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Marcus Damm, Stefan Werner: Schemapädagogik bei jugendlichen Gewalttätern

Cover Marcus Damm, Stefan Werner: Schemapädagogik bei jugendlichen Gewalttätern. Diagnose von Schemata, Konfrontation und Verhaltensänderung. ibidem-Verlag (Stuttgart) 2011. 264 Seiten. ISBN 978-3-8382-0190-0. 24,90 EUR.

Reihe: Schemapädagogik kompakt - 4.
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Autoren

Marcus Damm (Berufsschullehrer und „Schemapädagoge“) und Stefan Werner (Sozialpädagoge, „Ausbilder für Anti-Aggressivitäts-Trainings“) arbeiten seit Jahren mit gewalttätigen bzw. gewaltbereiten Jugendlichen in Praxisfeldern von Berufsbilden Schulen und Sozialer Arbeit. Damm hat sich mit seinem Thema „Schemapädagogik“ durch mehrere Veröffentlichungen erstmals 2010 zu Wort gemeldet.

Thema

Gewaltprävention und Gewalttäterbehandlung sind nach wie vor zentrales pädagogisches Anliegen. Die Autoren widmen sich hier (in Band Nr.4 der Reihe „Schemapädagogik kompakt“) nun der Darstellung und kritischen Betrachtung und „Erneuerung“ vermeintlich „traditioneller Interventionen“ aus dem Sektor „Konfrontativer Pädagogik“ sowie speziell „schemapädagogischer Vorgehensweisen“, um Professionellen zu tiefgründigerem Verständnis – auch der Eigenanteile an Beziehungsstörungen – zu verhelfen (S.13) .

Inhalt

Nachdem im 1.Kap. gängige “Begriffsklärungen“ zu Gewalt und Aggression vorgenommen werden, arbeiten die Autoren im 2.Kap. – ausgehend vom konstruktivistischen Erklärungsmodell zur Entstehung von Gewalt aufgrund von schon „klein auf“ erlernter psychischer Verhaltensmuster auf Stimuli (S. 23f) – jene Definitionen und wichtige “Arbeitsbegriffe“ heraus, die „dem noch neuen Konzept der Schemapädagogik“ (als vermeintlich „neuer Trend“ und sich stets weiterentwickelnder Ansatz; S.26) zugrunde liegen. Schemata sind demnach „nachteilige innerpsychische Muster“, die kognitiv und affektiv verankert, in Kindheit und Adoleszenz entstanden sind und aus Erinnerungen, Emotionen, Kognitionen und auch Körperempfindungen bestehen (S.27). Sie dienen dem Identitätsgefühl und provozieren unser Denken, Fühlen und Handeln regelmäßig (S.29) und treten, je nach situativ aktualisierter Rolle, als „Kind-Modi“, „Bewältigungsmodi“ oder Innere Eltern-Modi“ in Erscheinung (S.31). Ferner werden zur Manipulation des jeweiligen Gegenübers bestimmte (erlernte) „Kommunikationseigenarten aktiviert, wie das „Psychospiel“, das Interaktionspartner zu gewünschten Reaktionen manipulieren soll, das „verbale Image“, das ein Motiv oder Bedürfnis kommunizieren soll, der „Test“ zur „Verwirklichung eines nachteiligen(!) Schemas“ oder der „Appell“ als „Hilferufe durch die Blume“ (S.37f).

In Kap.3 werden “typische Wahrnehmungsfehler, Manipulationen und Interaktionsspiele von Gewalttätern“, zu denen die o.a. „Auffälligkeiten“ (Interaktionsspiele, Images, Tests, Appelle) zählen, ausführlicher erläutert, wobei vor allem der „externalen Kausalattribuierung“ als verbreitete Rechtfertigungsstrategie eigener Gewalttaten und dem „Wiederholungszwang“ als häufige Rückfallsverursachung weitere Bedeutung beigemessen und der pädagogische Umgang mit diesen Schema)-Phänomenen vorgestellt wird.

Speziell nun die “Gewaltbereitschaft verringern“ ist Thema des 4.Kap: Schädigendem und verletzendem Verhalten Grenzen setzen, Ressourcenaktivierung, Problemaktualisierung, Präventionsprogramme, Konfrontative Pädagogik, Anti-Aggressivitäts-Trainings, Empowerment und „aktivierende Ressourcenkonfrontation“ sind zentrale Stichworte bei der Analyse der Entstehung und pädagogisch-therapeutischen Behandlung von Gewalt und Aggression.

