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Lothar Böhnisch, Wolfgang Schröer: Blindflüge

Cover Lothar Böhnisch, Wolfgang Schröer: Blindflüge. Versuch über die Zukunft der sozialen Arbeit. Juventa Verlag (Weinheim) 2011. 184 Seiten. ISBN 978-3-7799-2370-1. 17,95 EUR.

Reihe: Zukünfte.

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Thema

Das Buch reflektiert die gesellschaftliche Entwicklung, die im Begriff der „Entgrenzung“ sozialwissenschaftlich diskutiert wird. Wesentliche Paradigmen werden benannt, die den Hintergrund professioneller und disziplinärer Verortung Sozialer Arbeit ermöglichen. Die Autoren gehen davon aus, dass Soziale Arbeit im Sog der Entgrenzung des Sozialstaats ihr Profil und ihre disziplinäre Verortung sowie den gesellschaftlichen Status neu justieren muss.
Das Thema des Buches ist die Auseinandersetzung mit dem Spannungsverhältnis von Ökonomie und Sozialer Arbeit, die sich dem sozialpolitischen Prinzip verpflichtet sieht. Es bietet eine kritische Auseinandersetzung mit aktuellen disziplinären Entwicklungen. Damit eröffnet das Buch Einblicke in sozialpädagogische Theoriebildung und Diskurse sowie Fragen, auf die Soziale Arbeit Antworten sucht.

Autoren

Lothar Böhnisch ist emeritierter Professor für Sozialpädagogik und Sozialisation der Lebensalter. Er lehrte zuletzt an der Technischen Universität Dresden und ist heute Honorarprofessor in Bologna.
Wolfgang Schröer ist Professor an der Universität Hildesheim im Fachbereich Erziehungs- und Sozialwissenschaften.

Aufbau und Inhalt

Über die Zukunft der Sozialen Arbeit nachzudenken erscheint den Autoren wie ein Blindflug. Eine zunehmend entgrenzte Gesellschaft verliert ihre Orientierungen. Die Menschen ahnen, dass das Leben so nicht weitergehen kann. Die Zuversicht, dass in der Gegenwart zukunftsfähiges Potenzial steckt, schwindet. Zukünftige Lebensqualität hängt jedoch auch von der Fähigkeit ab, sozialen Ausgleich herzustellen. Gesellschaften, die Humanität und Ökonomie in Balance halten, sind produktiv und sie wachsen.
Die soziale Welt hat sich verändert. Sie verliert, so die Autoren, im Sog der Globalisierung ihre Fundierung. Was bedeutet das?

Böhnisch und Schröer verweisen auf die Entwicklungen der Ökonomie. Weltweit arbeitet Kapital losgelöst von der menschlichen Arbeitskraft. Wir wissen, dass die Produktivität der Volkswirtschaften steigt, doch das Wachstum der Gesellschaften stagniert. Der überflüssig gewordene Mensch passt sich zwar flexibel an und folgt atemlos dem Rhythmus der Produktion. Er unterwirft sich dem globalen System, allerdings meist mit dem Ergebnis, sich in prekären Arbeitsverhältnissen wiederzufinden oder davon bedroht zu sein. Unsicherheit wird zur Sicherheit.
Mit Hilfe der modernen Technik können Ängste, Konflikte und Probleme fast jeder Art beseitigt werden. Wofür braucht die Gesellschaft Soziale Arbeit?
Die Spaltung der Gesellschaft in die, die mit dem gesellschaftlichen System zu Recht kommen und die, die keinen Platz finden, nimmt zu. Die Integrationsperspektive Sozialer Arbeit kann sich dennoch, so die Autoren, nur noch auf die Verwaltung von Randständigkeit beziehen. Da soziale Dienstleistungen nicht mehr als notwendiger Ausgleich zur an sich inhumanen Wirtschaftsformation begriffen werden, geraten Soziale Dienste in die Ökonomisierungsfalle. Angebote werden von den Kosten her betrachtet und nicht vom individuellen Zugewinn. Das verändert die Hilfeperspektive. Bisher galt das Verstehen eines Problems in seien Kontexten als notwendig. Heute wird von der Lösung her der Kosten-Nutzen Effekt gerechnet.

