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Deutscher Berufsverband für Soziale Arbeit e.V. (Hrsg.): Der kostensparende Sozialraum?

Cover Deutscher Berufsverband für Soziale Arbeit e.V. (Hrsg.): Der kostensparende Sozialraum? Berufs- und fachpolitische Perspektiven des Sozialraumansatzes in der Sozialen Arbeit. Schibri-Verlag (Uckerland) 2010. 82 Seiten. ISBN 978-3-86863-061-9. 9,80 EUR.
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Thema

Der Deutsche Berufsverband für Soziale Arbeit lädt mit diesem Buch ausgewählte Fachpersonen aus Wissenschaft und Praxis ein. Sie gehen u.a. zwei Fragen nach: Tragen aktuell besonders propagierte Sozialraummodelle mit innovativen Ansätzen zur fachlichen Ergänzung bisheriger Methoden bei? Oder koalieren sie mit Landes- und Kommunalpolitiken, die sparen, und setzen den Abbau anderer wichtiger Leistungen aufs Spiel?

Entstehungshintergrund

Mit der Debatte um verpflichtende infrastrukturell-sozialräumliche Angebote wächst die Sorge, dass andere qualifizierte Maßnahmen, insbesondere die Einzelfallhilfen, in der Sozialen Arbeit abgebaut werden. Das Argument „mehr Leistung für weniger oder für gleiches Geld“ könnte sich in Zeiten knapper Kassen als ziemlich kontraproduktiv erweisen. Alle fachlichen Hilfen, Angebote und Projekte in der Sozialen Arbeiten sind im Sinne ihrer Klienten und Klientinnen mehr denn je auf eine solide Finanzierung und auf Qualitätsmanagement angewiesen. Wenn spezielle Modelle der Sozialraumorientierung durch diese Argumentationsführung in der Tat ein Mittel für die Politik werden, um in der Sozialarbeit / Sozialpädagogik an anderen wichtigen Stellen zu sparen, dann ist es von Seiten des Berufsverbandes geboten, dies zu thematisieren, Position zu beziehen und Perspektiven zu benennen.

Autoren und Autorinnen

Autoren und Autorinnen sind in der Reihenfolge der Buchbeiträge: Gabriele Stark-Angermeier, Michael Böwer, Wolfang Hinte, Heiko Kleve, Joachim Wieler, Ulrike Urban-Stahl, Birgit Stephan, Christian Spatschek und der DBSH-Fachbereich Kinder- und Jugendhilfe.

Aufbau und Inhalt

Gabriele Stark-Angermeier, 2. Vorsitzende des DBSH, eröffnet in ihrem Vorwort die Diskussion um den Begriff „Sozialraumorientierung“. Sie fokussiert dabei den Umstand, dass das fachliche Konzept der Sozialraumorientierung zwar innovative Anteile enthält, dass es sich aber immer öfter als Mogelpackung entpuppt. Vor allem dann, wenn es dazu dient, dass nicht mehr nach Bedarf und Rechtslage entschieden wird, sondern nach dem Territorialprinzip. Sie fordert die fachlichen und politischen Akteure zur Erkenntnis und zum Handeln auf. Sie schärft den Blick dafür, dass unter dem Deckmantel spezifischer Sozialraumkonzepte politische Interessen durchgesetzt werden, die aber dem Grundgedanken der Sozialen Arbeit in Gänze widersprechen.

Michael Böwer, Fachbereichsleiter Kinder- und Jugendhilfe im DBSH, beobachtet in seinem Arbeitsfeld ebenfalls eine Tendenz zu Sparmaßnahmen, die im Zuge der neuen Steuerungsmodelle in den Verwaltungen noch torpediert wurden. Kahlschläge bei den freiwilligen sozialen und kulturellen Leistungen seien die Folge. In solchen Zeiten haben es Konzepte einfacher, die zwar mit dem Kostensenkungsargument antreten, andere entscheidende Dinge aber außer Acht lassen, z.B. die fachlichen und personellen Kernkriterien und die Notwendigkeit der ambulanten, stationären und weiterer begleitender Hilfen, die bereits mit einschlägigen Konzepten, z.B. Empowerment und Ressourcenorientierung, arbeiten. Michael Böwer beschreibt anschaulich am Beispiel der Stadt Bremen, zu welch fachlichem Desaster es führen kann, wenn der Kostendruck die professionelle Fachlichkeit sukzessive ersetzt. Er weist darauf hin, wie es funktioniert, wenn Kommunen gezielt zulasten der Qualität die Kosten drücken, wenn sich in der Kinder- und Jugendhilfe fachlich nicht haltbare Kulturen entwickeln. Der Protest hingegen entwickle sich u.a. aufgrund von starken Eigeninteressen nur sehr langsam. Wenn allerdings die Sozialraumorientierung diese in der Tat schwierigen strukturellen Konstellationen nutzt, um sich selbst in Szene zu setzen, dann sollten berufs- und fachpolitisch aktive Professionelle das Wort ergreifen und sich einmischen. Michael Böwer gibt des Weiteren zu bedenken, dass durch das Forcieren spezieller Sozialraummodelle bislang lediglich Konflikte aufgebrochen wurden.

