Maximiliane Brandmaier: Wie gestaltet sich die Bewältigung traumatischer Erlebnisse im Exil?
Maximiliane Brandmaier: Wie gestaltet sich die Bewältigung traumatischer Erlebnisse im Exil? Möglichkeiten der psychosozialen Unterstützung traumatisierter Flüchtlinge in Deutschland. Lit Verlag (Münster) 2011. 175 Seiten. ISBN 978-3-643-11103-6. 19,90 EUR, CH: 31,90 sFr.
Schriftenreihe zur klinischen Sozialarbeit - Band 3.
Thema
Die Autorin stellt eine eigene qualitative Studie vor, die der Frage nachgeht, wie traumatisierte Flüchtlinge die psychischen und physischen Folgen ihrer vergangenen Erlebnisse „im Exil“ – also in einem ihnen Asyl gewährenden Land – bewältigen. Die Studie fokussiert dazu eine bestimmte Gruppe von Flüchtlingen, nämlich Personen, die (a) Anfang der 1990er Jahre aus dem ehemaligen Jugoslawien geflohen sind und (b) aufgrund einer offiziell vorliegenden Traumatisierung einen dauerhaften (humanitären) Aufenthaltstitel in der BRD erhalten haben.
Autorin und Entstehungshintergrund
Die vorliegende Monographie ist als Abschlussarbeit im Fach Psychologie an der Universität Trier entstanden und ihre Erstellung wurde von der Rosa-Luxemburg-Stiftung gefördert. Die Autorin Maximiliane Brandmaier (Diplom-Psychologin) ist derzeit tätig als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Justus-Liebig-Universität Gießen im Forschungsprojekt „Die Wiederkehr der Folter? Interdisziplinäre Studie über eine extreme Form der Gewalt, ihre mediale Darstellung und ihre Ächtung“.
Aufbau und Inhalt
Die Monographie gliedert sich in sechs Kapitel und folgt in ihrem grundsätzlichen Aufbau dem „klassischen“ Muster einer qualitativen Studie (Theoretischer Hintergrund – Methodische Durchführung – Ergebnisse).
Das 1. (kurze) Kapitel gibt als Einleitung eine Einführung in die Studie und erläutert ihren Aufbau.
Im 2. Kapitel erfolgt die Offenlegung des theoretischen Rahmens der Studie. Den Anfang (Kap. 2.1) bildet ein Überblick über aufenthaltsrechtliche Bedingungen für (traumatisierte) Flüchtlinge in der BRD, wobei sofort auf die rechtlichen Besonderheiten in Bezug auf das Sample der Studie (Flüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien) eingegangen wird. Da der Diagnose der Posttraumatischen Belastungsstörung (english: „post traumatic stress disorder„; kurz PTSD) eine bedeutende Rolle innerhalb dieser aufenthaltsrechtlichen Verfahren zukommt, setzt sich die Autorin ausführlich mit dieser auseinander (Kap. 2.2). Dabei übt sie Kritik an aktuellen Diagnoseverfahren der psychologischen bzw. psychiatrischen Begutachtung und diskutiert demgegenüber die Vorteile von Traumaverlaufsmodellen, die die Möglichkeit bieten sowohl den sozialen Kontext von Personen mit zu erfassen als auch den phasischen Krankheitsverlauf abzubilden, der z.B. bei Folteropfern als typisch gelten kann. Es folgt ein Überblick über bereits vorliegende empirische Studien, die auf einen Zusammenhang von Postmigrationsstressoren mit dem psychischen Befinden und Therapieerfolgen verweisen (Kap. 2.3). Den Abschluss des Kapitels bildet der eigentliche heuristische Rahmen der Autorin, der davon ausgeht, dass psychosoziale Unterstützung unter Berücksichtigung des gesellschaftlichen Kontextes theoretisch gefasst werden sollte (Kap. 2.4). Dabei wird zum einen auf den empirischen Tatbestand rekurriert, dass dem Zugang zu Ressourcen eine entscheidende Rolle für die Bewältigung traumatischer Erlebnisse zukommt. Die konkrete theoretische Rahmung erfolgt hier über Bourdieu (Kapitalsorten) und Antonovsky (sense of coherence). Zum anderen wird mit Rückgriff auf Überlegungen aus der Gemeindepsychologie bzw. der Kritischen Psychologie auf die zentrale Bedeutung der Ermöglichung von Selbstbestimmung und Handlungsfähigkeit verwiesen. In dem Konzept der Klinischen Sozialarbeit, welches die interdisziplinäre Zusammenarbeit von klinisch tätigen Psycholog/innen, Psychotheapeut/innen und Professionellen aus der Sozialen Arbeit favorisiert, sieht die Autorin eine Möglichkeit diese Prämissen (Miteinbezug des gesellschaftlichen Kontextes, Ermöglichung von Selbstbestimmung und Handlungsfähigkeit) in die Praxis umzusetzen.
Im 3. Kapitel wird die Anlage der empirischen Studie begründet sowie Transparenz über den Forschungsprozess hergestellt. Insgesamt führte die Forscherin mit sieben (ehemaligen) Flüchtlingen ein problemzentriertes Interview (vgl. Witzel). Sechs der sieben Interviews wurden mithilfe einer Dolmetscherin geführt, was als eine Herausforderung sowohl für die Interviewführung als auch die Datenanalyse gelten kann, welche von der Forscherin auch entsprechend diskutiert wird. Die Datenauswertung orientiert sich an der Qualitativen Inhaltsanalyse (Mayring, Gahleitner). Wie für einen qualitativen Forschungsprozess nicht unüblich fand im Laufe der Datenanalyse eine leichte Verschiebung der Forschungsfrage statt, „vom Fokus auf individuelle Bewältigungsstrategien hin zum Fokus auf psychosoziale Bedingungen für die Trauma- und Lebensbewältigung, sowie auf Möglichkeiten und Grenzen professioneller psychosozialer Unterstützung innerhalb dieser Bedingungen“ (S. 60).
