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Anke Salge (Hrsg.): Die pädagogische Arbeit in Fünf-Tage-Gruppen

Anke Salge (Hrsg.): Die pädagogische Arbeit in Fünf-Tage-Gruppen. Unter besonderer Berücksichtigung der Eltern- und Familienarbeit. SchöneworthVerlag (Hannover) 2011. 120 Seiten. ISBN 978-3-7083-0744-2. 10,00 EUR.

Evangelischer Erziehungsverband: Schriftenreihe - Jg. [52],1.
Recherche bei DNB KVK GVK.


Thema

Zentraler Bestandteil sind die Besonderheiten der pädagogischen Arbeit in Fünf-Tage-Gruppen. „Hierbei kommt der intensiven Arbeit mit den Eltern und den Herkunftsfamilien eine besondere Bedeutung zu. Ziel ist es, einen dauerhaften Lebensort für die Kinder und/oder die Jugendlichen zu finden“ (S. 7). Die Publikation ist die Veröffentlichung der Diplomarbeit Anke Salges.

Autorin

Anke Salge ist Diplom-Pädagogin und im Wichernstift beschäftigt.Dort ist sie als Erzieherin in der Fünf-Tage-Gruppe B tätig und arbeitet mit den Eltern und Familien der betreuten Kinder und Jugendlichen zusammen. Das entsprechende Methodenrepertoire hat die Autorin durch eine berufsbegleitende Ausbildung im Familienstabilisierungsprogramm erhalten

Entstehungshintergrund

Der Publikation gingen zwei Mitteilungen über die kommunale Haushaltssituation voraus:

  1. „Trotz gestiegener Gewerbesteuereinnahmen haben Städte und Kreise im vergangenen Jahr mehr Schulden aufgenommen als je zuvor. Nach Angaben des Deutschen Städtetages erreichte das Defizit 2010 9,8 Milliarden Euro. Verantwortlich für diese Entwicklung seien die stark gestiegenen Sozialausgaben. In den vergangenen fünf Jahren sind die Kosten in diesem Bereich um 20 Prozent angewachsen. Auch für die Kinder- und Jugendhilfe investierten Bund, Länder und Gemeinden im vergangenen Jahr zehn Prozent mehr als im Vorjahr. Die Kosten lassen sich der Kindertagesbetreuung und den Hilfen zur Erziehung zuordnen. Diese Mittel werden fast ausschließlich von Städten und Gemeinden aufgebracht. Die Ursachen werden unter anderem in der Sensibilisierung für die Wahrnehmung von Kindeswohlgefährdung gesehen“ (S. 7).
  2. „Bundesweit haben im Jahr 2009 drei Prozent aller jungen Menschen unter 21 Jahren eine erzieherische Hilfe neu in Anspruch genommen. Familienorientierte Hilfen haben knapp 53.000 Familien begonnen. Mit diesen wurden rund 102.000 Kinder und Jugendliche erreicht. Gut jedes fünfte Kind (21 Prozent), das zusammen mit seiner Familie eine Erziehungshilfe begann, hatte das dritte Lebensjahr noch nicht vollendet“ (S. 7).

Aufbau

Die Publikation gliedert sich in fünf Kapitel:

  1. Einleitung
  2. Fünf-Tage-Gruppen
  3. Eltern- und Familienarbeit
  4. Der Stellenwert der Eltern und Familienarbeit in den Konzepten und Leistungsbeschreibungen unterschiedlicher Fünf-Tage-Gruppen
  5. Fazit und Ausblick

Inhalte

Die Einleitung enthält die Hinführung zur Fragestellung, die da wären:

  • „Wie integrieren Fünf-Tage-Gruppen die Eltern- und Familienarbeit in ihre Konzepte und Leistungsbeschreibungen und
  • wie stellen sie die Umsetzung konzeptionell dar?“ (S. 10).

Weiter enthält die Einleitung den Aufbau der Arbeit.

Zunächst nimmt die Autorin eine Begriffsklärung für Funf-Tage-Gruppen vor. Diese „sollen die Lebenswelt von Kindern, Jugendlichen und ihren Familien unterstützen, entlasten und ergänzen. Demzufolge nimmt die Zusammenarbeit zwischen den Gruppenmitarbeitern und den Eltern beziehungsweise Familien der Betreuten einen hohen Stellenwert in dieser Arbeit ein. [...] In einer Fünf-Tage-Gruppe leben Kinder und Jugendliche mit Entwicklungsbeeinträchtigungen an fünf Tagen in der Woche gemeinsam an einem Ort in einer heilpädagogischen Gruppe. Die Bindung zur Herkunftsfamilie und die Erziehungsverantwortung sollen erhalten bleiben und gefördert werden mit dem Ziel, einen dauerhaften Lebensort für das Kind oder den Jugendlichen zu finden“ (S. 12-14).