Die sieben Fachbeiträge im Sammelband sollen von daher ein Anstoß dafür sein, sich in der Sozialen Arbeit intensiver damit auseinanderzusetzen:

1. Wolfgang Hinte, Professor für Sozialpädagogik an der Uni Duisburg-Essen, erhält als bundesdeutscher Protagonist eines Sozialraumansatzes in der Sozialen Arbeit als Erster das Wort. Er zeigt Vorurteile, oberflächliche Parolen und seiner Meinung nach wenig qualifizierte Arbeiten auf, mit denen die eigentliche Sozialraumorientierung verfälscht wird. Seine Hinweise auf die Tradition der Gemeinwesenarbeit und auf die Fachlichkeit des Ansatzes leiten auf eine Vergewisserung über, die sich auf die Wurzeln des Ansatzes besinnt. Ausgehend von GWA und Community Organizing erinnert die Sozialraumorientierung an die Menschen, die als Experten/-innen für ihr Leben im Quartier und für ihre eigene Lebenssituation gesehen werden. In dieser Eigenaktivität der Menschen liege die Radikalität des Ansatzes und dies habe sich bis heute nicht geändert. Die Sozialraumorientierung sei auch nichts grundsätzlich Neues, weil sie im Laufe der Jahre Vieles aus anderen Ansätzen integriert habe. Es gehe darum, Arrangements in den Lebensverhältnissen der Menschen zu schaffen, in denen diese sich entfalten können. Aufgrund vielfältiger Bemühungen sei gerade innerhalb der Jugendhilfe das Sozialraumkonzept besonders weit gediehen. Seiner Ansicht nach verweisen gerade auch die sozialräumlichen Umbauprozesse in einigen Modellgebieten auf konzeptionelle und methodische Klarheit.

2. Heiko Kleve, Professor für soziologische und sozialpsychologische Grundlagen der Sozialen Arbeit, stellt sieben Grundfragen, die im Fachdiskurs um die Sozialraumorientierung noch weitgehend ungeklärt sind. Sie beziehen sich auf die folgenden Aspekte:

  • Bedeutung der SRO für die konkrete methodische Ausgestaltung der sozialpädagogischen Arbeit:
    Meist handelt es sich um Methoden und Werkzeuge der gemeinwesen- und stadtteilbezogenen Sozialen Arbeit sowie um systemische Konzepte und um Case-Management. Zielorientiert sollen dabei die Ressourcen von Menschen und Institutionen im Sinne der Stärkung einer lokalen Gemeinschaftsverantwortung aktiviert werden.
  • Vereinbarkeit mit den gesellschaftlichen Entwicklungen, die eher Individualismus als Gemeinschaftssinn herausfordern:
    In ökonomisierten Zeiten, zu denen Menschen ihre Gemeinschaftsverantwortung verlernt haben, aber ihre Eigenverantwortung leben, kann nicht erwartet werden, dass sie gemeinsam mit anderen agieren werden. Insofern kann eine kapitalismuskritische Perspektive des Sozialraumkonzeptes vermutet werden.
  • Strukturelle (z.B. organisatorische, finanzielle) Veränderungen, die mit der SRO einhergehen würden: Die Finanzierung mittels Sozialraumbudgets würde die Finanzierung von freien Trägern nicht mehr mit der individuellen Fallbearbeitung verbinden, sondern die Träger würden über auszuhandelnde Budgets finanziert und dies unabhängig von den fluktuierenden Fallzahlen. Die Attraktivität des Loslassens der Klienten steigt, sie werden nicht künstlich gehalten und die Finanzierung wird einfacher.
  • Verhältnis zwischen sozialraumorientierter Kinder- und Jugendhilfe und dem Kinder- und Jugendhilfegesetz (SGB VIII):
    Das Kinder- und Jugendhilfegesetz sichert individuelle Rechtsansprüche. Es sieht von daher nach wie vor die Finanzierung über Fachleistungsstunden in der Fallarbeit vor. Die Finanzierung über Sozialraumbudgets wird aus juristischer Sicht als fragwürdig erachtet, weil sie nicht einzelfallbezogen sind, sondern ausgehend von den sozialen Problemen eines Sozialraums und ggf. von den zu erwartenden Fällen errechnet werden.
  • Verteilung der Verantwortlichkeiten zwischen öffentlichen und freien Trägern in einer sozialraumorientierten Kinder- und Jugendhilfe:
    Die alleinige Verantwortung der Jugendämter würde sich im Falle der SRO verändern. Öffentliche und freie Träger würden in Sozialraumkonferenzen gemeinsam Fälle sichten, Bedarfe feststellen und Hilfen planen. Wie die Aufgabenverteilung zwischen Jugendämtern, freien und öffentlichen Trägern aussehen würde, wäre noch zu klären.
  • Finanzierung der Pluralität der freien Träger in den sozialen Räumen:
    Die Klienten haben gemäß § 5 SGB VIII ein Wunsch- und Wahlrecht im Hinblick auf die Leistungserbringung. Mit der Sozialraumorientierung geht der Trend einher, dass für bestimmte Sozialräume nur ein Träger oder nur sehr wenige Träger über Budgets finanziert werden. Dieser problematische Sachverhalt ist noch dringend klärungsbedürftig.
  • Zusammenhang mit den politischen Bestrebungen, sozialstaatliche Leistungen herunterzufahren und die Menschen an ihre Eigenaktivität zu erinnern:
    Ende der 1960er Jahre und Anfang der 1970er Jahre waren bürgernahe, sozialräumliche Konzepte in hohem Maße staatskritisch. Heute werden paradoxerweise zivilgesellschaftliche Konzepte von staatlicher Seite anempfohlen, um die Eigenaktivität der Bürger/-innen zu forcieren und damit Ansprüche auf sozialstaatliche Leistungen und damit Kosten zu senken.

Zusammenfassend verweist Heiko Kleve auf eine generelle Ambivalenz, der sich die gesammelte Fachlichkeit stellen muss: Einerseits handelt es sich seiner Meinung nach um ein fachlich gut entwickeltes, innovatives Konzept in der Sozialen Arbeit / Sozialpädagogik. Andererseits sei die Skepsis vieler Fachkräfte nachvollziehbar, weil Sozialraumorientierung ganz klar ein Mittel für die Politik ist, um zu sparen.

