socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Olaf-Axel Burow: Positive Pädagogik

Cover Olaf-Axel Burow: Positive Pädagogik. Sieben Wege zu Lernfreude und Schulglück. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2011. 253 Seiten. ISBN 978-3-407-25567-9. D: 26,95 EUR, A: 27,70 EUR, CH: 38,50 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


„Wir haben kein Wissens-, sondern ein Umsetzungsdefizit“

Seit es Pädagogik gibt und den wissenschaftlichen Anspruch, Bildung und Erziehung als einen vom Menschen denk- und steuerbaren Akt der Menschwerdung und Gestaltung hin zu einem erstrebenswerten guten Leben zu verstehen, gibt es auch die Auseinandersetzungen darüber, wie dies zum Nutzen und Frommen der Individuen und Kollektive geschehen soll. In der Spannweite von Führen und Wachsen lassen bewegen sich dabei die kontroversen erziehungswissenschaftlichen Denkrichtungen, Konzepte und Forschungsvorhaben, eher unversöhnlich und spaltend, denn eine gemeinsame Basis für die eher selbstverständliche, grundlegende Einsicht suchend, dass Lebensbewältigung und Wissensaneignung mit Kopf, Herz und Hand erfolgen müssen ( vgl. dazu auch: Joachim Münch, Irit Wyrobnik: Pädagogik des Glücks, Baltmannsweiler 2011, in: www.socialnet.de/rezensionen/11625.php, sowie: Margret Rasfeld, „Stell dir vor es ist Schule und alle wollen hin“, AV1 Pädagogik-Filme, Kaufungen 2011, in: www.socialnet.de/rezensionen/11659.php).

Entstehungshintergrund und Autor

Wie eine gute Schule aussehen könnte, in der sich alle Beteiligten -SchülerInnen, LehrerInnen und die dazu gehörenden Erziehungsberechtigten - wohl fühlen, ja sogar glücklich sind, darüber haben immer wieder begeisterungsfähige Pädagoginnen und Pädagogen nachgedacht, experimentiert und reformiert. Dabei haben sie Anerkennung und Häme erfahren, Nachahmung und Protest. Die nicht selten ideologisch, parteipolitisch und weltanschaulich vorgezeichneten Wege hin zu einer „guten Schule“ erweisen sich oft genug als Sackgassen und Einbahnstraßen und stellen nicht begehbare Lebensperspektiven dar.

Der Kasseler Erziehungswissenschaftler und Fachautor für Gestaltpädagogik, Kreativitätsförderung und Zukunftsgestaltung, Olaf-Axel Burow, wendet sich in seiner Studie gegen eine Pädagogik, die im Messen und Vergleichen und im Primat der kognitiven Wissensvermittlung das Heil pädagogisch professionellen Denkens und Handelns sieht; und er geht mit einer Schimpfe gegen die zunehmende Unart einer „Bestätigungsforschung“ vor, „die mit großem Aufwand herausfinden (will), was der durchschnittlich informierte Laie auch durch bloßes Nachdenken… selbst herausfinden kann“. Er plädiert vielmehr für die „Rückbesinnung auf unseren gesunden Menschenverstand und die Entdeckung unseres pädagogischen Tiefenwissens durch die ‚Freisetzung der Vielen‘“. Eine „Schule als kreatives Feld“ soll es sein, die sich nicht finden lässt als von wem auch immer vorgegebenem Diktat oder der Morgensternschen Apodiktik, „das nicht sein darf, was nicht sein kann“, sondern als „permanente Zukunftswerkstatt“, in der alle Beteiligten Wohlfühlen und Leistung als grundsätzliche pädagogische Prämisse denken und praktizieren.

Obwohl Burow im Untertitel „Sieben Wege zu Lernfreude und Schulglück“ ankündigt, handelt es sich bei seinem Buch nicht um einen der üblichen Erziehungs-Ratgeber, die dem Leser Rezepte anbieten und ihm in den irrigen Glauben versetzen möchten, dass Lernen etwas Mechanisches sei und deshalb wie ein einfaches Gerät hergestellt, oder, wenn Störungen auftreten, mit einer Gebrauchsanweisung repariert werden könnten. Er setzt vielmehr auf einen „wertschätzenden Erfahrungsaustausch“ aller beim schulischen Lernen und der schulischen Erziehung Beteiligten „in gemeinsamer Anstrengung gute Schule zu identifizieren“.