Im 4. Kapitel werden die Ergebnisse der Studie in einem ersten Schritt (4.1) anhand drei kontrastierender Einzelfalldarstellungen präsentiert. Die drei Fälle wurden aus dem Gesamtsample anhand des Kriteriums der „wenig erfolgreichen bis erfolgreichen Trauma- und Lebensbewältigung“ (S. 63) ausgewählt und thematisch gegliedert dargestellt. Dabei werden erstens die belastenden Erfahrungen im Exil, zweitens die erfahrene psychosoziale Unterstützung und drittens die Besonderheiten im Bewältigungsprozess fokussiert. In einem zweiten Schritt (4.2) erfolgt ein Quervergleich aller Fälle. Hier sei aus der Vielzahl der Ergebnisse hervorgehoben, dass sich zum einen die aus anderen Studien bereits bekannte These bestätigt, dass Postmigrationsstressoren den physischen und psychischen Zustand der Einzelnen negativ beeinflussen. Zum anderen wurde von den Interviewten eine Enttäuschung über fehlende Beratung von Seiten der offiziellen Behörden thematisiert, während Angebote der professionellen Unterstützung – egal ob Psychotherapie oder Beratungsangebote im Kontext von Sozialer Arbeit – als hilfreich erlebt wurden.
Im 5. Kapitel bündelt die Autorin ihre Ergebnisse in Form von Hypothesen, deren Gehalt sie vor dem Hintergrund bereits bestehender Forschungsergebnisse anderer Studien einordnet. Die ersten drei Hypothesen fokussieren vor allem den Zusammenhang zwischen strukturellen Bedingungen und den subjektiv empfundenen Möglichkeiten der Handlungsfähigkeit und Selbstbestimmung. Die weiteren drei Hypothesen beziehen sich auf die Grenzen und Möglichkeiten professioneller psychosozialer Unterstützung.
Im 6. Kapitel, dem Fazit, formuliert die Autorin als zentrales Ergebnis ihrer Studie, „dass die Möglichkeiten der Erweiterung bzw. die Einschränkung von Handlungsfähigkeit und Selbstbestimmung entscheidende soziostrukturelle Bedingungen für die Trauma- und Lebensbewältigung im Exil sind“ (S. 138). Abschließend werden Implikationen für die psychosoziale sowie politische Praxis formuliert.
Fazit
Unbedingt positiv hervorzuheben ist, dass die Studie sich eines Themas und damit auch eines Samples annimmt, dass in Deutschland momentan (trotz des sogenannten arabischen Frühlings und den dazugehörigen Flüchtlingsströmen) weder in der Politik, der Praxis der Sozialen Arbeit noch der Wissenschaft besonders beachtet wird. Ferner zeichnet sich die Studie, die zwar klar die Handschrift der Herkunftsdisziplin der Autorin (Psychologie) trägt, durch ihren interdisziplinären Duktus aus sowohl in der Offenheit der Fragestellung als auch in der Art und Weise des qualitativen Forschungszuganges.
An einigen Stellen wird der Entstehungszusammenhang der Studie als Abschlussarbeit eines Universitätsstudiums deutlich. So fallen zum Beispiel manche Redundanzen auf (z.B. die Absätze aus dem Exposéstück im Methodenteil). Die Verwendung hermeneutischer Verfahren der qualitativen Sozialforschung (die jedoch für eine Abschlussarbeit als sehr/zu zeitaufwändig gelten können) hätte vermutlich den Ergebnisteil zusätzlich gestärkt. Ein größeres Fragezeichen entsteht bei der verwendeten Kategorie für die Fallkontrastierung („wenig erfolgreiche bis erfolgreiche Trauma- und Lebensbewältigung“): Wie ist erfolgreich definiert? Greift die Autorin hier auf ein bekanntes „Ordnungsschema“ zurück oder handelt es sich um die subjektive Einschätzung der Interviewpartner/innen?
Letztendlich handelt es sich jedoch um eine sehr interessante Studie, die Studierenden wie Expert/innen empfohlen werden kann. Der Ergebnisteil dürfte zudem auch für Praktiker/innen, die Flüchtlinge beraten und unterstützen, spannend zu lesen sein.
Rezensentin
Dr. Maren Zeller
E-Mail Mailformular
Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.
Zitiervorschlag
Maren Zeller. Rezension vom 08.11.2011 zu: Maximiliane Brandmaier: Wie gestaltet sich die Bewältigung traumatischer Erlebnisse im Exil? Lit Verlag (Münster) 2011. 175 Seiten. ISBN 978-3-643-11103-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/11799.php, Datum des Zugriffs 17.05.2012.
Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.
Zur Rezensionsübersicht
Zum Seitenanfang
Hilfe & Kontakt
Hinweise für RezensentInnen, Verlage, AutorInnen oder LeserInnen sowie zur Verlinkung bitte lesen, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
Stellenangebote
Bereichsleiter/in, Brandenburg an der Havel
Sozialpädagogen (w/m) o.ä. als Wohneinrichtungsleiter/innen, Hamburg
Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.
Newsletter bestellen
Immer über neue Rezensionen informiert.