3. Joachim Wieler, Professor (em.) mit den Arbeitsschwerpunkten Methoden und Institutionen, Berufsgeschichte und Internationalisierung Sozialer Arbeit, schärft den Blick für die professionelle Vielfalt von Ansätzen und Möglichkeiten in der Sozialen Arbeit und gebietet in puncto Sozialraumorientierung Einhalt. Er warnt vor allzu einseitigen Bestrebungen der aktuell die Politik beeinflussenden Sozialraumorientierung, weil sie damit ein gefährliches Auseinanderdriften und Abwerten von fachlich profilierten theoretischen und methodischen Ansätzen betreiben und in Kauf nehmen. Sinnvoller und professioneller wäre es, wenn der soziale und gesellschaftliche Wandel in Deutschland als Herausforderung verstanden werden würde, um die Soziale Arbeit mit ihren berufsgeschichtlich entwickelten, erprobten und neuen Theorien und Methoden weiterzuentwickeln und voranzubringen. Den Schwerpunkt seines zentralen Artikels im Buch bildet eine Orientierung am „Generic Approach“, einem integrierten Methodenkonzept, das der aktuellen Debatte um den Stellenwert der Sozialraumorientierung im Gefüge anderer fachlicher Orientierungen in der Sozialen Arbeit gereifte und tragfähige Argumente verschafft. Die Hauptaussagen in seinem Beitrag nehmen folgenden Verlauf:

  • Einführung: Joachim Wieler möchte Hintergrundinformationen beitragen, indem er einen Abriss der traditionellen Methoden der Sozialen Arbeit vorlegt. Dabei spielen eine persönliche Positionierung als Social Worker, der transatlantische Kontext, berufspolitische Fragen und die Professionalisierung Sozialer Arbeit eine Rolle. Das integrierte Methodenkonzept (Generic Approach) wird von ihm in seinem Buchbeitrag als Herausforderung zur Integration der Methoden formuliert.
  • Zurück zu den Wurzeln – Geschichtliche und internationale Entwicklungslinien:
    a) Zunächst erfolgt ein Rückgriff auf die Berufs- und Ausbildungsgeschichte und auf die dabei auftretenden kontroversen Methodenverständnisse im Kontext der Handlungslehre. Vom Zusammenschluss der sozialen Frauenschulen vor rund 100 Jahren, über die Arbeiten von Alice Salomon bis hin zum heutigen Professionalisierungsverständnis: Immer schon war das Ringen um die Eigenständigkeit und um die Kooperationsfähigkeit innerhalb der Sozialen Arbeit ein großes Thema.
    b) Weiter geht es mit den zahlreichen Versuchen, eine Einigung um die Begriffe Praxistheorie, Handlungslehre, Methoden, Arbeitsformen usw. zu erlangen. Die Bezugnahme auf die klassischen Methoden, auf die Trias von Sozialer Einzelhilfe (social case work), Sozialer Gruppenarbeit (social group work) und Gemeinwesenarbeit (community organization / development) bringt Orientierung entlang der Wurzeln der Social Work. Unabhängig davon, welcher Ansatz nun zuerst da war oder auch, ob diese Ansätze aus den USA nach Deutschland transportiert wurden: Das Ausspielen dieser und anderer Ansätze gegeneinander bringt das Fundament, die Mitte der Sozialen Arbeit ins Wanken. Joachim Wieler deckt auf, dass offenbar von den aktuellen Akteuren, die die Sozialraumorientierung vorantreiben, das Trennende betont wird. Dies macht ihn stutzig und er setzt sich dafür ein, dass strukturelle Veränderungen immer notwendig sind, aber immer auch die beiden Seiten der gleichen Medaille zusammengebracht werden müssen.
  • Zum integrierten Praxis- und Handlungsmodell (Generic Approach):
    Bei diesem Ansatz geht es um die Komplexität menschlicher Problemlagen, die generalistisch orientierte Praktiker/-innen mit einem breit gefächerten Repertoir an Methoden und Fertigkeiten und der Fähigkeit, in einer Vielzahl von Systemen zu arbeiten, erfordert. Joachim Wieler rezipiert die Entwicklung dieses einheitlichen Praxismodells und kommt zu dem Schluss, dass wir uns in Deutschland davon einige Scheiben abschneiden könnten, zumal die sozialpolitischen Errungenschaften bröckeln und wir uns in der deutschen Sozialen Arbeit etwas einfallen lassen müssen, um nicht auseinanderzudriften und damit eine Deklassifizierung Sozialer Arbeit unter dem Deckmantel von Sparmaßnahmen vorantreiben. Gerade auch auf dem Weg zum Promotionsrecht lohne sich ein – durchaus immer reflexiver – Blick über den eigenen Tellerrand in andere Länder. Bezogen auf die Ausbildungsstätten und ihre Schwerpunkte, auf die Berufsfelder, auf die Erwartungen der Betroffenen und die Talente von Studierenden sowie auf die Fachdisziplinen und die Vermittlung der Handlungslehre diskutiert Joachim Wieler, wie gefährlich es sein kann, wenn eine Zersplitterung vorangetrieben wird. In manchen Bereichen, z.B. in der Bewährungshilfe, seien die Kontakte meist auf der Einzelfallebene, in wieder anderen, z.B. in der Jugend- und Erwachsenenbildung, auf der Gruppenebene und erneut in anderen, z.B. bei Interessengruppen im Stadtteil, auf der GWA-Ebene. Diese Logik trägt einerseits zur Differenzierung bei und andererseits zu einer Fundierung der Fachlichkeit Sozialer Arbeit auf allen Ebenen, wie dies beispielsweise in einigen Feldern der SPFH auch praktiziert wird. Sowohl das integrierte Modell als auch die Berufsgruppe täten gut daran, sich zu engagieren.

