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Hilke Harmel: Subjekt zwischen Abhängigkeit und Autonomie

Cover Hilke Harmel: Subjekt zwischen Abhängigkeit und Autonomie. Eine kritische Literaturanalyse und ihre Bedeutung für die Behindertenpädagogik. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2011. 235 Seiten. ISBN 978-3-7815-1819-3. 32,00 EUR.

Reihe: Klinkhardt Forschung.
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Thema

„Überlege ich, wie die Thematik dieser Forschungsarbeit entstand, so meine ich, dass ihr Ursprung in einem simplen Nachdenken über das und einem persönlichen Bedürfnis nach dem Selberbestimmen liegt“ (S. 8). Es geht also um Selbstbestimmung, konkret geht es um die Selbstbestimmung behinderter Menschen in einer Gesellschaft die an Machtstrukturen klebt.

Autorin

Die 1980 geborene Autorin promovierte am Lehrstuhl Theorie der Rehabilitation und Pädagogik bei Behinderung der Fakultät Rehabilitationswissenschaft der TU Dortmund. Seit 2011 ist sie Lehramtsanwärterin an einer Geistigbehindertenschule und einer Gemeinschaftsgrundschule in Bochum.

Entstehungshintergrund

Das zu besprechende Werk ist eine Dissertation, die von Professor Dr. Markus Dederich und Professorin Dr. Ursula Stinkes begutachtet wurde.

Aufbau

Die Publikation verfügt über sechs Kapitel:

  1. Einleitung
  2. Geschichte und Gegenwart des autonomen Subjekts
  3. Zum Verhältnis von Abhängigkeit und Autonomie in der Behindertenpädagogik
  4. Zum Verhältnis von Abhängigkeit und Autonomie des Subjekts …
  5. Zwischen Abhängigkeit und Autonomie: Schlussfolgerungen für die Behindertenpädagogik
  6. Fazit und Ausblick

Eingerahmt ist das Werk von einem Vorwort, einem Literaturverzeichnis einem Verzeichnis der Internetquellen und einem Verzeichnis der sonstigen Quellen.

Inhalte

In der Einleitung befasst sich die Autorin mit dem Problemaufriss, der eine Sichtung der behindertenpädagogischen Fachliteratur sowie der Ergebnisse ihrer schriftlichen Hausarbeit zugrundeliegen, und der Genese der Fragestellung. Es geht um das behindertenpädagogische Problem der Selbstbestimmung und Autonomie vs. Fremdbestimmung und Abhängigkeit. In 1.2 beschreibt sie Vorgehensweise und Zielsetzung. In ihrer Arbeit will sich Harmel folgenden Leitfragen widmen:

  1. „Wie verstehen die Texte Abhängigkeit und Autonomie? […]
  2. In welchem Verhältnis stehen die Begriffe Abhängigkeit und Autonomie zueinander? […]
  3. Inwieweit verstehen die Texte Abhängigkeit und Autonomie getrennt voneinander? […]
  4. Inwiefern werden Abhängigkeit und Autonomie zusammengedacht?“ (S. 14).

Die Struktur der Arbeit gliedert sich in den Hauptteil, der die Kapitel 2 bis 4 umfasst und als kritische Literaturanalyse bzw. -bestandsaufnahme zu verstehen ist. „Kapitel 5 will die Erkenntnisse aus den Kapiteln 2 bis 4 auf die Behindertenpädagogik zurück beziehen und Bedeutungen für sie ableiten“ (S. 17).

In Kapitel 2 befasst sich Hilke Harmel mit der Geschichte und der Gegenwart des autonomen Subjekts. Ihre Betrachtungen gehen von der griechischen Antike, das Mittelalter, auch wenn der Autonomiebegriff zu dieser Zeit fehlt, bis hin in die frühe Neuzeit und die späte Neuzeit.

Es folgt die Betrachtung der Entstehungs-, Entwicklungs- und Wirkungsgeschichte des Subjekts, die mit der Antike bis Renaissance beginnt und über die Aufklärung, den deutschen Idealismus, das 19. Jahrhundert bis hin in das 20. Jahrhundert reicht.

