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Kathrin Hahn: Alter, Migration und soziale Arbeit

Cover Kathrin Hahn: Alter, Migration und soziale Arbeit. Zur Bedeutung von Ethnizität in Beratungsgesprächen der Altenhilfe. transcript (Bielefeld) 2011. 347 Seiten. ISBN 978-3-8376-1680-4. 33,80 EUR, CH: 50,90 sFr.

Reihe: Theorie Bilden - Band 23.

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Thema

Werden alte Migrant/innen aus beratungstheoretischer Perspektive in Einrichtungen der Altenhilfe tatsächlich beraten? Mit der Beantwortung dieser Frage bringt Kathrin Hahn zentrale Ergebnisse ihrer Untersuchung zur Bedeutung von Ethnizität in Beratungsgesprächen der Altenhilfe auf einen gemeinsamen Nenner. Denn ethnische Differenzierungen, wie sie vonseiten der Akteure regelmäßig in die Beratungssituation eingebracht werden, können die Beratungsbeziehungen belasten und auch zu deren Erosion führen, wie die Autorin anhand der Rekonstruktion authentischer Beratungsgespräche aus dem Bereich Soziale Arbeit im Feld der Altenhilfe aufzeigt.

In der Einleitung stellt Kathrin Hahn das Erkenntnisinteresse ihrer Studie dar und gibt einen Überblick über den Aufbau der Arbeit. Eingangs führt sie zentrale Aspekte verschiedener Fachdebatten zum Thema Alter, Migration und Soziale Arbeit zusammen und verortet vor diesem Hintergrund die Forschungsfragen und Ziele ihrer Studie.

Die Autorin argumentiert, dass sowohl die Programmatik kultursensibler Altenhilfe, welche eher berufspraktisch fundiert sei, als auch der aktuelle Stand der Forschung zum Thema Alter, Migration und Soziale Arbeit regelmäßig von der Annahme ausgingen, ethnisch-kulturelle Differenzen seien für alte Migrant/innen in besonderem Maße bedeutsam und müssten daher im Rahmen professioneller Altenhilfe besonders hervorgehoben bzw. berücksichtigt werden. Dabei sei diese Annahme empirisch vage bzw. noch gar nicht systematisch untersucht. Im Hinblick auf die Erweiterung der Wissensbasis für Soziale Arbeit mit Migrant/innen fehle es an Forschungsansätzen, „die nicht alte Migrant/-innen allein zum Forschungsgegenstand machen, sondern das Geschehen in den Institutionen, in denen Professionelle und alte Migrant/-innen interagieren, die sich also aus einer handlungsbezogenen Perspektive heraus mit Ethnizitätskonstruktionen und ihren Wirkungsweisen in der sozialen Altenhilfe befassen“ (Hahn 2011: 15).

Die letztgenannte Forschungslücke möchte Kathrin Hahn mit ihrer Studie bearbeiten. Dazu untersucht sie Interaktionen in Beratungsgesprächen aus dem Bereich Soziale Arbeit, in denen ältere Menschen mit Migrationshintergrund von einheimischen Sozialarbeiter/innen beraten werden.

Aufbau

Das Buch ist in folgender Weise aufgebaut: Nach der Einleitung folgen ein theoretischer und ein empirischer Teil. Beide Teile weisen jeweils drei Hauptkapitel auf, welche in weitere Unterpunkte untergliedert sind. Im Folgenden wird die Strukturierung der Hauptkapitel wiedergegeben:

  • 1. Einleitung

Teil I: Theoretische Betrachtungen im Kontext von Alter, Migration und Sozialer Arbeit

  • 2. Wissensbestände über alte Migrantinnen und Migranten
  • 3. Alter und Migration im sozialpädagogischen Diskurs
  • 4. Theoretische Zugänge zu Ethnizität und Kultur

Teil II: Empirische Erforschung von ethnischen Differenzierungen in Beratungsgesprächen der Altenhilfe

  • 5. Rekonstruktive Zugänge zu ethnischen Differenzierungen – methodologische Verortung und Forschungsdesign
  • 6. Ethnische Differenzierungen in der Beratung alter Migrantinnen und Migranten
  • 7. Ethnische Differenzierung – Strategie oder Störfaktor in der Beratung? Abschließende Überlegungen