Eine weitere Klärung erfährt der Begriff Internatsgruppe. „Eine Internatsgruppe setzt sich zusammen aus Kindern und Jugendlichen, die zum Zweck der schulischen Förderung und mit dem Ziel des Erreichens des Schulabschlusses temporär an einem familienexternen Ort leben. Die Bindung zur Herkunftsfamilie und die Erziehungsverantwortung der Eltern sollen erhalten bleiben“ (S. 16).

Die letzte Begriffsklärung widmet sich der Wochengruppe: „Die Bezeichnung „Wochengruppe“ ist in den neuen Bundesländern negativ besetzt, da es vor der Wende in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) Einrichtungen mit diesem Namen gab, welche heute abgelehnt werden. [...] Bertram und Olk beschreiben die Wochengruppen als Einrichtungen werktäglicher 'Rund-um-die-Uhr'-Betreuung [...]. Diese staatlichen Einrichtungen der Vorschulerziehung bildeten die unterste Stufe des ewinheitlichen Bildungswesens in der DDR [...]. Sie galten als 'normale' staatliche und nicht als Jugendhilfeeinrichtungen“ (S. 17).

Gesetzliche Grundlage für die Fünf-Tage-Gruppe-Betreuungsform ist das Sozialgesetzbuch SGB VIII, das Leistungsgesetz für die Familie. Für die Fünf-Tage-Gruppe sind folgende Vorschriften bedeutsam:

  • §24 SGB VIII Erziehungsberatung
  • §29 SGB VIII Soziale Gruppenarbeit
  • §30 SGB VIII Erziehungsbeistand, Betreuungshelfer
  • §31 SGB VIII Sozialpädagogische Familienhilfe
  • §32 SGB VIII Erziehung in einer Tagesgruppe
  • §33 SGB VIII Vollzeitpflege
  • §34 SGB VIII Heimerziehung, sonstige betreute Wohnform
  • §35 SGB VIII Intensive sozialpädagogische Einzelbetreuung.

Weiter legt die Autorin die gesetzlichen Grundlagen für Hilfeplanung, Partizipation und Hilfeplan sowie für die Finanzierung der Hilfen zur Erziehung aus.

Wie positioniert sich die Fünf-Tage-Gruppe? Mit Bezug auf Ausführungen von Egert-Rosenthal führt Salge aus, dass die Fünf-Tage-Gruppe im Rahmen der vollstationären Hilfe vorbereitend einsetzbar ist, z. B. „bei Eltern, die zur vollstationären Unterbringung zunächst nicht bereit sind. Auch als Stufe der Rückführung aus dem vollstationären Bereich in die Familie erweist sie sich als sinnvoll [...]. Als eine teilstationäre Form der Heimerziehung kann die Fünf-Tage-Gruppe die vollstationären Einrichtungen und die Tagesgruppen ergänzen“ (S. 28).

Durch die Fünf-Tage-Gruppe und die dadurch bedingte temporäre Trennung der Familie wird im günstigsten Fall eine Entspannung der Konfliktsituation erreicht. Letztere soll dann etwa durch die Zusammenarbeit der Eltern und den in der Einrichtung für die Erziehung verantwortlichen Mitarbeitern effektiv genutzt werden. „Es soll darauf hingewirkt werden, dass die Beziehung des Kindes oder Jugendlichen zur Herkunftsfamilie gefördert werden“ (S. 29).

Die Kompetenzen der Mitarbeitenden in der Fünf-Tage-Gruppe-Betreuungsform weisen unterschiedliche Profile aus. Hierbei bezieht sich die Verfasserin auf die Ausführungen von Harmsen. „Als notwendige professionelle Grundhaltung benennt Harmsen, dass die zwei unterschiedlichen Erziehungsorte anerkannt werden müssen. Dies erfordert einen ständigen Dialog aller Beteiligten und die Reflexion der eigenen Kompetenzen“ (S. 35). „Die Teamarbeit hat [...] eine enorme Bedeutung sowohl für die Qualität der Arbeit als auch das Wohlbefinden der Mitarbeiter. Sie kann emotionalen Rückhalt, Anerkennung und den unterstützenden und entlastenden Austausch bieten. In Fünf-Tage-Gruppen finden Teambesprechungen, Fachberatungen, Klausurtage und - in einigen Gruppen - Supervision statt“ (S. 36).

