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Anne Seifert: Resilienzförderung an der Schule

Cover Anne Seifert: Resilienzförderung an der Schule. Eine Studie zu Service-Learning mit Schülern aus Risikolagen. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. 320 Seiten. ISBN 978-3-531-18228-5. 39,95 EUR.
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Thema und Zielsetzung

Die Publikation geht der Frage nach, wie die pädagogische Förderung im Sinne des Resilienzaufbaus von Schülern in Risikolagen aussehen kann. Im Kontext der „Unterrichtsmethode Service-Learning“ (S. 16) werden insbesondere die Strategien des Lehrerhandelns beleuchtet. Sie ermöglichen es einen Einblick in die schulpädagogischen Prozesse der Förderung von Kindern aus benachteiligten Lebenslagen zu gewinnen. Als Beispiel dient hier die USA, wo die ´Lernen durch Engagement-Methode´ bereits seit einigen Jahren als Teil des Unterrichts mit Erfolg praktiziert wird. Die Rückschlüsse für die wirkungsvolle Förderung im deutschen Kontext sind seitens der Autorin und mit Betonung auf pädagogische Prozessqualität als Ziel der Betrachtung angesetzt.

Autorin und Entstehungshintergrund

Anne Seifert ist wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der Freudenberg Stiftung in Weinheim. Ihre Studie wurde im Jahr 2011 an der Universität Trier als Dissertation im Bereich der Erziehungswissenschaft angenommen.

Aufbau und Inhalt

Grob strukturiert setzt sich die Monographie zusammen aus der theoretischen Aufarbeitung der Literatur zum Thema Service-Learning sowie entwicklungs- und ressourcengebundender Theorien und der reflektierten Darstellung und Diskussion der Eigenerträge empirischer Untersuchungen. Die Ergebnisse wurden im Feld d.h. innerhalb der amerikanischen Schullandschaft unter Einsatz verschiedener Verfahren zusammengetragen und werden in der vorliegenden Studie im Kontext von ressourcenorientierten Forschungsrichtungen, z. B. der Salutogenese, einer systematischen Analyse und darauf folgend einer ökosystemischen Kontextualisierung unterzogen. Der Hauptfokus gilt hier den resilienzfördernden Faktoren, die im pädagogischen Handeln der Lehrkräfte und per Service-Learning (= eine pädagogische Methode, die gesellschaftliches Engagement von Schülern mit fachbezogenem Lernen im Unterricht verbindet) mit „Risikoschülern“ aufgezeigt und mit Blick auf Deutschland reflektiert werden.

Die Publikation besteht, nun fein aufgeschlüsselt, aus sieben Kapiteln incl. Einleitung und Ausblick, excl. Anhang und Literaturangabe. Nach einer informativen Einleitung folgt das zweite Kapitel. Es klärt die Ursprünge, Entwicklungstrends sowie die Theorie und Praxis der „Pädagogik des Service-Learning“ (S. 22). Nach begrifflichen Auslegungen präsentiert Seifert die wichtigsten Impulse für die (historische) Entwicklung der Methode, um deren Zielsetzungen und Motivationen damals wie heute nachzeichnen zu können. Sie versäumt es nicht, die Demokratie und Erfahrung verbindende Bildungstheorie des philosophischen Vaters des Service-Learning John Dewey darzulegen. Des Weiteren erörtert Seifert drei verschiedene theoretische Modelle der Service-Learning-Methode (Civic-Engagement, Communitarian Modell und philanthropisches Modell), um auf andere d.h. parallel zum Gedankengut Deweys existierende Begründungslogiken und Perspektiven aufmerksam zu machen. Alle Ansätze werden von ihr einer kritisch inspirierten Vergleichsanalyse unterzogen. Die kommentierte Demonstration von den in den USA und teilweise in Deutschland ausgearbeiteten Prinzipien guter qualitativer Praxis hinsichtlich der Lehr-Lernmethode Service-Learning schließt das Kapitel ab.

