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Stefan Jeuk: Deutsch als Zweitsprache in der Schule

Cover Stefan Jeuk: Deutsch als Zweitsprache in der Schule. Grundlagen - Diagnose - Förderung. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2010. 156 Seiten. ISBN 978-3-17-020838-4. 18,90 EUR.

Reihe: Lehren und Lernen.
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Thema

Sprache ist gegenwärtig in aller Munde. Die Vielfalt von Veröffentlichungen, Programmen, Konzepten, Rezepten, Theorien und Forschungsergebnissen verwirren dabei oft mehr, als sie klären. Dieses Buch dagegen liefert fundiertes Orientierungswissen. Der Autor bestimmt wesentliche Begriffe, informiert über aktuelle Forschungsergebnisse, stellt die sich zum Teil widersprechenden Theorien dar und verdeutlicht ihren Erklärungsrahmen. Schon in der Einleitung bezieht der Autor deutlich Position: „Die Gründe für die Bildungsbenachteiligung (mehrsprachiger Jugendlicher) sind nicht immer auf individuelle Lernschwierigkeiten zurückzuführen, sondern auch auf Defizite auf Seiten der Bildungseinrichtungen.“ Schlichte Antworten auf komplexe Fragen wird man in diesem Buch nicht finden, dafür aber eine Vernetzung verschiedener Kenntnisse, die die verschiedenen Einflussfaktoren und ihre wechselseitige Bedingtheit auf Sprachentwicklung deutlich und somit gestaltbar machen.

Autor

Dr. Stefan Jeuk ist Juniorprofessor am Institut für Sprachen der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg und leitet dort das Sprachdidaktische Zentrum.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in 6 Kapitel gegliedert, die inhaltlich aufeinander aufbauen. Querverweise im Text ermöglichen es, diese Logik zu verlassen und das Buch nach individuellen Themenschwerpunkten zu lesen.

Kapitel 1: Deutsch als Zweitsprache in Deutschland. Mehrsprachigkeit ist weltweit die Normalität, nicht der Sonderfall. Einsprachige Staaten sind ein europäischer Sonderfall und historisch gesehen erst im Zeitalter der Nationalstaatenbildung entstanden. Der Begriff der Muttersprache wird erläutert und die Dynamik von Sprachen wird dargestellt. „Wer annimmt, Sprachen seien autonome Systeme, deren Beherrschung in einer homogenen Sprachgemeinschaft das Ideal darstelle, übersieht, dass alle Sprachen aus dem Kontakt vieler Sprachen untereinander entstanden sind.“ (S. 14) So sind Wörter wie Gitarre, Spinat oder Alkohol Entlehnungen aus dem Arabischen. Mehrsprachigkeit erfordert optimale Lernbedingungen, eine Vermischung sozialer und kultureller Einflussfaktoren stellt sich als verhängnisvoll heraus. „Mehrsprachige Jugendliche schneiden in der PISA-Studie 2003 nicht schlechter ab als einsprachige deutsche Jugendliche, wenn man sie mit den einsprachigen Jugendlichen vergleicht, die aus derselben sozialen Schicht kommen. Das bedeutet, dass Bildungsbenachteiligung vor allem ein Problem der sozialen Herkunft ist.“ (S. 20) Die einsprachige Norm benachteiligt mehrsprachig aufwachsende Kinder, zwischen Sprachstörungen und Sprachdefiziten aufgrund ungünstiger Lernbedingungen muss unterschieden werden. In diesem Kapitel wird deutlich, dass die Förderung der Zweitsprache Deutsch eine zentrale Aufgabe der Bildungsinstitutionen darstellt und über alle Jahrgangsstufen hinweg geleistet werden muss.

