle von vernetzten Denk- und Praxisansätzen vor. Der neuen Aufklärung in der universitären Bildung und Curriculumreform wird damit ein weiterführender, innovativer Baustein hinzugefügt.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 05.11.2012 zu: Yehuda Elkana, Hannes Klöpper: Die Universität im 21. Jahrhundert. Für eine neue Einheit von Lehre, Forschung und Gesellschaft. edition Körber-Stiftung (Hamburg) 2012. ISBN 978-3-89684-088-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/11785.php, Datum des Zugriffs 07.12.2016.


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