Marina Hennig, Steffen Kohl: Rahmen und Spielräume sozialer Beziehungen
Marina Hennig, Steffen Kohl: Rahmen und Spielräume sozialer Beziehungen. Zum Einfluss des Habitus auf die Herausbildung von Netzwerkstrukturen. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. 221 Seiten. ISBN 978-3-531-17975-9. 29,95 EUR.
Thema
Zum Thema soziale Netzwerke gibt es mittlerweile eine Fülle an sozialwissenschaftlicher Literatur. Doch trotz Fortschritten in den Analysemethoden hat die Netzwerkperspektive bisher keine einheitliche Sozialtheorie hervorgebracht. Vielmehr existiert eine Vielzahl von Netzwerktheorien und -hypothesen „mittlerer Reichweite“. Versuche, bereits etablierte soziologische Theorien für die Netzwerkforschung fruchtbar zu machen, sind bislang noch eher überschaubar. Dadurch, so argumentieren Marina Hennig und Steffen Kohl in der Einleitung ihres Buches, wird das Erklärungspotenzial von empirischen Netzwerkstudien nicht angemessen ausgeschöpft.
Ihr Vorschlag besteht darin, die Netzwerkanalyse mit Hilfe der Theorie Pierre Bourdieus stärker zu fundieren. Der Sozialtheorie Bourdieus und der Netzwerkanalyse liegt jeweils ein „relationales Denken“ zugrunde, d.h. eine Perspektive, aus der soziale Einheiten (Individuen und Gruppen) sich erst durch ihr „In-Beziehung-Setzen“ zu anderen sozialen Einheiten konstituieren. Ausgehend von der Überschneidung dieser beiden Perspektiven gehen die AutorInnen der Frage nach, ob sich die Feld- und Habitustheorie Bourdieus mit der Netzwerkanalyse verknüpfen lassen und wo sich beide Ansätze sinnvoll ergänzen können.
Einen zentralen Teil des Buches nimmt eine empirische Netzwerkstudie ein, in der die theoretisch gewonnenen Hypothesen überprüft werden. Der Fokus liegt hier auf dem Zusammenhang von Habitus und sozialen Beziehungen: Welche „Rahmen und Spielräume“ lässt der Habitus einer Person in der Ausgestaltung ihrer persönlichen Sozialbeziehungen zu? Lassen sich milieuspezifische Unterschiede in den Kontaktnetzwerken einer Person feststellen? Welchen Einfluss hat hierbei die Position eines Akteurs in der gesellschaftlichen Sozialstruktur?
Autorin und Autor
Dr. Marina Hennig ist Projektleiterin des DFG-Forschungsprojekts „Versuch einer empirischen Rekonstruktion der Habitus- und Feldtheorie von Bourdieu durch die Netzwerkanalyse“ am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB). Steffen Kohl ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am WZB.
Das Buch ist Teil der Reihe „Netzwerkforschung“ des VS-Verlags, welche sowohl theoretische-, als auch Methodenliteratur der deutschsprachigen Netzwerkforschung bündeln will.
Aufbau und Inhalt
Gemeinsam mit Einleitung und Schlussbemerkung gliedert sich das Buch in zehn Kapitel, von denen die ersten fünf einen theoretischen Schwerpunkt haben. In Kapitel 6 bis 9 werden die Ergebnisse der empirischen Netzwerkstudie vorgestellt, die von Hennig und Kohl zur Überprüfung ihrer theoretisch gewonnenen Hypothesen durchgeführt wurde.
Nach der Einleitung, in der die AutorInnen das Potenzial der Bourdieuschen Theorie im Vergleich mit Rational-Choice-Ansätzen und der Strukturierungstheorie Anthony Giddens diskutieren, bietet das Kapitel 2 eine prägnante Darstellung der Grundzüge der Theorie Bourdieus anhand der Kernbegriffe Kapital, Feld und Habitus. Herausgestellt wird hier auch richtigerweise, dass Bourdieu und die Netzwerkanalyse trotz des jeweils „relationalen Ansatzes“ andere Relationen im Blick haben: „objektive Relationen“ bei Bourdieu (z.B. das Verhältnis verschiedener Einkommens- und Berufsgruppen zueinander) und die direkten persönlichen Beziehungen zwischen Individuen in sozialen Netzwerken, die bei Bourdieu kaum eine Rolle spielen. An diesem Schwachpunkt, so die AutorInnen, setzt die Netzwerkanalyse an.
