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Cornelia Giebeler, Thomas Henke: Die erste Fremde

Cover Cornelia Giebeler, Thomas Henke: Die erste Fremde. Kleinstkinder im Übergang von der Familie in die Kindertagesstätte. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2011. 176 Seiten. ISBN 978-3-86649-446-6. D: 14,90 EUR, A: 15,40 EUR, CH: 21,90 sFr.

Reihe: Rekonstruktive Forschung in der Sozialen Arbeit, Band 12.
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Thema

Das Buch präsentiert Ergebnisse eines Forschungsprojekts von Prof. Dr. C. Giebeler und Prof. T. Henke sowie Studierenden der FH Bielefeld. Das Projekt umfasst eine wissenschaftliche sowie filmisch-künstlerische Herangehensweise. Die erste Fremde bezeichnet den Eintritt der Kinder und ihren Eltern in die Institution Kita. Dabei geht es den Autoren nicht um die Darstellung von Eingewöhnungskonzepten und der pädagogischen Praxis der Institution, sondern um den Raum der als neue institutionelle Lebenswelt der Kinder und Eltern einen Ort bildet. Es geht um die Eingangszone Kita, die Imagination, Gefühle von Eltern, Vertrautheit und Ritualisierung.

Autorin und Autor

Professorin Dr. Cornelia Giebeler lehrt seit 1993 an der FH Bielefeld. Seit 1998 ist sie Professorin am Fachbereich Sozialwesen mit dem Lehrgebiet Sozial- und Erziehungswissenschaftliche Theorien und Methoden.

Professor Thomas Henke lehrt an der FH Bielefeld mit dem Lehrgebiet Neue Medien.

Entstehungshintergrund

Auch wenn in Deutschland nach wie vor der Begriff der Rabenmutter kursiert, ist es zur Normalität geworden, dass Säuglinge und Kleinstkinder ohne ihre Eltern mit ihren Erzieherinnen die Tage in der Kita verbringen. Weitgehend unbekannt ist jedoch, welche Erfahrungen und Gefühle bei Eltern und Kindern dabei ausgelöst werden, ebenso wie die Herausforderungen, die mit einer Pädagogik der Kleinstkindheit einhergehen.

Aufbau und Inhalt

Kapitel eins stellt die Projektidee dar. Das Projekt wird dabei auf zwei Ebenen dargestellt. Masterstudierende haben sich zwei Semester lang mit Beobachtungs- und Interviewverfahren praktisch auseinandergesetzt, indem sie diese in der Kita unter der Fragestellung erprobt haben: Wie gestalten sich Übergänge in der Kita? Wie werden sie erfahren, erlebt, gefühlt? Die zweite Ebene stellt die Zusammenführung der Lehrforschung mit einer künstlerischen – filmischen Herangehensweise an das Thema dar. Ziel des Projektes war es, die Kita als gesellschaftliche Institution zu betrachten und durch die Zusammenführung der unterschiedlichen Forschungsmethoden soziale Wirklichkeit erfahrbar zu machen und in einer Ausstellung auch einer breiten Öffentlichkeit vertraut zu machen.

In Kapitel zwei wird der Begriff Fremdheit als Metapher für Lebensweltgestaltung im Zeitalter der Migration beschrieben. In diesem Kontext werden Begriffe wie Übergang als Veränderungsprozess, Neuverortung sozialer Räume, Schwellenzustände und Schwellenerfahrung aufgeworfen. Die Autoren lenken ihren Fokus auf die Kita, als erste Institution mit einem eigenen Regelwerk, in die das Kleinstkind eintritt und dem institutionellen Veränderungsprozess, der durch jeden Ein- und Austritt von Menschen beeinflusst wird.

In Kapitel drei nimmt die Autorin die Bereiche Bindung, Elternschaft, Eingewöhnung sowie die Genderdebatte kritisch unter die Lupe. Durch das Heranziehen wissenschaftlicher Erkenntnisse betrachtet sie Gender Mainstreaming-Ansätze, Eingewöhnungsmodelle und Bindungstheorien. Immer den Blick auf die Kita als Institution gewandt, setzt sie sich mit verschiedenen Anforderungen auseinander, die für eine institutionelle Kleinstkindpädagogik und Betreuung notwendig sind. Dabei spricht sie die Eltern-Kind-Beziehung, den Personalschlüssel sowie Raumgestaltung und Bewegungsmöglichkeit an, die für das Wohlbefinden von Kindern von Bedeutung sind.

Kapitel vier mit der Überschrift Perspektiven von Eltern und Erzieherinnen auf die Übergangspraxis von der Familie in die Kita zeigt einen Teil der Ergebnisse auf, die in einer Studie zur Kleinstkindpädagogik erzielt wurden. Untersucht wurden Perspektiven von Eltern, Kindern und Erzieherinnen auf den Alltag in der Kita unter Berücksichtigung des häuslichen Alltags, Ritualen, Haltungen und Einstellungen. Hierzu wurden Geschichten aus der jeweiligen Perspektive erzählt und über Erfahrungen berichtet.

Im folgenden Kapitel fünf erfolgt eine Heranführung an die Forschungsmethode der Videoanalyse. Zunächst beschreibt C. Giebeler forschendes Lernen als Ansatz im Studium. Dabei geht sie auf die Intervention der Forschung und ihre historischen Bezüge ein. Danach beschreibt sie die Vorgehensweise der Videografie in der Eingangszone Kita und die Videoanalyse. Abschließend werden die Ergebnisse der Videografie der Eingangszone detailliert beschrieben. Kapitel sechs und sieben sind kurz gehalten.