Kapitel 2: Zweitspracherwerb. In diesem Kapitel werden die Grundlagen der verschiedenen Spracherwerbstheorien dargestellt, keine erklärt den Spracherwerb erschöpfend. Ausführlich und klar strukturiert werden Zweitspracherwerbstheorien dargestellt und deren Hypothesen den Grundannahmen des Spracherwerbs zugeordnet. So lassen sich die Identitäts- und Teachability-Hypothese Reifungstheorien, die Kontrastivhypothese Lerntheorien, die Interlanguage- Hypothese kognitiven Theorien und die Annahme der getrennten Entwicklung interaktionistischen Theorien zuordnen. Die Forschungsergebnisse werden erläutert und ihre Ergebnisse hinterfragt. Wie problematisch die Interpretation von sprachlichen Äußerungen der Kinder als Sprachmischungen ist, zeigt sich, wenn man auch die Äußerungen monolingualer Kinder hinzuzieht. Unter den Titel „Einflussfaktoren auf den Zweitspracherwerb“ wird die Komplexität des Spracherwerbs anschaulich erläutert. Kinder brauchen die Gelegenheit zu sprechen, sie müssen motiviert sein, sich in dieser Sprache zu äußern und sie brauchen die Fähigkeit dies zu tun. Vor allem die Bedeutung der Lerngelegenheit wurde bisher vernachlässigt. „Ein wichtiger Faktor, der die Qualität des Zweitspracherwerbs beeinflusst ist die zur Verfügung stehende Zeit.“ (S. 41) Für Migrantenkinder sind Zeit und Gelegenheit häufig sehr viel spärlicher gegeben als für einsprachig deutsche Kinder.

Kapitel 3: Verlauf des Zweitspracherwerbs und Lernschwierigkeiten. In diesem Kapitel wird deutlich, welche enorme kognitive, soziale und emotionale Leistung der Erwerb einer oder mehrerer Sprachen darstellt. Die verschiedenen Einflussfaktoren, günstige und ungünstige Lernbedingungen werden umfassend erläutert. Kompetenzen für Alltagskommunikation und Bildungssprache, Mündlichkeit und Schriftlichkeit, Sprach- und Sprechfertigkeiten werden detailreich dargestellt. Eine der wichtigsten Lernaufgaben für mehrsprachige Schülerinnen und Schüler ist der Wortschatz- und Bedeutungserwerb. Da meist nur wenig an den bereits vorhandenen familiensprachlichen (Wort-)Bedeutungen angeknüpft wird, können Kinder ihre Kompetenzen kaum nutzen oder zumindest sichtbar machen. Ausführlich werden häufige Probleme beim Gebrauch der deutschen Sprache dargestellt und mögliche Ursachen erläutert. Die Bedeutung von „Fehlern“ in der Entwicklung, ihr „U-förmiger“ Verlauf wird an Beispielen erklärt.

Kapitel 4: Sprachstandserhebungen und Leistungsbewertung. An den Beginn dieses Kapitels stellt der Autor die Aufgaben und Ziele von Sprachstandserhebungen. Sollen nun Defizite und Lernschwierigkeiten oder Potenziale und Kompetenzen erfasst werden? Die einzelnen Verfahren werden vorgestellt, kategorisiert und auch problematisiert.

Kapitel 5: Pädagogische und didaktische Modelle. Auch in diesem Kapitel bringt Jeuk Ordnung in die verschiedenen Konzepte, stellt sie in den historischen Kontext – „Erziehungswissenschaftliche Paradigmen spiegeln die gesellschaftspolitischen Entwicklungen wider, die den Rahmen zur Entwicklung und Konzeption von Unterrichts- und Fördermodellen bilden.“ – und fordert explizit: „Sprachliche Bildung und Förderung müssen als Teilaspekt der Ermöglichung von Chancengleichheit und Partizipation gesehen werden.“ (S.102) Verschiedene Grundhaltungen, die Migrationspädagogik beeinflussten, werden dargelegt und daraus resultierende Modelle zweisprachiger Erziehung werden dargestellt. Didaktische Modelle des DaF-und DaZ- Unterrichts (Deutsch als Fremdsprache und Deutsch als Zweitsprache) werden ausführlich beschrieben.

