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Robert Lorenz: Protest der Physiker

Cover Robert Lorenz: Protest der Physiker. Die »Göttinger Erklärung« von 1957. transcript (Bielefeld) 2011. 400 Seiten. ISBN 978-3-8376-1852-5. 33,80 EUR, CH: 45,90 sFr.

Studien des Göttinger Instituts für Demokratieforschung zur Geschichte politischer und gesellschaftlicher Kontroversen. Herausgegeben von Franz Walter, Band 3.
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Autor und Thema

Robert Lorenz ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Demokratieforschung der Universität Göttingen. Er ist im Oktober 2011 für diese politologische Dissertation mit dem Förderpreis der Volkswagenstiftung als Opus Primum ausgezeichnet worden. Sein Thema wendet sich dem Genius Loci direkt zu: der Stadt und der Universität Göttingen als Ort der „Göttinger Erklärung“ der 18 deutschen Atomforscher von 1957 in der sich diese gegen eine atomare Bewaffnung der Bundeswehr ausgesprochen hatten. „Der Bekanntheitsgrad der Göttinger Erklärung stellt alle anderen vergleichbaren, zu derselben Thematik Stellung beziehenden Manifeste in den Schatten“, stellt der Autor fest. (9) Dagegen sei die Forschungslage unbefriedigend, da die beiden von ihm genannten Publikationen von Elisabeth Kraus und Alexandra Rese entweder zu unkritisch oder zu eingeschränkt mit dem Thema umgegangen seien. (10f.)

Lorenz will mit seiner Analyse die bisherige Sichtweise auf die Göttinger Erklärung, als einen Ausdruck besonderer moralischer Integrität ihrer Verfasser, ablösen und die eigentlichen Motivlagen zum Vorschein bringen. Seine „…Analyse fokussiert daher zwar auch Personen und Kontexte, stellt jedoch erstmals das Manifest selbst in den Mittelpunkt der Betrachtung, macht es vom Neben- zum Hauptdarsteller“. (12) Seine „genauere Analyse der Göttinger Erklärung“, resümiert er am Ende der Arbeit, „hat gezeigt, dass diese Schrift sich unterschiedlichen Beweggründen verdankt, die eben keinesfalls nur altruistischer Provenienz, sondern durchaus auch selbstbezogen waren. Schon das auffällige Faktum, dass sie eine spezifische, nicht aber allgemeine Warnung vor den Gefahren der Atomtechnologie aussprach, macht sie dahingehend verdächtig“. (345)

Neben der ‚Entlarvung? der eigentlichen Motive der Unterzeichner ergibt sich als Ertrag der 400 Seiten Analyse, worauf die Göttinger Erklärung ihre Wirkung begründen konnte: „…in erster Linie durch ein harmonisches Zusammentreffen, eine fruchtbare Koinzidenz der gesellschaftlichen Situationen, des Erkennens eines Gelegenheitsfensters durch die Manifestanten und die im Manifest enthaltene Botschaft. … Die Voraussetzungen für die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit … und eine Reaktion durch die Politik liegen in der thematischen Brisanz, der Anwesenheit eines verwundbaren Kontrahenten und der angemessenen Seriosität der Manifestantenschaft“.(352) In der Einschätzung der tatsächlichen Wirkung zeigt sich Lorenz eher verhalten. Die Politik der Adenauer-Regierung sei nicht nachdrücklich beeinflusst worden. Eher habe die Erklärung die Rolle eingenommen, die einer politisch starken Opposition zugestanden hätte, wozu die SPD nicht in der Lage gewesen sei. Schließlich hätten die Unterzeichner mit der Erklärung das Unbehagen an der militärischen Nutzung der Kernenergie zweifelsfrei gestärkt, gleichzeitig aber den Boden für eine friedliche Nutzung bereitet: „So konnten sie die Protestenergien von der Reaktortechnologie zumindest in der ersten Phase des zivilen Widerstands abwenden und stattdessen monoton auf die Gegnerschaft zu Raketen, Bomben und Granaten atomarer Provenienz konzentrieren.“ (360)

Aufbau und Inhalt

Das Buch kommt mit zwei großen Kapiteln aus: „Das Manifest“ (33-171) und „Die Motive“ (173-331). Sie sind eingerahmt von einer knappen Einleitung und einem 30 Seiten „Fazit“. Bezüglich der Erfassung des Forschungsstandes beschränkt sich Lorenz eigentlich auf die Monographien von Elisabeth Kraus, der er eine „teils unkritische Zusammenschau von Eigenaussagen“ der Unterzeichner attestiert und von Alexandra Rese, deren „tiefer blickende Auseinandersetzung mit dem Thema“ dann allerdings in seinem Buch wenig expliziten Niederschlag findet. (10f.) Lorenz will zu den eigentlichen Motiven vorstoßen: „Denn bislang überwiegt hinsichtlich der Göttinger Achtzehn eine weitgehend kritiklose Erinnerungskultur.“ (26) An die Stelle von unbegründeten „Ovationen“ für die Unterzeichner will er mit historischer Forschung „einen verantwortungsvoll-kritischen Blick“ auf die Fakten werfen. Methodisch folgt die Analyse „einem interaktionistischen Ansatz, der das Untersuchungsobjekt aus dem wechselseitigen Zusammenspiel von Personen, politisch-gesellschaftlich-historischem Umfeld und dem strukturellen Rahmen der Handelnden heraus zu verstehen sucht“. (28) Für seine interpretierende Rekonstruktion des Manifests aus den Bezügen der Zeit heraus, sucht Lorenz in zwei Dimensionen nach stichhaltigen Belegen. Eine verbesserte objektive Darstellung der historischen, politischen Prozesse und der handelnden Akteure (erster Teil) sowie deren tatsächliche, vielschichtige Motivlagen (zweiter Teil) sollten die Begebenheiten um das Manifest und dessen Wirkung sichtbar machen.