Zum ersten Teil

Im ersten Teil des Buches nähert sich die Autorin dem Thema der Bedeutung von Ethnizität im Alter bei Migrantinnen und Migranten aus theoretischer Perspektive. Im ersten Hauptkapitel, Wissensbestände über alte Migrantinnen und Migranten, setzt sie sich mit dem Begriff ‚Migrant‘ bzw. ‚Migrantin‘ auseinander und zeichnet den Stand der Forschung zum Thema Alter und Migration nach, soweit er für die Soziale Arbeit von Relevanz ist. Anhand der Gegenüberstellung entsprechender Untersuchungsbefunde mit den von Tews (1993) formulierten Strukturmerkmalen des Alters zeigt Hahn auf, dass das Alter(n) in der Migration mit allgemeinen Trends des Alter(n)s im Wesentlichen übereinstimmt. Auffällige Unterschiede zeigten sich allein durch eine „deutliche sozialstrukturelle Schlechterstellung dieser Bevölkerungsgruppe insbesondere im materiellen und im gesundheitlichen Bereich“ (Hahn 2011: 57). Einschätzungen, denen zufolge die Lebens- und Problemlagen alter Migrant/innen ethnienspezifisch begründet werden könnten, begegnet Hahn vor dem Hintergrund ihrer Aufarbeitung des Forschungsstandes mit dem Argument, dass vielmehr „der Status als Migrant/in“ (ebd.: 58) in dieser Gesellschaft dazu geführt habe, im Alter in besonderer Weise von sozialen Problemen betroffen zu sein.

Im zweiten Unterkapitel des ersten Teils skizziert Kathrin Hahn den sozialpädagogischen Diskurs um Alter und Migration. Die Rekonstruktion der Fachdebatte um die Frage, „Interkulturelle Öffnung versus ethnienspezifische soziale Dienste?“ (ebd.: 71) bildet hierbei einen Schwerpunkt. Einen weiteren Schwerpunkt bildet das Thema „Beratung im Kontext von Alter und Migration“ (ebd.: 78). Hier bestimmt Hahn den Beratungsbegriff in seiner spezifisch sozialarbeiterischen Ausrichtung und geht in den Unterpunkten auf die Themen Beratung in der Altenhilfe und Beratung in der Migration ein. Im letzten Unterkapitel, Forschungsanforderungen an die Soziale Arbeit im Kontext von Alter, Migration und Beratung resümiert sie folgendes: aus einer theoretischen Perspektive Sozialer Arbeit fehle es für das Handlungsfeld der migrationsbezogenen Sozialen Arbeit an systematischen, explizit formulierten, konzeptionellen Grundlagen. Hierfür bedürfe es der Praxisforschung. Insbesondere interaktionsorientierte Untersuchungen seien vonnöten. Diese sollten auch danach fragen, wie in Beratungsinteraktionen von den Beteiligten auf die sozialen Kategorien ‚Ethnizität? und ‚Kultur? Bezug genommen werde.
In diese Richtung weist auch das Erkenntnisinteresse von Kathrin Hahns Studie. Denn es wird gefragt, „wie sich Beratungsinstitutionen mit alten Migrant/-innen in den Regeldiensten der Altenhilfe gestalten und welchen Stellenwert dabei ethnische Faktoren einnehmen“ (ebd.: 103).

Im dritten Unterkapitel geht die Autorin auf theoretische Zugänge zu den Begriffen Ethnizität und Kultur ein. Sie stellt essentialistische und sozialkonstruktivistische Positionen einander gegenüber und grenzt die Begriffe „Ethnizität“ und „Kultur“, die fälschlicher Weise oft synonym gebraucht würden, von einander ab. Hahn favorisiert im Zusammenhang mit ihrer Fragestellung den Begriff ‚Ethnizität' und spricht sich für eine sozialkonstruktivistische Perspektive aus. Denn allein mittels dieser werde es möglich, die Modalitäten der Konstituierung von Ethnizität, ihre Funktion und ihre Wirkungsweise herauszustellen und so den Stellenwert ethnischer Differenzierung im Kontext von Beratung zu rekonstruieren.

Zum zweiten Teil

Im ersten Hauptkapitel des zweiten Teilsstellt die Autorin ihr qualitativ-rekonstruktives Forschungsdesign und dessen methodologische Verortung dar. Sie arbeite nach der dokumentarischen Methode in Anlehnung an den von Ralf Bohnsack entfalteten methodisch-methodologischen Zugang. Das Untersuchungsmaterial bildeten 20 Gesprächstransskripte. Diese stammten aus Beratungen, die deutsche Fachkräfte aus der Sozialen Arbeit mit alten Migrant/innen unterschiedlicher Herkunft durchgeführt und zum Zweck der Studie aufgezeichnet hätten. Hahn erläutert ihr konkretes Vorgehen bei der Datenauswahl, Erhebung und Auswertung. Dabei zeigt sie auch ethische und forschungspragmatische Erwägungen auf.

