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Oskar Negt: Der politische Mensch

Cover Oskar Negt: Der politische Mensch. Demokratie als Lebensform. Steidl (Göttingen) 2010. 585 Seiten. ISBN 978-3-86521-561-1. 29,00 EUR, CH: 47,30 sFr.
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Politische Bildung besteht darin, aus den einigen wenigen mehr zu machen

Wie kann man erklären, dass der zôon politikon (Aristoteles), das politische Lebewesen Mensch, in der abendländischen Philosophie einerseits als sprach- und vernunftbegabtes, am Göttlichen Anteil habendes und zu einem guten Leben befähigtes Geschöpf so hoch gelobt, und auf der anderen Seite das Politische im Leben der Menschen so missachtet wird? Dieser verflixten Frage sind Philosophen, Politiker, Pädagogen…nachgegangen, seit Menschen denken können, und sie gehen ihr weiterhin nach; etwa mit der Forderung nach lebenslanger politischer Bildung. „Ist es Charakter, Wissen, Lernen, Erfahrung, Gewissen, was den Ausschlag für eine existentielle politische Entscheidung gibt?“. Mit dieser Frage wird gleichzeitig ein Missverständnis deutlich: Das politische Agieren eines Menschen zeigt sich nicht erst darin, dass er eine Haltung zeigt, die ihn in seiner physischen Existenz herausfordert, sondern in seiner Identität überhaupt. Politisches Denken und Handeln umfasst also sowohl Alltägliches wie Existentielles; denn: „Das Politische ist Grundzug der Persönlichkeitsbildung“.

Autor und Entstehungshintergrund

Ich habe keinen Zweifel daran, dass die oben genannte Spezifizierung von Oskar Negt unterschrieben werden könnte. Der 1934 geborene, von 1970 bis 2002 an der Hannöverschen Universität tätige Soziologe und Philosoph, der sich Zeit seines beruflichen, pädagogischen und politischen Engagements immer eingemischt hat, um ein euzôia, ein gutes Leben in den menschlichen, lokalen und globalen Gesellschaften mit gestalten zu helfen, argumentierend und provozierend, legt mit einem „vorausschauenden Rückblick“ eine weitere Markierung (s)einer realutopischen Wegstrecke vor, die u. a. mit den Titeln „Lebendige Arbeit, enteignete Zeit“ (1984), „Arbeit und menschliche Würde“ (2001), „Kindheit und Schule in einer Welt der Umbrüche“ (1997) gekennzeichnet ist. Es ist kein „Abgesang“, auch keine „Abrechnung“, sondern eine Auseinandersetzung mit der „Gegenstandswelt, wie sie objektbezogen konstituiert ist“ und schließt ein, „Umwelt, Lebenswelt, auch den kosmopolitischen Weltbegriff, und die Frage, wie überhaupt Erfahrungen gemacht werden können, in einer Welt, in der die Erfahrbarkeit von Gegenständen, Architektur, Städten zu verschwinden droht“. Als Muster benennt Oskar Negt: Orientieren, Wissen, Lernen, Erfahren; und er stützt sich mit seiner Erinnerungsarbeit auf die Verwirklichung der Utopie , dass „die konkrete Verneinung der als unerträglich empfundenen gegenwärtigen Verhältnisse, mit der klaren Perspektive und der mutigen Entschlossenheit (bewirkt), das Gegebene zum Besseren zu wenden“.

Aufbau und Inhalt

Oskar Negt gliedert sein Buch in sieben Kapitel.

Im ersten Teil reflektiert er den Zustand der „Erde im Zeichen der machtpolitischen Neugliederung“. Die Suche nach Sicherheiten und Gewissheiten in der interdependenten Welt, der Wandlungen in den individuellen und gesellschaftlichen, lokalen und globalen Weltbildern, der Auseinandersetzungen mit den geopolitischen Grenzverschiebungen und -veränderungen, die hegemonialen Machtpositionen, bis hin zu Umdefinitionen von Freund- und Feindbildern.

Im zweiten Kapitel begibt sich der Autor anhand eines historisch-didaktischen Aufrisses den „Lernprozess Europa: Der europäische Weltenentwurf - Ein Beitrag zur friedenssichernden Weltinnenpolitik“, auf die Suche nach der europäischen Identität und skizziert Konzepte für die Erwachsenenbildung.

Im dritten Teil stellt Oskar Negt die Frage: „Was müssen Menschen wissen, um sich in dieser Welt der Umbrüche orientieren zu können?“. Die Auseinandersetzung mit der „Wissensgesellschaft“ gerät dabei zu einer ideologiekritischen Anklage: „Sie wissen es, aber sie tun es nicht“. Es sind die geforderten Kompetenzen in allen Bereichen des individuellen und gemeinschaftlichen Lebens, die „auf der Straße liegen“, sichtbar und greifbar, die nicht aufgehoben werden. In diesem Kapitel entfaltet Negt auch spannendes Biographisches.