Die Göttinger Erklärung wird im Umfeld der Souveränitäts- und Sicherheitspolitik von Adenauer und Strauß verortet. Lorenz bemerkt, dass der Zeitpunkt der Veröffentlichung im April 1957 nicht eine Aktion aus heiterem Himmel war. Das Manifest war als eine öffentliche Positionsbestimmung der deutschen Atomforscher lange gewünscht und durchaus geplant. Überhaupt ist es nicht das erste Dokument seiner Art. Vielmehr notiert Lorenz, dass mit der Mainauer-Erklärung von 1955 ein sehr verwandtes Dokument veröffentlicht wurde. Obwohl sich beide Texte sehr ähneln, war die Wirkung dieser Mahnung der Nobelpreisträger ungleich geringer. (46) Ebenfalls erwähnt wird das Vorgängerschreiben an Strauß und die Unterredung mit dem Verteidigungsminister. Den gewünschten Anlass für die öffentliche Erklärung lieferte dann erst der Kanzler mit seiner Äußerung, dass die taktischen Atomwaffen als „Weiterentwicklung der Artillerie“ eben doch nicht so gefährlich einzuschätzen seien. (50) Lorenz sieht die Ungeschicklichkeit in Adenauers öffentlicher Kommunikation, dessen grundsätzliche militärtechnologische Expertise er aber unterstreicht: „Naiv bei Adenauers Äußerung war folglich keineswegs sein genereller Umgang mit der Atomwaffenproblematik, sondern allenfalls seine Erwartung, damit die Öffentlichkeit beruhigen und in Sicherheit wiegen zu können.“(53)

Damit weicht Lorenz etwas von der gängigen Sichtweise auf diese Pressekonferenz von Adenauer ab und er gewinnt – zumindest scheinbar – offensichtlich eine Möglichkeit, die Reaktion der Manifestanten als trickreiche Unlauterkeit zu interpretieren. Immerhin seien diese – wie das Beispiel Heisenbergs zeige – selbst ja gar nicht „vor Verharmlosungen in Sachen Atomtechnologie gefeit“ gewesen. Im Gegenteil: ihr erklärtes Ziel war es doch die zivile Kernenergieforschung und -nutzung zu protegieren, wie im Buch dann vorwiegend im zweiten Teil aufgedeckt wird. Faktisch hätten sie den Fehler von Adenauer nur raffiniert ausgenutzt: „Die Authentizität von Heisenbergs Kritik an der euphemistischen Wortwahl des Kanzlers gehört folglich relativiert, erscheint gekünstelt und somit auch ein Stückweit kalkuliert. Auch ihm ließe sich unterstellen, die Öffentlichkeit aus persönlichen Interessen in die Irre zu führen.“ (54)

Bei seiner genaueren Befassung mit den „Manifestanten“ (64-80) kommen Lorenz dann verstärkte Bedenken, „dass sie ausnahmslos in außergewöhnlicher Weise für den Status verantwortungsbewusster und mit hohem Ansehen ausgestatteter Wissenschaftler qualifiziert waren“. (79) Immerhin ließe sich feststellen, dass diese Männer sich in der NS-Zeit mit dem Regime arrangiert hätten. Sie waren in der Forschung zu kriegerischen Zwecken aktiv, was sie doch in den 50ern Jahren so strikt ablehnen und hätten (wie z.B. Gerlach) „mit den schaurigsten Größen des nationalsozialistischen Regimes“ verkehrt. (71) Obwohl z. B. Heisenberg zu Gute zu halten sei, dass er nicht alle Chancen für Förderung ausnutzte (75), müsse doch erkannt werden, dass er, Hahn und die anderen Forscher doch die Wichtigkeit ihrer Arbeiten stets soweit betont hätten, wie das Interesse der der Machthaber wach gehalten werden konnte. Also auch hier zeige sich eher die Raffinesse dieser verschworenen Community als eine besondere „moralische Tauglichkeit“ (77) Lorenz orientiert sein Urteil hier an Mark Walker, der von der „Kontinuität des Zwiespalts“ spricht. (Ebd.) Im Kern wären die eigenen Karriereinteressen im Vordergrund gestanden: „Die Heisenberg-‚Clicque? war schon während des Zweiten Weltkriegs in deutschen Atomforscherkreisen als eine elitäre Aktionseinheit dafür bekannt, Außenstehende nicht ernst zu nehmen, potentielle Rivalen auszugrenzen und deren Karrieren zu ruinieren, die eigenen Interessen dagegen mit kühler Effektivität durchzusetzen.“ (68)

