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Martin Jansen: Krank arbeiten statt gesund pflegen

Cover Martin Jansen: Krank arbeiten statt gesund pflegen. Präsentismus im Krankenhaus. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2011. 128 Seiten. ISBN 978-3-456-84923-2. 19,95 EUR, CH: 29,90 sFr.

Reihe: Krankenhausmanagement.

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Thema

Spätestens, seit 1980 das von einem Autorenkollektiv vorgelegte, heute auch mehrfach im Internet (etwa unter www.anarchismus.at) zu findende Büchlein „Wege zu Wissen und Wohlstand oder: Lieber krankfeiern als gesund schuften“ nach dem Motto „Vier Wochen Urlaub im Jahr sind doch einfach zu wenig. Sei doch so gesund, ‚krank’ zu machen, ehe du richtig krank wirst. Dann hast du mal Zeit zum leben und überlegen“ für Schlagzeilen und Diskussionsstoff sorgte, ist das Phänomen des Absentismus - also das „krankfeiern“ beziehungsweise mutwillige Fernbleiben von der Arbeit - bestens bekannt. Ganz anders hingegen sieht es mit dem Gegenteil aus, dem „Präsentismus“, einem Konzept, welches das Verhalten von Menschen beschreibt, trotz Beschwerden oder eines schlechten Gesundheitszustandes auch dann zur Arbeit zu erscheinen, wenn man eigentlich zu Hause bleiben sollte. Dieses Phänomen, das sich im Vergleich zu anderen Berufsgruppen scheinbar überdurchschnittlich häufig bei beruflich Pflegenden findet, hat nicht nur weit reichende Folgen für die Arbeitszufriedenheit und das Wohlbefinden eines Betroffenen am Arbeitsplatz, sondern kann auch zu deutlichen Gesundheitseinbußen, zu einem vorzeitigen Ausscheiden aus dem Arbeitsleben sowie zu erhöhten Mortalitätsraten führen, wie Martin Jansen in der vorliegenden Untersuchung zeigt.

Autor

Martin Jansen, Krankenpfleger und Gesundheitswissenschaftler BSc., arbeitet derzeit als freiberuflicher Dozent im oberfränkischen Bamberg.

Entstehungshintergrund

Das Buch basiert im Wesentlichen auf der Abschlussarbeit von Martin Jansen, die er zur Erlangung des Titels „Bachelor der Gesundheitswissenschaften“ im August 2009 der Hochschule Magdeburg-Stendal (FH) vorgelegt hat. Betreut wurde die Studie, die vor dem Hintergrund einer ausgeprägten persönlichen Betroffenheit des Autors - seiner Tätigkeit als Krankenpfleger in einer Klinik in Süddeutschland - entstand, von Dr. Dr. Jens Holst und Dr. Thomas Hering.

Aufbau

Der schmale Band gliedert sich in die folgenden zehn Hauptkapitel:

  1. Einleitung (S. 9-10)
  2. Was sagen Fehlzeiten über den Gesundheitszustand von Belegschaften aus? (S. 13-22)
  3. Präsentismus - Definition und Abgrenzung zum Begriff Absentismus (S. 23-26)
  4. Prävalenz und Ursachen von Präsentismus: Studien aus Skandinavien (S. 29-37)
  5. Präventions-Forschung in Deutschland (S. 39-43)
  6. Zur Messbarkeit von Präsentismus (S. 45-54)
  7. Die Folgen von Präsentismus: Die „Whitehall II-Studie“ (S. 57-58)
  8. Präsentismus im Krankenhaus (S. 59-82)
  9. Prävention von Präsentismus: Der „Salutogenetische Ansatz zur schrittweisen Reduktion von Präsentismus“ - SARP (S. 85-112)
  10. Quo vadis Krankenpflege? (S. 115-120).

Ergänzt wird die Darstellung durch ein Literaturverzeichnis (S. 121-128) sowie sechs fiktive „Interviews mit Pfleger Tom“ (S. 11-12, S. 27-28, S. 38, S. 55-56, S. 83-84 und S. 113-114).

