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Nilüfer Keskin: Probleme der Integration türkischer Migranten [...]

Cover Nilüfer Keskin: Probleme der Integration türkischer Migranten der zweiten und dritten Generation. Ein Vergleich der Integrationslage türkischer Migranten in Deutschland, Großbritannien und Australien. Tectum-Verlag (Marburg) 2010. 173 Seiten. ISBN 978-3-8288-2392-1. 24,90 EUR, CH: 38,10 sFr.
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Ein erziehungswissenschaftlicher Blick über den „Tellerrand“

„Migrantenjugendliche wollen aber vielleicht nicht unbedingt zu einem ‚Hans‘ oder ‚Mehmet‘ werden, sondern einfach sich selbst leben können“, denn es ist nicht das „Fremdsein“, das ihnen Probleme bereitet, sondern die Verweigerung der Chance, sich selbst entwickeln zu können. Es sind nicht selten Tautologien und eigentlich Selbstverständlichkeiten, die individuelle Identitäts- und gesellschaftliche Integrationsprobleme schaffen (vgl. dazu auch: Eveline Viehböck / Ljubomir Bratić, Die Zweite Generation. Migrantenjugendliche im deutschsprachigen Raum, Innsbruck 1994, S. 6). Und doch: Im lokalen und globalen gesellschaftlichen Diskurs klaffen der Anspruch von der Einheit der Menschheit in ihrer Vielfalt, wie er etwa in der von den Vereinten Nationen 1948 proklamierten Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte grundgelegt ist, und die Wirklichkeit der Ungerechtigkeiten, Ethnozentrismen und Rassismen weit auseinander. Es sind nicht zuletzt die Sozialwissenschaften, die Soziologie, Politologie, Kulturwissenschaft und Pädagogik. Es sind immer wieder Notizen auf den jeweils zweiten Seiten der Tagespresse, die die Unterschiede verdeutlichen: „Viele Migranten mit Hartz IV. Berlin, kna: Während der Ausländeranteil in Deutschland insgesamt weit unter zehn Prozent liegt, haben 20,1 Prozent aller Hartz-IV-Empfänger keinen deutschen Pass… Als Begründung führt die Bundesagentur für Arbeit (BA) an, dass die Betroffenen häufiger ohne Schulabschluss seien und ihnen oft eine Berufsausbildung fehle“.

Entstehungshintergrund und Autorin

Wissenschaftliche Untersuchungen, Analysen und Forschungsberichte über Ursachen des Scheiterns, aber auch des Gelingens von Migrations- und Integrationsprozessen füllen mittlerweile ansehnliche Bibliotheksregale; und die Migrationsforschung hat sich im wissenschaftlichen Mainstream als überwiegend fächerübergreifende und interdisziplinäre Disziplin etabliert. Der inter- und transkulturelle Blick über den nationalen und eurozentrierten Tellerrand hingegen ist, zumindest in der deutschen Forschungslandschaft, seltener.

Nilüfer Keskin (geb. 1976), die an der Universität Dortmund Erziehungswissenschaften mit den Schwerpunkten Soziale Dienste, Randgruppen- und Kulturarbeit studierte und derzeit als Migrationsberaterin am Multikulturellen Forum in Lünen/NRW tätig ist, vergleicht in ihrer Dissertation über Probleme der Integration türkischer Migranten der zweiten und dritten Generation individuelle und strukturelle Bedingungen in Deutschland, Großbritannien und Australien. Dass in doch zunehmendem Maße Menschen mit Migrationshintergrund, wie die Autorin, in dieser Spannweite von Integration und Assimilation sich auf eine wissenschaftliche Suche nach den eigenen Wurzeln und ihrer individuellen und gesellschaftlichen Identität machen und exemplarisch dafür arbeiten, „Integration und Partizipation der Neuzuwanderer zu erleichtern“, ist als ein wertvoller Dienst an und für die Gesellschaft zu werten.

Aufbau und Inhalt

Nilüfer Keskin gliedert ihre Vergleichsstudie neben der Einleitung und Begründung der Zielsetzung der Arbeit sowie der Auswahl der Zielgruppen in drei Bereiche:

  1. „Migration in Deutschland“,
  2. „Migration in Großbritannien“ und
  3. „Migration in Australien“

und schließt sie mit einer Ergebnisanalyse ab. Dabei legt sie den Schwerpunkt ihrer Analyse auf die Darstellung, wie sich kulturelle Differenz in den drei Ländern und Gesellschaften konstituiert, sich in Bildungs- und Erziehungsvorstellungen zeigt und dadurch integrationsfördernd oder -behindernd wirkt.