Aufbau und Inhalt

Der Autor gliedert das Buch in drei Teile.

Im ersten „Wie das Glück aus der Schule verschwand“ unternimmt er eine historische Nachschau danach, wie die Schule geworden ist, wie sie ist. Er weist darauf hin, dass es vor allem die Erziehungstheoretiker und Bildungsreformer der Aufklärung waren, die Glück und Glückseligkeit als pädagogische Maxime propagiert haben, aber von den Neuhumanisten, allen voran von Wilhelm von Humboldt, gestoppt wurden, der in der Gleichbedeutung von Glück und Bildung mitnichten einen Wert sah. Es waren, so Burow, weiterhin die in der industrialisierten und globalisierten Entwicklung aufkommenden Entwicklungen von einer radikalen Öffnung der Schule hin zur Gesellschaft, die Gegenpositionen hervortreten ließen: Auf der einen Seite die reformpädagogischen Neuerungsversuche, wie sie Alexander Sutherland Neill mit seiner Schule in Summerhill versuchte, Hartmut von Hentig mit der Gesamtschule, und viele weitere Reformansätze; andererseits auch die Gegenbewegungen, wie sie sich in Streitschriften ( siehe dazu: Berhard Bueb, Lob der Disziplin, Berlin 2006, in: www.socialnet.de/rezensionen/4096.php) zu Wort melden. Des Autors Kritik fokussiert dabei in der erziehungswissenschaftlichen Forschungspraxis, die dem „Aufbau eines pädagogisch-industriellen Komplexes“ ähnelte. Sein Plädoyer: Statt des Sammeln und der akribischen Suche nach isolierten Daten, mehr Praxisforschung! In dem Zusammenhang kritisiert Burow die derzeit dominierende Ausrichtung der Pädagogik auf fast ausschließlich „psychologische“ Aspekte, unter Vernachlässigung von erziehungswissenschaftlichen (Praxis-)Fragestellungen.

Im zweiten Teil setzt sich Olaf-Axel Burow damit auseinander, „Wie das Glück wieder in die Schule hineinkommt“. Er zeigt Quellen und Beispiele auf, wie das Dilemma überwunden werden könnte: Von einer „Ressourcennutzungs- zur Potentialerschließungsgesellschaft“.Es sind die Lehrerinnen und Lehrer, die mit Authentizität, Empathie und Didaktik vom „Wissensvermittler“ zum „Lebenshelfer“ werden und ihre eigene Biographie reflektieren sollten (vgl. dazu auch: Thorsten Fuchs, Bildung und Biographie, Bielefeld 2011, in: www.socialnet.de/rezensionen/11821.php), die in der Lage sind, Teamfähigkeit, kulturelle und interkulturelle Bildung zu vermitteln, die die pädagogisch bedeutsamen „fruchtbaren Momente“ des Lernens und der Entwicklung provozieren und erkennen können und geschult sind in „Awareness“, nämlich der aus der Gestaltpädagogik entstandenen Erkenntnis, die „Fähigkeit zur Bewusstheit dessen, was in mir ist, mit mir und um mich herum im Hier und Jetzt geschieht“ zu entdecken. Dazu gehört auch die Fähigkeit, scheinbar unumstößliche „Gewissheiten“ in Frage zu stellen, etwa die Auffassungen von „Leistung“ und deren Bewertung. Das was z. B. in den Anfangsjahren der Gesamtschulbewegung in Deutschland zu einer der Agenden gehörte (und leider mittlerweile längst in der Versenkung der Anpassung an die „gesellschaftlichen Zwänge“ verschwunden ist), die Infragestellung der Leistungsbewertung und Notengebung (Ingenkamp), findet in Burows Konzept einer Positiven Pädagogik erneut Eingang.
Der dem traditionellen (Verwertungs-)Leistungsgedanken zugrunde liegende „Genie„-Aspekt ist mittlerweile längst der Überzeugung gewichen, „dass in einer arbeitsteilig organisierten Wissensgesellschaft überragende Leistungen immer auch Ausdruck gelingender synergetischer Zusammenarbeit und Ergebnis der Wirkungen vernetzter sozialer Gruppen sind“, was für die familiale und schulische Erziehung, wie auch für den gesellschaftlichen Umgang bedeutet, dass herausgehobene Bewertungs- und Belohnungsysteme bis hin zur „Boni„-Praxis, kontraproduktiv sind. Das Nachdenken und Erforschen, wie Glückszustände in das Bewusstsein der Menschen gelangen und nachhaltig wirken, ist eine Herausforderung für die Pädagogik und die Gesellschaft. Die Bedeutung von explizietem, implizietem, Bild- und Erfahrungswissen steht erst zögerlich auf der erziehungswissenschaftichen Agenda (vgl. dazu: Claus Otto Scharmer, Theorie U. Von der Zukunft her führen, Heidelberg 2009, in: www.socialnet.de/rezensionen/8328.php). Die vielfältigen Bausteine, Denk- und Handlungsmuster ergeben die „Theorie des Kreativen Feldes“ und das „Programm einer Positiven Pädagogik“, die die „Weisheit der Vielen“ wirksam werden lässt.