Das zweite Hauptkapitel des zweiten Teils bildet mit über 100 Seiten das umfangreichste Kapitel (ebd.: 175 – 298) des Buches. Hier stellt die Autorin ihre Befunde dar und illustriert diese anhand von Auszügen aus den Gesprächsaufzeichnungen. Ihre Darstellungen münden in eine mehrdimensionale Typologie über Wirkungsweisen ethnischer Differenzierungen in der Beratung alter Migrant/innen. Hahn unterscheidet hierbei Wirkungen in Bezug auf die Ebene der Beratungsbeziehung und Wirkungen in Bezug auf die inhaltliche Ebene der Beratung.
Auf der Beziehungsebene lägen die Typen I und II. Beide verwiesen auf eine Problematisierung des Verhältnisses zwischen Ratsuchenden und Beratenden durch Bezugnahmen auf ethnische Differenzen:

  • Typ I: Die Belastung des Beziehungsaufbaus zwischen Berater und Ratsuchenden durch ethnische Differenzierungen
  • Typ II: Die Erosion des komplementären Rollenverhältnisses von Berater und Ratsuchenden im Kontext ethnischer Differenzierungen

Auf der Inhaltsebene unterscheidet die Autorin die Typen III und IV. Dabei ginge es um die Bewilligung oder Zurückweisung von Hilfen (z.B. im Rahmen der Sozialgesetzgebung):

  • Typ III: Die Begründung eines institutionellen Hilfebedarfs unter Bezugnahme auf ethnische Differenz
  • Typ IV: Die Zurückweisung von institutionellen Hilfen unter Bezugnahme auf ethnische Differenz

Im Schlusskapitel, Ethnische Differenzierung – Strategie oder Störfaktor in der Beratung? Abschließende Überlegungen, fasst die Autorin prägnante Ergebnisse ihrer Untersuchung zusammen. Sie kommt zu dem Schluss, dass die Art und Weise wie ethnische Differenzierungen in den untersuchten Beratungsgesprächen vorgenommen würden, dazu führten, dass Informationsungleichheiten bzw. Machtasymmetrien eher auf- als abgebaut würden, sodass man aus beratungstheoretischer Sicht nicht mehr von Beratungen sprechen könne. Denn dazu bedürfe es prinzipiell eines egalitären Verhältnisses zwischen beratender und ratsuchender Person.

Diskussion

Für Leserinnen und Leser, die aus fachlich-theoretischem Interesse heraus mit Fragen von Beratung, gesundheitlich-pflegerischer Versorgung oder Betreuung im Kontext von Alter und Migration befasst sind, dürfte die Arbeit vor allem aus folgenden Gründen lesenswert sein: brisante Fragestellung, umfassend recherchierter Stand der Forschung zum Themabereich Alter, Migration und Soziale Arbeit sowie ausführliche Darlegung des qualitativ-rekonstruktiven Forschungsprozesses. Irritieren könnte einige Leserinnen und Leser allerdings, dass Kathrin Hahn zwar schreibt, ihre Typenbildung auf einer „sinngenetischen Ebene vollzogen“ zu haben (Hahn 2011: 171). Jedoch baut sie ihre Typologie dann nicht auf sinngenerierenden „Orientierungsrahmen“ (vgl. Bohnsack 2007), sondern auf „Wirkweisen ethnischer Differenzierungen“ (Hahn 2011: 181f) auf.

Für Praktiker/innen, die in der Beratung tätig sind, könnte das Buch von Kathrin Hahn auch lesenswert sein, weil es durch die Aufbereitung des Datenmaterials ungewohnte Perspektiven auf den Beratungsalltag bietet. So enthalten viele Interviewauszüge auch fremdsprachige Passagen. Sie sind sowohl im Originalwortlaut als auch, eine Zeile darunter, in deutscher Übersetzung abgedruckt. Missverständnisse und die Beeinflussung von Gesprächsverläufen, durch mangelndes semantisches Verstehen können hierdurch in beeindruckend deutlicher Weise nachvollzogen werden.

Fazit

Das Anliegen der Autorin, die Bedeutung ethnisch-kultureller Bezugnahmen im Rahmen von Beratungspraxis im Feld der Altenhilfe zu rekonstruieren, greift nicht nur ein wichtiges Forschungsdesiderat auf, sondern bietet auch Praktiker/innen, die im Kontext von Alter, Migration und Soziale Arbeit tätig sind die Chance, neue Einsichten und Perspektiven in Bezug auf die eigene Berufspraxis einzunehmen.

Literatur

  • Bohnsack, Ralf (2007): Typenbildung, Generalisierung und komparative Analyse: Grundprinzipien der dokumentarischen Methode. In: Bohnsack, Ralf/Nentwig-Gesemann, Iris/Arnd-Michael Nohl (Hrg.): Die dokumentarische methode und ihre Forschungspraxis. Grundlagen qualitativer Sozialforschung. VS Verlag für Sozialwissenschaften: Wiesbaden
  • Tews, Hans-Peter( 1993): Neue und alte Aspekte des Strukturwandels des Alterns. In: Naegele, Gerhard/Tews, Hans-Peter (Hrg.): Lebenslagen im Strukturwandel des Alters. Alternde Gesellschaft – Folgen für die Politik. Westdeutscher Verlag: Opladen

Rezensentin
Diplom Pflegepädagogin Meggi Khan-Zvorničanin
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Zitiervorschlag
Meggi Khan-Zvorničanin. Rezension vom 09.12.2011 zu: Kathrin Hahn: Alter, Migration und soziale Arbeit. transcript (Bielefeld) 2011. 347 Seiten. ISBN 978-3-8376-1680-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/12037.php, Datum des Zugriffs 23.02.2012.


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