Inhalt

In seiner Studie „Krank arbeiten statt gesund pflegen“ beschäftigt sich Martin Jansen mit dem als „Präsentismus“ (engl. presenteeism) bezeichneten Phänomen von beruflich Pflegenden, die kranke Menschen pflegen, obwohl sie selbst so krank sind, dass sie eigentlich zu Hause bleiben und sich auskurieren sollten.

Aufbauend auf einer Literaturanalyse beleuchtet er zunächst die Rahmenbedingungen der Krankenpflege (hier: im Krankenhaus). Eine Vertiefung erfolgt in der Darstellung der Rolle der beruflichen Pflege in der Wertschöpfungskette eines Krankenhauses und der mit Präsentismus im Krankenhaus verbundenen Wertschöpfungsrisiken. Nach einer ausführlichen Darstellung aktueller Forschungsergebnisse (vor allem aus Skandinavien und den USA) entwickelt Martin Jansen ein eigenes Modell zur Prävention von Präsentismus.

Nach Ansicht des Autors kann aus dem Rückgang der „offiziellen“ krankheitsbedingten Fehlzeiten in Deutschland keineswegs auf einen allgemein verbesserten Gesundheitszustand der berufstätigen Bevölkerung geschlossen werden. Vielmehr ließen die Begleitumstände vermuten, dass ein nicht unwesentlicher Anteil der aktuellen Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt durch „Prozesse der Krankheitsverleugnung“ beeinflusst ist. Je schlechter die allgemeine wirtschaftliche Lage, desto größer sei die Bereitschaft, krank arbeiten zu gehen und desto geringer seien folglich die Fehlzeiten.

Da sich Krankheit und Gesundheit ständig in einem fließenden Übergang befinden, sei die Entscheidung, krank zu arbeiten, im Wesentlichen von der individuellen Haltung eines Menschen, von seiner individuellen Lebenssituation und von den Rahmenbedingungen seines Arbeitsplatzes geprägt. Biete eine Arbeitsumgebung die Möglichkeit, mit Krankheit verbundene Leistungseinbußen durch gesundheitsfördernde Arbeitsbedingungen aufzufangen, wie zum Beispiel größtmögliche Handlungs- und Entscheidungsspielräume bei angemessenen, möglichst widerspruchsfreien Arbeitsaufträgen, eine angemessenen Gratifikation, umfassende Bemühungen zum Arbeits- und Gesundheitsschutz, zur Stressprävention, zur Vermeidung von Risikoverhalten und zur Förderung von allgemeinem Wohlbefinden beziehungsweise einer ausgeglichenen „work-life-balance“, so sei es Mitarbeitern auch möglich, trotz Beschwerden zu arbeiten. „Krank arbeiten zu gehen empfiehlt sich aber nur dann“, so Martin Jansen, „wenn sich nach Abwägen aller die Entscheidung beeinflussenden Aspekte zeigt, dass die Summe der gesundheitsfördernden Faktoren einer von Krankheit begleiteten Anwesenheit am Arbeitsplatz in einer konkreten Situation gegenüber den gesundheitsbeeinträchtigenden Faktoren das größere Gewicht hat. Die schrittweise Reduktion von Präsentismus endet damit genau an dem Punkt, wo Präsentismus nicht mehr als gesundheitsbezogenes Risiko, sondern als Chance zur Genesung wirkt“ (S. 111).

Aufgrund seiner Untersuchung gelangt der Autor zu der Erkenntnis, dass Krankenhausträger, Politiker, Berufsverbände, Gewerkschaften, Medien und Pflegende selbst in hohem Maße die gesundheits- und berufspolitischen Folgen unterschätzen, die durch Präsentismus (weit über einen demographisch bedingten Fachkräftemangel hinaus) hervorgerufen werden können. Präsentismus sei salopp gesagt „noch nicht in den Köpfen angekommen“. Grundsätzlich müsse in einer gemeinsamen Anstrengung aller politisch Verantwortlichen dafür Sorge getragen werden, „dass der Pflegeberuf wieder attraktiver wird, die Arbeitsbedingungen wieder menschlichere Züge erhalten und die Ausbildung wieder das beinhaltet, was sie verspricht: Ein hohes Qualifikationsniveau, ein interessantes Berufsfeld, fachliche und menschliche Unterstützung für die Lernenden und grundlegende Perspektiven für die Zukunft der Pflegenden“ (S. 120).