Im dritten Teil schließlich zeigt Olaf-Axel Burow sieben Wege hin zu „Lernfreude und Schulglück“ auf. Dabei handelt es sich - bei den Lernorten wie bei den Konzepten, Methoden und Innovationen - meist nicht um spektakuläre Entwicklungen; vielmehr um Prozesse, die in gemeinsamer, stetiger, vertrauensvoller und kreativer„Werkstatt“ - Atmosphäre entstehen und sich weiter entwickeln. Es sind Schulbeispiele, die auf der Überzeugung beruhen, dass die Institution Schule keine in eherne, unverrückbare und unveränderbare Fundamente gegossene (Zwangs-) Einrichtung, sondern eine „lernende Organisation“ ist und sich zu einer „Schule für Alle“, integrativ und inklusiv, gestalten lässt.

Fazit

Im ZEIT-Magazin Nr. 31 vom 28. 7. 2011 fragt Jürgen von Rutenberg „Wer braucht schon Lehrer?“, angesichts der sich immer virtueller gestaltenden Lebenswelten unserer Kids. Er unternimmt eine „Reise zur digitalen Grundschule der Zukunft“, indem er erzählt, mit welcher Intensität heute Kinder im Internet unterwegs sind, sich Informationen herunter laden, ihre Freizeit gestalten und an einigen Schulen bereits mit Whiteboards anstatt mit Tafel und Kreide lernen, bis hin zu Schulen, in der das Lernprogramm nach dem Prinzip von Computerspielen funktioniert. Für manche Pädagogen eine Horrorvorstellung, weil sie dahinter vermuten, dass dies eine Einbahnstraße hin zur entpersonifizierten, digitalisierten und technisierten künstlichen Existenz des Menschen führen könnte. Doch das unverzichtbare und konstitutive dialogische Prinzip wird durch die Positive Pädagogik nicht nur nicht außer Kraft gesetzt; es wird verstärkt durch empathisches, künstlerisches und kreatives Tun, bei dem die „Weisheit der Vielen“ die Türen öffnet, die zu Lernlandschaften führen, die aus „Ort(en) der Selektion und des Nachlernens (heraus- und hinführt zu) permanente(n) Zukunftswerkstätten“.

Die Studie von Olaf-Axel Burow sollte als Motivator in der Lehreraus- und -fortbildung bereit stehen. Sie plädiert in Theorie und Praxis für eine andere, machbare Schule!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
E-Mail Mailformular


Alle 1118 Rezensionen von Jos Schnurer anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 13.09.2011 zu: Olaf-Axel Burow: Positive Pädagogik. Sieben Wege zu Lernfreude und Schulglück. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2011. ISBN 978-3-407-25567-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/11968.php, Datum des Zugriffs 29.09.2016.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 12.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!