Im Kapitel drei verweist die Autorin auf theoretische Richtungen, in deren Kern das Interesse an positiver ressourcenorientierter Entwicklung trotz Risiken liegt; und welche, im selben Arbeitsabschnitt in ein ökologisches Entwicklungssystem eingebettet, eine Plattform für die Entfaltung der Thematik, d.h. Resilienzförderung von benachteiligten Schülern in und außerhalb von Institution Schule, bieten. Die Ausführungen beginnen mit definitorischen Klärungen zu Risiko und Benachteiligung. Danach wird ein Überblick über bisherige Service-Learning-Literatur mit dem Fokus auf die Schüler aus unterprivilegierten Lebenskontexten gegeben, der anschließend anhand ausgewählter amerikanischer Wirkungsstudien veranschaulicht wird. Besonders berücksichtigt werden an dieser Stelle die Spielräume und Differenzierungspotenziale der Methode. Die Erläuterungen von Eigenheiten des Paradigmenwechsels entlang der Resilienz- und Salutogeneseforschung mit verstärkter Hervorhebung von Transaktionen zwischen Mensch und Umwelt runden das theoretische Kapitel auf. Zugleich öffnet sich hier der Blick für die ressourcenbezogene Gestaltung von pädagogischen Prozessen formaler und informeller Art, eo ipso für alle sich gegenseitig beeinflussenden Lebenskontexte der sich entwickelnden Menschen. Dieser Gedanke wird von Seifert am Beispiel von Bronfenbrenners ökologischem Entwicklungsmodell theoretisch untermauert und im Kontext ihrer Fragestellung klar illustriert.

Das vierte Kapitel erörtert und begründet das methodische Instrumentarium. Im Zentrum der qualitativen Studie stehen bei der Verfasserin die Experteninterviews mit amerikanischen Lehrkörpern, die durch teilnehmende Beobachtungen und feldbezogene Dokumentenanalysen ergänzt werden. Die Auswertung orientiert sich an der Grounded Theory-Methode (Glaser/Strauss) sowie an der Qualitativen Inhaltsanalyse (Mayring).

Das Kapitel fünf (etwa 1/3 des gesamten Arbeitsvolumens) stellt deskriptiv und analytisch die gewonnenen Forschungsergebnisse zu Zielen und Strategien der Lehrkräfte bei der Umsetzung von Service-Learning mit benachteiligten Schülern vor. Diese sehr detaillierte Darlegung richtet sich nach ermittelten Kategorien, welche sind: Beziehung gestalten, Teilhabe ermöglichen, Kompetenzen fördern, Perspektive aufzeigen und Eltern anbinden (S. 155). Jede Kategorie wird auch im Blick auf ihre Unterkategorien hin gesondert interpretiert, und zwar aus der Sicht der Service-Learning- sowie aus der entwicklungs- und ressourcenorientierten Theorie. Alle fünf Analyseeinheiten werden zusätzlich in tabellarischer Form als Zwischenergebnisse generiert.

Eine zusammenfassende Synthese der vorab aufgezeigten Erträge unternimmt das sechste Kapitel, indem dort eine übergreifende und abschließend interpretierende Zusammenführung und Systematisierung der Erkenntnisse in ein selbst konstruiertes, ökosystemisches Modell der Resilienzförderung im Service-Learning mündet. Im Kontext stringent gehaltener und gleichzeitig stets kompetent hinterfragter bzw. erweiterter Fragestellungen formuliert Seifert nun die Antworten. Die Autorin benennt Ziele und Handlungsmotive der Lehrkräfte und erkennt darin Parallelen zur Bewältigungsforschung, darüber hinaus präzisiert und befürwortet sie die Idee der Resilienzförderung an der Schule durch das Lernen durch Engagement. Seifert verweist letztlich auf die Notwendigkeit einer Weiterentwicklung von Service-Learning im Sinne von Ergänzung der vorhandenen Qualitätsstandards, um nicht nur standardisierte Ergebnisbeiträge zu liefern, sondern qualitativ also auch im Prozess das `wie` der Förderung von Schülern aus Risikolagen besser abzubilden.

Das siebte Kapitel wagt einen Blick in die Zukunft und verschreibt sich den Übertragungsrelevanzen von Forschungsergebnissen aus Amerika auf den deutschen Kontext. Daraus abgeleitet werden Lücken sichtbar, die für den künftigen Forschungsbedarf in beiden Ländern von Interesse sein könnten z.B. Berücksichtigung der Schülerperspektive oder bestimmter Aspekte der Evaluation. Als relevant für den deutschen Kontext wird vor allem die Erfordernis bildungspolitischer Entwicklungen im Sektor (Hoch)schule herausgestellt. Die Hauptstichwörter könnten hier lautet: Kompetenzorientierung, Raumvernetzung und Profilbildung. Die Frage der direkten Übertragbarkeit und Nutzung der Ergebnisse aus den USA wird im Kontext der Studie partiell bejaht, jedoch mit dem Vermerk, dass weitere diesbezügliche Forschungen noch vonnöten sind.