Im vierten Kapitel setzt sich der Autor mit dem differenzierten Thema einer Didaktik der politischen Bildung auseinander und zeigt die verschiedenen didaktischen Konzepte auf. In diesem Kapitel entfaltet Negt auch spannendes Biographisches.

Das fünfte Kapitel thematisiert „Öffentliche Erfahrungsräume, kollektive Erlebniszeiten“ und benennt sie als „unverkäufliche Güter der Demokratie“. Es sind die politischen Versatzstücke, wie sie von Marx, von Hannah Arendts Idee vom Gemeinwesen, bis Adorno diskutiert werden. Es ist die Neubesinnung auf die Forderung, den gesellschaftlichen Wert der Gemeingüter wieder zu entdecken und die Allmende als Alternative zur neoliberalen und kapitalistischen Mehrwert-Politik eines Immer-mehr-immer-schneller-immer-höher-immer-weiter-Denkens in den Köpfen und Herzen der Menschen zu etablieren. Diesen Gedanken allerdings greift Negt in seinem Kapitel nicht auf ( vgl. dazu: Heinrich-Böll-Stiftung / Silke Helferich, Hrsg., Wem gehört die Welt? Zur Wiederentdeckung der Gemeingüter, München 2009, in: www.socialnet.de/rezensionen/7908.php; und: Elenor Ostrom, Was mehr wird, wenn wir teilen. Vom gesellschaftlichen Wert der Gemeingüter, www.socialnet.de/rezensionen/11224.php).

Im sechsten Kapitel geht es um „Politische Dimensionen der Urteilskraft. Vom öffentlichen Gebrauch der Vernunft“. Es geht um die Wirkungsweisen von Vernunft und Vorstellung, von Sosein und Entwicklung, von Wollen und Sollen, die den Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit herausholen können. Mit dem Negtschen „Weltbegriff“, der Ego- und Ethnozentrismen zu überwinden vermag und rekurriert auf das Weltganze und die Einheit der Menschheit. Um hier wieder auf die Kraft des politischen Menschen zu kommen: Es bedarf der Einsicht in normative, ideologische und gesellschaftliche Strukturen, um Vor-Urteile zu erkennen, gegen Fremdenfeindlichkeit, Radikalismen und Rassismen anzutreten, sie nicht auszusitzen, sondern in privater und öffentlicher Rede und Tun zurecht zu rücken.

Kapitel VII verhandelt „Der politische Mensch und sein Gemeinwesen“ und thematisiert damit „Charakterfragen der Politik“. Den fünf Kategorien, die Negt als Existenzbestimmungen des politischen Menschen filtert - Orientieren, Wissen, Lernen, Erfahren, Urteilen“ fügt er eine weitere hinzu: Charakterprägung. Defizite findet er im politischen Leben genug: Die Generalkompetenz der Politiker, den Gegner zu bekämpfen; Lobbyismus, Arroganz der Macht…Denn, es muss immer wieder und deutlich wiederholt werden: Ohne Demokraten kann es keine Demokratie geben! Das schließt ein, die unguten, kapitalistischen und neoliberalen Entwicklungen endlich zu stoppen und demokratisches Denken und Handeln in allen Bereichen menschlichen Lebens einzuführen und der Gerechtigkeit endlich den humanen Stellenwert zuzuweisen.

Fazit

Es bleibt (natürlich!) nicht aus, dass der engagierte Gewerkschafter und Sozialist, der politische Mensch Oskar Negt, zum Schluss seines Buches auch über „entehrte Begriffe“ schreibt, etwa über die „sozialistische Utopie“, um gegen die „Zuspitzung der gesellschaftlichen Widersprüche und …der verzerrten Maßverhältnisse“ des kapitalistischen und konsumtiven Systems. Ein Sozialismus mit menschlichem Gesicht, der die Menschenrechte ernst nimmt und umzusetzen vermag, Arbeit und Demokratie human verwirklicht, den „Kältestrom“ des Kapitalismus und Neoliberalismus abschaltet und die Moral der Menschlichkeit etabliert ( vgl. dazu auch: John Holloway, Kapitalismus aufbrechen, Münster 2010, www.socialnet.de/rezensionen/10534.php).

Die sympathische Utopie, die Oskar Negt als Quintessenz seines Lebenswerkes formuliert, ist nicht ohne eine Verantwortungsethik denkbar, der die moralische Leitnorm zugrunde liegt, dass „die Herstellung der gesellschaftlichen Autonomie der Menschen in einem vernünftig organisierten Ganzen“ als Ziel für den zoôn politikon, das politische Lebewesen Mensch, möglich ist.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 26.09.2011 zu: Oskar Negt: Der politische Mensch. Demokratie als Lebensform. Steidl (Göttingen) 2010. ISBN 978-3-86521-561-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/11988.php, Datum des Zugriffs 30.05.2016.


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