Der Umbau des Sozialstaats hat das sozialpolitische Prinzip zwar noch nicht vollständig abgeschafft. Sozialstaatlichkeit zeigt sich, so die Autoren, heute jedoch vermehrt in Form einer Ordnungs- und Kontrollpolitik. Der Umbau des Sozialstaates erfordert, so Böhnisch und Schröer eine neue Ordnung des Sozialen. Nach wie vor stelle sich die Frage, wie der ökonomische Antrieb zu Produktivität und Wachstum motiviert wird. Der Kapitalismus bedarf einer sozialen Idee, denn Menschen suchen und streben nach Selbst-Wirksamkeitserfahrungen. Soll sozialer Friede vorherrschen, muss eine Balance zwischen Ökonomie und Sozialem hergestellt werden. Der Blick auf die historische Entwicklung Sozialer Arbeit verrät, dass sich das Soziale als unverzichtbares Strukturelement der industriekapitalistischen Moderne etablierte. Soziale Arbeit ist, so Böhnisch, die gesellschaftliche Reaktion auf die Bewältigungsprobleme der Moderne.

Während der ersten Moderne handelten Menschen vor allem kausal im Sinne von wenn-dann-Überlegungen. Damit blieb die soziale Welt relativ kalkulierbar. Es konnten Abweichungen erkannt und Routinen entwickelt werden. Heute richten wir unser Handeln an sowohl- als auch Kriterien aus. Alles ist möglich und der Umgang mit Vielfalt erfordert die Fähigkeit, Widersprüche auszuhalten. Die Suche nach der haltgebenden Wahrheit verflüchtigt sich im Konzert der Möglichkeiten. Diese Situation wirkt sich aus, um Probleme zu orten. Professionelle Soziale Arbeit, die aus der sozialen Frage der Gesellschaft heraus entstand, richtete sich besonders auf das Problem von Armutsbekämpfung. Neben der konkreten Hilfe ging es auch um die kritische Analyse von Exklusions- und Inklusionsprozessen und deren Gestaltung. Am humanistischen Menschenbild ausgerichtet beschäftigte sich die Disziplin und Profession, so Böhnisch und Schröer, mit Fragen der Gerechtigkeit, Subjektbildung, Sorge und Geschlechtlichkeit.

Als kritische gesellschaftliche Instanz bot Soziale Arbeit Menschen Unterstützung, gesellschaftliche Probleme zu bewältigen, die sie durch ihr Alter, die gesellschaftliche Position und besondere Lebenslagen, wie z.B. Migration, hatten. Ausgehend von der Abhängigkeit des Menschen und der Erkenntnis, dass soziale Kompetenzen durch die Bewältigung von Konflikten mit anderen erworben werden, orientierte sich Soziale Arbeit am Bildungsdiskurs. Nach Böhnisch und Schröer hat sich an diesen Grundannahmen nichts verändert.

Durch Bildung können Menschen die Fähigkeit erwerben, Subjektivität und Individualität zu entwickeln. Das Verhältnis von Bildung und Ökonomie wurde von Eduard Heimann bildungstheoretisch und sozialpolitisch dialektisch diskutiert. Im Spannungsverhältnis von Subjektbildung und wirtschaftlicher Produktivität bedeutet Bildung Qualifizierung und die Befähigung des Einzelnen zu Autonomie und gesellschaftlicher Teilhabe.

Dieses Verständnis von Bildung und Subjektbildung ist heute nur noch bedingt vorhanden. Identität bzw. Subjektivität konstituiert sich in Form multipler Persönlichkeiten. Identität im Sinne von „mit sich und der Welt in Balance sein“ weicht einer Suche nach Handlungsfähigkeit.
Menschen, so die Autoren, suchen Autonomie im Konsum, in den digitalen Medien und in der Auflösung von Bindungen. Da unsere Welt mittlerweile so gestaltet ist, dass der Einzelne sich flexibel an die technischen Möglichkeiten und Globalisierung anpassen muss, ist die neue Suche nach Handlungsfähigkeit auch Antrieb für Beschleunigung. Die Autoren zeigen auf, dass Begrenzungen und Anstrengungen in Beziehungen störend erlebt werden.
Die Basis für eine Subjektbildung im humanistischen Sinne ist brüchig geworden. Das Mithalten können ist für den Einzelnen, so Böhnisch und Schröer, wichtiger als die Idee der Subjektbildung. Subjektivität bedeutete die aktive Auseinandersetzung mit der vorgefundenen Welt und im besten Falle findet die Identifikation des Individuums mit der gesellschaftlichen Kultur statt. Heute geht es um das Erleben des sowohl als auch. Identität im Sinne von „Übereinstimmung von äußeren und inneren Werten“ verliert, so die Autoren, an Anziehungskraft. Wie vom Magneten angezogen und abgestoßen, bewegen sich die Menschen der Spätmoderne zu gegensätzlichen Polen und lassen sich ungern festlegen. Diese Entwicklung hat Auswirkungen auf die Konzeption von Handlungsmodellen für Soziale Arbeit.