Bezüglich der „Folgen des Manifests“ (81-120) konstatiert Lorenz „…einen Einfluss auf den nachfolgenden Wahlkampf“. (89) Auch sieht er Anhaltspunkte dafür, dass die Ablehnung der atomaren Bewaffnung in der öffentlichen Meinung Zuspruch fand. (97) Die Parteien, Gewerkschaften und Kirchen befassten sich – zumindest unter Bezugnahme auf die Erklärung – verstärkt mit der Frage der Weltgefährdung durch atomare Waffen, so dass die Göttinger Erklärung „ein wichtiger Schritt in der ‚Karriere? dieses Themas gewesen“ sei. (106) Nicht zuletzt könne die nachhaltige Wirkung durch die Gründung der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler 1959 und anderer Entwicklungen, die als Veränderung des Wissenschaftsbereiches verstanden werden können, festgemacht werden. (108f.) Und auch den Medien wäre zu ihrer eigentlichen „Rollenausübung“ verholfen worden. Nahezu schwärmerisch lobt Lorenz die Göttinger Erklärung schließlich als Vordenker-Papier für ein Nichtverbreitungsregime für Atomwaffen: „Aus heutiger Perspektive präsentiert sie sich dadurch als ungemein fortschrittlich, zukunftsgewandt und realitätsangemessen. … Die Grundgedanken der Göttinger Erklärung – der Verzicht auf nukleare Rüstung sowie im Gegenzug die Förderung von friedlicher Kernenergienutzung – kodifizierte 1968 der Atomwaffensperrvertrag.“ (121)

In der Bewertung ist Lorenz dann aber doch sehr kritisch. Die Unterscheidung zwischen gefährlicher atomarer Waffentechnik und Fortschritt bringender Energieerzeugung durch Kernspaltung diskreditiert in seinen Augen das ganze Vorhaben und seine Akteure grundsätzlich: „In keiner Weise warnte die Göttinger Erklärung vor den generellen Gefahren atomenergetischer Kräfte wie z.B. die immense Radioaktivität, die im Zuge jedweder atomarer Energiegewinnung freigesetzt werden konnte. Und sie stemmte sich auch nicht gegen die zum Teil leichtsinnige und nicht zuletzt träumerische Euphorie eines vorgeblich bevorstehenden Atomzeitalters, sondern bestärkte die Menschen im Glauben an die heilsbringende Kraft der Nuklearenergie. Warum auch nicht, waren doch die Urheber Protagonisten und Profiteure eben dieser Vision.“ (167) Es ging Hahn, Heisenberg, Weizsäcker und Co. also um die richtige Ablehnung der Menschen von Atomwaffen und um die nötige Zustimmung zur Kernenergieforschung und -entwicklung? Dafür wären die Forscher bereit gewesen, letztlich bedenkenlos zu agieren: „Um diese begehrte Konnotation zu erreichen, der Bevölkerung die Atomangst gleichsam exorzistisch auszutreiben, um ihrem Arbeits- und Karrierefeld letztlich gesellschaftliche und politische Wertschätzung zu verschaffen, verzichteten die Manifestanten auf eine ausgewogene Warnung vor denen ihnen wenigstens teilweise geläufigen Risiken der Kernkraft im Allgemeinen.“ (169)

Es verwundert angesichts dieser Einschätzung nicht, dass Lorenz seine Motivanalyse als schonungslose Dekonstruktion des öffentlichen Ansehens der Unterzeichner der Göttinger Erklärung ausführt. Auf etwa 160 Seiten entwickelt er, dass die Motivlagen der Beteiligten höchst unterschiedlich ausgelegt waren. Von einer Gruppe besonders integrer und selbstlos der höheren Moral und dem Allgemeinwohl verpflichteter ‚Heiliger? kann – folgte man Lorenz – sicherlich nicht die Rede sein. Vielmehr mussten die Atomforscher offensiv in außenpolitische, internationale Dimensionen und innenpolitisch auf Reputationsgewinn hinwirken, wollten sie die Restriktionen gegenüber ihren Forschungsgebieten aufheben. Es galt die Bedenken der internationalen wissenschaftlichen Gemeinschaft gegenüber den vermeintlichen Rüstungsforschern Hitlers ebenso aufzubrechen, wie die Skepsis von nationaler Regierung und Wirtschaft gegenüber den Erfolgschancen einer deutschen Nuklearindustrie zu beseitigen.

