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Pascal Bastian: [...] Diagnoseinstrumente in frühen Hilfen

Cover Pascal Bastian: Der Nutzen psychologisch-klassifikatorischer Diagnoseinstrumente in frühen Hilfen. Monsenstein und Vannerdat (Münster) 2011. 288 Seiten. ISBN 978-3-8405-0038-1. 17,00 EUR.

Reihe: MV Wissenschaft.
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Thema

Seit einigen Jahren entwickeln sich bundesweit zahlreiche Präventionsprojekte unter dem Titel „Frühe Hilfen“ oder auch „Frühwarnsysteme“. Nicht zuletzt die spektakulären Kinderschutzfälle, zumeist mit tödlichem Ausgang, haben zu der Überzeugung geführt, dass Unterstützung und Hilfe, aber auch Zugangswege zu Kindern und ihren Familien so früh wie möglich erfolgen sollten. Dabei geht es einerseits um Information und Unterstützung für alle Eltern und andererseits um spezifische Angebote und Hilfen für Familien mit Risikofaktoren um eine misslingende Entwicklung zu verhindern. Auch wenn die frühen Hilfen zumeist dem Bereich der Kinder- und Jugendhilfe zuzuordnen sind, erfolgen sie sinnvollerweise in Kooperation mit der Gesundheitshilfe und interdisziplinär. In diesem Kontext werden immer wieder die Möglichkeiten diskutiert, mit Hilfe von Screening-Verfahren oder anderen Diagnoseinstrumenten die Eltern bzw. Familien zu erkennen, die von besonderen Belastungen betroffen sind und sich überfordert fühlen, was wiederum zu risikoreichen Entwicklungen für die Kinder führen könnte. Da sich die frühen Hilfen gemäß der Definition des Nationalen Zentrums Frühe Hilfen auf Familien mit Kindern im Alter von 0 – 3 Jahren beziehen, stellt sich somit die Frage, welche Indikatoren in diesem Zeitraum erwarten lassen können, dass es im weiteren Entwicklungsverlauf zu potentiellen Kindeswohlgefährdungen kommen kann, also auf welcher Grundlage entsprechende Prognosen überhaupt möglich sind. Denn in aller Regel sind problematische Konstellationen in dieser Lebensphase noch nicht verfestigt. In der vorliegenden Dissertation wurde untersucht, inwiefern psychologisch geprägte klassifikatorische Diagnoseinstrumente in dieser Hinsicht hilfreich sein könnten. Dazu werden Diagnosen von Fachkräften den Selbsteinschätzungen von Eltern gegenüber gestellt und die tatsächlich erfolgten Hilfen im Hinblick auf ihre Passung zu den jeweiligen Einschätzungsergebnissen geprüft. Eine besonders kritische Betrachtung erfolgt zu der Frage, inwiefern expertenorientierte psychologische Diagnoseinstrumente in der sozialpädagogischen Praxis in den Frühen Hilfen tatsächlich anwendbar und sinnvoll zu sein scheinen.

Entstehungshintergrund

An der Universität Münster erfolgte in Zusammenarbeit mit der Universität Bielefeld in den Jahren 2007 bis 2010 ein Projekt „Evaluation Früher Hilfen und Sozialer Frühwarnsysteme in Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein“. 15 Projektstandorte wurden zur Ausgestaltung und Wirkung untersucht. Die Fachkräfte an den Projektstandorten verwendeten einheitliche Instrumente für ihre professionelle Problemeinschätzung und die Hilfeentscheidungen. Gleichzeitig wurden über Telefoninterviews die Problemeinschätzungen der Hilfeadressaten erfasst. Für die vorliegende Dissertation wurden 124 Fälle aus dieser Evaluation zur Grundlage der Untersuchung genommen.