Der für seine Untersuchung gewählte Buchtitel könne, so Martin Jansen einleitend, mehrdeutig gelesen werden: 1. Krank zu arbeiten statt (sich zu Hause) gesund zu pflegen; 2. Krank zu arbeiten statt (auf gesundheitsfördernde Art und Weise) zu pflegen; 3. (Sich langfristig) krank zu arbeiten statt (sich zu Hause) gesund zu pflegen; 4. (Sich langfristig) krank zu arbeiten statt (auf gesundheitsfördernde Art und Weise) zu pflegen. Die Zahl der möglichen Interpretationen verdeutliche sowohl den deskriptiven / retrospektiven als auch den analytischen / prospektiven Blickwinkel des Forschungsgegenstandes.

Diskussion

Die Untersuchung der Ursachen und der Folgen von krankheitsbegleiteten Anwesenheitszeiten am Arbeitsplatz ist eine relativ neue Forschungsrichtung. Während die wissenschaftliche Beschäftigung mit Fehlzeiten inzwischen auf eine relativ lange Tradition zurückblicken kann, stecken Fragestellungen wie beispielsweise der Nachweis kausaler Zusammenhänge von Präsentismus und dem Entstehen von chronischen Erkrankungen noch in den Kinderschuhen. So wurde auch erst in den letzten zehn Jahren damit begonnen, für die von Präsentismus verursachten betrieblichen Produktionsausfälle geeignete Messinstrumente zu entwickeln oder die durch hohe Präsentismusraten zu erwarteten Quoten an krankheitsbedingten betrieblichen Fehlzeiten empirisch darzustellen. Angesichts der Tatsache, dass vor allem in Deutschland Studien zu diesem Themenkomplex noch sehr rar sind, gebührt Martin Jansen das Verdienst, mit seiner Publikation auf das Phänomen aufmerksam gemacht zu haben. Dabei beleuchtet er Präsentismus im Krankenhaus von allen Seiten, anstatt vorschnell von einer geringen Fehlerquote auf das Wohlbefinden der Pflegenden zu schließen. Wer sich über die gesundheitlichen, ökonomischen und professionspolitischen Folgen von Präsentismus im Krankenhaus und Wege zu einer dauerhaften Prävention informieren möchte, kann das Buch gewinnbringend zur Hand nehmen. Verdeutlicht wird darin zugleich, dass Präsentismus nicht nur einzelne Menschen betrifft, sondern durch das Phänomen auch Organisationen einen zu unterschätzenden Schaden in Form indirekter Kosten erleiden können. Insofern sollte der schmale Band nicht nur von Pflegenden, sondern auch von Führungskräften zur Kenntnis genommen werden. In jedem Fall sollten die darin vermittelten Erkenntnisse - eine Kurzfassung veröffentlichte der Autor jüngst unter der Überschrift „Wenn kranke Pflegende Kranke pflegen“ in der Fachzeitschrift „Die Schwester / Der Pfleger“ (50. Jg., Heft 6 / 2011, S. 564-567) - künftighin in Lehre und Forschung der Gesundheits- und Pflegewissenschaften Beachtung finden.

Fazit

Wer sich einen fundierten Überblick über das bislang wenig beachtete Phänomen „Präsentismus im Krankenhaus“ verschaffen möchte, dem kann das Buch von Martin Jansen „Krank arbeiten statt gesund pflegen“ wärmstens empfohlen werden.


Rezensent
Dr. Hubert Kolling
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Zitiervorschlag
Hubert Kolling. Rezension vom 31.08.2011 zu: Martin Jansen: Krank arbeiten statt gesund pflegen. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2011. 128 Seiten. ISBN 978-3-456-84923-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/11787.php, Datum des Zugriffs 23.02.2012.


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