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Katrin Falk, Josefine Heusinger u.a.: Arm, alt, pflegebedürftig

Cover Katrin Falk, Josefine Heusinger, Kerstin Kammerer, Meggi Khan-Zvorničanin, Susanne Kümpers, Michael Zander: Arm, alt, pflegebedürftig. edition sigma in der Nomos Verlagsgesellschaft (Berlin) 2011. 150 Seiten. ISBN 978-3-89404-254-7. 12,90 EUR.
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Thema

Die Publikation ist eine Fallstudie über das West-Berliner Altbauquartier Moabit. In dem Forschungsprojekt wurde untersucht, „ob und wie individuelle und sozialräumliche Ressourcen zusammenwirken und es dadurch sozial benachteiligten, mehrfach erkrankten Älteren […] (ermöglicht wird - CR), ihre Autonomie auch bei Pflegebedürftigkeit zu wahren, indem sie Wahlmöglichkeiten und Spielräume für selbstbestimmte Entscheidungen bei Einschränkungen der Selbstständigkeit erhalten bzw. neu erschließen“ (S. 131).

Autorinnen und Autor

Katrin Falk, M.A. ist Soziologin und Politologin und forscht als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Forschungsgruppe Public Health am Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) zu kommunaler Alten- und Pflegepolitik.

Dr. Josefine Heusinger ist Diplomsoziologin und arbeitet am Institut für Gerontologische Forschung e. V. in Berlin (IGF). 2005 promovierte sie zusammen mit Monika Klünder an der Freien Universität Berlin mit einer Dissertation mit dem Titel: „Ich lass mir nicht die Butter vom Brot nehmen.“

Dr. Kerstin Kammerer ist Diplompsychologin und arbeitet am IGF. 2011 promovierte sie an der Universität Göttingen mit einer Dissertation zu beruflich und materiell ambitionierten Menschen.

Dr. Susanne Kümpers ist Gesundheitswissenschaftlerin und koordiniert den Forschungsbereich „Alter, Ungleichheit und Gesundheit" der Forschungsgruppe Public Health am WZB. Sie promovierte an der Universität Maastricht zur Steuerung integrierter Versorgung in England und den Niederlanden am Beispiel der Demenzversorgung.

Meggi Khan-Zvornicanin ist Diplom-Pflegepädagogin und promoviert als Gastwissenschaftlerin der Forschungsgruppe Public Health am WZB zur pflegerischen Versorgung im Kontext von Alter, sozialer Ungleichheit und Migrationsbiographien.

Michael Zander ist Diplompsychologe und Mitarbeiter am IGF. Er arbeitet an der FU Berlin an einer Dissertation zur Autonomie in der Pflege.

Entstehungshintergrund

„Das diesem Buch zugrundeliegende Forschungsprojekt wurde vom Bundesministerium für Bildung und Forschung […] gefördert“ (S. 4).

Aufbau

  1. Einleitung
  2. Empirische und theoretische Verortung
  3. Methoden
  4. Beschreibung des Untersuchungsgebiets Berlin-Moabit
  5. Alltag mit Pflegebedarf in Moabit
  6. Lokale Alltagskonfiguration und kollektives soziales Kapital als Ressourcen und Barrieren für den Autonomieerhalt
  7. Milieuspezifische Strategien für Selbstbestimmung
  8. Zusammenfassung und Fazit
  9. Danksagung
  10. Literatur

Inhalte

Bei der empirischen und theoretischen Verortung betrachten die AutorInnen zunächst die sozial bedingten ungleichen Gesundheitschancen. „Sozial benachteiligte Ältere sind von Mehrfacherkrankungen früher betroffen […] und - selbst bei gleicher Anzahl chronischer Krankheiten und bei vergleichbarem gesundheitsrelevanten Verhalten - stärker in ihrer funktionellen Kapazität eingeschränkt als andere Mitglieder ihrer Altersgruppe“ (S. 12). Darüber hinaus ist eine geschlechterspezifische gesundheitliche Ungleichheit älterer Menschen feststellbar. Pflegebedürftigkeit und Altersarmut resultieren aus der sozialen Benachteiligung Älterer mit Mehrfacherkrankungen, die in einer Versorgungsungleichheit gipfelt, beispielsweise werden „türkischen MigrantInnen im Durchschnitt seltener Pflegestufen zuerkannt, und wenn, dann tendenziell niedrigere“ (S. 13). Über den milieutheoretischen Ansatz, mit Bezug auf Bourdieu führen die VerfasserInnen ein Verständnis von sozialer Benachteiligung herbei. Einen Schwerpunkt für die gerontologische Debatte hat der Autonomiebegriff, dessen Begriffsbestimmung und Voraussetzungen ausführlich behandelt werden. Ältere Menschen, die aus dem Berufsleben ausgeschieden sind, verfügen im Wesentlichen über ihre Nachbarschaften als Lebenswelt und Sozialraum. Wichtige Ressourcen für ältere pflegebedürftige Menschen im Hinblick auf den Autonomieerhalt sind:

  • die physische und technische Infrastruktur,
  • soziale Institutionen
  • Einrichtungen der professionellen Alltagsunterstützung
  • Versorgungsstrukturen.

Die Altenhilfenetzwerke als Bündelung sozialräumlicher Ressourcen bedingen eine wohnortnahe integrierte Versorgung und ein Netzwerk-Governance. „Die Entstehung von Netzwerken wird auf […] besondere[…] Charakteristika postmoderner Gesellschaften zurückgeführt […] und mit governance anstelle von government assoziiert“ (S. 22). Weitere Schwerpunkte sind Altenhilfenetzwerke in Verbindung mit kollektivem sozialem Kapital sowie die nationalen und föderalen Rahmenbedingungen, die sich in der Pflegeversicherung und kommunalen Aufgaben niederschlagen.