Abschließend formuliert Joachim Wieler noch einige Anregungen dazu, wie es im günstigsten Fall gehen könnte: Soziale Arbeit müsse auf ihr zentrales Anliegen hin gebracht werden, d.h. dass zwar auf Schwerpunktbildungen, dabei immer aber auch auf Einzelfall-, Gruppen- und Gemeinwesenarbeit gesetzt werden müsse, sonst drohe Soziale Arbeit zerrieben zu werden. Die Professionalisierung der Sozialen Arbeit in Deutschland werde von vielerlei strukturellen Schwierigkeiten gehemmt. Sein Appell richtet sich daher u.a. an die Bezugswissenschaftler/-innen. Sie mögen über ihren Schatten springen und noch mehr Profis mit sozialarbeiterischem Studium in die Hochschullehre berufen. Eine zunehmende Identifikation mit der Sozialen Arbeit und ihrer Mitte sei dringend erforderlich. In dieser Mitte liegt das integrierte Praxismodell, das eine Annäherung zwischen Spezialisierung und Generalisierung beinhaltet und damit zu einer stabilen Grundlegung und professionellen sowie disziplinären Ausgangsbasis Sozialer Arbeit beiträgt.

4. Ulrike Urban-Stahl, Professorin für Soziale Arbeit mit dem Schwerpunkt Sozialpädagogik, stellt die interessante Frage nach der Perspektive der Betroffenen auf die Sozialraumorientierung. Sie begründet in 8 Abschnitten, weshalb im Sinne der Menschen, um die es geht, dringend auch die Grenzen eines momentan in die Schlagzeilen geratenen speziellen Konzeptes der Sozialraumorientierung fachlich und politisch deutlich gemacht müssen:

  • AdressatInnenperspektive: Die subjektorientierte Forschung, insbesondere die biografische Forschung, wurde lange Zeit in der Sozialarbeitsforschung sträflich vernachlässigt. Derzeit nimmt sie einen Aufschwung und der empirische Blick richtet sich notwendigerweise immer stärker auf ihre Stimme, auf die Nutzungshintergründe und auf die Qualitätseinschätzung der Angebote. Empirische Studien zeigen u.a. eine hohe Verführbarkeit von Fachkräften der Sozialen Arbeit auf. Diese stellen z.B. häufig die Äußerungen der Betroffenen in Frage, je stärker sie die Perspektive der Fachkraft nicht bestätigen.
  • Fachkräfteperspektive: Fachkräfte denken meist in Strukturen, wenn sie über die Gestaltung von Angeboten nachdenken, z.B. wie die Gesamtheit der Leistungen sichergestellt werden kann oder welchen Stellenwert die eine oder andere Aufgabe einnimmt. Einzelfälle werden eingeordnet, damit sie gezielt und möglichst passgenau an geeignete Anlaufstellen geraten. Die Betroffenen selbst haben hingegen eine andere Sichtweise. Sie haben einen aktuellen Anlass oder ein Problem, von dem aus sie sich vor dem Hintergrund ihrer biografischen Erfahrung Rat, Begleitung, Unterstützung erhoffen. Sie erleben beim Aufsuchen der Stelle, ob ihr subjektives Bedürfnis bzw. Anliegen dort erkannt und passgenau angenommen werden kann oder ob nicht.
  • Sozialraumorientierung: Zunächst einmal ist SRO ein fachliches Prinzip der Sozialen Arbeit, wie es auch im KJHG gefordert wird. In der Jugendhilfe wird es derzeit häufig verkürzt und reduziert auf das von Wolfgang Hinte u.a. entwickelte Modell. Dieses Vorhaben setzt stärker infrastrukturell und weniger individuell an. In Berlin wird beispielsweise ein anderes SRO-Modell, das von Lothar Böhnisch und Richard Münchmeier entwickelt und von Wolfgang Deinet und Christian Reutlinger fortgeführt wurde, derzeit vernachlässigt. Es impliziert einen subjektorientierten Ansatz, der Menschen in ihren Aneignungsprozessen und in ihrer Kompetenzentwicklung unterstützt. Raum bezieht sich dabei auf den sozialräumlichen Blick der Adressaten und Adressatinnen Sozialer Arbeit und auf die Ausgestaltung ihrer Lebens- und Raumqualität. Diese beiden Modelle bzw. Ebenen stehen fachlich betrachtet eigentlich nicht auf Kriegsfuss gegeneinander. Beide Ebenen beleuchten jeweils einen wichtigen Teilaspekt einer sozialraumorientierten, Erfolg versprechenden Jugendhilfe. Problematisch werde es dann, wenn polarisiert wird und damit eine Verkürzung und Kriegsführung zugunsten des einen Ansatzes stattfindet.
  • Vom Nutzen der örtlichen Programme: Angezeigt sei momentan eine präzise Analyse der sozialraumorientierten Projekte vor Ort. Und dies mithilfe von kritischer Reflexion und dem Schutz vor Instrumentalisierung und Polemisierung. Beispielsweise tun dies personelle Koalitionen in der Sozialen Arbeit / Sozialpädagogik wie Hans Thiersch, Norbert, Wohlfahrt, Jürgen Dahme, Reinhard Wiesner und Johannes Münder. Herauszufinden sei dabei, wem die Modelle eigentlich nützen und welche Interessen dahinter stecken.
  • Die Bedeutung des Sozialraums für die Betroffenen: Im Modell von Wolfgang Hinte u.a. steht die Budgetfinanzierung in Koppelung mit einer hohen Relevanz des direkten Wohnumfeldes für die Betroffenen. Unterbelichtet bleibt die Frage, ob es ein solches geografisches Zentrum in der heutigen mobilen Zeit des Pendelns und Vernetzens zwischen Dörfern, Gemeinden, Stadtteilen, Städten und Ländern – aus der biografischen Sicht von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen (Leistungsberechtigte) – überhaupt gibt oder geben sollte.
  • Die hohe Bedeutung der Mobilität: Dass dieser Mobilitätsfaktor vor allem für die Zielgruppen Sozialer Arbeit nicht unterschätzt werden darf, belegt Ulrike Urban-Stahl an aktuellen empirischen Beispielen aus den Hilfen zur Erziehung. Mobilität, Migration, Zu- und Abwanderung seien sogar definitiv Indikatoren für die Inanspruchnahme von Hilfen. Keinesfalls sei es also zulässig, von der integrativen Bedeutung eines geografischen Sozialraums auszugehen. Für die Kompetenz- und Ressourcenentwicklung der Betroffenen habe das fachliche Sozialraumkonzept, das aneignungs- und subjektorientiert vorgeht, die weit höhere Bedeutung, da es dort unterstützt, wo es gebraucht wird. In Berlin werde allerdings derzeit das Konzept von Wolfgang Hinte u.a. offiziell und exklusiv vertreten, diese Fragen werden dabei nicht diskutiert. Ulrike Urban-Stahl berichtet davon, dass sie selbst erlebt habe, wie eine Belegung von Einrichtungen außerhalb des Bezirks abgelehnt wurde, weil dies nicht in die internen Arbeitsanweisungen und nicht in die Umstrukturierung der Hilfen passe. Sie wäre aber für Betroffene dringend geboten gewesen, der Bedarf des Einzelfalls wurde jedoch inhaltlich nicht geprüft, sondern passgenau auf das Konzept hin gebogen.
  • „Passgenauigkeit“ heißt aber: Biografische Gegebenheiten und die Lebensumstände der Menschen zu integrieren. Sie tragen ganz zentral zur Gestaltung passgenauer Hilfen bei. Wichtig sei es, dass sich die Menschen als Einzelfall ernst genommen fühlen und dass die Hilfe individuell zu ihnen passt. Dazu gehören: Niedrigschwellige Angebote und konkrete fachliche Ansprechpersonen. In Berlin spart man im sozialen Bereich, daher gewinnt ein spezieller Sozialraumansatz dort an Boden. Völlig außer Acht geblieben ist dabei, dass auch dieser Sozialraumansatz, wenn er intensiver betrieben würde, neue Zielgruppen eröffnet, es würden mehr Hilfen nötig und die Ausgaben würden steigen. Die „Doppelstruktur“ des Umbaus der Berliner Jugendhilfe, d.h., einerseits Sozialraumorientierung, andererseits Sparmaßnahmen, führt Fachkräfte und Betroffene in ein Paradox. Ausgehend von vielen widersprüchlichen Botschaften häufen sich seit einiger Zeit beim Berliner Rechtshilfefonds Jugendhilfe e.V. (BRJ), der bundesweit ersten Ombudsstelle für Jugendhilfe, die Beschwerden der Betroffenen. Thematisiert werden dort Konflikte um die Hilfegewährung.
  • Chancen und Grenzen des Sozialraums: Programmatisch wird im Umbauprozess der Jugendhilfe in Berlin viel versprochen und die Praxis wird zeigen, in welchem Masse dies umgesetzt werden kann. So können sicherlich von den Fachkräften die Vorteile dieses Ansatzes genutzt und gestaltet werden, sie benötigen aber auch eine „gesunde Distanz“ gegenüber diesem Konzept und den politischen Rahmenbedingungen seiner Umsetzung.