In prägnanter Bildsprache formuliert Lorenz zur Situation nach dem Krieg für die deutschen Kernphysiker: „Eine Elite in Wartestellung“ (220). Und es handelte sich um eine Elite „…die sich in den 1950er Jahren noch inmitten ihrer Karrieren…“ befand und auf der internationalen Atomenergiekonferenz in Genf 1955 doch auch erfahren musste, dass sie als deutsche Wissenschaftler weitab hinter der Entwicklungen hinterherhinkten. Dass ehemalige Weltstars der Physik, wie Heisenberg, dies als unangemessen empfunden haben mögen, wird deutlich. Und Lorenz zeichnet nach, wie umfangreich und professionell die politische Einflussnahme der Wissenschaftler in der Bundesrepublik ausfiel, die schließlich nur dann öffentlich protestiert hätten, als es für ihre Sache unbedingt nötig schien. Das Göttinger Manifest entpuppt sich in der Lesart von Lorenz als – zugegeben wirksamer – Stein in einer groß angelegten PR-Strategie für friedliche Kernenergienutzung und zur Reinwaschung der deutschen Physiker von den dunklen Schatten der braunen Vergangenheit. (vg. z.B. 215ff.) In den Methoden wären die Akteure dabei nicht davor zurückgeschreckt, erfolgreiche Interventionsmuster und Seilschaften aus der Zeit des III. Reiches auf die Bonner Republik zu übertragen. (vgl. 67f.)

Im Kern will Lorenz durch sein Buch belegen, dass die Göttinger Erklärung nicht als Ausdruck interesseloser Humanität und makelloser Weltweisheit überhöht werden dürfe. Sie wäre ein erstaunlich professionell erarbeitetes und geschickt eingesetztes politisches – und damit interessegeleitetes Papier – das die öffentliche Meinungsbildung zu Gunsten der Auffassung der Unterzeichner und zu deren persönlichem Nutzen nachhaltig beeinflussen wollte. Die besondere Wirkung erkläre sich deshalb auch nicht aus der besonderen Würde von Text und Unterzeichnern, sondern durch die optimierte Zusammenkunft von dienlichen Faktoren des Gelingens. In der Tat, so wird auch deutlich, kann und wird auf diesem Wege nicht nur ‚gute? Wirkung erzielt, sondern – auf der Basis ihrer vermeintlich neutralen wissenschaftlichen Autorität – gelänge es den Forschern sich als überaus erfolgreiche Lobbyisten für eine deutsche Atomindustrie zu betätigen.

Die Pro-Atomkraft-Position ist für Lorenz zweifelsfrei eine ‚böse? Wirkung eines somit unlauter verschafften politischen Einflusses der „Heisenberg-‚Clique?“.

Dies muss nunmehr zur kritischen Diskussion der Schlussfolgerungen von Lorenz, seiner Argumentation und seiner Untersuchungsmethode führen.

Diskussion

Es ist vieles sehr verwunderlich an der Arbeit von Lorenz. Zunächst gilt dies für die hauptsächlichen Ergebnisse seiner Dissertation. Er wendet sich gegen eine mögliche Beurteilung der Göttinger Erklärung als unantastbares Werk von moralischen Lichtgestalten der Wissenschaft. Der Gestus seiner Analyse gerät dabei zum Plädoyer eines Staatsanwaltes, der die Schuldigen überführt hat.

Lorenz bleibt aber selbst schuldig anzuzeigen, wer da auf der Anklagebank sitzen sollte. Sind es die verstorbenen Akteure selbst? Dann geht der Schwall von Häme doch ins Leere, denn diese haben jedenfalls dergleichen göttlichen Status nicht für sich in Anspruch genommen. Und ganz gewiss haben sie nie in Zweifel gelassen, dass sie – als entschiedene Befürworter der Kernenergie – für deren wissenschaftliche Erforschung und technische Nutzung kämpfen wollten.

Carl Friedrich von Weizsäcker positioniert sich selbst nachweislich bis zu seinem Vorwort in Meyer-Abich/Schefold – Die Grenzen der Atomwirtschaft (veröffentlicht knapp vor der Tschernobyl-Katastrophe) – als Befürworter der Kernenergienutzung. Am 30. November 1985 schreibt er dann erstmals: „Unter dieser Voraussetzung trete ich nunmehr entschieden… gegen die Kernenergie als Hauptenergiequelle ein. … Ich kann und will nicht ausschließen, dass in einer ferneren Zukunft die Kernenergie der Menschheit noch wichtige Dienste leisten wird.“ Und auch hier bleibt er moderat in seiner Ablehnung, wie noch später in einer turbulenten Anhörung zur WAA in Neuburg vorm Wald am 19. Juli 1988. Die Feststellung, er habe eigentlich die weitere Erforschung der Kernenergienutzung als einen Beweggrund für die Göttinger Erklärung im Hinterkopf gehabt, ist einfach banal.

Für die anderen Unterzeichner gilt das in ähnlichem Maße. Lorenz verfolgt nicht wirklich die energie- und wissenschaftspolitische Argumentation der Forscher. Ihm genügt es nachzuweisen, dass sie diese Interessen in sich trugen, um ihre persönliche Integrität zu negieren. Auch wenn er die vorhanden Quellen nutzt – wie im Falle der detaillierten Analyse von Peter Fischer („Atomenergie und staatliches Interesse: Die Anfänge der Atompolitik in Deutschland 1949-1955“ von 1994) bleibt er die Antwort schuldig, inwiefern er über die dort niedergeschriebenen Erkenntnisse hinausgehen würde. Jedenfalls ist die atompolitische Lobbyarbeit („Werbefeldzug“ S. 65) von Heisenberg bei Fischer wesentlich intensiver belegt und erklärt als bei Lorenz selbst.