Aufbau und Inhalt

Die Veröffentlichung setzt sich im Wesentlichen aus drei Teilen zusammen: Der Darlegung der theoretischen Grundlagen folgt der empirische Teil der Veröffentlichung und wird durch eine Vertiefung und theoretische Anbindung der Untersuchungsergebnisse und einen Ausblick auf weiteren Forschungsbedarf abgerundet.

Nach einer Einleitung werden im ersten Kapitel Gründe und Bedarfe für Frühe Hilfen skizziert und zwar in der Differenzierung von bedarfsspezifischen und organisationsspezifischen Gründen. Unter den bedarfsspezifischen Gründen erfolgt wiederum eine Unterscheidung in allgemeine Bedarfslagen für Familien aufgrund der gesellschaftlichen Herausforderungen an die Kindererziehung und in spezifische Bedarfslagen für Familien, in denen die Eltern überfordert sind und deshalb Risiken für die Entwicklung der Kinder vermutet werden.

Das zweite Kapitel ist mit „Frühe Hilfen: Theoretischer Hintergrund, Forschung und Praxis“ überschrieben und greift aktuelle Entwicklungen und fachliche und politische Diskurse auf. So werden Hintergrund und Entwicklung der Idee der „Frühen Hilfen und sozialen Frühwarnsysteme“ skizziert, die sich aus der Arbeit des Nationalen Zentrums Frühe Hilfen entwickelte Definition Früher Hilfen vorgestellt und das Verständnis von Frühzeitigkeit und Prävention in den Konzepten dargestellt. Dem folgt ein Einblick in die praktische Umsetzung der Konzepte der frühen Hilfeleistungen. Ein weiterer Punkt sind Ausführungen zu dem häufig genannten Ziel Früher Hilfen, nämlich der Förderung und Stärkung erzieherischer Kompetenzen auf Seiten der Eltern. Ergänzt werden die genannten Aspekte durch einen Überblick der bisherigen internationalen und nationalen Forschungen zu den Frühen Hilfen. Abgeschlossen wird das zweite Kapitel mit einer Zusammenfassung und einem Zwischenresümee.

Im dritten Kapitel wird ein Überblick über die Diagnostik in der Sozialen Arbeit und in Frühen Hilfen geboten. Nach einer Begriffsbestimmung der „Diagnose“ geht der Autor auf die Bedeutung sozialpädagogischer Diagnostik ein und zeichnet den theoretischen Diskurs und die Kritik dazu nach. In einem nächsten Schritt werden vier verschiedene diagnostische Verfahren in der Sozialen Arbeit kurz vorgestellt. Herausgearbeitet wird schließlich die Bedeutung klassifikatorischer Verfahren des Risikoscreenings im Kinderschutz und Frühen Hilfen, dargestellt an Beispielen von Risikoeinschätzungsinstrumenten zur Kindeswohlgefährdung, die derzeit die größte Verbreitung haben, aber nicht explizit für die Frühen Hilfen konzipiert sind.

Das vierte Kapitel zieht dann ein Zwischenresümee zur Diagnostik in Frühen Hilfen und ebenfalls zur Entwicklung der Fragestellung. Das methodische Vorgehen wird im fünften Kapitel durch einen Überblick, Besonderheiten des Untersuchungsdesigns in Abgrenzung zur Ausgangsstudie, dem Vorgehen, der Erhebung und Angaben zur Stichprobe, der Darstellung der verwendeten Skalen sowie den Untersuchungsmethoden dargestellt.

Die Ergebnisse aus dem Vergleich der Fachkräfteeinschätzung und der Selbsteinschätzung der Eltern finden im sechsten Kapitel unter verschiedenen Aspekten ihren Niederschlag. Gegenübergestellt werden in der Untersuchung das Erstgespräch aus Sicht der Fachkräfte wie der Familien als auch der Hilfebeginn aus den jeweiligen Perspektiven. Schließlich wird die Auswertung der Erstgespräche in Zusammenhang mit den Hilfeentscheidungen in den Frühen Hilfen in Bezug zueinander gesetzt.