In der Sozialen Arbeit gibt es nicht nur das eine Konzept der Sozialraumorientierung, sondern mehrere. Darüber hinaus existiere in dieser Profession und Disziplin nicht die eine Lösung, sondern es eröffnen sich mehrere Wege. Neben sozialräumlichen Ansätzen benötigen Menschen in besonderen Lebenslagen weitere Angebote. Sie haben nach dem KJHG einen verbürgten, rechtssicheren Anspruch darauf, zwischen unterschiedlichen Ansätzen und Einrichtungen wählen zu können. „Wenn dies in Berlin nicht sichergestellt ist, besteht aus der Sicht der Betroffenen der Bedarf nach Umsteuerung.“ (Urban-Stahl 2010, S. 57).

5. Birgit Stephan, Diplom-Sozialwirtin, Amt für Familie, Jugend und Soziales, Kreis Nordfriesland, behauptet, dass das Sozialraumkonzept im Kreis Nordfriesland keine Sparmaßnahme sei. Hingegen sei dieser Ansatz dort ein fachliches Konzept, das in erster Linie Orientierung am Willen und an den Interessen der Betroffenen bedeutet. Ausgehend vom Veränderungswillen steht zu Beginn einer Hilfemaßnahme die intensive Erarbeitung von Zielen, auf die die Betroffenen selbst Einfluss haben. Im Anschluss daran überlegt das Regionalteam, in dem öffentliche und freie Träger gemeinsam sitzen, wie die Hilfen gestaltet werden müssen, damit die Betroffenen unterstützt werden können. Dieses Verfahren bietet ihrer Ansicht nach folgende Vorteile: a) Die Familie ist Co-Produzent der Hilfe, sie wirkt aktiv mit und ist meist der größte Erfolgsfaktor. b) Jugendhilfe wird entlastet, weil die Ressourcen im gemeinschaftlichen Umfeld der Betroffenen aktiviert werden. c) Das Sozialraumbudget fungiert als Steuerungsfaktor, z.B. beim Installieren von Hilfen wie die der „Hilfen über Tag und Nacht“. Dort können Familien Unterschlupf finden, z.B. nach einem Wohnungsbrand. Ausgehend von dieser Situation werden dann Hilfen maßgeschneidert, z.B. Therapieplätze organisiert oder Kinderbetreuung in die Wege geleitet. d) Weitere Einsparungen, die bei den Einzelfällen erwirtschaftet werden, können in fallunspezifische Arbeit investiert werden, z.B. in Projekte der Schulsozialarbeit oder in die Mitfinanzierung eines Streetworkers. Bevor es ein Sozialraumbudget gab, mussten viele Betroffene zum Jugendamt gehen. Sie haben dies oftmals als stigmatisierend empfunden. Jetzt können Familien so früh wie möglich Hilfen zur Erziehung in Anspruch nehmen. e) Ebenfalls sind durch das Sozialraumbudget externe fachliche Begleitungen des Personals in Form von z.B. Qualifizierungen möglich geworden. f) Das gleiche gilt für Investitionen in Teamentwicklungsmaßnahmen, z.B. über einen Leistungsbonus. Dies führe zu guten, hochmotivierten, qualifizierten Mitarbeitern/-innen und zu ebensolcher Teamarbeit. g) Viele Projekte und Maßnahmen können zusätzlich gemacht werden, z.B. der Einsatz von Familienhebammen, die Einrichtung eines offenen Treffs oder einer Familien-Netzwerk-Konferenz. Resümierend berichtet Birgit Stephan davon, dass es auf alle Fälle hilfreich sei, momentan nicht über die Finanzierung nachdenken zu müssen. Sie räumt zwar kurz etliche Stolpersteine in einem solch gravierenden Umbauprozess ein, z.B. die Kooperation mit anderen Hilfesystemen oder auch die Finanzknappheit. Sie ist aber davon überzeugt, dass es vor allem die Betroffenen sind, die etwas von diesem neuen Ansatz haben. Es werde damit wesentlich mehr Leistung mit dem gleichen Geld erzielt, das vorher ausschließlich für Einzelfallhilfen zum Einsatz kam. Die Qualität der Hilfen sei gestiegen, das Wunsch- und Wahlrecht der Klienten werde nicht eingeschränkt und eine monopolistische Trägerstruktur gäbe es zumindest im Modellgebiet des Kreises Nordfriesland auch nicht. Fakt sei eine gute Zusammenarbeit, hohe Transparenz sowie eine erfolgreiche Übertragung des Modells in die Eingliederungshilfe für Kinder und Jugendliche.

6. Christian Spatschek, Professor für Theorien und Methoden der Sozialen Arbeit, geht auf aktuelle Perspektiven einer sozialräumlich verorteten Kinder- und Jugendarbeit ein. Er formuliert dabei einige zentrale Herausforderungen für die Gestaltung von positiven Bedingungen des Aufwachsens junger Menschen:

  • Die erste Herausforderung sei die Morphologie des Sozialraums. Dieser habe zum einen eine „materielle“, quantitative Seite, die von Seiten der Verwaltung top-down-orientiert zur Erfassung von Lebensbedingungen, z.B. mittels sozio-struktureller Daten bei der Jugendhilfeplanung, eine große Rolle spielt. Diese Ebene wird auch als „sozialgeografisch-infrastrukturell“ bezeichnet. Zum anderen habe er eine „subjektive“, qualitative Seite, die von den BewohnerInnen und Akteuren zur Schaffung von Aneignungsräumen genutzt wird. Die handelnden Menschen stehen in ihrer Lebenswelt im Vordergrund. Diese Ebene wird auch als „aneignungstheoretisch-subjektorientiert“ charakterisiert. Zur Verschränkung beider Ebenen kommen u.a. in Betracht: Interaktionen; relationale Anordnungen von Lebewesen, Gütern und Strukturen an Orten; Beziehungen; Vernetzungen.