Für ihre Untersuchung bedienten sich die ForscherInnen bei ihrer sozialräumlichen Fallstudie offenen, leitfadenorientierten ExpertInneninterwiews in Berlin-Moabit. Bei der Erhebung der Perspektive der alten Menschen mit Hilfe- und/oder Pflegebedürftigkeit nutzten die AutorInnen ebenfalls ein leitfadenorientiertes Interview. Der Zugang zum Feld bei den ExpertInnen und den hilfs- und/oder pflegebedürftigen Alten basierte auf Auswahlkriterien.

Das Untersuchungsgebiet Berlin-Moabit „ist ein innerstädtisch gelegener Ortsteil des Berliner Stadtbezirks Mitte. […] Moabit lässt sich als ein traditionelles Arbeiterwohnviertel bezeichnen. Kennzeichnend ist die Insellage des Ortsteils […]. Als Indikator für die sozioökonomische Lage der Älteren kann der im Sozialstrukturatlas erfasste Anteil von EmpfängerInnen von Leistungen der Grundsicherung im Alter an den über 65-jährigen herangezogen werden. Dieser liegt in Moabit mit durchschnittlich 10% deutlich über dem Berliner Durchschnitt von 3,9%“ (S. 43-47). Weitere Ausführungen beziehen sich auf die Infrastruktur, als da wären Einkaufen/Alltagsversorgung, Kulturelles und Freizeitangebote sowie medizinische und pflegerische Versorgung.

Das Ergebnis der Untersuchung wird diskutiert unter den Aspekten:

  • Multimorbidität und Unterstützungsbedarf;
  • pflegerische Versorgung;
  • Einkaufen und Hauswirtschaft;
  • Bedeutung der Mobilität und Strategien zu ihrem Erhalt;
  • Geselligkeit und soziale Teilhabe außerhalb der eigenen Wohnung;
  • ärztliche Versorgung.

Falk et al. beschreiben die lokale Akteurskonfiguration auf dem Feld der Pflege, Beratung und sozialen Teilhabe multimorbid erkrankter älterer Bewohner Moabits zum Erhebungszeitpunkt im Herbst 2008 und diskutieren die Ausprägung des kollektiven sozialen Kapitals in Moabit.

Zum Schluss befassen sich die AutorInnen mit milieuspezifischen Strategien für Selbstbestimmung. Hier erkennen sie so genannte milieuspezifische Verhaltensformen, die sie, mit Bezug auf ein Zitat von Vester u. a. (2001, 92), wie folgt beschreiben: „‚Die unterprivilegierten Milieus sind durch ihre seit Generationen eingeübten Strategien der flexiblen Gelegenheitsorientierung auf die neue soziale Unsicherheit besser vorbereitet als manche anderen Milieus. Ihr Habitus ist darauf abgestimmt, wechselnde Gelegenheiten zu nutzen, sich an Mächtigere anzulehnen, die eigenen Gruppenzusammenhänge zu mobilisieren und Schicksalsschläge oder Demütigungen (…) zu verarbeiten‘“ (S. 125).

Fazit

Nach Erik Händeler (2009) schlägt die Alterskatastrophe in wenigen Jahren unweigerlich zu. Bundesweit ist dann mit „Massen von schlecht versorgten Pflegebedürftigen, verarmten Rentnerinnen und Rentnern, ausgebluteten Sozialversicherungen und einem kollabierten Gesundheitswesen“ (ebd., 43) zu rechnen. Und - „die genetische Ausstattung des Menschen reicht für 120 Jahre (nach Deuteronomium 34,7 wurde Mose genau so alt und er starb bei völliger Gesundheit, denn „seine Augen waren nicht schwach geworden und seine Kraft war nicht verfallen“ - CR). Wenn die Menschen früher mit Mitte 40 im Bergwerk an Erschöpfung oder an Seuchen starben, dann war das unnormal. Es ist normal, rüstig 80 Jahre alt zu werden. Dass immer mehr Menschen bei uns immer älter werden, ist angesichts unserer historischen wirtschaftlich-technischen Entwicklung keine demografische Katastrophe, sondern schlicht eine Normalisierung“ (ebd., 46). In diesem Sinne ist die Lektüre und das Studium der besprochenen Publikation jeder und jedem in der Gerontologie Tätigen und Interessierten zu empfehlen. Die Studie lässt sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch auf andere Regionen übertragen.

Literatur

Händeler, Erik: Die echte Gesundheitsreform. In: Berghaus, Helmut C./Bermond, Heike/Milz, Heike (Hgg.): Behinderung und Alter. „Gesellschaftliche Teilhabe 2030.“ Vorträge und Arbeitskreise der 17. Fachtagung „Behinderung und Alter“ 2008 an der Humanwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln. Köln 2009, 43-54.


Rezensent
Dr. Carsten Rensinghoff
Dr. Carsten Rensinghoff Institut - Institut für Praxisforschung, Beratung und Training bei Hirnschädigung, Leitung: Dr. phil. Carsten Rensinghoff, Witten
Homepage www.rensinghoff.org
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Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 11.08.2011 zu: Katrin Falk, Josefine Heusinger, Kerstin Kammerer, Meggi Khan-Zvorničanin, Susanne Kümpers, Michael Zander: Arm, alt, pflegebedürftig. edition sigma in der Nomos Verlagsgesellschaft (Berlin) 2011. ISBN 978-3-89404-254-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/11949.php, Datum des Zugriffs 30.06.2016.


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