Das Empowermentkonzept geht beispielsweise davon aus, dass das Selbstwirksamkeitsstreben und die Erfahrung von Anerkennung Fähigkeiten darstellen, mit deren Hilfe „Hilfe zur Selbsthilfe“ ermöglicht werden kann. Darüber hinaus ist die Sprache Ausdrucksmittel, sich und seine Wirklichkeitserfahrungen anderen mitteilen zu können. Der heutige Mensch sucht Individualität in der Erfahrung und er will sich erleben ohne Rücksicht auf andere und die Mühen der Reflexion. Böhnisch, der sich mit den Lebensaltern und den Bewältigungsmustern ausführlich beschäftigte, erkennt, dass Jugendliche von heute Verhaltensweisen zeigen, die durch den Wunsch sich zu erleben motiviert sind. Im Internet finden sie einen virtuellen Raum, der alles ermöglicht. Hier erleben Jugendliche ihr digitales Moratorium (Böhnisch), in dem sie sich neu erfinden können. Gleichzeitig laufen Jugendliche in die Gefahr, dass ihre Mitteilungen von Erwachsenen ausgenutzt und missbraucht werden. Die Jugend ist, so die Autoren, in ihrer „konsumtiven Generationsqualität“ eingespannt und nicht auf die kritische Erneuerung der Gesellschaft eingestellt (vgl. Mannheim). Die Gleichzeitigkeit widersprüchlicher Möglichkeiten bedient ihre Faszinationsfähigkeit.

Wird Soziale Arbeit zukünftig die Müllabfuhr der Globalisierungsopfer?
Die Entgrenzung des Sozialstaates bewirkt, so thematisieren es die Autoren, dass der Rahmen Sozialer Arbeit neu vermessen wird. Eine Politik des sozialen Ausgleichs hängt zukünftig vom Niveau und der Eindeutigkeit herrschender Gerechtigkeitsvorstellungen ab. Böhnisch und Schröer fragen, wie geht Soziale Arbeit mit den Folgen der Erosion ihrer Grundlagen um? Hat die disziplinäre Soziale Arbeit ihre kritische Theorie verloren? Ist sie noch in der Lage, die gesellschaftlichen Entwicklungen vom Standort der Beobachtung wahrzunehmen oder wird sie längst von der Gesellschaft markkonform genutzt?
Die Autoren greifen wesentliche Diskursthemen Sozialer Arbeit auf: Gesundheit, Bildung, Armut und Gerechtigkeit.

Gesundheit ist das neue Medium einer Vergesellschaftung, die dem marktkompatiblen Individuum entspricht. Im Umgang mit dem Gesundheitsthema vermissen die Autoren die Reflexion ökonomisch-gesellschaftlicher Hintergründe.

Der neue Bildungsdiskus richtet sich am Begriff des Humankapitals aus. Er wird als bildungstechnologische Debatte entlarvt. Konfliktorientierte und Lebensalter typische Lern- und Bewältigungsprobleme interessieren nicht mehr und in der Programmatik des Begriffs vom lebenslangen Lernen erübrigt sich die Frage, wie Menschen Kompetenzen entwickeln. Sozialanthropologische Hintergründe werden nicht reflektiert.
Mit Hilfe von Bildung soll die Gesellschaft der Spätmoderne reguliert werden. Doch Soziale Arbeit bekommt es zunehmend mit denen zu tun, die aus dem Bildungswettbewerb herausfallen. Der neue Bildungsdiskurs sollte, so die Autoren, als sozialer Verdeckungsdiskurs (Böhnisch) geführt werden. Solange man glaubt, mit Hilfe von Bildung gesellschaftlichen Auf-und Abstieg zu regulieren, bleibt unerkannt, welche sozialstrukturellen Exklusionsmechanismen wirksam sind. Die Kosten, die durch entgrenzte Arbeitszusammenhänge entstehen, dürfen nicht individualisiert werden.

Armut wird heute häufig im Kontext von Bildung diskutiert. Im Capability Approach wird Armut Mangel an individuellen Verwirklichungschancen definiert. Vor dem Hintergrund fehlender Entwicklungsmöglichkeiten fehlt die Perspektive eines guten Lebens. Für Böhnisch und Schröer bleibt Armut jedoch Teil sozial regulierter kapitalistischer Gesellschaften. Die Individualisierung von Armut suggeriert, dass sie subjektiv überwunden werden könne.