Kapitel sechs beschreibt die Herangehensweise und Entstehung des Filmprojekts die erste Fremde. Giebeler nennt das Ergebnis die Installation einer Art Kunst in der Kontaktzone Kita.

Kapitel sieben widmet sich dem Thema von der Fremdheit zur Gewohnheit. Fremdheitserfahrung wird hier im Kontext von Migration und interkulturellen Erfahrungen betrachtet. Langsam wird so inhaltlich der Bogen zur Kita gespannt, indem Kita als Ort für frühe Lösungen im Sinne von Integration genannt wird. Im Anhang werden verschiedene Themenschwerpunkte kapitelweise aufgeführt. Zunächst erfolgt eine Annäherung an die Ausstellung die erste Fremde. Hier wird das besondere Ausstellungskonzept, nämlich die Kombination von Wissenschaft und Kunst vorgestellt. In Form eines imaginären Ausstellungsrundgangs wird beschrieben, wie sich die räumliche Anordnung der Ausstellung darstellt, wo sich die Projektionsflächen befinden und wie die Ausstellungsräume ausgestattet sind. Anschließend erfolgt eine kritische Auseinandersetzung mit dem Thema moderne Elternschaft und dem Wandel im Leben von Kleinstkindern in Deutschland. Momentan wird es zur Normalität, dass Kinder, die jünger als drei Jahre sind, einen großen Teil ihres Tages in Einrichtungen verbringen. Eltern haben nach der Geburt immer weniger Zeit sich nach der Geburt als Kleinfamilie zu stabilisieren. Eltern können häufig ihre Wunschvorstellung von Familie nicht realisieren. Sie sind auf institutionelle Unterstützung angewiesen. In der kritischen Auseinandersetzung mit diesen Themen kommt die Autorin aber zu dem Resultat, dass Kita zwar niemals die Familie ersetzen kann aber dennoch eine wichtige unterstützende Rolle einnehmen kann.

In den beiden abschließenden Kapiteln werden zunächst Untersuchungsansätze in bisherigen Eingewöhnungsstudien vorgestellt bevor abschließend die Eingewöhnung in der Forschungs-Kita vorgestellt wird.

Diskussion

Das Buch stellt eine ganz neue Form der Auseinandersetzung mit dem Thema Eintritt von Kleinstkindern und ihren Eltern in die Institution Kita dar. Es thematisiert nicht Eingewöhnungskonzepte und deren Umsetzung. Vielmehr geht es hier um die Auseinandersetzung bzw. die Konfrontation mit dem Thema Übergang auf der Gefühlsebene. Die Forschung beginnt so zu sagen schon vor der Tür der Institution. Es geht um eine Forschungsarbeit die sich mit den Gefühlen und den Erfahrungen aller Beteiligten befasst, die an diesem Prozess beteiligt sind. Im Fokus stehen zwei Hauptakteure, ein Mädchen und ein Junge, deren Reaktionen gefilmt werden. Schon der Titel: „Die erste Fremde“ drückt die Intention aus, Übergang und Eingewöhnung mit dem Begriff der Fremdheit zu beschreiben. Den Autoren gelingt es sehr gut diesen Begriff zu definieren und immer wieder auf ihn zu verweisen. Im Laufe des Buches gelingt es dem Leser immer mehr die Zielsetzung zu verstehen. Dem Leser wird die Bedeutung des Themas für die Kleinstkindpädagogik im institutionellen Kontext bewusst gemacht. Aussagen werden kontinuierlich empirisch belegt. entwicklungspsychologische Erkenntnisse, bildungspolitische Ansätze und pädagogische Grundlagen fließen kontinuierlich mit ein und werden kritisch, auf das Thema bezogen, diskutiert. Die Aufmachung des Buches ist sehr ansprechend. Textpassagen werden mit Bildern in Lilatönen begleitet. Die Kombination von Kunst und Wissenschaft ist auf den ersten Blick zu erkennen. Das Thema des Buches ist sehr anspruchsvoll, unter anderem durch die detaillierte Beschreibung des Forschungsgegenstands und den Forschungsmethoden. Für ErzieherInnen erfordert es einen Perspektivenwechsel. Fachkräfte müssen sich beim Lesen darauf einlassen und ihren Blickwinkel verändern.

Fazit

Eine erweiterte, vielleicht auch neue Sichtweise auf das Thema Übergang von der Familie in die Kita. Für alle diejenigen empfehlenswert, die sich mit einer Pädagogik der frühen Kindheit intensiv auseinandersetzen und sich gerne anspruchsvoller Fachliteratur widmen. Grundsätzlich ist das Buch Fachkräften zu empfehlen, die im U3 Bereich tätig sind.


Rezensentin
Andrea Fuß
M.A., Leitung einer Konsultations-Kita in RLP, Fortbildnerin für Erzieher/innen und Mentorin in der Erzieher/Innenausbildung.
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Zitiervorschlag
Andrea Fuß. Rezension vom 10.04.2012 zu: Cornelia Giebeler, Thomas Henke: Die erste Fremde. Kleinstkinder im Übergang von der Familie in die Kindertagesstätte. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2011. ISBN 978-3-86649-446-6. Reihe: Rekonstruktive Forschung in der Sozialen Arbeit, Band 12. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/12009.php, Datum des Zugriffs 01.10.2016.


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