  • Die zweite Herausforderung sei der konstruktive Umgang mit spezifischen Problematiken wie Armut und sozialer Ungleichheit (z.B. nimmt Armut in Deutschland zu), mit gesellschaftlicher Vielfalt (z.B. „älter und bunter“), mit negativen Jugendbildern (z.B. Jugendliche als Störer, Täter), mit verregelten und verplanten Räumen (z.B. Gewerbeflächen) sowie mit strukturellen Bedingungen (z.B. Stellenabbau in der Kinder- und Jugendhilfe).
  • Die dritte Herausforderung sei es, Lösungen in der Kinder- und Jugendarbeit zu bieten. Kinder- und Jugendarbeit habe eine lange nationale und internationale Tradition, die auf umfassende Wirkungen verweist. Folgende Lösungen werden dabei geboten:
    a) Aneignung. Durch das Erschließen öffentlicher Räume, durch das Bereitstellen „unfertiger“ Räume usw. wird Aneignung von Räumen durch junge Menschen in den Prozessen des experimentierenden Gestaltens, Erfahrens und Erlebens von eigenständigen, selbst gesteuerten und informellen Lernprozessen sowie von Bildungswirkungen möglich. b) Bildung. Kommunale Jugendbildung, die Verschränkung formeller und informeller Bildungsangebote, Bildungsprojekte und weitere Kompetenzfelder nutzen der Durchführung und der weiteren Entwicklung integrativer Bildungsformen. c) Partizipation und Engagement. Zahlreiche Projekte in der Kinder- und Jugendarbeit sorgen für soziales Engagement und Ehrenamt, für partizipatives und aktives Lernen auf der Basis erprobter und umfangreicher Methodiken. d) Ressourcenblick/Empowerment. Ressourcenerschließende Kinder- und Jugendarbeit orientiert sich an den Stärken und Potenzialen junger Menschen und versucht dabei, den oftmals verschüttenen Willen hervorzubringen. Betroffene werden als Experten/-innen ihrer sozialräumlich strukturierten Lebenswelt ernst genommen. e) Aktivierung und Capabilities. Zu überlegen wäre, ob es gehen kann, dass Aktivierungsformen mit dem Capabilities-Ansatz verknüpft werden.
  • Die vierte Herausforderung besteht nach Ansicht von Christian Spatschek darin, die Voraussetzungen einer gelingenden Kinder- und Jugendarbeit zu betrachten. Der Blick sollte sich dabei auf folgende strukturelle und inhaltliche Aspekte lenken: a) Erhalt als eigenständige Angebotsform (z.B. § 11 SGB VIII), b) Kommunale Jugendbildung (z.B. gemeinsame Aufgabe aller kommunalen Akteure; Kooperation, Wertschätzung untereinander), c) Aus- und Fortbildung (z.B. Anschlussfähigkeit der Hochschulen und Fortbildungseinrichtungen), d) Verlässliche Grundförderung (z.B. Bedrohung durch befristete und einschränkte Projektförderungen, Sparmaßnahmen. Daher: verlässliche Regelfinanzierungen nach § 11 SGB VIII und feste Berücksichtigung in kommunalen und regionalen Planungsszenarien sind notwendig.), e) Übergreifende Sozialpolitik (z.B. riskiert die Sozialraumorientierung durch eine Idealisierung nahräumlicher Selbstbestimmung, einer Schimäre nachzujagen). Armut, soziale Ungleichheit, Arbeitslosigkeit, sozialer Ausschuss usw. entstehen überwiegend in nationalen oder globalen Kontexten. Daher können diese sozialen Fragenstellungen und Probleme nicht lokal gelöst werden, sondern es bedarf bundesweiter sozial- und querschnittspolitischer Maßnahmen. „Sozialräumliches Arbeiten kann nahräumliche Gemeinschaften bei der Bildung lokalen sozialen Kapitals unterstützen, jedoch sollte dies nicht die Abschaffung universeller wohlfahrtsstaatlicher Maßnahmen legitimieren.“ (Spatschek 2010, S. 73). Wichtig sei nach wie vor eine übergreifende Wohlfahrtspolitik, um ganz generell soziale Risiken mit aufzufangen.
  • Die fünfte Herausforderung stelle sich mit dem Ausblick auf die Zukunft. Gelingende Sozialarbeit bedeute, wie bei Homfeldt/Reutlinger 2009 und bei Reutlinger/Wigger 2008 beschrieben, dass drei Bereiche als zusammenhängende, kooperative sozialräumliche Gestaltungsaufgabe verstanden werden: die Gestaltung von Strukturen, die Gestaltung von Orten und die Gestaltung durch pädagogische Arbeit. Kinder- und Jugendhilfe habe zwar ihre Schwerpunkte im pädagogischen Bereich, könne aber durchaus für die anderen beiden Bereiche ein fachlich sehr relevanter Partner sein.