Die Kernannahmen des Netzwerkansatzes werden in Kapitel 3 vorgestellt. Anhand einiger theoretischer „Basisbausteine“, derer sich die Netzwerkperspektive bedient (Rollen-, Austausch- und Balancetheorie, Strukturalismus, sowie die Ansätze Ronald Burts und Harrison Whites) zeigen die AutorInnen, dass strukturelle Einflussfaktoren von „außerhalb“ eines sozialen Netzwerkes hier tendenziell eher vernachlässigt werden. Der unmittelbare Netzwerkkontext wird stark betont und damit ein – im Vergleich zu Bourdieu – verengter Strukturbegriff verwendet.
Ist unter diesen Bedingungen eine Kombination beider Ansätze sinnvoll und möglich? In Kapitel 4 schlagen die AutorInnen eine Verknüpfung vor. Bourdieu, so ihr Argument, verkennt, dass objektive Relationen (z.B. unterschiedliche Schichtzugehörigkeit) erst in intersubjektiven Beziehungen und face-to-face-Interaktionen von den beteiligten Personen erkannt werden können. Es ist die Interaktionsebene, auf der der Habitus zum Tragen kommt und die soziale Prägung von Personen ihr Interaktions- und Beziehungsverhalten beeinflusst. Insbesondere das symbolische Kapital in Form von Reputation und Anerkennung, sowie das soziale Kapital in Form persönlicher Beziehungen sind auf die Interaktionsebene angewiesen. Zweitens schlagen die AutorInnen vor, die Netzwerkanalyse für die Habitustheorie zu öffnen. Befinden sich bisher an den Knotenpunkten vieler Netzwerkmodelle nutzenmaximierende Individuen, so erscheint es aus Sicht Bourdieus sinnvoller, hier habitusgeprägte Akteure anzunehmen. Das Entwickeln, Aufrechterhalten und Abbrechen von Beziehungen wird dadurch als eine Praxis interpretierbar, die nicht in erster Linie durch die Netzwerkposition eines Akteurs und die daraus resultierenden Strategien beeinflusst wird, sondern durch seine soziale Herkunft, vermittelt durch den Habitus.
Das anschließende Kapitel 5 besteht aus einer kurzen Darstellung der aus diesen Überlegungen abgeleiteten Hypothesen.
In Kapitel 6 stellen die AutorInnen ihre Erhebungsmethode und Operationalisierung zentraler Konzepte dar. Die insgesamt 53 befragten Personen wurden in Berlin anhand des Sozialindex II des Sozialstrukturatlas“ ausgewählt, um eine möglichst breite Streuung sozialer Herkunft zu erreichen. In der Erfassung von Habitustypen wurde dem Milieukonzept gefolgt, wobei ein soziales Milieu zugleich auch einen bestimmten Habitustypus repräsentiert. Auf Grundlage von Fragen zu Familie, Beruf, Privatleben, Autoritätseinstellungen und Lebensvorstellungen und unter Berücksichtigung des Schulabschlusses, des Einkommens und der beruflichen Position wurden aus dem empirischen Material durch Faktoranalysen insgesamt neun Milieutypen gebildet: der Typus der Postmaterialisten, der Typus der alternativ-sozial Engagierten, der sozial-ökologische Typus, der konsumorientierte Typus, der hedonistische Typus, der kleinbürgerliche Typus, der konservative Typus, der traditionsverwurzelte Typus und der bürgerlich-humanistische Typus. Die Fallzahlen pro Milieutypus bewegen sich zwischen drei und neun Personen. Ebenfalls wurden die Aussagen der Befragten zu Themen des gemeinschaftlichen Zusammenseins zu insgesamt neun „Gesellungsstilen“ verdichtet, die allerdings ohne Berücksichtigung sozialstruktureller Merkmale und unabhängig von Milieuzugehörigkeit gebildet wurden.
