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Bettina Amrhein: Inklusion in der Sekundarstufe

Cover Bettina Amrhein: Inklusion in der Sekundarstufe. Eine empirische Analyse. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2011. 318 Seiten. ISBN 978-3-7815-1826-1. 32,00 EUR.

Reihe: Klinkhardt forschung.
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Thema

Die Arbeit geht der Frage nach, „was beim Bemühen, integrative Konzepte im Allgemeinen Schulwesen umzusetzen, tatsächlich vor Ort passiert, was also genau an gemeinsamen Lerngelegenheiten bei den Schülern ankommt“ (S. 11).

Autorin

Bettina Amrhein ist 1972 geboren. Sie ist Grund- und Sekundarstufenlehrerin. Von 1999 bis 2007 hat sie im Gemeinsamen Unterricht gearbeitet. Seit 2009 befasst sich Frau Amrhein mit der Ausgestaltung der Lehramtsstudiengänge „Bachelor/Master“ am Zentrum für LehrerInnenbildung der Universität zu Köln.

Entstehungshintergrund

Bei der Publikation handelt es sich um eine Dissertation, die 2010 unter dem Titel „Lehrkräfte im Paradox zwischen Integration und Segregation. Eine Evaluationsstudie zur Implementierung der Integrativen Lerngruppe an Schulen der Sekundarstufe“ von der Humanwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln angenommen wurde.

Eine persönliche Erfahrung der Autorin ist, neben des Qualifizierungsvorhabens,ein weiterer – wenn nicht sogar der entscheidende Grund – für diese Arbeit gewesen: „Ich brauchte ein Ventil für die paradoxen Erfahrungen, die ich als Lehrerin bezüglich der integrativen Beschulung von Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf im nordrhein-westfälischen Schulsystem machen musste“ (S. 9).

Aufbau

  1. Einleitung
  2. Schule unter Druck – „Confusion about inclusion“
  3. Integration in der Beurteilung von Lehrkräften
  4. Die Rolle der Lehrkraft in Theorien schulischen Wandels
  5. Methodische Überlegungen
  6. Quantitative und qualitative Teilstudien – Auswertung und Interpretation
  7. Vom „Wissen im System“ zum „Wissen über das System“
  8. Ausblicke
  9. Anhang

Inhalte

Nach den einleitenden Worten befasst sich Frau Amrhein mit der Begriffsklärung von „Integration“ und „Inklusion“. Sie tut dies zunächst über die Begriffsklärung zur Inklusion. Ein weiterer Schritt ist das Aufzeigen der Entwicklungsetappen des Begriffssystems. Das „die Einführung des Inklusionsbegriffes in die deutschsprachige Diskussion […] als eine Reaktion auf den internationalen Diskurs um eine Bildung für alle bezeichnet werden“ (S. 27) kann, werden von der Autorin die internationalen Leitlinien diskutiert. Schließlich wird am Ende des zweiten Kapitels die integrative Beschulung im nordrhein-westfälischen Schulsystem thematisiert.

Wie beurteilen nun die Lehrerinnen und Lehrer die Integration? Zur Beantwortung dieser Frage widmet sich Amrhein der Relevanz von Einstellung und Bereitschaft für Integration, der Beziehung zwischen Einstellung und Verhalten und schließlich den bereits vorliegenden Forschungsergebnissen zu Einstellung und Bereitschaft zum Gemeinsamen Unterricht Sie tut dies auch aus internationaler Perspektive.

Das vierte Kapitel „bearbeitet, was die Schulentwicklungstheorie für Angebote macht, wie Wandel in der Schule erklärbar wird und welche Rolle die Lehrkraft dabei spielt“ (S. 75). Da wird erst einmal die Theorienvielfalt in der Schulentwicklungsdebatte fokussiert und letztlich zur Orientierung zwei Theorieschulen angeführt:

  1. der Makrokosmus, der sich mit Curriculumentwicklung, Lehrerprofessionalisierung und Organisationsentwicklung, bezogen auf das gesamte Bildungssystem, befasst;
  2. der Mikrokosmos, welcher Unterrichtsentwicklung, Personalentwicklung und Organisationsentwicklung der Einzelschule diskutiert.

Mit Bezug auf die Arbeiten von Rolff widmet sich die Verfasserin dem Zusammenhang von Schul- und Organisationsentwicklung und das unter den Gesichtspunkten:

  1. Steuerung des Gesamtsystems bis hin zur Entwicklung der Einzelschule;
  2. Schulentwicklung als pädagogische Organisationsentwicklung;
  3. Autonomie als Gestaltungsaufgabe

H. Fend gibt vor, dass wir einen Weg zwischen Auflösung von Institutionen in individuellem Handeln und der Aufhebung individuellen Handelns in Institutionszwängen suchen müssen. Das führt zur neuen Theorie der Schule, die „wichtige Ansätze zur Erklärung unterschiedlicher Phänomene im Bildungssystem“ (S. 81) liefert.