Im 5.Kap. (S. 147-230) schließlich kommt spezielle “Schemapädagogik bei jugendlichen Gewalttätern“ zur Sprache. Hier wird, bezogen auf fünf verschiedene Zielgruppen, detailliert dargelegt, welche Schemata wie wirksam sind und welche Interventionen demnach angezeigt sind:

  1. Bei der “Gruppe 1: Ablehnung und Abtrennung“ werden die Schemata vor dem Hintergrund emotionaler Vernachlässigung, Verlassenheit/Instabilität, Misstrauen/Missbrauch, soziale Isolation sowie Unzulänglichkeiten/Scham diskutiert (S.150-165).
  2. Bei “Gruppe 2: Beeinträchtigung von Autonomie und Leistung“ sind es Erfolglosigkeit/Versagen, Abhängigkeit/Dependenz, Verletzbarkeit und Verstrickung/Unentwickeltes Selbst (S.166-176).
  3. Gruppe 3: Beeinträchtigung im Umgang mit Begrenzungen“ hat zu tun mit Anspruchshaltung/Grandiosität sowie unzureichender Selbstkontrolle/Selbstdisziplin (S.177-183),
  4. Gruppe 4: Fremdbezogenheit“ mit Unterwerfung/Unterordnung, Aufopferung sowie Streben nach Zustimmung und Anerkennung (S.184-192) und
  5. schließlich die “Gruppe 5: Übertriebene Wachsamkeit und Gehemmtheit“ mit emotionaler Gehemmtheit, überhöhten Standards, Negatives hervorheben und Bestrafungsneigung (S.193-206). Besonderheiten bestimmter Tätertypen bzw. deren erworbener (erlernter) Schemata werden so in Beziehung gesetzt zu Lebenserfahrung, Denkmustern, Handlungsstrategien und sozialpädagogischen, hier eben „schema-“pädagogischen Reaktions- und Interventionsmöglichkeiten.

Konkrete Praxisbeispiele werden in Kap. 6 (S. 207-230) im Hinblick auf zwei Projekte skizziert, die sich mit Mobbing und Körperverletzung befassen, und in Kap.7 Ausblick (S.231f) genommen, in der Hoffnung, mit ihren hier dargestellten „neuen Methoden“ zu noch kompetenterem Umgang in der professionellen Arbeit mit gewalttätigen Jugendlichen beigetragen zu haben (S.232). Z.T. Kommentierte Literaturangaben und umfangreicher Anhang runden das Buch ab.

Fazit

Das vorliegende Werk wirft einen besonderen Blick auf durch Erfahrung erworbene, internalisierte Verarbeitungsprozesse und dadurch stabilisierte Verhaltensweisen des Menschen (nicht nur der gewaltbereiten Jugendlichen). Eben jene, typisches Verhalten provozierenden Muster, hier „Schemata“, werden differenziert analysiert, kategorisiert und plausibel beschrieben. Das ist durchaus, zumal in diesem Umfang, eine innovative Leistung. Sie pädagogisch zu berücksichtigen, mit ihnen zu arbeiten, sie positiv zu verändern hingegen ist nichts Neues, Besonderes etwa, sondern „schon immer“ Gegenstand professioneller Arbeit mit dieser Klientel. Nur wenn man weiß, wie und warum jemand „so tickt wie er tickt“ ist es möglich, systematisch, effizient und effektiv mit ihm – zielführend – im Hinblick auf Persönlichkeitsförderung und Verhaltensänderung zu arbeiten. Jedwede professionelle pädagogische oder therapeutische Befassung mit „Störern und Gestörten“ erfordert ja die fundierte Persönlichkeitsdiagnose (am besten multifaktoriell und interdisziplinär), auch im Kontext erfahrener Geschichte und prägender Sozialisation.

Auch wenn also „Schemapädagogik“ zwar als kreative Wortschöpfung und, wie die Autoren zumindest in einer Fußnote selber einräumen (S.26), aber weder eine neue Methode oder gar etablierte Fachrichtung, noch Disziplin einer eigenständigen Berufsgruppe bezeichnet, ist der Verdienst beider Vertreter ihrer eigenen Schwerpunktlegung, dass das Verständnis über wichtige Zusammenhänge einmal mehr vertieft werden und so natürlich der Arbeit mit jugendlichen Gewalttätern zugute kommen kann. Hier ist nach wie vor Handlungsbedarf und jeder hilfreiche Beitrag, wie dieser, willkommen – unter welchem neuen Etikett auch immer …


Rezensent
Dr. phil. Dipl. Sozialpäd. Jörg-M. Wolters
Erziehungswissenschaftler. Institut für Budopädagogik. Arbeitsgemeinschaft „Kampfkunst in Pädagogik und Therapie"
Homepage www.Budopaedagogik.de


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Zitiervorschlag
Jörg-M. Wolters. Rezension vom 01.12.2011 zu: Marcus Damm, Stefan Werner: Schemapädagogik bei jugendlichen Gewalttätern. Diagnose von Schemata, Konfrontation und Verhaltensänderung. ibidem-Verlag (Stuttgart) 2011. ISBN 978-3-8382-0190-0. Reihe: Schemapädagogik kompakt - 4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/11911.php, Datum des Zugriffs 24.07.2016.


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