Die Gerechtigkeitsperspektive, die den Sozialstaat sozialpolitisch fundierte und als Absicherung für Risiken legitimiert war, folgte der Perspektive des Strebens nach Gerechtigkeit. Heute leiten sich Gerechtigkeitsvorstellungen aus der Erfahrung ab. Dazu zählen, das Erleben, mit Rechten ausgestattet zu sein, durch das Einkommen soziale Steuern zu entrichten und die Perspektive, Bedürfnisse zu befriedigen. Netzwerke erhalten Bedeutung. Wer vertritt die Perspektive der Adressaten Sozialer Arbeit? Die Sorge um Menschen und die Hilfe, soziale Risiken besser bewältigen zu können zu individualisieren löst den alten Konflikt zwischen Ökonomie und Sozialem nicht.
Der Bewältigungsansatz, dem die Autoren verpflichtet sind, sieht den Menschen der handeln will, um sein Leben zu bewältigen. Aus dieser Perspektive heraus hat Soziale Arbeit die Aufgabe, Lebensbedingungen zu verbessern und Teilhabemöglichkeiten zu schaffen, die in erster Linie dem Menschen dienen und nicht dem Markt. Die Suche nach dem Nachweis zur Wirksamkeit sozialpädagogischer Unterstützungen entlarvt sich selbst, so die Autoren, als marktkonform. Außer Acht bleibt, dass Hilfe auf Beziehung verwiesen ist und vom Gegenüber mitgestaltet werden muss, was nicht messbar ist. Außerdem erkennen Adressaten die Wirksamkeit sozialpädagogischer Hilfen oftmals erst Jahre später. Gerade die Wirksamkeitsdebatten folgen der Marktlogik, die alles unter einem normativ gesetzten Kosten-Nutzen-Effekt betrachtet.

Hilfen sind an Bedürftigkeit gekoppelt und mit Bedürftigkeit kann die entgrenzte Gesellschaft immer schlechter umgehen. Böhnisch und Schröer gehen von einem Zusammenhang zwischen der Verleugnung und Verdrängung von Wünschen, die sich als Bedürftigkeit zeigen, aus. Aus dieser Abwehr entsteht Gewalt, Stress, Delinquenz und Depression. Wenn die Konflikte um nicht erfüllte Bedürfnisse nicht ausgetragen werden, ist es schwierig, zu helfen. Darüber hinaus gefährdet sich die Gesellschaft selbst, wenn sie Bedürftigkeit ausklammert. Alte, Kranke und Kinder aber auch Menschen, die in schwierigen Lebenslagen leben bedürfen der gesellschaftlichen Sorge.

Fazit

Soziale Arbeit braucht neue Routen und Navigationssysteme. Um zu erkennen, worum es im Kern geht, stellten die Autoren Diskurse in ihrer Widersprüchlichkeit dar. Sie schlagen vor, sozialhistorische und sozialstrukturelle Argumentationen nicht auszuklammern. Werte wie, Gleichheit, das gute Leben, Solidarität etc. sind nicht nur Konstruktionen sondern reale Bedrohungen derer, die Machtinteressen verfolgen und daran kein Interesse haben. Soziale Arbeit sollte sich darüber hinaus nicht nur für die Marktfähigkeit rüsten sondern für die da sein, die sie brauchen, auch die Gesellschaft. Des Weiteren warnen die Autoren vor einer sozialtechnologischen Zuspitzung und Ausblendung sozialstruktureller Grundlagen bei der Wissensvermittlung in den Bachelorstudiengängen. Mehr denn je muss Soziale Arbeit Turbulenzen aushalten, denn die Entgrenzung der Gesellschaft ist in vollem Gange.
Das Buch inspiriert zur Standortsuche. Es regt an, über den Zustand der Disziplin und Profession nachzudenken und sich selbst ein Bild zu machen. Wesentliche gesellschaftliche Themen werden berücksichtigt. Das Entgrenzungsthema ist meiner Ansicht nach eines, das nicht nur den Sozialstaat sondern alle Lebensbereiche erfasst hat. Die erwarteten Turbulenzen sind groß, denn der Alltag ist entgrenzt. Grenzen werden nicht mehr als hilfreich erlebt und eine Verständigung über notwendige Hilfsmaßnahmen für die Opfer des Bebens hat noch nicht einmal begonnen.


Rezensentin
Prof. Dr. Christiane Vetter
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Zitiervorschlag
Christiane Vetter. Rezension vom 31.08.2011 zu: Lothar Böhnisch, Wolfgang Schröer: Blindflüge. Juventa Verlag (Weinheim) 2011. 184 Seiten. ISBN 978-3-7799-2370-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/12029.php, Datum des Zugriffs 17.05.2012.


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