Lorenz bleibt weiterhin schuldig zu belegen, dass im bisherigen Schrifttum zur Göttinger Erklärung eine kritische Sichtweise nicht angelegt worden wäre. Die von ihm berücksichtigte Arbeit von Rese tut dies umfangreich und auf detaillierter Quellenbasis. In den Ergebnissen kommt Lorenz nicht über den Stand von Reses Forschung hinaus. Leider bearbeitet er das einschlägige Schrifttum auch nicht vollständig. Sonst hätte er in der außerordentlich kenntnisreichen Dissertation Ilona Stölken-Fitschen aus dem Jahre 1995 ein differenziertes und detailliertes Bild des historischen und kulturellen Umfeldes der Erklärung finden können, die seine, dagegen eher schmale, Bestandsaufnahme der Zeitgeschichte gewinnbringend ergänzt hätte. Auch hätte er in einem umfangreichen Abschnitt über die Göttinger Erklärung gelesen: „Vieles spricht dafür, dass der Erklärung der Göttinger neben dem Wunsch nach nüchterner Aufklärung ganz handfeste politische und wissenschaftspolitische Motive zugrunde gelegen haben.“ (Atombombe und Geistesgeschichte, 1995, S. 211) Dieselbe Autorin schreibt 2008 in dem Aufsatz „Wissenschaftler im politischen Diskurs. Die Göttinger Erklärung – eine Fallstudie“ sehr kritisch, dass „die politische Verantwortung, die sich in der Göttinger Erklärung niederschlägt, aber nur halbherzig und letztlich auch unaufrichtig“ geblieben sei. (in: Stephan Albrecht u. a., Zur Verantwortung der Wissenschaft – Carl Friedrich von Weizsäcker zu Ehren, 2008, S. 78). Die strategische Vorbereitung der Erklärung, die Verbindung zum Mainauer Manifest, den fehlgeschlagenen Versuch und die Diskussion mit Strauß sowie die Unterredung im Kanzleramt mit dem vorbereiteten und dann veränderten Statement hat der Verfasser dieser Rezension ausführlich beschrieben und belegt. (Ulrich Bartosch, Weltinnenpolitik, 1995, S. 62-90.) All dies wird von Lorenz nicht zur Kenntnis genommen.

Viel unangenehmer als die angeführten handwerklichen Fehler in der Literatur- und Quellenrecherche fallen jedoch die unwissenschaftlichen Argumentationen und Schlussfolgerungen ins Gewicht. Die moralische Aburteilung der Unterzeichner durch Lorenz verletzt die Grundlagen wissenschaftlicher Lauterkeit. Einige Passagen, die diese schweren Vorwürfe gegen die Arbeit rechtfertigen, seien dokumentiert.

So kommentiert Lorenz die Teilnahme von Gerlach an der Unterredung im Kanzleramt 1957 folgendermaßen: „Für Gerlachs Einladung hatte Hahn gesorgt. Kein Wunder, schließlich hatte Gerlach als Beauftragter des ‚Reichsmarschalls? für Kernphysik vor 1945 schon mit Göring, Himmler und anderen Funktionsträgern des ‚Dritten Reiches? Konversation gehalten und Korrespondenz gepflegt, war mit hochrangigen Politikern bereits unter ganz anderen Umständen zusammengetroffen. Mit seiner Erfahrung war er insoweit von allen Achtzehn mit einer solchen Situation am ehesten vertraut. Ein Mann, der noch am 22. März 1945 im schwer umkämpften Berlin, lange vor seinem Besuch im Palais Schaumburg 1957, den Führerbunker zur Unterredung mit Hitlers Adlatus Martin Bormann aufgesucht hatte, würde sich aller Voraussicht nach von einem Adenauer nicht schrecken lassen.“ (58) Was soll der Leser daraus ableiten? Oder besser gefragt: was schließt daraus der objektive Analytiker Lorenz der die Zeilen niederschreibt? Offensichtlich sieht er sich mit der Leserschaft in schweigender Übereinkunft zu den nötigen Schlussfolgerungen. Ausgesprochen werden sie nicht.

Eine Charakterstudie zu Heisenberg lässt ebenfalls an der Interpretationsmethode von Lorenz zweifeln: „Auch in anderen Fällen konnte Heisenberg resolut und konfliktbereit sein, wenn es darum ging, die oberste Kompetenz zu beanspruchen. Keine Sekunde dachte er bspw. daran, sich während der NS-Diktatur der offiziellen Autorität, dem Bevollmächtigten für Kernphysik im Reichsforschungsrat, Prof. Dr. Abraham Esau – einem Frequenzspezialisten –, unterzuordnen. Heisenbergs Mitarbeiter boykottierten Esaus Atomkonferenz. Offenbar reichte Heisenbergs Verdruss über Esau derart weit, dass sich die Spitze der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft bei Hermann Göring für eine Ablösung des Bevollmächtigten und eine Klärung des zur ‚Sache Heisenberg – Esau? eskalierten Konflikts einsetzte. Heisenberg wollte selbst entscheiden, wann und mit welchen Materialien und Verfahren der Bau eines Reaktors zu beginnen habe. Auch später lässt sich dieses renitente Verhalten nachweisen. In der Anfang 1952 gegründeten DFG-Kommission für Atomphysik erhielt Heisenberg zwar den Vorsitz, doch weigerte er sich, Wolfgang Gentner, einen ebenso begabten wie selbstbewussten Kollegen in das Gremium zu berufen.“ (314)