In der kurzen Darstellung der Geschichte der türkischen Immigration in Deutschland wird die bis heute wirkende Unsicherheit über politischen und gesellschaftlichen Auffassung deutlich, ob Deutschland ein Einwanderungsland ist oder nicht. Zwar wird mit der unzureichenden und unzulänglichen Einführung des Zuwanderungsgesetzes von 2005 mit dem Prinzip „Fördern und Fordern“ ein Perspektivenwechsel vollzogen; doch es ist immer noch die Defizit-Wahrnehmung im dreigliedrigen Schulsystem, wie im gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Diskurs, die die Chancenungleichheit zementiert und Diskriminierungen schafft.

Die türkische Community in Großbritannien umfasst rund 150.000 Personen, die größtenteils in den Städten, vorwiegend in London leben und arbeiten. Aufgrund der - ursprünglich - freizügigeren Einwanderungspolitik war es relativ leicht möglich, in das Land einzureisen und die Familien nachkommen zu lassen. Jedoch die zunehmende Gettoisierung und Abschottung der Zugewanderten trägt, nicht zuletzt angeheizt durch den zunehmenden Rassismus in Großbritannien, dazu bei, dass sich die Identitätsfindung von Jugendlichen türkisch(zyprischer) Abstammung schwierig gestaltet, bis hin zu der aufsehenserregenden Zunahme von Suizidfällen. Die Autorin stellt in ihrer Analyse, ausgenommen zum letztgenannten Aspekt, sowohl bei der schulischen, als auch der außerschulischen Entwicklung der türkischen MigrantInnen in Großbritannien ähnliche Konstellationen fest.

Eine andere Situation stellt sich in dem dünnbesiedelten und traditionell auf (weiße) Einwanderer angewiesenem Vielvölkerkontinent Australien dar. Nach der offiziellen Statistik leben derzeit unter den rund 20 Millionen Einwohnern Australiens etwa 70.000 Menschen türkischer Herkunft. Auch wenn die zahlenmäßig weniger bedeutsamen türkischen Einwanderer nach Australien zu berücksichtigen sind, fällt der Autorin doch auf, dass die Benachteiligungen und Diskriminierungen von (weißen!) Minderheiten in der multikulturellen Gesellschaft dort erheblich weniger augenfällig sind als in Deutschland und Großbritannien; dazu trägt nicht zuletzt das offenere und fördernde Schulsystem bei

Fazit

„Who wants to stay in Britain has to be British„; diese Einstellung, die hinweist auf Forderungen nach Assimilation und nicht Integration, findet sich im Mainstream Deutschlands - und auch in dem Australiens. Eine Ausnahme stellt dabei lediglich die kanadische Gesellschaftspolitik dar, die von der Autorin jedoch nur andeutungsweise thematisiert wird. Bei allem Vorbehalt von Kategorisierungen, die zudem darauf ausgerichtet sind, Typisierungen in diesem komplexen Feld von Anpassung und Widerstand vorzunehmen, lassen sich doch beim Vergleich von typischen Verhaltensweisen und Einstellungen von türkischen Jugendlichen mit Migrationshintergrund gegenüber denen von deutschen Jugendlichen einige Merkmale erkennen, wie

  • türkische Jugendliche erhalten (im allgemeinen) weniger emotionale Unterstützung durch ihre Familien als deutsche Gleichaltrige,
  • das Selbstwertgefühl ist bei türkischen Jugendlichen schwächer ausgeprägt,
  • innerhalb türkischer Familien existiert eine höhere Gewaltbereitschaft,
  • türkische Jugendliche leiden unter dem niedrigeren Sozialstatus ihrer Eltern stärker als deutsche Gleichaltrige.

Das schöne Bild von der „Schmerz-Baum-Metapher“, das Nilüfer Keskins Eltern ihr für die gelungene Integration in die deutsche, multikulturelle Gesellschaft mit auf den Weg gegeben haben - „Unsere Wurzeln sind in der Türkei, und unsere Blüten gehen in Deutschland auf“, und weil sich der Baum fast 3000 Kilometer bücken müsse, von den Blüten zu den Wurzeln, deshalb empfinde er Schmerzen - macht deutlich, dass nicht Assimilation und Anpassung die richtigen Wege für eine gelingende und gleichberechtigte, gesellschaftliche Teilhabe sind, sondern nur „eine gesunde Identität wie auch ein erfülltes Miteinander“, denn „ich bin eine Europäerin mit anatolischen Wurzeln und deutsch-türkischen Denkstrukturen“.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 19.08.2011 zu: Nilüfer Keskin: Probleme der Integration türkischer Migranten der zweiten und dritten Generation. Ein Vergleich der Integrationslage türkischer Migranten in Deutschland, Großbritannien und Australien. Tectum-Verlag (Marburg) 2010. ISBN 978-3-8288-2392-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/11975.php, Datum des Zugriffs 24.07.2016.


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