Über die Gruppenarbeit erfahren die Kinder und Jugendlichen den Rahmen für die pädagogische Arbeit in der Fünf-Tage-Gruppe. Unterschiedlich und individuell wird diese gestaltet. „Durch das Bezugsbetreuersystem sind die Zuständigkeiten für alle am Erziehungsprozess Beteiligten geregelt. Der Bezugsbetreuer achtet darauf, dass vereinbarte Ziele und Methoden der individuellen Arbeit eingehalten werden“ (S. 38)

Hinsichtlich der pädagogischen Ansätze in Fünf-Tage-Gruppen diskutiert die Autorin die Leitlinien des 8. Jugendberichts und der Lebensweltorientierung. Hier richtet sie ihren Blick auf die zentralen Punkte:

  • Prävention;
  • Regionalisierung;
  • Dezentralisierung
  • Alltagsorientierung

Erkenntnistheoretisch steht der systemisch-ökologische Ansatz nach Enders im Zentrum, d. h. „die Wirklichkeit eines Individuums ist untrennbar mit dem Kontext verbunden. Demzufolge kann das Verhalten von Personen nur im jeweiligen Zusammenspiel der für sie wichtigen Beziehungen verstanden werden“ (S. 40).

Da sich die Publikation mit einer heilpädagogischen Wohngruppe befasst, versäumt die Autorin es nicht, eine Begriffsklärung der Heilpädagogik, die im Zuge einer ganzheitlichen Pädagogik durchgeführt wird, vorzunehmen. So wird unter Heilpädagogik „die Theorie und Praxis der Erziehung derjenigen Kinder und Jugendlichen (verstanden - CR), bei denen die übliche Erziehung erschwert oder nicht mehr ausreichend ist. Sie befasst sich mit Kindern, Jugendlichen und auch Erwachsenen, die infolge biologisch bedingter Schädigungen und/oder durch soziale Verhältnisse und Einflüsse in ihrer körperlichen, seelischen und geistigen Entwicklung derart beeinträchtigt wurden, dass sie den gesellschaftlichen Anforderungen - schon von der frühen Kindheit an - nicht oder nur begrenzt gewachsen erscheinen“ (S. 41).

Einen eigenen Abschnitt erhält die pädagogische Ausgestaltung der pädagogischen Arbeit in Fünf-Tage-Gruppen, bei der u. a. die Qualitätssicherung eine große Rolle spielt.

Zum Abschluss des zweiten Kapitels stellt Salge fest, dass die Bereitschaft zur Mitarbeit bei Eltern und Kindern [?] eine wichtige Voraussetzung für den Beginn der Maßnahme und die Umsetzung der Zielvorstellung (ist - CR). Dabei kann allerdings eine Uneinigkeit über die Zielvorstellungen Schwierigkeiten bereiten“ (S. 46).

Fazit

Bei der bis hierhin besprochenen Publikation handelt es sich um eine sehr interessante und lesenswerte Veröffentlichung. Sie sollte zur Pflichtlektüre für alle Mitarbeiter einer Fünf-Tage-Gruppen-Betreuungseinrichtung gemacht werden.


Rezensent
Dr. Carsten Rensinghoff
Dr. Carsten Rensinghoff Institut - Institut für Praxisforschung, Beratung und Training bei Hirnschädigung, Leitung: Dr. phil. Carsten Rensinghoff, Witten
Homepage www.rensinghoff.org
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Lesen Sie weitere Rezensionen zu früheren Auflagen des gleichen Titels: Nr.10027


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Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 26.07.2011 zu: Anke Salge (Hrsg.): Die pädagogische Arbeit in Fünf-Tage-Gruppen. Unter besonderer Berücksichtigung der Eltern- und Familienarbeit. SchöneworthVerlag (Hannover) 2011. ISBN 978-3-7083-0744-2. Evangelischer Erziehungsverband: Schriftenreihe - Jg. [52],1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/11893.php, Datum des Zugriffs 29.05.2016.


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