Das Verhältnis von Abhängigkeit und Autonomie in der Behindertenpädagogik ist Thema von Kapitel 3, welches mit der Klärung von Selbstbestimmung und Autonomie von Menschen mit Behinderung in der Geschichte beginnt. „Erst zum Ende des 20. Jahrhunderts wird Selbstbestimmung für Menschen mit Behinderung zunehmend Realität“ (S. 48). Diese Geschichtsschreibung, die auf Ausführungen von Ursula Stinkes und Anne Waldschmidt basiert führt vom Mittelalter (Behinderung als Problem der sozialen Ordnung, der Sittlichkeit und der Moral), über die frühe Neuzeit (z. B.: 16./17. Jh.: Behinderte sind das Heer der Armen und Besitzlosen, Behinderte stören die soziale Struktur, Behinderte erfahren eine Politik der Einschließung; 18. Jh.: Ausgrenzung der Menschen, die durch einen Mangel an Vernunft und Zivilisation definiert wurden) bis hin in die späte Neuzeit (z. B.: 18./19. Jh.: Beginn des medizinischen und pädagogischen Anstaltswesens; 20. Jh.: Anerkennung der Bildungsfähigkeit geistig behinderter Kinder, Prinzip der Aussonderung Behinderter, Anstaltswesen als Ausgangspunkt der eugenischen Auslese- und Ausmerzungsstrategie). „Nach den ersten grundlegenden Begriffsbestimmungen der zentralen Termini dieser Arbeit anhand von vor allem behindertenpädagogischer Literatur, erfolgt nun die Darstellung der Analyseergebnisse zu den Verhältnissen untereinander“ (S. 71). Es geht hier also um Behinderung und das Verhältnis von:

  1. Autonomie und Selbstbestimmung;
  2. Abhängigkeit und Fremdbestimmung;
  3. Selbstbestimmung und Fremdbestimmung;
  4. Abhängigkeit und Autonomie.

Eine behindertenpädagogische Kritik am Verhältnis der Haupttermini erfolgt:

  1. aus pädagogischer Perspektive;
  2. aus politischer Perspektive;
  3. aus soziologischer und sozialphilosophischer Perspektive
  4. aus leibphänomenologischer Perspektive;
  5. aus ethischer Perspektive.

„Auch wenn der Fokus in diesem Kapitel auf einer behindertenpädagogischen Perspektive liegt, so reicht diese m.E. nicht aus, um das Verhältnis von Abhängigkeit und Autonomie sowie Selbst- und Fremdbestimmung für das ganze Fach adäquat abzubilden“ (S. 116). In einem Exkurs widmet sich die Autorin:

  1. dem Verhältnis der Haupttermini aus Sicht von Menschen mit Behinderung;
  2. dem Verhältnis der Haupttermini aus kulturwissenschaftlicher Perspektive;

In Kapitel 4 erläutert Hilke Harmel „die Ergebnisse der Literatursichtung und -analyse bezugswissenschaftlicher Perspektiven der Behindertenpädagogik“ (S. 129). Das Verhältnis von Abhängigkeit und Autonomie des Subjekts erläutert sie:

  1. aus soziologischer und sozialphilosophischer Perspektive;
  2. aus leibphänomenologischer Perspektive;
  3. aus psychoanalytischer Perspektive;
  4. aus feministischer Perspektive;
  5. aus neurowissenschaftlicher Perspektive.

Kapitel 5 ist „das letzte des Hauptteils der […] Forschungsarbeit. Es will zum einen einer Pointierung ihrer Hauptergebnisse und ihrer Schlussfolgerungen für die Behindertenpädagogik dienen. Zum anderen stellt es den Versuch einer (Neu-)Bewertung des Verhältnisses von Abhängigkeit und Autonomie für die Behindertenpädagogik dar“ (S. 188).

Diskussion

„Grundsätzlich werden Abhängigkeiten, die den Menschen in seinem Wesen betreffen oder die mit einer Behinderung enhergehen von Menschen mit Behinderung selber nicht abgelehnt. Entscheidend ist, wie quasi auf Grundlage dieser Abhängigkeit Selbstbestimmung möglich werden kann. In menschenwürdigen Hilfs- und Unterstützungsmaßnahmen (z. B. Assistenz) sehen Menschen mit Behinderung selber ihre Forderungen realisiert. Dabei schließen sich Autonomie und Abhängigkeit nicht grundsätzlich aus. Sie sind nur in bestimmten Hinsichten, nämlich dann, wenn Fremdbestimung und Abhängigkeit menschenunwürdig geschehen, Gegensätze“ (S. 120).