Es ist schon abenteuerlich, wie Lorenz hier argumentiert. Ist ihm sonst die Kooperation innerhalb der Strukturen des nationalsozialistischen Deutschlands suspekt, wird nun die Widerständigkeit als „Renitenz“ entlarvt, die sich später im demokratischen Umfeld bestätigt. Daraus scheint ihm eine charakterliche Bewertung von Heisenberg ableitbar. Man muss sicherlich nicht der differenzierten – aber eindeutig Heisenberg positiv zugewandten – Darstellung von Thomas Powers (Heisenbergs Krieg, 1993, 444ff.) zu diesen Fragen vorbehaltlos zustimmen, aber doch wenigstens berücksichtigen müsste man, was dort an Argumentation im Zusammenhang mit Esau und auch mit Kurt Diebner vorgelegt wird. Kritisch wären dann auch die Arbeiten von Paul L. Rose – nun gegenteilig Heisenberg negativ abgewandt – (Heisenberg und das Atombombenprojekt der Nazis, 2001) und die umfangreich Heisenberg-Biographie von David C. Cassidy (Werner Heisenberg. Leben und Werk, 1995) heranzuziehen gewesen.

Der offensichtlich liebste Angriffspunkt für Lorenz ist Carl Friedrich von Weizsäcker, den er häufiger als „Freiherrn“ adressiert. („der ausdauernde Freiherr“, 127 ) Er identifiziert Weizsäcker als wesentlichen Motor der Erklärung und deren „größter Profiteur“ (263):„Innerhalb des Atomforscherkreises schwang er sich in dieser Zeit, begünstigt durch den krankheitsbedingten Rückzug Heisenbergs, zum Wortführer und Antreiber auf.“ (127) In der Wahrnehmung fügt sich ein vermeintlich schlüssiges Bild von Weizsäcker zusammen, „…der von Jugend an einen treffsicheren Blick für lukrative Karrieresituationen besaß“. (286) Für Lorenz ist „das persönliche, ganz individuelle Motiv v. Weizsäckers“ sein Drang nach „internationaler Anerkennung und Prominenz“ (288). Statt eines „unbefriedigten Daseins als zweitrangiger Nuklearforscher“ konnte Weizsäcker, so Lorenz, sein Leben dann „als der Besondere unter den Herausragenden“ beenden. (287) Der Autor weiß auch warum: „ Carl Friedrich v. Weizsäcker – so gilt es festzuhalten – handelte karrieristisch äußerst geschickt, wusste sich ihm bietende Gelegenheiten zielsicher zu nutzen und daraus beruflich Kapital zu schlagen. Dabei nutzte er die Vorteile seiner vielseitigen Vita…“. (284)

Welche wissenschaftlichen Schlüsse den Autor zu dieser Analysemöglichkeit führen, bleibt dem Leser verborgen. Aber das ist für dessen Urteil auch nicht wichtig. Das Ergebnis selbst scheint für Lorenz genug Beweis, dass die von ihm unterstellte Motivlage auch vorliegt: „Von Weizsäckers Kalkül schien aufzugehen. Im Zuge der Göttinger Erklärung avancierte er zum ‚Inhaber‘ des Themenfeldes Kernwaffen und Friedenspolitik.“ (276) Lorenz will darin auch gleich die karrieristische Geschicklichkeit belegt sehen. Schließlich besetzt Weizsäcker das „…personelle Vakuum an kundigem Sachverstand…“ in diesem Bereich, als eigene „…Karrierenische, die sich v. Weizsäcker lange Zeit ersehnt hatte…“ (276) Laut Lorenz „witterte er mit einem gewissen Gespür für karrieristisch lukrative Problemkomplexe und das öffentliche Interesse die enorme politische Brisanz des Themas Atomwaffen…“ (272)