Kapitel 6: Methoden der Sprachförderung und des Sprachunterrichts. Hier werden exemplarisch verschiedene Methoden der Sprachförderung und des Sprachunterrichts vom Elementarbereich bis zur Schule dargestellt. Es wird deutlich, dass noch keine Einigkeit besteht, wer überhaupt in den Genuss besonderer Sprachfördermaßnahmen kommen soll und wie Sprachförderung effektiv betrieben werden kann. Evaluationsstudien werden dargestellt, die zeigen, dass Sprachtrainingsprogramme kaum einen Effekt auf die Sprachkompetenz der Kinder haben. Sein Resümee: „Ermutigend ist, dass die Kinder, die keine Förderung erhielten, im Alltag der Einrichtung offenbar ebenfalls enorme Fortschritte in der Sprachaneignung machten.“ (S. 128) Wie diese Förderung im Alltag aussehen kann, wird an einigen Dimensionen deutlich, dem Sprachvorbild der Erzieherin, der Einbindung von Sprache in alltägliche Handlungsaktivitäten und dem Einbezug der Herkunftssprachen. Auch für den Sprachunterricht und der Sprachförderung in der Schule werden informative Beispiele dargestellt, die einen guten Einblick in die Praxis geben.

Stichwortverzeichnis. Einen hervorragenden Service bietet das Stichwortverzeichnis. Es bietet einen Überblick über Inhalt und wesentliche Begriffe und erleichtert den schnellen Zugriff auf Informationen. Und es macht neugierig, sich mit Themen zu befassen.

Diskussion

Es ist das Verdienst des Autors, dass er die Komplexität des Spracherwerbs mit all seinen Facetten darstellt. Es werden sowohl linguistische, psycholinguistische und sprach(heil)pädagogische Aspekte, als auch pädagogische und didaktische, psychologische, soziale und politische Aspekte des Spracherwerbs beleuchtet. Das dargestellte Wissen, die Informationen, Beispiele, theoretischen Kenntnisse fokussieren auf das Wesentliche und werden fachlich fundiert strukturiert. Plötzlich werden Wege und Zusammenhänge im Wissensdschungel sichtbar. Verwandte Konzepte (und ihre Vorfahren), die in den verschiedenen Fächern oft parallel entstanden sind, werden transparent. Missverständnisse, die im interdisziplinären Diskurs entstehen, weil Fachtermini manchmal mit unterschiedlichen Konnotationen verknüpft sind, werden verstehbar. Wissenschaft ist – so wenig wie Sprache – abgeschlossen. Jeuk vermittelt ein hohes Maß an Wertschätzung für die Basis, die das geschaffene Wissen darstellt, ohne die offenen Fragen zu leugnen. Eine Basis, auf der (sprach-)pädagogisches Handeln für und mit Kindern und Jugendlichen möglich wird. Wie ein roter Faden durchzieht das Buch die Parteilichkeit für Kinder und der Anspruch, dass sich all das Wissen daran messen lassen muss, ob es den Kinder und Jugendlichen dient.

Fazit

Dieses Buch ist eine wahre Fundgrube für Lehrkräfte, Erzieherinnen und Erzieher, Studierende und für alle, die sich einen fachlich fundierten Überblick über das Thema verschaffen wollen. Informativ, knapp, präzise und gleichzeitig anschaulich geschrieben, werden die Leserinnen und Leser in die aktuelle Debatte um Sprachbildung und Förderung in deutschen Bildungsinstitutionen eingeführt und zum Mitdenken angeregt.


Rezensentin
Dr. Anna Winner
Psycholinguistin, München
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Zitiervorschlag
Anna Winner. Rezension vom 21.11.2011 zu: Stefan Jeuk: Deutsch als Zweitsprache in der Schule. Grundlagen - Diagnose - Förderung. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2010. ISBN 978-3-17-020838-4. Reihe: Lehren und Lernen. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/12052.php, Datum des Zugriffs 24.05.2016.


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