7. Der Fachbereich Kinder- und Jugendhilfe des DBSH stellt abschließend sieben „Berliner Thesen zur Sozialraumarbeit in der Kinder- und Jugendhilfe“ als Diskussionsimpuls vor. Die Thesen sind entstanden bei einer Tagung in Berlin im Juni 2009. Dort wurden folgende zwei Workshops angeboten: „Sozialraumorientierte Jugendhilfe in Nordfriesland“ und „Jugendarbeit im sozialen Raum: Über die Vernetzung und Gestaltung sozialer Nahräume“. Sie richten sich an Akteure in der Profession Soziale Arbeit und in der Politik und gehen tendenziell in folgende Richtung:

  1. Kinder- und Jugendhilfe muss offen und flexibel sein, d.h. sie darf Hilfen nicht von der Stange liefern und muss sich am Willen und an der Lebensauffassung der Klientel orientieren.
  2. Zu klären sind die rechtlichen Grundlagen für die Sozialraumarbeit. Wenn SRO wirken soll, dann benötigt sie auskömmliche Budgets, die von Fachkräften auf der Basis ihrer Expertise und Verantwortung ausgefüllt werden.
  3. Die lokale Umsetzung neuer Sozialraummodelle braucht Jahre, um sich als Fachkonzept etablieren zu können. Dazu gehört eine qualifizierte externe Begleitung für die Fachkräfte.
  4. Träger brauchen fachliche Freiräume, um ihrer Verantwortung nachkommen zu können. Kommunen müssen der Gestaltung der Jugendhilfe mehr Zeit und Raum geben, um Entwicklungen auffangen und Lösungen neu strukturieren zu können.
  5. Kinder und Jugendliche benötigen Gelegenheiten, um sich Räume aneignen und diese gestalten zu können. Die Orientierung u.a. an der dialogischen Kompetenz und an kommunalen Bildungspartnerschaften sollte stärker ausgebaut werden.
  6. Sich von Modellprojekt zu Modellprojekt zu hangeln, müsse aufhören. Wichtig sei es, sich an den Stärken und an den Kompetenzen der Betroffenen zu orientieren und zu klären, wie davon ausgehend in der pädagogischen Praxis Regeln mit erarbeitet werden können.
  7. An Schulen, in der Jugendhilfe und an anderen sozialen Orten müssen anspruchsvollere Konzepte formuliert werden. Fachlich Verantwortliche in Politik und Ausbildung müssen für die sozialräumlichen Aufgaben besser als bisher sensibilisieren.

Diskussion

Die Stärke des Sammelbandes liegt darin, dass er auf wichtige fachliche und kritische Punkte aufmerksam macht. Dadurch werden Einblicke in einen sehr komplexen Sachverhalt möglich. Weitere Wortmeldungen werden sicherlich erforderlich sein, denn wie zu Recht von Joachim Wieler in seinem Beitrag deutlich gemacht wurde, sollte entlang der Wurzeln der Social Work diskutiert werden: Soziale Einzelfallhilfe (social case work), Soziale Gruppenarbeit (social group work) und Gemeinwesenarbeit integrieren in dieser Triade ein Praxis- und Handlungsmodell, das die Soziale Arbeit international und auch national in Deutschland professionell gemacht und mit einer reflexiven Auseinandersetzung damit weitergebracht hat. Auf dem Weg zum Promotionsrecht gilt es in der Profession und Disziplin Sozialer Arbeit weiterhin über den eigenen Tellerrand zu blicken. Dabei ist nicht das Trennende hilfreich, sondern die Suche nach einer gemeinsamen Mitte. Mit den Worten von Michael Böwer aus seinem Aufsatz gesprochen: Es braucht Wege, um gemeinsam im sozialen Raum zu agieren. Denn das gegenseitige Ausspielen, das Polemisieren und Polarisieren führt in mehrere Sackgassen.