Überhaupt erklärt sich Lorenz alles und jedes in Weizsäckers Verhalten durch dessen „karrieristisches Gemüt“ (266). Und offensichtlich sieht Lorenz eine Karriere in der Naturwissenschaft, resp. der Physik erst in einem Nobelpreis realisiert. Weil Weizsäcker nicht auf den Nobelpreis rechnen konnte, musste er demzufolge seiner Nachrangigkeit durch einen Fachwechsel entfliehen. Die anerkannte Stellung als Physiker erwähnt Lorenz zwar, („…kein Unbedeutender innerhalb seiner Zunft; mehrere Male scheint er dem Nobelpreis ganz nahe zu sein…“; 264), aber er kann sich aus irgendwelchen Gründen ganz sicher sein, dass dieser Status Weizsäckers „Karriereinteresse nicht befriedigen“ (264) konnte. Lorenz weiß ohnehin, dass Weizsäcker – wie könnte es anders sein, möchte man ergänzen – die Physik letztlich nur gewählt hat, weil sein “begieriger Hunger auf eine große Karriere und öffentliche Geltung“ der „verheißenden Behauptung“ von Heisenberg folgt, „in der Physik erreiche man die beachtlichsten Leistungen vor dem dreißigsten, in der Philosophie allerdings erst nach dem fünfzigsten Lebensjahr“ (266f.) Völlig unbeachtet bleibt von Lorenz, dass Weizsäcker sich bis in seine letzten Lebensjahre der Interpretation der Quantenphysik widmet und damit neben den friedenspolitischen und philosophischen Themen im Kernbereich physikalischer Theoriebildung tätig bleibt. Völlig außerhalb der ‚objektiven Erklärungen‘ des Wissenschaftlers Lorenz bleibt die Möglichkeit, dass Weizsäcker tatsächlich ethischen Motiven gefolgt und moralisch gehandelt hätte. Oder positiv gesprochen: er gesteht dergleichen Weizsäcker nur zu, wenn es seinen Karriereinteressen genützt hätte.

Die mögliche Legitimation für die geradezu richterliche Funktion, die sich der Autor zuerkennt scheint in seiner Enttäuschung zu gründen, dass sich die erwähnten Physiker nicht für eine grundsätzliche und generelle Beendigung der Atomforschung und Atomenergienutzung ausgesprochen haben. In seinem Fazit holt Lorenz zum finalen Vernichtungsschlag gegen die Unterzeichner der Göttinger Erklärung aus. Er stellt – wie eingangs beschrieben – fest, dass diese eine strenge Unterscheidbarkeit zwischen militärischer und friedlicher Kernenergienutzung beabsichtigt hätten. Dafür hätten sie einen Feldzug der öffentlichen Meinungsbildung geführt und die „Göttinger Erklärung war insofern – zugespitzt – Kulminationspunkt einer von langer Hand geplanten Public-Relations-Maßnahme der bundesrepublikanischen Atomwissenschaftler“ (338). Es wäre also gar nicht um die Fragen von Krieg und Frieden, um „moralische Orientierung“ (339) nach Hiroshima und Nagasaki gegangen, sondern um handfeste Geschäfts- und Forschungsinteressen, die von extrem ehrgeizigen und überheblichen Meinungsführern der Wissenschaft – so lässt sich das von Lorenz gezeichnete Charakterbild der Atomforscher zusammenfassen – geradezu gewissenlos verfolgt worden seien: „Die Risiken der zivilen Nutzung verschwiegen sie bewusst; zumindest war ihnen in diesem Punkt wenig an weitblickender Verantwortungsübernahme oder schonungsloser Aufklärung gelegen, sondern an der Absicherung ihres Interesses an ziviler Kernenergieforschung. Ohne Zweifel wären die achtzehn Manifestanten für die vom nahenden Atomausstieg bedrohten Kraftwerksbetreiber, ja für alle Atomkraftbefürworter der Gegenwart perfekte Apologeten und enthusiastische Werber gewesen.“ (338f.)

Dieser Absatz entlarvt weniger die Göttinger Unterzeichner, als den Verfasser der Dissertation. Der erste Teil verstärkt eine Selbstverständlichkeit mit einer schlichten Unterstellung amoralischen Handelns.

Um die Affinität der Atomforscher zu einer nationalen Kernenergieforschung auf der Basis wissenschaftlicher Analyse zu verstehen, ist es daher besser z.B. die Originaluntersuchung von Joachim Radkau zur Entwicklung der deutschen Atomwirtschaft von 1983 zu lesen oder die Selbstzeugnisse der Betroffenen. Es trifft zu, dass Heisenberg, Weizsäcker u.a. die Gefahren der friedlichen Atomkraftnutzung aus unserer heutigen Position nicht ausreichend betrachtet, kritisch erkannt und diskutiert haben. Sie waren dabei im Konsens mit der Mehrheitsmeinung ihrer Zeit. Und sie waren sehr interessiert ihre nationale Expertise in den internationalen Wettbewerb um die wissenschaftlich-technische Entwicklung konkurrenzfähig einzubringen. „Atoms for Peace“ (224f.) erschien vielen Zeitgenossen eben auch als „Schwerter zu Pflugscharen“- Programm. Dies entschuldigt nicht, dass diese klügsten Köpfe nicht auch die gefährlichen Seiten ihres Bestrebens mit schonungsloser Kritik und voller Verantwortung bedacht haben. Hier ist in der Tat eine verdienstvolle Seite der Arbeit von Lorenz, dass er in seiner Zusammenschau gut nachvollziehbar macht, wie die Verengung der Expertengruppe auf die Kritik an der militärischen Nutzung funktionieren konnte. Dies könnte und sollte ein Ansatz für eine nachhaltig kritische Befassung mit den als objektiv formulierten Argumenten der Atomforscher und derer tatsächlicher subjektiver historischer Bedingtheit sein.