Im siebten Kapitel werden die Ergebnisse zusammengefasst. Das achte Kapitel dient der methodischen Reflexion und das neunte Kapitel widmet sich der Diskussion der Ergebnisse, der inhaltlichen Reflexion sowie eines Ausblicks auf wissenschaftliche und praktische Handlungsbedarfe. Die Veröffentlichung schließt mit einer Schlussbemerkung, einer Liste der verwendeten Literatur sowie einer Danksagung. Im Anhang sind die Erhebungsinstrumente, die Faktoren- und Clusteranalysen, der Vergleich der Einschätzungen von Fachkräften und Eltern sowie eine Aufstellung der Hilfewege abgebildet.

Diskussion

Der Diskurs in den Frühen Hilfen sowie die praktischen Konzepte sind noch immer von einer gewissen Ambivalenz gekennzeichnet. Eine entscheidende Entwicklungs- und Verbreitungsdynamik erhielten sie durch die auch medial bekannt gewordenen spektakulären Kinderschutzfälle in den letzten Jahren und wurden oftmals mit der Notwendigkeit begründet, Risikokonstellationen in Familien für eine potentielle Kindeswohlgefährdung frühzeitig zu erkennen und in einem frühen Stadium Abhilfe zu schaffen, bevor sich bestimmte Problemkonstellationen verfestigt haben. Gerade Eltern mit Säuglingen und Kleinkindern sind darüber hinaus in aller Regel sehr motiviert, gute Eltern sein zu wollen und bringen insoweit eine höhere Bereitschaft zu Verhaltensänderungen gegenüber ihren Kindern mit. Gleichzeitig bedeutet jedoch eine Einengung in den Frühen Hilfen auf das frühzeitige Erkennen von Risikofaktoren eine Stigmatisierung von durch verschiedene Belastungen gekennzeichneten Familien und ist auch Ausdruck eines gewissen gesellschaftlichen Kontrollverhaltens. Das wiederum reduziert gleichzeitig die Akzeptanz der Angebote und Hilfen in diesem Bereich. Ausgeblendet wird dabei auch, dass aufgrund der gesellschaftlichen Veränderungen das familiäre Zusammenleben mit Kindern heute voraussetzungsreicher ist als es in der Vergangenheit war. Die Pluralisierung von Lebensstilen, die Individualisierung sowie die Anforderungen an Flexibilität und Mobilität des Arbeitsmarktes seien nur einige Stichworte, die in diesem Kontext eine Rolle spielen und einen erheblichen Einfluss auf Familien haben. Eine mögliche Folge ist die, dass Eltern oftmals mit ihrem ersten Kind überhaupt zum ersten Mal in ihrem Leben ein Baby auf den Arm nehmen. Wenn dann Verwandte, Freunde und Nachbarn nicht zur Verfügung stehen, ist die Verunsicherung oft sehr groß. Und der Markt an Ratgebern, Elternbildungsangeboten etc. ist breit gefächert, aber eben oftmals nicht sehr hilfreich. Insofern ist es gesellschaftlich geboten, allen Eltern mit Kindern, insbesondere im Alter von 0 – 3 Jahren, Informationen sowie niederschwellige Unterstützungs- und Beratungsangebote je nach Bedarfslage vorzuhalten und zwar weit unterhalb der Schwellen der Hilfen zur Erziehung nach dem SGB VIII. Und natürlich sollen bei diesen Angeboten Familien mit einem höheren Unterstützungsbedarf dieser auch erschlossen werden und somit dafür Sorge getragen werden, dass kein Kind durch „das Netz fällt“. Oftmals fällt jedoch bei den Konzepten im Bereich der Frühen Hilfen auf, dass diese beiden Aufgaben inhaltlich nicht ausreichend differenziert werden und es so zu einem wahren Nebeneinander und Durcheinander der jeweiligen Zielsetzungen kommt. Diese in vielen Projekten und Netzwerken zu konstatierende Situation ist nicht nur theoretisch-fachlich ein Problem, sondern findet auch Ausdruck in den Haltungen gegenüber der Zielgruppe, dem Selbstverständnis sowie den strukturellen Bedingungen und den Ausstattungen. Unbeantwortet bleibt dabei oftmals die Frage, an welchen Faktoren sich denn bereits präventiv, also weit im Vorfeld, Risiken ausmachen lassen, die die Wahrscheinlichkeit bzw. Prognosen möglicher späterer Kindeswohlgefährdungen tatsächlich zulassen. Gleichzeitig ist in der Praxis der deutliche Wunsch nach Screening- bzw. Diagnoseverfahren zu hören, jenseits allgemein formulierter Risiken verlässliche Diagnose- und damit Prognosemöglichkeiten an die Hand zu bekommen.