Hier erinnere ich an Aktionen, die aus der politischen Behindertenselbsthilfe entspringen, und beispielsweise mit Gusti Steiner verbunden: „Weihnachtszeit ist Spendenzeit – auch für Behinderte, also drehten wir das Prinzip um, und vermieteten unter der Überschrift „Rent a spasti„: Spastiker ohne Sprachfehler für 7,88 DM die Stunde, solche mit Sprachfehler zum Stundenpreis von 11,88 DM. Heimkinder, die für jede kleine Hilfsgeste dankbar waren, gab es im Sonderangebot. […] Wir forderten auf: Nehmen sie Behinderte, sie sind demütig, dankbar und bescheiden. Wir persiflierten unsere eigene Rolle als „Musterkrüppelchen“ (dankbar, lieb, ein bisschen doof, leicht zu verwalten – CR), hielten aber auch der Gesellschaft den Spiegel vor. Spott wurde uns zur Waffe“ (ders. 1999, 133).

Am 30. November 2011 hielt Margot Käßmann an der Evangelischen Fachhochschule Rheinland-Westphalen-Lippe in Bochum einen Vortrag zu Religion als Faktor der Konfliktentschärfung. Hier fragte sie u. a. danach, ob es einen gerechten Krieg gibt. Ich meine, mit Blick auf Gusti Steiners oben zitierte Worte, dass es hier einen gerechten Krieg gibt. Wenn wir davon ausgehen das jedwede Waffennutzung eine kriegerische Handlung bedeutet, dann ist die Nutzung der Waffe Spott eine gerechte Kriegsführung. Gerecht, weil sie in erster Linie nicht tötet. Sie tötet u. U. dann, wenn die Behinderten ihren Alltag nicht zurückerobern können dürfen, denn „in unserer Gesellschaft blühen Negativeinstellungen gegenüber Behinderten und Diskriminierung all derjenigen, die von der Norm abweichen, die ihre Arbeitskraft am Arbeitsmarkt nicht erkaufen können“ (Steiner 1996, 195). Krieg, so führt Käßmann in ihrem Vortrag weiter aus, ist das Versagen von Politik. Für den Bereich des Ver- und Entsorgens behinderter Menschen in für sie hergerichteten Heimen und des Versagens von Selbsthilfe ist ein politisches Versagen verantwortlich. Wie sich die Behindertenpolitik im aktivierenden Staat zukünftig behauptet, so Michael Spörkes (2008) in seinem Nachsatz und Ausblick, bleibt weiteren Forschungen vorbehalten.

Fazit

Eine schöne und diskussionswürdige Arbeit, die Hilke Harmel da vorlegt.

Literatur

  • Spörkes, Michael: Behindertenpolitik im aktivierenden Staat. Eine Untersuchung über die wechselseitigen Beziehungen zwischen Behindertenverbänden und Staat. Kassel 2008.
  • Steiner, Gusti: Behinderte als Bürger. Strategien als Rückeroberung von Alltag. In: Hellmann, Marianne / Rohrmann, Eckhard (Hgg.): Alltägliche Heilpädagogik und ästhetische Praxis. Heidelberg 1996, 195-213
  • Steiner, Gusti: Selbsthilfe als politische Interessenvertretung. Zum Konzept der politischen Selbsthilfe. In: Günther, Peter / Rohrmann, Eckhard (Hgg.): Soziale Selbsthilfe. Alternative, Ergänzung oder Methode sozialer Arbeit? Heidelberg 1999, 127-143.

Rezensent
Dr. Carsten Rensinghoff
Dr. Carsten Rensinghoff Institut - Institut für Praxisforschung, Beratung und Training bei Hirnschädigung, Leitung: Dr. phil. Carsten Rensinghoff, Witten
Homepage www.rensinghoff.org
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Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 07.12.2011 zu: Hilke Harmel: Subjekt zwischen Abhängigkeit und Autonomie. Eine kritische Literaturanalyse und ihre Bedeutung für die Behindertenpädagogik. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2011. ISBN 978-3-7815-1819-3. Reihe: Klinkhardt Forschung. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/12063.php, Datum des Zugriffs 30.07.2016.


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