Die von Ulrike Urban-Stahl sehr gut herausgearbeitete biografische und bedürfnisorientierte Perspektive der Betroffenen sollte nach wie vor der Ausgangspunkt professioneller Sozialer Arbeit / Sozialpädagogik sein, selbstverständlich unter Berücksichtigung fachlicher und teils auch sozialräumlicher Kriterien. Sehr interessant ist ihre Einschätzung, dass der soziale Nahraum in der heutigen, flexiblen, hochmobilen Zeit kaum mehr integrative Kräfte besitze. Ganz unabhängig davon werden Familien, Freunde und andere Netzwerkpartner von Klienten und Klientinnen auch in anderen Methoden Sozialer Arbeit sowie in anderen Sozialraumansätzen äußerst erfolgreich mit eingebunden. Weitere Anregungen aus ihrem Beitrag gestatten es, darüber nachzudenken, was in einer Phase, in der Vorzeige-Modellprojekte vorbei sind, passieren kann. So könnte es beispielsweise sein, dass sie teurer werden, weil sie ausgebaut werden sollten, es könnte neben den Stärken auch Schwächen geben und sie könnten u.U. Mühe haben, weiterhin finanziert zu werden. Alle kochen nur mit Wasser. Insofern ist es sehr ratsam, vorsichtig mit anderen qualifizierten und bereits etablierten Methoden der Sozialarbeit / Sozialpädagogik umzugehen.

Wolfgang Hinte und diejenigen Kollegen/-innen, die dieses Modell weiterentwickelt haben, können mit ihren Arbeiten sehr zufrieden sein, sie sind damit weit gekommen. Das sieht man auch an dem Modellprojekt in Nordfriesland, das Birgit Stephan sehr anschaulich und mit all seinen Bedeutsamkeiten ebenfalls im Buch vorstellt. Die Thesen des Fachbereichs Kinder- und Jugendhilfe des DBSH bestätigen dies, sie resultieren ja aus einer Tagung, bei der es um diesen Ansatz ging. Allerdings ist dieser Sozialraumansatz nicht der alleinige. Es gibt viele weitere, die methodisch qualifiziert, theoretisch fundiert und in der Praxis angekommen sind, von Ulrich Deinet, Fabian Kessl, Christian Reutlinger, Michael May und Monika Alisch,um nur einige zu nennen.

Mit der Überlegung, dass diese und weitere Ansätze – auch die der Einzelfallhilfe, der Gruppenarbeit und der Gemeinwesenarbeit – nicht gegeneinander ausgespielt werden dürfen, wäre ich beim Kostensparen angelangt. Wenn mit einem speziellen Modell der Sozialraumorientierung derzeit die Sparkeule geschwungen wird, wie es neben dem Eingehen auf Fachfragen auch Heiko Kleve in seinem Beitrag betont, muss vor zu schneller Übernahme gewarnt werden. Zum einen droht, dass die fachlichen Ideale gar nicht umgesetzt werden können, weil auch dieses Konzept unter Spardruck geraten wird. Zum anderen würden u.U. wichtige andere, laufende Maßnahmen und Projekte, insbesondere die Hilfen zur Erziehung, vorschnell ausgebootet. Hinzu kommt, dass die Bildung kleiner, lokaler Gemeinschaften die gesellschaftlichen Herausforderungen zum Abbau sozialer Ungleichheit und zur Verwirklichung der individuellen Rechte der Subjekte nicht ersetzen kann. Darauf verweist schlussendlich auch Christian Spatschek, wenn er neben der bisherigen Vielfalt und Qualität lösungsorientierter Ansätze in der Kinder- und Jugendhilfe die ganz grundsätzliche Notwendigkeit universeller Wohlfahrtspolitik betont.

Fazit

Die Beiträge im Buch, die auf die Pluralität der Ansätze, auf die Mitte der Sozialen Arbeit, auf die Subjektorientierung und auf die Qualität lösungsorientierter Ansätze in der Kinder- und Jugendhilfe verweisen, tragen dazu bei, die Sozialraumorientierung im gesamten methodischen Kontext zu diskutieren. Dies ist notwendig, damit professionelles Agieren im sozialen Raum gemeinsam möglich wird. Mit der Anerkennung der bisher geleisteten und weiterhin zu leistenden Arbeiten in allen drei methodischen Bereichen der Sozialen Arbeit, d.h. in den Feldern der Sozialen Einzelfallhilfe, der Gruppenarbeit und der Gemeinwesenarbeit / Sozialraumorientierung, ist dies machbar. Die Stimmen und Erfahrungen der einzelnen Subjekte, der Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen, um die es in der Sozialen Arbeit geht, sind dabei grundlegend.


Rezensentin
Prof. Dr. Veronika Hammer
Hochschule Coburg, University of Applied Sciences and Arts
Fakultät Soziale Arbeit und Gesundheit
Lehrgebiete: Sozialarbeitswissenschaft, Empirische Sozialforschung, Gesellschaftswissenschaftliche Grundlagen
Homepage www.hs-coburg.de/hammer


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Zitiervorschlag
Veronika Hammer. Rezension vom 16.01.2012 zu: Deutscher Berufsverband für Soziale Arbeit e.V. (Hrsg.): Der kostensparende Sozialraum? Berufs- und fachpolitische Perspektiven des Sozialraumansatzes in der Sozialen Arbeit. Schibri-Verlag (Uckerland) 2010. ISBN 978-3-86863-061-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/11956.php, Datum des Zugriffs 27.06.2016.


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