Lorenz benötigt aber die moralische Diskreditierung der Unterzeichner, um seine Unterstellung für deren vermutliches Verhalten in der Gegenwart als Tatsache einführen zu können. („Ohne Zweifel…“) Lässt man mal außer Acht, dass nicht jeder Atomkraftbefürworter ein Mensch ohne Moral sein muss, wie Lorenz ‚subkutan‘ einflicht, dann bleibt doch immer noch das Faktum, dass die Entscheidung für oder wider Atomkraft auch eine zeitabhängige Komponente besitzt. Wie sich die Unterzeichner unter heutigen Gesichtspunkten verhalten hätten, kann einfach nicht sicher geschlossen werden. (Weizsäcker z. B. ist ja – wie oben erwähnt – von seiner entschiedenen Befürwortung der Atomenergienutzung später abgerückt.)

Lorenz ficht dergleichen nicht an. Einmal ohne Moral, dann immer ohne Moral, scheint er vorauszusetzen. Und die Moral, das steht sowieso fest, ist auf der Seite der Kernenergiegegner. Man darf vermuten, dass sich Lorenz immer auf der richtigen Seite befunden hat und befindet. Irgendwie ist es auch das Recht der nachfolgenden Generationen aus ihrer Haltung heraus zu werten. Das mag ihn aus seiner Sicht ermächtigen, andere Personen moralisch zu diskreditieren. Auf eine wissenschaftliche Legitimation für eine charakterliche Hinrichtung der Göttinger Unterzeichner darf er sich allerdings deshalb nicht berufen.

Fazit

Man kann einem jungen Wissenschaftler nicht verübeln, dass er mit Blick auf seine eigenen Karriereinteressen ein polarisierendes Buch schreibt, in dem er verstorbene Größen der Wissenschaftsgeschichte attackiert und vom Sockel stoßen möchte. Es enttäuscht aber maßlos, wenn an die Stelle von wissenschaftlicher Argumentation eine Folge von Diskreditierungen, Unterstellungen und häufig impliziten Verunglimpfungen treten. Völlig unverständlich wird dieses Vorgehen, wenn sich dem Leser aufdrängt, dass als Basis für diese Angriffe und Verurteilungen eine vermeintlich moralisch untadelige eigene atomkritische Position des Verfassers dient. Offensichtlich sieht sich Lorenz durch eine Geschichtsschreibung getäuscht, die die ‚wahren‘ atompolitischen Machenschaften der Göttinger 18 und vor allem von Gerlach, Heisenberg und v. Weizsäcker verdeckt und deren Motive moralisch überhöht hat. Im Kern vermutet er diese Historiographie vielleicht als Werk der Genannten selbst, was ihm zu erlauben scheint, mit Häme an diese vermeintlich unlauteren Zeitgenossen heranzutreten. Man kann sich also insgesamt des Eindrucks nicht erwehren, dass Lorenz in eine Schlacht zieht, um jene Drachen zu bezwingen, die seiner eigenen Vorstellung und Phantasie geschuldet sind.

Hätte der Doktorand die vorhandene Literatur und Quellenlage sorgsam studiert, hätte er ein differenziertes Bild der Akteure gewinnen können. Der sehr interessante methodische Zugang, die Göttinger Erklärung als Manifest aus den Bezügen der Zeit heraus – gleichsam als Archäologe – zu rekonstruieren, wäre dann zum Tragen gekommen. Die Entdeckerfreude darüber, dass Personen und Motive nicht so gewesen sind, wie sie einem selbst und Teilen der Öffentlichkeit bisher erschienen waren, ist als persönliche Erkenntnis zu respektieren. Wissenschaftliche Arbeit würde aber verlangen, die Originalität eigener Überlegung mit den bisher vorgelegten zahlreichen Ergebnissen der Forschung zumindest abzugleichen.

Das Erstlingswerk von Lorenz ist provokant, selbstbewusst, auch überheblich im moralischen Urteil und deshalb lesenswert. Dass in Zeiten der kritischen Blicke auf Dissertationen an deutschen Universitäten gerade diese Arbeit von Robert Lorenz als wissenschaftlich vorbildlich ausgezeichnet wird, ist aber unverständlich und stimmt nachdenklich.


Rezensent
Prof. Dr. Ulrich Bartosch
Professur für Pädagogik an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt

Vorsitzender der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler e.V. (VDW) seit 2009; Mitglied im Team deutscher Bologna-Experten des DAAD (2007-2013); ehem. Vorsitzender des deutschen Fachbereichstages Soziale Arbeit (2006-2012)
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Zitiervorschlag
Ulrich Bartosch. Rezension vom 14.11.2012 zu: Robert Lorenz: Protest der Physiker. Die »Göttinger Erklärung« von 1957. transcript (Bielefeld) 2011. ISBN 978-3-8376-1852-5. Studien des Göttinger Instituts für Demokratieforschung zur Geschichte politischer und gesellschaftlicher Kontroversen. Herausgegeben von Franz Walter, Band 3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/11973.php, Datum des Zugriffs 29.07.2016.


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