Folgt man Seitz, „so geht die Entwicklung weg von der Schule als verwaltungsbürokratische Einheit und hin zu einem sich selbst evaluierenden, beratenden, entwickelnden Dienstleistungssyste“ (S. 92). Somit ändert sich dann auch die Lehrer-Rolle, der sich dann auch ein Abschnitt widmet. Hieraus ergeben sich dann natürlich auch Schlussfolgerungen für die Studie Amrheins. „Da es sich im untersuchten Fall um ein Projekt mit besonderer Innovationsschleife handelt, d. h., dass die nötigen Veränderungen sehr weitreichend sind, stellt es die Akteure vor besonders hohe Anforderungen“ (S. 99). Am Ende des vierten Kapitels findet die Leserinnen- und Leserschaft drei Forschungsfragen:

  1. „Welches 'Wissen im System' – vor dem Hintergrund von Einstellung und Haltung zu verschiedenen Aspekten gemeinsamen Lernens von Schülern mit und ohne sonderpädagogischem Förderbedarf – bildet sich im Vorfeld der Implementierung einer IL (integrativen Lerngruppe – CR) bei Lehrkräften ab, und gibt es hier Unterschiede zwischen 'Innovationsträgern' und 'Zuschauern'? […]
  2. Zu welchen Rekontextualisierungen kommt es auf der Ebene der Lehrkräfte im Hinblick auf die Forderung nach der Implementierung der Integrativen Lerngruppe in die eigene Schule und welche Konsequenzen haben diese Umformungstendenzen für den Prozess der Einführung bzw. für dessen Ergebnis? […]
  3. Ergeben sich nach Ablauf eines Schuljahres Änderungen in den Rekontextualisierungen auf der Ebene der Lehrkräfte?“ (S. 103-105).

Zur Beantwortung der Forschungsfragen bemüht die Autorin die qualitative und die quantitative Forschung. Zur Vorbereitung der Studie werden Interviews mit Akteuren des Ministeriums und der Bezirksregierung und Gespräche mit Schulleitern geführt. Die erste – quantitative – Messung erfolgt über eine schriftliche Befragung aller Lehrkräfte der zwölf an dieser Studie teilnehmenden Schulen. Die zweite – qualitative – Messung besteht aus Einzelinterviews mit neun Schulleiterinnen und -leitern der teilnehmenden Schulen und schließlich ist die dritte – quantitative – Messung eine zweite schriftliche Befragung der Lehrerinnen und Lehrer aller zwölf teilnehmenden Schulen.

Nach Auswertung und Interpretation widmet sich die Autorin der Frage nach dem, was wir nun tatsächlich über das „Wissen im System“ wissen. „Um diese Frage zu beantworten wird […] aus der Analyse der empirischen Ergebnisse dieser Studie „Wissen über das System“ für den Bereich der integrativen Praxisentwicklung in der Sekundarstufe abzuleiten versucht“ (S. 240).

Im Ausblick stellt Frau Amrhein fest, dass wir auf dem Weg zu einem inklusiven Bildungssystem ALLES ändern müssen: „'Alles' heißt vor dem Hintergrund der Ergebnisse dieser Studie zunächst ein 'Alle'. Denn der Weg zu einem inklusiven Bildungssystem kann nur beschritten werden, wenn sich alle beteiligten Akteure auf ihrer jeweiligen Handlungsebene von dem gemeinsamen Ziel leiten lassen (können), dass 'jeder' Schüler, unabhängig von Fähigkeiten und Fertigkeiten dazu gehört. Und das ist eigentlich 'wenig'! Es bedeutet aber 'Alles'!“ (S. 261).

Der Anhang beinhaltet:

  1. eine Chronologie der Ereignisse um den Gemeinsamen Unterricht in NRW;
  2. Gestaltungsinstrumente und faktische Verhältnisse im Bildungswesen;
  3. den Fragebogen zur ersten schriftlichen Befragung;
  4. den Fragebogen zur zweiten schriftlichen Befragung;
  5. den Interviewleitfaden der Schulleiter-Befragung;
  6. den Interviewleitfaden der IL-Team-Befragung;
  7. den Interviewleitfaden für das Ministerium

Diskussion

Zur sprachlichen Gestaltung ist anzumerken – und das ist aber hauptsächlich unserem auf Unverständnis ausgelegten Wissenschaftsverständnis geschuldet und liegt somit nicht in der Verantwortung von Bettina Amrhein -, dass diejenigen, die es betrifft – ich nenne sie mal neudeutsch Menschen mit Lernschwierigkeiten – Schwierigkeiten bei der Lektüre haben dürften. Jutta Schöler sagte mir einmal auf einer Tanzveranstaltung, im Rahmen einer Integrations- und InklusionsforscherInnentagung, dass derartige Publikationen immer auch von den Betroffenen gelesen werden können müssen. Das ist also eine Wissenschaftskritik.Sehr gut gelöst wurde dieses Problem von Petra Flieger und Volker Schönwiese (2011) durch die Zusammenfassung in Leichter Sprache. Für eine Qualifizierungsarbeit und deren Begutachtung aber sicher ein undenkbares Vorgehen.

Fazit

Die Autorin legt eine lesenswerte Publikation vor, die es den Behinderten endlich einmal gestattet älter zu werden. Viele der bisherigen Veröffentlichungen zur Inklusion thematisieren vorwiegend den Elementar- oder Primarbereich. Die Sekundarstufe fassen nur wenige Autorinnen und Autoren an, obwohl das schon längst hätte getan werden müssen.

Literatur

  • Flieger, Petra/Schönwiese, Volker (Hgg.): Menschenrechte – Integration – Inklusion. Aktuelle Perspektiven aus der Forschung. Bad Heilbrunn 2011.

Rezensent
Dr. Carsten Rensinghoff
Dr. Carsten Rensinghoff Institut - Institut für Praxisforschung, Beratung und Training bei Hirnschädigung, Leitung: Dr. phil. Carsten Rensinghoff, Witten
Homepage www.rensinghoff.org
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Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 04.10.2011 zu: Bettina Amrhein: Inklusion in der Sekundarstufe. Eine empirische Analyse. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2011. ISBN 978-3-7815-1826-1. Reihe: Klinkhardt forschung. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/12062.php, Datum des Zugriffs 29.06.2016.


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