Diskussion

Der ursprünglich englische Begriff und überhaupt das Thema Resilienz erfreuen sich heute einer inflationären Verwendung. Diese lässt sich zweifelsohne auch in der deutschsprachigen Fachwelt feststellen. Jedoch trotz der ansteigenden Anzahl von Qualifizierungsarbeiten zu diesem Komplex zählen empirisch inspirierte Arbeiten zu den neueren und selteneren. Seifert widmet ihre Publikation einem besonderen Fokus auf Resilienzförderung, und zwar situiert sie ihn im Kontext einer Service-Learning-Methode. Auch diese gilt in Bezug auf ihre Verwertbarkeit in wissenschaftlichen Untersuchungen hierzulande nach wie vor als eine Rarität und wurzelt ebenfalls im amerikanischen Raum. Beide Termini (d.h. Resilienz und Service-Learning) und die dahinterstehenden Theorien und Praxisempfehlungen können also von dort, alleine auf Basis längerer Erfahrungszeiträume, in Prozessen wissenschaftlicher Erkenntnisgewinnung, transportiert und entsprechend eigenen (hier: deutschen) Bedarfs modifiziert werden. Die Studie von Seifert setzt an dieser Erkenntnis an und mit Blick auf die Zielgruppe der Schüler aus Risikolagen erörtert sie die Potenziale einer qualitativen ökosystemischen (genauer: durch Lehrkörper begleiteten und in (außer)schulischen Zusammenhängen verankerten) Förderung der Resilienz per Lernen durch Engagement. An dieser Stelle wird die Lehr-Lernausgestaltung des Service-Learning als eine besondere Möglichkeit der Resilienzförderung für Kinder und Jugendliche, die in benachteiligten Lebenslagen aufwachsen, hervorgehoben und erstmals innerhalb der deutschen Pädagogik eingeführt. Es ist ein Novum für die Resilienzforschung, das auch umgekehrt gilt. Denn die Service-Learning-Zugänge basierten bis dato kaum auf resilienz- und salutogeneseorientierten sowie raumbezogenen Konzepten. Es handelt sich hier um keine monopolisierte Betrachtungsweise, denn völlig andere Schwerpunktsetzungen der Ausdifferenzierung sind ausdrücklich möglich(!). Eine besondere Komponente der Studie ist es, dass die untersuchten Risikokinder einen Nutzen für sich im Sinne von Bewältigungskompetenz und Widerstandsfähigkeit entdecken, und nicht nur per Engagement lernen, andere zu unterstützen. Somit gilt hier das Service-Learning-Arrangement als eine spezifische Form von Resilienzförderung, und die Resilienzförderung erfährt einen anderen und nie da gewesenen Horizont der Ausgestaltung. In der Hinsicht lässt die ´amerikanische Methode´ als eine Ressource, eine beinahe quasi-didaktische Idee, betrachten, die die kindliche Entwicklung positiv steuern kann. Die Bearbeitung dieser Perspektive ist eine nicht zu übersehende und der Autorin hochzuschreibende Leistung.

Fazit

Trotz Mangel an Vorstudien gelingt der Verfasserin eine sehr erkenntnisreiche und stets zielgerichtete Darstellung einer hoch aktuellen Thematik. Mit dem vorliegenden Band legt Seifert eine Pionierarbeit vor, deren Argumentation äußerst facettenreich, stringent und nachvollziehbar ist. Immer wieder überzeugt sie mit historisch-theoretischen Einblicken, aber auch mit empirischen Befunden gut rezipierter und themagebundener (meist englischsprachiger) Forschung. Viele Zwischen-Resümees machen den vorliegenden Band illustrativ und verständlich. Die auf hohem Niveau gelieferten Endthesen lohnen in Wissenschaft, Politik und Praxis diskutiert zu werden. Diese Publikation ist eine sehr lesenswerte Lektüre, die eine weite Verbreitung verdient.


Rezensentin
Krystyna Reiter
M.A., Wissenschaftliche Angestellte
PH Karlsruhe
Fakultät I/Institut für Bildungswissenschaft
Abteilung Lebenslange Bildung
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Zitiervorschlag
Krystyna Reiter. Rezension vom 18.11.2011 zu: Anne Seifert: Resilienzförderung an der Schule. Eine Studie zu Service-Learning mit Schülern aus Risikolagen. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. ISBN 978-3-531-18228-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/11986.php, Datum des Zugriffs 24.08.2016.


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