Kapitel 7 stellt die sozialen Netzwerke der Befragten dar und liefert detaillierte Informationen für jeden Milieu- und Gesellungstypus bezüglich Netzwerkgröße, Anteil der Beziehungen nach Beziehungsnähe, Art der Beziehung (Familie, Freunde, Bekannte), Rollen-, Status- und Altersdiversität im Netzwerk, Multiplexität und Grad der Reziprozität der Beziehungen, sowie Kontakthäufigkeiten. Als zentrales Ergebnis halten die AutorInnen fest, dass sich die Netzwerkstrukturen je nach Milieutypus deutlich voneinander unterscheiden und dies als Indiz zu werten ist, dass der Habitus einen Einfluss auf Rahmen und Spielräume sozialer Beziehungen hat. Insbesondere der Teil des Habitus, der Einstellungen zu Familie, Freunden und Bekannten beinhaltet wirkt sich deutlich auf die sozialen Netzwerke aus und wird von den AutorInnen in Kapitel 8 zur Erklärung von unterschiedlichen Netzwerkstrukturen pro Milieu als weitere Erklärungsvariable hinzugezogen.
Das 9.Kapitel widmet sich schließlich der Frage, ob sich Unterstützungsbeziehungen in Form sozialen Kapitals nach Milieus und Gesellungsstilen unterscheiden. Anknüpfend an den Sozialkapitalbegriff Nan Lins unterscheiden die AutorInnen zwischen instrumentellen und expressiven Ressourcen, die als soziales Kapital mobilisierbar sind. Auch hier zeigen sich Unterschiede zwischen den Milieutypen, insbesondere bezüglich des Zusammenhangs von Milieuzugehörigkeit und dem Anteil expressiver Beziehungen (emotionale Unterstützung, Hilfe bei Krankheit und persönlichen Problemen). Überraschend ist hier durchaus, dass z.B. Personen des hedonistischen Milieutyps über deutlich mehr Unterstützungspersonen verfügen, als Angehörige des traditionsverwurzelten Milieus.
In der Schlussbemerkung fassen die AutorInnen zusammen, das durch die Verschränkung von Bourdieu mit der Netzwerkanalyse zentrale Netzwerkmaße wie Rollendiversität, Kontakthäufigkeit, Netzwerkgröße oder Reziprozität durch das Habituskonzept erfassbar sind und dadurch als Ergebnis sozialer und biografischer Prägung und Milieuzugehörigkeit der Akteure interpretierbar werden.
Diskussion und Fazit
Bisher wurde zur theoretischen Ausgestaltung der Netzwerkanalyse selten auf die Theorie Bourdieus zurückgegriffen. Marina Hennig und Steffen Kohl gelingt es überzeugend, die Fruchtbarkeit dieses Verfahrens zu zeigen. Ihr Buch und insbesondere die übersichtlich vorgestellte und informative empirische Studie zeigen die Aktualität Bourdieus auch für eine relativ neue Forschungsrichtung wie die Netzwerkanalyse. Wünschenswert wäre am Ende des Buches eine weitergehende theoretische Einordnung der empirischen Befunde gewesen. Letztere hätten zudem von höheren Fallzahlen noch mehr profitieren können.
Sicherlich steht eine Verkoppelung der Netzwerkanalyse mit der Theorie Pierre Bourdieus noch vor zahlreichen weiteren Herausforderungen, die in dieser Publikation nur ansatzweise behandelt werden konnten. Nachholbedarf besteht beispielsweise bei der Frage, ob Umfang und Form sozialer Netzwerke direkt mit der Schichtzugehörigkeit zusammenhängen und damit „vertikal“ in der Gesellschaft ungleich verteilt sind – und nicht nur „horizontal“ in unterschiedlichen Milieus. Ebenfalls müsste die Bedeutung und Ausgestaltung sozialer Beziehungen auf verschiedenen Feldern der Gesellschaft (Politik, Wirtschaft, Bildung) erfasst werden, bevor von einer gelungenen Verknüpfung von Feldtheorie und Netzwerkanalyse gesprochen werden kann. Zu wünschen ist, dass das empfehlenswerte Buch von Hennig und Kohl zu weitergehender Forschung anregt und die Debatte um eine Kombination der Theorie Bourdieus mit der Netzwerkanalyse befördert.
Rezensent
Dipl.-Soz. Andreas Gefken
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Zitiervorschlag
Andreas Gefken. Rezension vom 01.11.2011 zu: Marina Hennig, Steffen Kohl: Rahmen und Spielräume sozialer Beziehungen. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. 221 Seiten. ISBN 978-3-531-17975-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/12005.php, Datum des Zugriffs 17.05.2012.
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