Insofern greift die Veröffentlichung auch unter Skizzierung des derzeit geführten fachlichen Diskurses hinsichtlich der Zielsetzungen, der Zielgruppen und den damit verbundenen notwendigen Angeboten in den Frühen Hilfen eine wichtige Frage der Akteure auf. Ernüchternd ist dabei das Ergebnis der empirischen Untersuchung, dass die Einschätzungen von Fachkräften und Eltern über ihre Ausgangslage und ihren Unterstützungsbedarf sowie damit verbundene Risikopotentiale im Hinblick auf die in der Untersuchung verwendeten Diagnoseinstrumente wenig Übereinstimmung zeigen und auch nicht schlüssig nachvollzogen werden kann, wann welche Hilfen aus welchen Gründen den Familien angeboten werden. Nicht nur die untersuchten Instrumente scheinen ihren Zweck nicht zu erfüllen, sondern im Zuge der Untersuchung sind sicherlich weitere wichtige Fragen aufgeworfen worden. Z. B. die nach den Indikatoren für oder gegen eine Hilfe bzw. Indikatoren für dieses oder jenes Unterstützungsangebot. Neben der Schlussfolgerung, dass hier dringend weiterer Forschungsbedarf besteht, ist aber sicherlich die Frage zentral, wie denn bei Familien, denen ja gerade im Vorfeld von schwierigen Entwicklungen Hilfen angeboten werden sollen um eben diese Dynamik zu verhindern, in einem so frühen Stadium mit einer gewissen verlässlichen Vorhersagekraft festgestellt werden kann, dass es zu einer Verdichtung von problematischen Entwicklungen kommen wird, die sich tatsächlich negativ auf das Kind oder die Kinder auswirken werden und ggf. tatsächlich zu einer Kindeswohlgefährdung führen.

Fazit

Die Veröffentlichung sei all denjenigen empfohlen, die im Bereich Früher Hilfen aktiv sind und sich mit der Frage nach verlässlichen Screening- bzw. Diagnoseinstrumenten beschäftigen. Neben der empirischen Untersuchung und ihren Ergebnissen wird diese aber auch in den fachlichen Diskurs über Frühe Hilfen und soziale Frühwarnsysteme eingebunden und somit ist das Buch fachlich-inhaltlich für alle Akteure in Projekten Früher Hilfen interessant, die sich mit den Grundlagen und der Verortung der praktischen Angebote intensiver beschäftigen möchten. Eine solche Auseinandersetzung scheint im Kontext und der Umsetzung der Vorgaben aus dem Bundeskinderschutzgesetz gerade auch für regionale Netzwerke mehr als geboten.


Rezensentin
Martina Huxoll-von Ahn
Homepage www.kinderschutzbund-nrw.de
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Zitiervorschlag
Martina Huxoll-von Ahn. Rezension vom 14.03.2012 zu: Pascal Bastian: Der Nutzen psychologisch-klassifikatorischer Diagnoseinstrumente in frühen Hilfen. Monsenstein und Vannerdat (Münster) 2011. ISBN 978-3-8405-0038-1. Reihe: MV Wissenschaft. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/11899.php, Datum des Zugriffs 29.05.2016.


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